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Zehn Dinge, über die ich meine Meinung geändert habe

Gestern las ich etwas darüber, wie ungern wir heute alle unsere Meinung ändern. Wie sehr wir es als Makel empfinden, uns zu revidieren, zuzugeben, dass man die Dinge nochmal durchdacht, neue Erfahrungen gemacht hat und es jetzt ein wenig anders sieht. In dem Artikel stand auch, man solle allen misstrauen, die heute noch das gleiche wie vor zehn Jahren denken. Meine eigenen großen Überzeugungen sind ziemlich gleich geblieben, aber mir sind spontan zehn kleine Dinge eingefallen über die ich meine Meinung geändert habe.

  1. Es gibt Menschen, die meinen es ernst, wenn sie sagen, dass sie Salat mögen. Ich kann sogar eine von ihnen sein.
  2. Kinder sollten in ihrem eigenen Bett schlafen.
  3. Es muss doch möglich sein, das eigene Kind an der Supermarktkasse zu beruhigen.
  4. Ich kann mit meiner Brille vor die Tür gehen. Niemand lacht. Es fällt nicht einmal auf (die Jahre zwischen neun und sechszehn vs. die Zeit danach).
  5. Ein Leben ohne Musiksender ist doch möglich (alle 582x, als ich als Jugendliche für einen Kabelanschluss argumentierte vs. heute).
  6. Extrem gut aussehende, extrovertierte Frauen können nett sein. Sie können sogar meine Freundinnen werden.
  7. Ich werde nie ein Selfie veröffentlichen.
  8. Ich bin doch suchtanfällig. (Danke, Internet.)
  9. Beyoncé ist nicht die coolste Frau der Welt.
  10. Wenn man sich vornimmt, zehn Dinge aufzuschreiben, ist es ok, wenn einem nur neun einfallen.

Foto: flickr – oklanica – CC by 2.0

Pessimistische Stofftiere

Unser neuer Mitbewohner ist eines dieser elektronischen Stofftiere. Das Tier ist ein Hund. Er ist süß und flauschig, aber anstelle von Knopfaugen hat er einen kleinen Bildschirm. Als ich noch klein war, nahm ich jede Nacht alle meine Kuscheltiere mit zu mir ins Bett. Alle, ohne Ausnahme. Auch wenn ich dann selbst kaum Platz hatte, dachte ich, die des Bettes Verstoßenen würden mir sonst traurig aus ihren Knopfaugen hinterherblicken.

Der Trick funktioniert bei den digital programmierten 2017er Augen nicht mehr. Sie schauen schon seit Tagen traurig ohne dass sie bei meinen Kindern eine Reaktion auslösen. Der Hund hat nämlich in regelmäßigen Abständen Hunger oder Durst. Dann muss man ihn per Druck auf seine Pfote (Auswahlmenu erscheint) mit einem Knochen oder Wasser (Bestätigung mit Druck auf den Bauch = Entertaste) versorgen. Tut man dies nicht, schaut er traurig und gibt in immer kürzer werdenden Abständen ein klägliches „Ich habe Hunger oder Durst.“ mit zitternder Computerstimme von sich. Da ich ihn allerdings bereits am ersten Tag auf die geringste Lautstärke stellte, als er noch nach ständigem „Spaß“ verlangte, entfaltet sein Flehen nicht die gewünschte Wirkung. So steckt der Hund seine kleiner werdenden Energiereserven in immer vehemmenteres Alarmschlagen – wie ein Elektrogerät, das den letzten Rest Akku für eindringliches Piepen und Blinken verschwendet und so nur noch schneller leer wird.

Irgendwann im letzten Monat wurde mir klar, dass ich dieser Hund bin. Ich bin wie er, wenn mir das Leben mal zu viel wird, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas ganz falsch läuft oder nicht mehr zu schaffen ist. Wie der Hund investiere ich dann meine Energie zunächst in Panik, in richtig schlechte Laune und Selbstmitleid – auf jeden Fall aber nicht in problemlösendes Nachdenken.

