Kategorie: Leben & Lesen

Pünktlichkeit

Ich bin daran gewöhnt, bei Trends nicht die Erste zu sein. Ich habe noch Happy Hippo Ü-Ei Figuren getauscht als längst die Krokodile angesagt waren. Als ich bei den Krokodilen war, hätte ich mich für Jungs interessieren müssen. In letzter Zeit dämmert es mir, dass ich wohl wieder hinterhinke beim neuesten Hype: nie pünktlich zu sein. Ich dachte, ich hätte dieses Problem mit meinen Zwanzigern hinter mir gelassen. Damals war ich gern pünktlich, aber durchaus informiert über die soziale Konvention nie um acht aufzutauchen, wenn man um acht zur Party eingeladen war. Mittlerweile grassiert das Problem aber in allen Altersklassen. Mich erreichen Einladungen mit Eingangsphasen von zwei Stunden. Kommt zwischen sechs und acht, spätestens um halb neun Uhr solltet ihr aber alle da sein, denn um neun gibt es was zu essen. Bis dahin bin ich verhungert.

Als würde das nicht reichen, scheint sich das Problem auch in seinen Dimensionen ausgeweitet zu haben. Es betrifft nicht nur das klassische Zu-spät-kommen, sondern ist vielmehr eine generelle Nichtwahrnehmung der Uhr. Mir, die eigentlich immer 10 Minuten vor der Zeit am Treffpunkt ist, passierte letztens, dass ich zu Verabredungen auftauche und alle anderen bereits seit einer halben Stunde da waren.

Einfach so. Weil man dachte, man könnte auch schon früher vorbeischauen. Heißt das jetzt, ich muss immer sehr viel früher kommen, um wirklich pünktlich zu sein? Wie viel früher? Und bin ich technisch zu spät obwohl ich pünktlich bin, wenn alle anderen schon da sind? Wann bin ich quasi nicht mehr früh genug da, um nicht zu spät zu sein? Stephen Hawking kann ich nicht mehr fragen.

Im Café lasse ich mir das auch noch gefallen – steigert ja den Umsatz – aber bei Einladungen nach Hause, womöglich noch zum Essen, bin ich strikt dagegen, dass Gäste vor meiner zehnminütigen Pufferzeit auftauchen. Mein ganzer ausgeklügelter Plan (Nahrung vorbereiten, Schmutzwäsche verstecken, nicht betretbare Räume gründlich verschließen) geht sonst nicht auf.

Im Grunde genommen sind mir aber die Zu-früh-Kommer (haha) grundsympathisch, weil sie meiner  Seele entsprechen. Richtig ärgert mich die andere Sorte: die notorischen Zu-spät-Kommer. Ich versuche, mich damit zu arrangieren. Eigentlich könnte ich selbst auch immer einfach zwanzig Minuten später auftauchen. Kann ich aber nicht. Wenn ich noch in der Bahn sitze und der Zeiger der Uhr sich der verabredeten Zeit nähert steigt meine Adrenalinausschüttung und kostet mich wertvolle Lebenszeit. Ich hetze dann am Ende doch (Biologie und so) und komme nur zehn Minuten zu spät, um noch ein wenig zu warten.

Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht haben alle Appleuhren und wollen nicht ständig wischen, um die Uhrzeit zu sehen. Oder nur das Smartphone als Zeitanzeiger. Vielleicht ist es auch diese Entschleunigung, von der alle reden. Für mich ist es Stress. Und ich hasse es, nicht pünktlich zu sein, weil andere kommen, wann sie wollen. Selbst wenn es viel früher ist. Seid doch einfach alle wieder pünktlich. Wie ich. Also so immer zirka fünf Minuten vorher da.

Foto: flickr – jayvee – CC by 2.0

Pessimistische Stofftiere

Unser neuer Mitbewohner ist eines dieser elektronischen Stofftiere. Das Tier ist ein Hund. Er ist süß und flauschig, aber anstelle von Knopfaugen hat er einen kleinen Bildschirm. Als ich noch klein war, nahm ich jede Nacht alle meine Kuscheltiere mit zu mir ins Bett. Alle, ohne Ausnahme. Auch wenn ich dann selbst kaum Platz hatte, dachte ich, die des Bettes Verstoßenen würden mir sonst traurig aus ihren Knopfaugen hinterherblicken.

