kleine schöne Dinge
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Fernsehen

Fernsehen ist der Teil der Alltagskultur, der mir am meisten Alltagsglück verschafft. So, da steht es, jetzt habe ich es aufgeschrieben. Natürlich liebe ich Bücher und schreibe sogar selbst welche, wäre also prinzipiell dafür, dass alle mehr lesen, aber ich schaue viel mehr fern.

Ich schaue fern, weil ich es liebe, weil ich mich richtig auf Sendungen freue. Und: Je müder und energieloser ich mich fühle, desto lieber schaue ich fern. Fernsehen ist keine Betäubung, die mich abgeschlagen zurücklässt, fernsehen entspannt mich ehrlich und ungemein.

Ich sitze auf der weichen Couch in eine Decke gekuschelt ohne jegliche Form von körperlicher Anstrengung. Wenn ich das richtige Programm wähle, bedarf es nicht einmal einer großen geistigen Anstrengung.

Am liebsten schaue ich zu zweit fern, mit Freundinnen oder meinem Partner, in dem Wissen, dass man in fröhlicher Zweisamkeit Stunden nebeneinandersitzt, ohne miteinander reden zu müssen, wenn einem nicht danach ist. Bei einem guten Film oder einer guten Serie wird das Außen gedämpft und man selbst hineingesaugt, egal, ob sie im klassischen Sinne anspruchsvoll sind. Bei zu viel Anspruch gehe ich mittlerweile sowieso in die Verweigerungshaltung (Ja, ich spreche von dir, letzte Staffel von „Dark“.) Die Zeiten, in denen ich mich zur Selbstüberhöhung in französischen Programmkinos herumtrieb, sind vorbei. Ich liebe immer noch Kinos, aber heimisches Fernsehen ist die perfekte Form von Erholung.

Genau das ist der Grund für seine anhaltende Popularität, Fernsehen verschafft uns Ruhe. Mögen sich unsere Sehgewohnheiten geändert haben, mögen wir heute mehr auf kleine Bildschirme schauen, mag unser Programm heute YouTube heißen, mögen sich manche damit brüsten, gar keinen Fernseher zu haben (meist, weil sie alles auf dem Laptop schauen), im Kern bleibt es das Gleiche: Bewegte Bilder, die sich vor uns entfalten, während wir einfach zusehen und zuhören, lassen uns durchatmen. Deshalb verbringen wir damit viel Zeit, knapp hinter Essen und Schlafen. Fernsehen ist da, leicht zu erreichen, man braucht keinen Unterricht, um diese Entspannungstechnik zu erlernen. Einfach das Gerät an- und den Kopf ausmachen, einfach eintauchen.

Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, der es so geht und so ist es noch verwunderlicher, dass in unserer Welt, in der eigentlich jede alles sein und ausprobieren kann, Vielsehen so einen schlechten Ruf hat. Und man selbst schnell in Verruf gerät, das alte Klassendenken ist nicht weg. Für einen Akademikerhaushalt wie unseren ist es leichter zuzugeben, dass die Kinder die Glotze genauso gern mögen wie wir. In der Schule bringt man ihnen die Gefahren der Medien auch heute sehr eindringlich bei, noch bevor man ihnen zeigt, wie sie ein Worddokument öffnen. Die Kisten jeder Art machen laut Lehrbuch und manchem Lehrpersonal immer noch zuverlässig blöd, faul und dick. Die Gefahr mit verweichlichten Extremitäten und verrottendem Gehirn auf der Couch festzuwachsen besteht weiterhin, was auch die Tatsache zeigt, dass mit jeder neuen Coronawelle wieder die Angst beschworen wird, dass die Kinder zu Hause nur vor den Bildschirmen sitzen. Auf denen sie – im Gegensatz zu vielen Erwachsen – nicht ständig nur fernsehen, aber das ist das Thema für einen anderen Text.

Zurück zu meinem Alltagsglück TV, dass mir verlässlich Entspannung und Eskapismus verschafft und sich damit seinen Platz auf meiner Liste der kleinen schönen Dinge redlich verdient hat. Wer hat eigentlich gesagt, dass wir aus jeder Minute unserer Existenz Sinn herauspressen müssen, dass die besten Dinge immer die sind, die uns aktiv die Welt gestalten lassen, die uns fordern, die denkwürdig sind und sich einprägen? Am Ende sind Erinnerungen nur Gefühle, die sich in uns einbrennen. Und wenn es mir in diesem November mit meinen Kleines-Glück-Texten um eines ging, dann um die Frage nach den Dingen, die tatsächlich lohnenswert sind. Oft sind sie klein und gar nicht kompliziert, aber sie bringen immer ein behagliches, vertrautes Gefühl mit sich. Nichts ist falsch daran, sich für Abschweifen und Seinlassen zu entscheiden statt für Reinhängen. Es ist in Ordnung, auf Pause zu drücken und sich wohl damit zu fühlen und wir sollten es öfter einfach tun – zum Beispiel, indem wir die Glotze anmachen.

Im November schreibe ich über kleine schöne Dinge, weil ich finde, dass unser Alltag gute PR brauchen kann. Mehr dazu hier. Es ging bereits um:

Bild: flickr – Natalie Parker – CC BY-NC-ND 2.0

2 Kommentare

  1. Desiree sagt

    Danke dafür! Jetzt habe ich ein kleineres schlechtes Gewissen, wenn ich vorm Fernseher versacke.

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