Schlagwort: Lese- & andere Empfehlungen

Hallo zweites Buch!

Mein neues Buch ist da. Es heißt „Freundinnen“ und ist anders als das erste. Auch dort gab es schon persönliche Anekdoten, jetzt habe ich noch mehr erzählt.
Das Buch nahm in einer Zeit Gestalt an, in der in meinem Leben viel passierte. Schicksalsschlag könnte man es nennen, eine Krise vielleicht. Etwas, das die Dinge in Frage stellt: Prioritäten, eingeschlagene Wege, Zukunftsvorstellungen. Ich las viele Memoiren und von persönlichen Geschichten inspirierte Bücher. Vielleicht, weil man unbewusst auf andere und in ihre Leben schaut, wenn man eine Richtung sucht. Ich überlegte, dass wir eigentlich nur über Geschichten, über Bruchstücke unserer Erinnerung etwas voneinander  erfahren. Wenn ich frage: „Wie war deine Kindheit?“, dann bekomme ich eine andere Antwort als wenn ich frage „Wer hat dir die Zähne geputzt, wer hat dir vorgelesen, deine Haare geflochten?“

Am Anfang dieses Buches stand ein diffuses Gefühl. Weil ich selbst oft genervt dastand und dachte „Oh Mann, Menschen!“ Das machte mich traurig. Unsere Unterschiede und unser „Ich“ betonen wir gern und stellen sie nach vorn. Wir sieben Menschen aus, bezeichnen sie als „toxisch“, finden für die Verhaltensweisen anderer schnelle Diagnosen. Dabei sind es oft nicht die Menschen an sich, die uns verärgern, sondern die Umstände.

Es ist unser schnelles, vollgepacktes Leben, das wenig Zeit bietet, um durchzuatmen, uns einzulassen, wirklich für andere da zu sein. Zu oft flicken wir nur uns selbst schnell wieder zusammen, damit es am nächsten Tag weitergehen kann. Es scheint  die einfachere Lösung, uns zu entfernen, Beziehungen zu beenden oder einschlafen zu lassen. Dabei zeigen so viele Studien, dass es nicht nur gesunde Ernährung und Bewegung sind, die uns gesund halten, sondern vor allem Beziehungen. Von Zufriedenheit und dem ominösen Glück ganz zu schweigen.

Ich habe in meiner Krise erlebt, wie schön es ist, wenn Menschen da sind. Ich wollte ein Buch schreiben, das über meine Geschichten an eigene Freundschaften und Beziehungen erinnert. Eines, das Mut macht, ihnen mehr Zeit zu schenken. Nicht, weil sie Konten sind, auf die wir einzahlen und die dann eine bestimmte Rendite bringen. Nicht weil sie Versicherungen gegen die Einsamkeit wären, sondern, weil sie uns in all ihren Phasen zu Menschen machen und unser Leben lebenswert. Ich glaube, wir existieren erst über den Blick der anderen wirklich.

Lohnt es sich überhaupt Freundschaften zu schließen, wenn manche so böse auseinander gehen, habe ich mich manchmal während des Schreibens gefragt. Ja, würde ich immer sagen. Weil immer etwas bleibt. Nie ist alles weg, nie alles zerstört. Immer hat man etwas voneinander und über sich selbst mitgenommen. Es ist wie mit der Liebe. Auch nach dem größten Herzschmerz lieben wir irgendwann weiter. Das ist die Sache mit der Liebe und dem Untertitel des Buches (Freundinnen – Die andere große Liebe, nur besser). Denn in der Liebe nehmen wir Auf und Abs selbstverständlicher in Kauf.

Freundschaften stellen wir schneller hinten an. Gerade, wenn sie vermeintlich der Liebe im Weg stehen. Dabei sind sie genauso wertvoll, die andere große Liebe eben. Dafür müssen wir in sie investieren. Manchmal vergessen wir zur Feier unserer Individualität andere einzuladen. Freundschaften sind wesentlich. Sie zu erhalten beduetet da zu sein, auch wenn einem nicht einhundertprozentig danach ist.

