Die Ruhmeshalle abgestorbener Körperteile

Nennt mich kaltherzig und unemotional. Wenn ich in Wohnungsfluren vorbei gehe an in Gips gegossenen schwangereren Bäuchen und Brüsten, die man zur Zierde an die Wand genagelt hat, schaudert es mich ein wenig. Aus der Raufasertapete ragende 3D-Babyfüße und Hände lösen bei mir kein seufzendes „Wie Süß!“ aus, sondern erinnern mich an Horrorfilmsequenzen, in denen sich Gestalten langsam aus der Wand materialisieren. Das geht selten gut aus.

Das Sammeln von Memorabilia als Beweis für die eigene Fortpflanzungsfähigkeit geht aber bereits viel früher los.

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Als jemand, in dessen Amazon-Bestellhistorie sich ein 100er Pack Schwangerschaftstests befindet, bin ich vertraut mit der Gefühlsachterbahn, die deutlich vor dem erwarteten Ereignis einsetzen kann. Wer zirka 3000 Mal den eigenen Testzyklus-aus-der-Hölle durchlaufen hat,

(Gedächtnisprotokoll des inneren Monologs: Mhm, Frühtest möglich 10 Tage nach Befruchtung am Besten morgens, soll ich? – Schaut auf die Uhr – 19:30 Uhr – Ach, ich mach mal. – Moment, ist das eine zweite Linie? – Ok, konzentriere dich: 9 Tage nach dem positiven Ovulationstest & 8 und 3/4 Tage nach dem Sex  – Könnte sein? Bitte, bitte. Moment, ist das eine Linie? – Ich google nochmal Bilder von positiven Tests. Geht mit dem Gesicht ganz nah an das Teststäbchen. Könnte eine Linie sein. Pause. Das ist sowas von einer Linie! – Geht in einen anderen Raum zur weiteren Begutachtung. Im Küchenlicht sieht es ganz anders aus. Ach, ich mache einfach nochmal einen Test…)

kann das eigene Glück kaum fassen, wenn man tatsächlich zwei Linien sieht. Gleichzeitig steigt eine leichte Peinlichkeit in einem auf, weil man es nun blau auf weiß hat, dass bei Schwangerschaftstest null Interpretationsspielraum besteht. Ähnlich wie bei Wehen, wo man schlaflose Nächte hat angesichts der eigenen Unsicherheit, ob man sie auch erkennen wird. Ha,ha.

Was ich damit sagen will: ich verstehe die Freude, ich verstehe es nur zu gut, wenn positive Schwangerschaftstests aufgehoben und in Alben geklebt werden. Ich habe meinen auch zunächst aufbewahrt – bis er in eine ungute Farbe wechselte und ich den Gedanken nicht mehr wegschieben konnte, dass es sich im Kern um ein in Urin getränktes Stück Papier handelte. Fun Fact: Erinnerungen an meine Schwangerschaft habe ich trotzdem behalten. Sie heißen meine Töchter.

Speaking of Kinder. Wenn diese erstmal auf der Welt sind, nimmt das Sammeln und Konservieren diverser Zellansammlungen des Nachwuchses erst richtig Fahrt auf. Im Laufe so eines Kinderlebens kann man ein ganzes Milchzahngebiss, Haare, Wimpern oder die ersten abgeschnittenen Fingernägel aufbewahren. Alles schon gesehen. Wer Lust hat kann sich diverse hübsche Aufbewahrungsvarianten bei Pinterest anschauen. Oder gleich die Nabelschnurkette für Mama bestellen.

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Vermutlich der Zweitjob des Requisiteurs aus Sieben. Böse Vergleiche beiseite: Sammelt, was ihr mögt. Von mir aus auch tote Zellen, die mit der Zeit nicht schöner werden. (Jeder, der bei Oma schonmal den abgeschnittenen Zopf der eigenen Mutter gezeigt bekommen hat, weiß, dass diese Dinge irgendwann unweigerlich in Richtung Serienkiller mutieren.)

Komischerweise hört die Sammelleidenschaft auch bei den größten Trophäenjägern irgendwann auf. Eher selten wird der erste Tampon, der erste Joint-Stummel oder das erste Kondom für die Nachwelt archiviert. Eltern pubertierender Jugendlicher werden mir nun vermutlich zuwerfen, dass sich Kinder zu diesem Zeitpunkt in einem Stadium befinden, an das man sich nie wieder erinnern will. Für die Konservierung der Artefakte bliebe vor diesem Hintergrund nur noch wenig Zeit. Hat man sich doch bereits in die Ruhmeshalle der abgestorbenen Körperteile zurückgezogen, in der man sich – mit verträumtem Blick auf 3D-Babyfüße, Milchzähne und erste Haarlocken – daran erinnert, wie klein und niedlich sie mal waren.

Foto: flickr – Tom Simpson – CC by 2.0