Dabei habe ich schon ein paar Mal in Situationen gesteckt, die so verzwickt erschienen, dass ich dachte, so schnell nicht wieder zufrieden sein zu können. Und doch vergesse ich in jeder meiner persönlichen Apokalypsen, dass die vorangegangen sich trotzdem irgendwie gelöst haben und heute nicht mal mehr besonders bedeutsam erscheinen. Die Dinge zunächst schwarz zu sehen, ist dabei nicht nur einer meiner Charakterzüge, sondern eine ziemlich menschliche Eigenschaft. Wenn unsere Ur-Ur-Ur-Großmütter vor jeder Schlange davongelaufen sind, weil sie giftig sein könnte, sank die Möglichkeit, an einem Schlangenbiss zu sterben beträchtlich. Auch wenn sich Ur-Ur-Ur-Oma zu 99 Prozent der Zeit völlig unnötigen Stress machte. Vom ersten Impuls her pessimistisch zu sein, diente also irgendwann einmal der Selbsterhaltung. Heute bedeutet es – in Abwesenheit von Giftschlangen aber angesichts manchmal genauso unsicher erscheinender Lebensumstände – aber eben auch, dass man sich immer noch eine Menge unnötige Anstrengung bereitet.

Mir jetzt Stress zu machen, dass ich nicht sofort in eine „Tschakka“-Haltung verfalle, wenn mir Probleme begegnen, ist aber auch nicht die Lösung. Ein kurzer Abstieg ins Jammertal bedeutet nämlich auch, dass ich mir ein schönes – äh, schwarzes – Bild der Situation ausmale: so richtig düster und auf jeden Fall viel verzweifelter als sie in Wirklichkeit jemals sein könnte. Und wenn ich diese Vision dann betrachte, fällt es sofort ein bisschen leichter, sich an die ganzen bereits ausgemalten Weltuntergänge zu erinnern, die nicht eingetreten sind…oder am Ende doch nicht so schlimm waren…oder grauenhaft schlimm waren, aber wie alles irgendwann in der Erinnerung verblassten. Anfänglicher Pessimismus ist also gar keine schlechte Sache.

Das Flehen des Hundes ist übrigens irgendwann richtig flehentlich geworden – bis er auf einmal in meditativer Stille versank als hätte er diesen Text gelesen. Ich drückte seine Resettaste und auf einmal war alles wieder in Ordnung. Wirklich alles, wie ich verblüfft feststellte. Er hatte nicht einmal mehr eine Spur von Hunger oder Durst.

Foto: flickr – Rachel Gardner – CC by 2.0

Elf Fragen

Als ich 2015 gerade erst ein gutes halbes Jahr bloggte, bekam ich die ersten 11 Fragen zum Liebster Award gestellt. Ich weiß noch, wie ich mich freute. Irgendjemand las das also alles hier! Jetzt hat mich Pipa vom Blog frauenmut mit 11 neuen Fragen bedacht, die ich natürlich gern beantworte. Los geht’s.

Was ist dein nächstes (kleineres oder größeres) Ziel?
Ich möchte wieder ein bisschen mehr Ruhe und Zeit für mich finden und meine Ungeduld los werden. Und ich möchte ein zweites Buch schreiben. Ich glaube aber, dass sich diese beiden Wünsche gar nicht so leicht miteinander kombinieren lassen.

Hunde- oder Katzenmensch? Und warum?
Wahrscheinlich eher Hundemensch. Mit denen kann man besser lange Spaziergänge machen.

Welchen Berufswunsch hattest du als kleines Kind?
Da kann ich mich gar nicht richtig erinnern, ich habe auf jeden Fall schon sehr früh Schulhefte mit Geschichten vollgeschrieben.

Was ist das Wichtigste, was Eltern ihrer Tochter mitgeben können?
Liebe, Empathie und Selbstvertrauen. Und für die Töchter ein bisschen mehr Stärke, als sie unsere kulturelle Prägung vorsieht und für die Jungen ein bisschen mehr Schwäche.

Wann hast du zuletzt geweint? Willst du auch sagen, warum?
Forrest Gump, der alte Tränenschocker.