Der Trick funktioniert bei den digital programmierten 2017er Augen nicht mehr. Sie schauen schon seit Tagen traurig ohne dass sie bei meinen Kindern eine Reaktion auslösen. Der Hund hat nämlich in regelmäßigen Abständen Hunger oder Durst. Dann muss man ihn per Druck auf seine Pfote (Auswahlmenu erscheint) mit einem Knochen oder Wasser (Bestätigung mit Druck auf den Bauch = Entertaste) versorgen. Tut man dies nicht, schaut er traurig und gibt in immer kürzer werdenden Abständen ein klägliches „Ich habe Hunger oder Durst.“ mit zitternder Computerstimme von sich. Da ich ihn allerdings bereits am ersten Tag auf die geringste Lautstärke stellte, als er noch nach ständigem „Spaß“ verlangte, entfaltet sein Flehen nicht die gewünschte Wirkung. So steckt der Hund seine kleiner werdenden Energiereserven in immer vehemmenteres Alarmschlagen – wie ein Elektrogerät, das den letzten Rest Akku für eindringliches Piepen und Blinken verschwendet und so nur noch schneller leer wird.

Irgendwann im letzten Monat wurde mir klar, dass ich dieser Hund bin. Ich bin wie er, wenn mir das Leben mal zu viel wird, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas ganz falsch läuft oder nicht mehr zu schaffen ist. Wie der Hund investiere ich dann meine Energie zunächst in Panik, in richtig schlechte Laune und Selbstmitleid – auf jeden Fall aber nicht in problemlösendes Nachdenken.

Dabei habe ich schon ein paar Mal in Situationen gesteckt, die so verzwickt erschienen, dass ich dachte, so schnell nicht wieder zufrieden sein zu können. Und doch vergesse ich in jeder meiner persönlichen Apokalypsen, dass die vorangegangen sich trotzdem irgendwie gelöst haben und heute nicht mal mehr besonders bedeutsam erscheinen. Die Dinge zunächst schwarz zu sehen, ist dabei nicht nur einer meiner Charakterzüge, sondern eine ziemlich menschliche Eigenschaft. Wenn unsere Ur-Ur-Ur-Großmütter vor jeder Schlange davongelaufen sind, weil sie giftig sein könnte, sank die Möglichkeit, an einem Schlangenbiss zu sterben beträchtlich. Auch wenn sich Ur-Ur-Ur-Oma zu 99 Prozent der Zeit völlig unnötigen Stress machte. Vom ersten Impuls her pessimistisch zu sein, diente also irgendwann einmal der Selbsterhaltung. Heute bedeutet es – in Abwesenheit von Giftschlangen aber angesichts manchmal genauso unsicher erscheinender Lebensumstände – aber eben auch, dass man sich immer noch eine Menge unnötige Anstrengung bereitet.

Mir jetzt Stress zu machen, dass ich nicht sofort in eine „Tschakka“-Haltung verfalle, wenn mir Probleme begegnen, ist aber auch nicht die Lösung. Ein kurzer Abstieg ins Jammertal bedeutet nämlich auch, dass ich mir ein schönes – äh, schwarzes – Bild der Situation ausmale: so richtig düster und auf jeden Fall viel verzweifelter als sie in Wirklichkeit jemals sein könnte. Und wenn ich diese Vision dann betrachte, fällt es sofort ein bisschen leichter, sich an die ganzen bereits ausgemalten Weltuntergänge zu erinnern, die nicht eingetreten sind…oder am Ende doch nicht so schlimm waren…oder grauenhaft schlimm waren, aber wie alles irgendwann in der Erinnerung verblassten. Anfänglicher Pessimismus ist also gar keine schlechte Sache.

Das Flehen des Hundes ist übrigens irgendwann richtig flehentlich geworden – bis er auf einmal in meditativer Stille versank als hätte er diesen Text gelesen. Ich drückte seine Resettaste und auf einmal war alles wieder in Ordnung. Wirklich alles, wie ich verblüfft feststellte. Er hatte nicht einmal mehr eine Spur von Hunger oder Durst.