Es ist viel Herz in dieses Buch geflossen, viel Zeit sowieso. Ich hoffe, dass es seine Leserinnen findet und dass es Mut und Lust auf andere Menschen macht. Auf die kleinen und großen Glückmomente mit ihnen genauso wie auf die Talfahrten. Ein wenig mehr „wir“ kann uns allen nur gut tun.

Foto: The New York Times photo archive, via their online store, here (via Wikicommons)

#9 Das Buch ist da – Unbeschrieben-Podcast

Heute erscheint mein Buch, so richtig in gedruckt und mit meinen Worten drin. Es heißt „Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne“. Ihr könnt in dieser Podcastfolge hineinhören, denn ich lese euch zum ersten Mal daraus vor. Es ist schon etwas Besonderes, gleich auf „veröffentlichen“ zu drücken, ein Jahr Reise geht zu Ende. Schön, dass ihr dabei wart!  Weiterlesen

#8 Heute in vier Wochen – Unbeschrieben-Podcast

Vor fast einem Jahr ging alles los – mit dem Buch und diesem Podcast. In vier Wochen wird es nun erscheinen und das ist alles immer noch ziemlich aufregend. Was in der Zeit zwischen Manuskriptabgabe und heute noch passiert ist und warum ich mit Eigenwerbung nicht ganz warm werde, erfahrt ihr in der achten Folge des Unbeschrieben-Podcast.

Viel Spaß beim Hören! Das Buch könnt ihr z.B. hier vorbestellen (Link zu Amazon). Ich freue mich über Sterne und Rezensionen auf iTunes.

Podcast-Feed ::: iTunes ::: Soundcloud:::Download

Foto: flickr – Kimberly – CC by 2.0

Liebe Jane… – Zum 200. Todestag von Jane Austen

Was wüssten wir von dir, liebe Jane, wenn es die Männer in deinem Leben nicht gegeben hätte? Deinen Vater, den Pfarrer, der seinen Töchtern genauso wie seinen Söhnen die heimische Bibliothek öffnete. Der dich vermutlich zuhören ließ, wenn er im Pfarrhaus andere Jungen unterrichtete, die er in Pension genommen hatte. Den Verleger, der deinen ersten Roman herausbrachte. Deinen Bruder und deinen Neffen, die mit ihren Biografien deinen posthumen Ruhm befeuerten. Und nicht zuletzt andere große Schriftsteller wie Walter Scott und Coleridge, die dein Talent lobten. Deine Schwester Cassandra, engste Vertraute ein Leben lang, deine Seelenverwandte, die dich pflegte und in deinen letzten Stunden bei dir war, hat hingegen die meisten deiner Briefe verbrannt. Wahrscheinlich wollte sie dich schützen Jane, denn es war eine Männerwelt, in der ihr gelebt habt. So schrieben Männer deine Geschichte. Dein Bruder benannte deine letzten beiden Romane und veröffentlichte sie. Er hatte schon zu Lebzeiten für dich mit Verlegern verhandelt. In der Veröffentlichung nannte er zum ersten Mal deinen Namen. (Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt ein offenes Geheimnis war, dass du die Autorin warst.) Diese Romane ergänzte dein Bruder um eine Kurzbiografie. Später schrieb dein Neffe ein ganzes Buch über dich.

Hier entstand es, dieses Bild von dir, das so gut zum einzigen Portrait zu passen scheint, was wir von dir kennen (und das deine Schwester Cassandra gemalt hat). Attraktiv warst du, schreiben sie, filigran, schön innen wie außen, mit fehlerlosem Charakter. Du wusstest dich immer zu benehmen. Ein zurückgezogenes Leben hast du geführt. Nie sagtest du einen unüberlegten Satz und hast entschieden, dich einfach nicht zu Dingen zu äußern, von denen du nichts wusstest, Dinge wie die Politik oder das Staatswesen. Deine Hände konnten nicht nur schreiben, sie waren mindestens genauso gut in Stickerei und anderen Handarbeiten. Überhaupt, das Schreiben. Du schriebst, weil du deine Familie unterhalten wolltest, wie es Frauen damals taten, meist aber mit Musik, Singen oder Vorlesen.