Was ist der schönste Ort der Welt und warst du schon einmal dort?
Orte funktionieren für mich nicht ohne Menschen. Sobald ich meine Lieben um mich habe, ist es eigentlich überall schön. Deshalb bin ich urlaubstechnisch im Herzen auch Typ 70jährige Renterin und fahre ungern so richtig weit weg und auch gerne mal wieder an den gleichen Ort. 

Welchem Promi würdest du gerne etwas sagen und was?
Wenn ich könnte, würde ich gern ein paar von den Schriftstellerinnen treffen, die ich sehr gern mag: Virginia Woolf, Silvia Plath oder Jane Austen. Und einfach ein bisschen reden.

Welchen Film siehst du dir als nächstes im Kino an?
Als letztes war ich in „Es“ und der nächste wird wahrscheinlich wieder ein Kinderfilm werden. Das Schöne an Kindern ist ja, das man endlich eine wunderbare Ausrede hat, so ziemlich jeden Animationsfilm schauen zu müssen.

Was ist eins deiner Hobbies, von dem niemand etwas weiß?
Die Zeit für geheime Hobbys ist gerade nicht so da, aber irgendwann will ich mir mal was Nettes zulegen: alle Straßenlaternenvariationen in Deutschland fotografieren oder so.

Wenn du eine Sache für Frauen (in der Politik oder Gesellschaft) ändern könntest, was wäre das?
Spontan würde ich vieles in der Geburtshilfe ändern wollen, die Versicherungsprämie für Hebammen wird ja gerade diskutiert. Ich finde es wirklich beschämend, dass wir in einen reichen Land so tun, als wären wir nicht in der Lage, in den ersten Lebensminuten Sicherheit und Geborgenheit für Mutter und Kind zu gewährleisten.

Eines mache ich allerdings nicht wie beim ersten Mal. Dieses Mal breche ich nämlich die Liebster-Award-Kette und gebe keine Fragen an neue Blogs weiter. Auch wenn mir als passionierte Horrorfilmliebhaberin die möglichen Konsequenzen so kurz vor Halloween durchaus bewusst sind.

Foro: flickr – Wee Sen Goh – CC by 2.0

Wo ich herkomme

Ich komme ungefähr aus der Mitte von Sachsen-Anhalt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe die ersten Jahre in Magdeburg studiert. Meine Eltern wohnen dort und große Teile meiner Familie. Ich mag meine Familie sehr gern, ich bin immer viel dort gewesen. Seit meine Töchter auf der Welt sind noch häufiger, denn sie lieben ihre Großeltern, sie lieben die weite Landschaft der Elbauen, die auch mich immer durchatmen lässt und sie lieben die Leute dort. Sie kennen ihre Namen, die Namen ihrer Hunde, sie wissen, wo sie in Gärten laufen können und freudig begrüßt werden.

Ich selbst bin in den letzten Wochen oft zusammengezuckt, wenn ich durch die Straßen fuhr, um sie abzuholen, denn Plakate, die ich in Berlin in meinem Bezirk gar nicht kannte, hingen dort sehr viele und sehr tief. Ich könnte noch ein paar andere Geschichten erzählen, aber genau das will ich heute nicht. Denn seit gestern, seit ich ein paar Tweets gelesen habe, zu Unverständnis, zu „denen“, zu Mauern, die wir wieder bauen sollten (von der anderen Seite und jaja, alles nur lustig gemeint), gehen mir einige Sätze nicht mehr aus dem Kopf, die oft zu mir gesagt werden, wenn man mich in meinem Heimatdorf begrüßt. „Na, wieder da aus der großen Stadt? Zuhause ist es doch am Schönsten, oder? Ach, Corinne, es ist doch eigentlich ganz schön hier, oder? Man kann es hier schon ein paar Tage aushalten.“

Diese Sätze habe ich bisher kaum wahrgenommen, heute machen sie mich traurig. Sie werden von Menschen gesagt, die ihre Straßen und ihre Heimat lieben, die so alt sind wie ich und dort geblieben sind, die versuchen, ein Theater und sein Orchester zu retten, die Kulturfestivals organisieren, Lesungen, die ihr Leben gestalten. Die aufstehen und gegenhalten, die oft eigentlich so sind wie ich, nur an einem anderen Ort. Und sie werden zu mir von Menschen gesagt, die zurückgeblieben sind, weil ihre Kinder auch weg gegangen sind, nicht in die große Stadt Berlin, aus der man schnell in meine Heimat kommen kann, sondern ganz nach „drüben“, mit 16 oft schon für eine Ausbildung und dort in Dörfern leben, die meinem gar nicht unähnlich sind bis auf die Tatsache, dass sie nun 7 Stunden Autobahn trennen und man sich nur noch an Geburtstagen und Weihnachten sieht.