Foto: flickr – Rachel Gardner – CC by 2.0

Elf Fragen

Als ich 2015 gerade erst ein gutes halbes Jahr bloggte, bekam ich die ersten 11 Fragen zum Liebster Award gestellt. Ich weiß noch, wie ich mich freute. Irgendjemand las das also alles hier! Jetzt hat mich Pipa vom Blog frauenmut mit 11 neuen Fragen bedacht, die ich natürlich gern beantworte. Los geht’s.

Was ist dein nächstes (kleineres oder größeres) Ziel?
Ich möchte wieder ein bisschen mehr Ruhe und Zeit für mich finden und meine Ungeduld los werden. Und ich möchte ein zweites Buch schreiben. Ich glaube aber, dass sich diese beiden Wünsche gar nicht so leicht miteinander kombinieren lassen.

Hunde- oder Katzenmensch? Und warum?
Wahrscheinlich eher Hundemensch. Mit denen kann man besser lange Spaziergänge machen.

Welchen Berufswunsch hattest du als kleines Kind?
Da kann ich mich gar nicht richtig erinnern, ich habe auf jeden Fall schon sehr früh Schulhefte mit Geschichten vollgeschrieben.

Was ist das Wichtigste, was Eltern ihrer Tochter mitgeben können?
Liebe, Empathie und Selbstvertrauen. Und für die Töchter ein bisschen mehr Stärke, als sie unsere kulturelle Prägung vorsieht und für die Jungen ein bisschen mehr Schwäche.

Wann hast du zuletzt geweint? Willst du auch sagen, warum?
Forrest Gump, der alte Tränenschocker.

Was ist der schönste Ort der Welt und warst du schon einmal dort?
Orte funktionieren für mich nicht ohne Menschen. Sobald ich meine Lieben um mich habe, ist es eigentlich überall schön. Deshalb bin ich urlaubstechnisch im Herzen auch Typ 70jährige Renterin und fahre ungern so richtig weit weg und auch gerne mal wieder an den gleichen Ort. 

Welchem Promi würdest du gerne etwas sagen und was?
Wenn ich könnte, würde ich gern ein paar von den Schriftstellerinnen treffen, die ich sehr gern mag: Virginia Woolf, Silvia Plath oder Jane Austen. Und einfach ein bisschen reden.

Welchen Film siehst du dir als nächstes im Kino an?
Als letztes war ich in „Es“ und der nächste wird wahrscheinlich wieder ein Kinderfilm werden. Das Schöne an Kindern ist ja, das man endlich eine wunderbare Ausrede hat, so ziemlich jeden Animationsfilm schauen zu müssen.

Was ist eins deiner Hobbies, von dem niemand etwas weiß?
Die Zeit für geheime Hobbys ist gerade nicht so da, aber irgendwann will ich mir mal was Nettes zulegen: alle Straßenlaternenvariationen in Deutschland fotografieren oder so.

Wenn du eine Sache für Frauen (in der Politik oder Gesellschaft) ändern könntest, was wäre das?
Spontan würde ich vieles in der Geburtshilfe ändern wollen, die Versicherungsprämie für Hebammen wird ja gerade diskutiert. Ich finde es wirklich beschämend, dass wir in einen reichen Land so tun, als wären wir nicht in der Lage, in den ersten Lebensminuten Sicherheit und Geborgenheit für Mutter und Kind zu gewährleisten.

Eines mache ich allerdings nicht wie beim ersten Mal. Dieses Mal breche ich nämlich die Liebster-Award-Kette und gebe keine Fragen an neue Blogs weiter. Auch wenn mir als passionierte Horrorfilmliebhaberin die möglichen Konsequenzen so kurz vor Halloween durchaus bewusst sind.

