Alle Artikel mit dem Schlagwort: blablabla

Pessimistische Stofftiere

Unser neuer Mitbewohner ist eines dieser elektronischen Stofftiere. Das Tier ist ein Hund. Er ist süß und flauschig, aber anstelle von Knopfaugen hat er einen kleinen Bildschirm. Als ich noch klein war, nahm ich jede Nacht alle meine Kuscheltiere mit zu mir ins Bett. Alle, ohne Ausnahme. Auch wenn ich dann selbst kaum Platz hatte, dachte ich, die des Bettes Verstoßenen würden mir sonst traurig aus ihren Knopfaugen hinterherblicken. Der Trick funktioniert bei den digital programmierten 2017er Augen nicht mehr. Sie schauen schon seit Tagen traurig ohne dass sie bei meinen Kindern eine Reaktion auslösen. Der Hund hat nämlich in regelmäßigen Abständen Hunger oder Durst. Dann muss man ihn per Druck auf seine Pfote (Auswahlmenu erscheint) mit einem Knochen oder Wasser (Bestätigung mit Druck auf den Bauch = Entertaste) versorgen. Tut man dies nicht, schaut er traurig und gibt in immer kürzer werdenden Abständen ein klägliches „Ich habe Hunger oder Durst.“ mit zitternder Computerstimme von sich. Da ich ihn allerdings bereits am ersten Tag auf die geringste Lautstärke stellte, als er noch nach ständigem „Spaß“ verlangte, entfaltet sein Flehen nicht die gewünschte Wirkung. So steckt der Hund …

Sommer

Immer im Sommer schmiede ich Pläne und sprühe vor Ideen. Dabei ist der Sommer die schlechteste Zeit dafür. Denn der Sommer ist zum Eis essen und Schwimmen gehen und die Seele in der Sonne baumeln lassen gedacht. Also muss ich beinahe jeden Sommer wieder lernen, keine schlechte Laune zu bekommen. Ich bekomme schlechte Laune, weil ich eigentlich sofort alles machen möchte (aufmerksame Podcasthörerinnen wissen um meine Ungeduld). Aber wenn ich sofort alles machen würde, bleibt, das ist ganz klar, keine Zeit für Eis und baden und Seele baumeln lassen. Und dann, ich kenne das, sitzte ich schwupps wieder im Berliner Winter und kann mich gar nicht mehr darüber freuen, dass ich viele Dinge gemacht und versucht habe. Weil manche von ihnen eben nur Versuche blieben und schon wieder im Nebel der fast vergessenen Ideen verschwunden sind, die einmal so großartig klangen und dann doch überraschend schnell ihren Zauber verloren. In solchen Fällen sind Kinder eine ganz wunderbare Erfindung, denn sie fragen sich nicht, ob man große oder kleine Ideen gegen Eis und Ausflüge oder den …

Altpapier-Poesie

Allerspätestens mit den ersten Sonnenstrahlen war klar, dass der Kartonfriedhof auf dem Balkon verschwinden musste. Wir haben einen ziemlich ansehnlichen Balkon ordentlicher Größe, aber das Papier hatte ihn fast verschwinden lassen. Alles begann mit den vor Weihnachten eintreffenden Paketen diverser Versandhändler. Es war draußen so kalt und so ungemütlich und irgendwie schlief das Baby immer oder hatte schlechte Laune oder ich hatte gar keine Lust, es in 25 Schichten Jacken zu hüllen, um das bisschen Papier loszuwerden. Das bisschen Papier  wurde allerdings recht schnell größer und bald war es so groß, dass es sowieso nicht mehr mit nur einem schnellen Gang zur Papiertonne hätte weggebracht werden können. Der anwachsende Haufen, inzwischen um diverses Weihnachtsgeschenkapier und noch mehr Karton ergänzt, wuchs und wuchs und störte mich durchaus. Aber draußen war es ja, wie es sich für einen ordentlichen Berliner Winter gehört, meistens sowieso grau, so dass ich die Vorhänge, die sonst nur für die Abendstunden vorgesehen waren, einfach virtuos so vor die  Tür zum Balkon zog, dass ich den Kartonhaufen bei meinen natürlichen Laufwegen durch die Wohnung kaum noch …

Wir lassen uns das Singen nicht verbieten

Heute war so. Heute war grau. Heute war ein Tag, wie man die Tage nicht gern hätte. Heute war ein Tag, an dessen Ende ich als grundsätzlich positiver Mensch viel lieber an den nächsten Tag denke, als an die vergangenen Stunden. Weil ich es aber doch tue, also noch einmal an den heutigen Tag zu denken, fällt mir etwas auf. Heute war es wieder sehr laut. Aber gut laut. Melodiös laut. Ich habe in den Untiefen meines CD-Regals alte Schätze gehoben. Und während ich durch die Wohnung lief und 90er-Jahre-Klassiker schmettere (darunter die heilige Dreifaltigkeit von Un-Break My Heart/Toni – Vision of Love/Mariah– I Have Nothing/God bless you, Whitney), bemerkte ich, dass ich nicht nur Eins-A textsicher war. Ich bemerkte auch, dass mich meine Tochter mit einer Mischung aus Freude und Verwunderung anschaute. (Wie verwirrt sie war, ließ sich schon allein daran ablesen, dass sie nicht zum Ruf nach sofortigem CD-Wechsel auf den Bibi und Tina – Soundtrack ansetzte.) Selbst das Baby blickte kurz irritiert aus der Trage auf und unterbrach sein wimmerndes Nagen auf der …

Berlin, Berlin

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hat dreitausend Einwohner. Ich war in den letzten Wochen viel da. Es ist wunderschön dort und es schreibt sich ganz fantastisch unter einem alten Kirschbaum in einem traumhaften Garten. Untermalt von der Geräuschkulisse der Landmaschinen, Rasenmäher und Kreißsägen – Einer der größten Mythen über das Leben auf dem Land ist ja, dass es dort ruhig zugeht. – habe ich es nicht ganz geschafft, meine Sommerpause einzuhalten. Ich liebe diesen Ort. Aber das Zuhausegefühl überkommt mich schon lange, wenn ich von der A100 aus den Funkturm erblicke. Berlin ist meine Heimat. Zehn Jahre bin ich nun hier. In Berlin ist bald Wahl und nicht nur deswegen ist die Stadt gerade Lieblingskind der Feuilletonisten. Ein komplettes Genre scheint sich nur damit zu beschäftigen, wieviel besser hier früher alles war. Als man noch für 300 Mark im 200 Quadratmeter Altbau wohnte, die Drogen etwas taugten und nichts Unangenehmes passierte. Jemals. Oder es keinen interessierte, weil alle viel entspannter waren. Nicht nur die Feuilletonisten und Onliner fühlen sich diesem urbanen Mythos verpflichtet, sondern …