Diese Sätze, sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie sind so defensiv, sie tragen so viel in sich. Sie fragen nur nach ein wenig Anerkennung für ein Leben, ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig Würde, ein wenig Liebe für dieses Stück Erde auf das so viele andere abfällig schauen. Manchmal schwingt in ihnen sogar schon die Verachtung mit, die andere äußern. Wie wenn es weniger weh tut, wenn man sich selbst verletzt. Ich musste das heute aufschreiben, auch mich machen Wahlergebnisse fassungslos. Aber auch ich bin nicht dort. Ich komme nur angefahren und gehe wieder weg. Auch ich bin gegangen, erst in ein anderes Land, dann in die Stadt. Wenn ich das nächste Mal wieder da bin, will ich mehr als Antwort sagen. Vielleicht so etwas wie: „Ja, richtig schön habt ihr es hier. Toll, was ihr auf die Beine gestellt habt. Wie lief eigentlich das Open Air Filmfestival? Nächstes Jahr sind wir dabei.“ Und dann vielleicht noch: „Mensch, komische Sache mit der Wahl, oder?“

Bild: flickr – Dancing Storm – CC by 2.0

Sommer

Immer im Sommer schmiede ich Pläne und sprühe vor Ideen. Dabei ist der Sommer die schlechteste Zeit dafür. Denn der Sommer ist zum Eis essen und Schwimmen gehen und die Seele in der Sonne baumeln lassen gedacht. Also muss ich beinahe jeden Sommer wieder lernen, keine schlechte Laune zu bekommen. Ich bekomme schlechte Laune, weil ich eigentlich sofort alles machen möchte (aufmerksame Podcasthörerinnen wissen um meine Ungeduld). Aber wenn ich sofort alles machen würde, bleibt, das ist ganz klar, keine Zeit für Eis und baden und Seele baumeln lassen. Und dann, ich kenne das, sitzte ich schwupps wieder im Berliner Winter und kann mich gar nicht mehr darüber freuen, dass ich viele Dinge gemacht und versucht habe.

Weil manche von ihnen eben nur Versuche blieben und schon wieder im Nebel der fast vergessenen Ideen verschwunden sind, die einmal so großartig klangen und dann doch überraschend schnell ihren Zauber verloren.

In solchen Fällen sind Kinder eine ganz wunderbare Erfindung, denn sie fragen sich nicht, ob man große oder kleine Ideen gegen Eis und Ausflüge oder den Badesee tauschen sollte. Große Sommerideen haben bei ihnen nämlich eigentlich immer etwas mit Eis und Wasser und auf jeden Fall mit draußen zu tun. Und sie fordern vehement ein, dass sie bei ihren Ideen alle Unterstützung der Welt bekommen. Ganz besonders aber die ihrer Eltern. Da sind meine Kinder sehr ungeduldig bei der Umsetzung ihrer Ideen. Ich weiß gar nicht, von wem sie das haben.

Und so bemerke ich in den letzten Tagen, dass es wohl hier in nächster Zeit etwas ruhiger werden könnte. Denn es bleibt oft nicht viel mehr als zwischen Abtrocknen und Klebehände säubern ein paar Notizen ins Smartphone zu tippen. Dort werden sie wohl warten müssen, bis der graue November nach Lichtblicken verlangt. Ich übe noch, mich darüber nicht zu ärgern. Aber es funktioniert mit jedem Sommer besser, denn wenn ich auf das Eis und den Badesee und unsere Köpfe in der Sonne blicke, wird mir eines doch ziemlich klar: Kinder zu bekommen war die beste Idee von allen.

Foto: flickr – risa ikeda – CC by 2.0