Foro: flickr – Wee Sen Goh – CC by 2.0

Wo ich herkomme

Ich komme ungefähr aus der Mitte von Sachsen-Anhalt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe die ersten Jahre in Magdeburg studiert. Meine Eltern wohnen dort und große Teile meiner Familie. Ich mag meine Familie sehr gern, ich bin immer viel dort gewesen. Seit meine Töchter auf der Welt sind noch häufiger, denn sie lieben ihre Großeltern, sie lieben die weite Landschaft der Elbauen, die auch mich immer durchatmen lässt und sie lieben die Leute dort. Sie kennen ihre Namen, die Namen ihrer Hunde, sie wissen, wo sie in Gärten laufen können und freudig begrüßt werden.

Ich selbst bin in den letzten Wochen oft zusammengezuckt, wenn ich durch die Straßen fuhr, um sie abzuholen, denn Plakate, die ich in Berlin in meinem Bezirk gar nicht kannte, hingen dort sehr viele und sehr tief. Ich könnte noch ein paar andere Geschichten erzählen, aber genau das will ich heute nicht. Denn seit gestern, seit ich ein paar Tweets gelesen habe, zu Unverständnis, zu „denen“, zu Mauern, die wir wieder bauen sollten (von der anderen Seite und jaja, alles nur lustig gemeint), gehen mir einige Sätze nicht mehr aus dem Kopf, die oft zu mir gesagt werden, wenn man mich in meinem Heimatdorf begrüßt. „Na, wieder da aus der großen Stadt? Zuhause ist es doch am Schönsten, oder? Ach, Corinne, es ist doch eigentlich ganz schön hier, oder? Man kann es hier schon ein paar Tage aushalten.“

Diese Sätze habe ich bisher kaum wahrgenommen, heute machen sie mich traurig. Sie werden von Menschen gesagt, die ihre Straßen und ihre Heimat lieben, die so alt sind wie ich und dort geblieben sind, die versuchen, ein Theater und sein Orchester zu retten, die Kulturfestivals organisieren, Lesungen, die ihr Leben gestalten. Die aufstehen und gegenhalten, die oft eigentlich so sind wie ich, nur an einem anderen Ort. Und sie werden zu mir von Menschen gesagt, die zurückgeblieben sind, weil ihre Kinder auch weg gegangen sind, nicht in die große Stadt Berlin, aus der man schnell in meine Heimat kommen kann, sondern ganz nach „drüben“, mit 16 oft schon für eine Ausbildung und dort in Dörfern leben, die meinem gar nicht unähnlich sind bis auf die Tatsache, dass sie nun 7 Stunden Autobahn trennen und man sich nur noch an Geburtstagen und Weihnachten sieht.

Diese Sätze, sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie sind so defensiv, sie tragen so viel in sich. Sie fragen nur nach ein wenig Anerkennung für ein Leben, ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig Würde, ein wenig Liebe für dieses Stück Erde auf das so viele andere abfällig schauen. Manchmal schwingt in ihnen sogar schon die Verachtung mit, die andere äußern. Wie wenn es weniger weh tut, wenn man sich selbst verletzt. Ich musste das heute aufschreiben, auch mich machen Wahlergebnisse fassungslos. Aber auch ich bin nicht dort. Ich komme nur angefahren und gehe wieder weg. Auch ich bin gegangen, erst in ein anderes Land, dann in die Stadt. Wenn ich das nächste Mal wieder da bin, will ich mehr als Antwort sagen. Vielleicht so etwas wie: „Ja, richtig schön habt ihr es hier. Toll, was ihr auf die Beine gestellt habt. Wie lief eigentlich das Open Air Filmfestival? Nächstes Jahr sind wir dabei.“ Und dann vielleicht noch: „Mensch, komische Sache mit der Wahl, oder?“

Bild: flickr – Dancing Storm – CC by 2.0

#9 Das Buch ist da – Unbeschrieben-Podcast

Heute erscheint mein Buch, so richtig in gedruckt und mit meinen Worten drin. Es heißt „Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne“. Ihr könnt in dieser Podcastfolge hineinhören, denn ich lese euch zum ersten Mal daraus vor. Es ist schon etwas Besonderes, gleich auf „veröffentlichen“ zu drücken, ein Jahr Reise geht zu Ende. Schön, dass ihr dabei wart!  Weiterlesen