Ich glaube, du warst nicht zurückgezogen, Jane. Ich glaube, du warst mindestens genauso schlagfertig und ironisch wie deine Heldin Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil. Ich glaube nicht an das Bild, dass du dein Manuskript unter deiner Stickerei versteckt hast, sobald jemand zur Tür hinein kam. Dass du deshalb niemanden die quietschende Türschwelle hast reparieren lassen, die dir zuverlässig Besucher ankündigte. Das tun die meisten Literaturwissenschaftler*innen auch nicht mehr. Sie meinen, dass du viele Freundinnen hattest, das du ein Leben voller Menschen geführt hast, nicht nur mit Menschen aus deiner Familie. Und dass diese Menschen wussten, dass du schreibst, dass du deine Texte vielleicht mit ihnen besprochen hast, dass manche von ihnen sogar ein wenig Angst hatten, einmal in einem deiner Romane zu enden, in denen du scharfzüngig die Figuren beschriebst.

Ich glaube, deshalb hat Cassandra deine Briefe verbrannt. Weil sie wusste, dass das Bild einer Autorin auch über die Beliebtheit ihrer Werke entscheiden würde und du trotz deiner wunderbaren Romane den Makel der Kinder-und Ehelosigkeit trugst. In deinen Romanen durfest du ironisch und scharfzüngig sein, aber war man bereit für eine Jane, die sich auch im echten Leben so äußerte? Cassandra wusste um das, was dir das Wichtigste war. Das Schreiben.

Ich glaube, du warst zielstrebig, Jane. Du wolltest erfolgreich sein. Jahrzehntelang hast du geschrieben, editiert, verändert und gehofft. Du hast viel unternommen, um veröffentlicht zu werden. Romane waren damals ein neues Genre, das sich Frauen erobern konnten. Wärst du heute vielleicht Bloggerin geworden? Deine Ironie und dein Witz hätten sich gut auf Twitter gemacht. Du hast es genossen, Jane, als die ersten 140 Pfund eintrafen. Du hast die Summen genau beziffert und sie in Briefen benannt. Du warst stolz. Du kannstest ärmliche Verhältnisse, du kanntest das schale Gefühl der Abhängigkeit, das Betteln-müssen, weil du nie die Sicherheit einer Ehe hattest. Und weißt du was, Jane? Mit Blick auf die Situation vieler Alleinerziehender und drohender Altersarmut bei Frauen scheint das heute alles gar nicht so weit weg zu sein, wie wir es gern hätten.

Man sieht es auch in deinen Romanen, Jane. Auch, wenn dich heute viele als romantische Autorin lesen, die die Liebe feiert, spielt Geld darin eine mindestens genauso große Rolle. Für Männer bedeutete es Status, für Frauen bedeutete es alles. Du beschreibst in Stolz und Vorurteil spöttisch Mrs. Bennet und ihre Bemühungen, fünf Töchter zu verheiraten, aber ich glaube, du hattest tiefe Sympathien für sie. Verheiratet zu sein war eine existenzielle Notwendigkeit. Kaum jemand schreibt so offen über Geld wie du. Wenn die Forschung heute wissen will, was man in deiner Zeit brauchte um zu überleben, für ein gutes Leben, für ein sehr gutes Leben, dann schaut sie in deine Bücher. Denn du nennst die Zahlen. Wenn du eines eigentlich nicht bist, das finde ich wirklich Jane, ist es sentimental und romantisch. Du beschreibst auch die Liebe mit spitzer Feder. Du gönnst deinen Heldinnen einen Partner, eine Ehe, aber eigentlich gönnst du ihnen finanzielle Sorglosigkeit, ein gutes Leben. „Ich wusste immer, dass du nur einen Mann akzeptieren könntest, der dir ebenbürtig ist.“ sagt Mr.Bennet am Ende zu seiner Tochter Elizabeth und ich weiß, du meinst eine Partnerschaft auf Augenhöhe, Jane, die so auch Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit versprechen konnte.

Dass die Realität nicht deine Romane waren, wusstest du nur zu gut. Vielleicht enden sie deshalb alle mit der Eheschließung und erzählen die Geschichten nie weiter als bis an diesen Punkt. Deine eigene Chance auf das vermeintliche Glück hast du verstreichen lassen und eine mögliche Ehe ausgeschlagen. Obwohl sie dir finanzielle Sicherheit versprochen hätte. Harris Bigg Wither hätte mit seinen Ländereien eigentlich auch gut eine deiner Romanfiguren sein können. Aber du wolltest ihn nicht heiraten. Weil du nur aus Liebe heiraten wolltest, sagen manche. Ich glaube, du wusstest, dass eine Ehe mit Kindern das Ende bedeutet hätte, selbst wenn sie nach den Standards deiner Zeit glücklich gewesen wäre. Das Ende deines Schreibens, das Ende deiner Kreativität und Unabhängigkeit. Wenn du und die Kinder das Kindbett überlebt hätten, wären andere Verpflichtungen gekommen. Es war eine dunkle, eine kalte Zeit, ohne elektrisches Licht und Zentralheizung. Sie war entbehrungsreich und ganz anders als in den Serien und Filmen, die wir heute zu deinen Büchern kennen. Die, die die englische Landschaft und die Menschen darin weichzeichnen. Ein wenig nur ahnt man es in der Stolz und Vorurteil-Verfilmung mit Keira Knightley, in der es zieht, die Schweine durch den dreckigen Hof laufen und die Rocksäume immer ordentlich eingeschlammt sind.

Ich glaube, du warst eine fantastische Beobachterin Jane, du hast deine Gesellschaft besser verstanden als viele Männer. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dir ein Zimmer für dich allein überhaupt gefallen hätte, wie es dir Virginia Woolf gewünscht hat oder eine andere Zeit, um darin zu leben, wie Simone de Beauvoir fand. Ich glaube, du warst knallharte Realistin. Genau wie deine Schwester Cassandra, die deine Briefe verbrannte. In einem Brief, den sie übrig ließ, beschreibst du deine Romane als deine Kinder. Das ging. Das versprach ein wenig den traditionellen Weg, den man für Frauen vorgesehen hatte. Du wurdest zur Mutter auch ohne Kinder, über deine Bücher. Ich glaube, du hast noch über viele andere Dinge geschrieben. Vielleicht über deine Liebesbeziehung in Bath, die du bewusst dort gelassen hast, obwohl du wohl sehr verliebt warst. Oder vielleicht darüber, dass du dir selbst einfach genug warst, eine Vorstellung von einer Frau in den 30ern, die noch heute viele irritiert.

Denn deine Heldinnen sind nicht nur auf der Suche nach der großen Liebe, sie sind auf der Suche nach sich selbst. Deshalb lehnen auch sie Heiratsanträge ab, stellen bei Konversationen die vermeintlich falschen Fragen (wie Fanny Price, die in Mansfield Park die Sklavenhaltertätigkeiten des Hausherren anspricht). Sie fügen sich nicht in alle Konventionen, einfach nur, um einen Mann zu finden. Aber sie passen sich an und die Liebe überfällt sie irgendwann wie ein unvorhergesehenes Ereignis. Damit, liebe Jane, hast du uns wohl die größte Hypothek mitgegeben. Mit diesem Versprechen, dass man das Glück und sich selbst finden kann, wenn man den Einen findet. Aber was hätte es anderes gegeben, in deiner Zeit, die die Versorgerehe langsam zur bürgerlichen Liebesehe umdeutete – für dich selbst als Jane, die unverheiratete Pfarrerstochter und für Jane, die Autorin, die sich finanzielle Sicherheit erschreiben wollte?

Du hast um das Alles und die Zwänge gewusst und es wird dich mehr als einmal tief geschmerzt haben. Wenn ich versuche, dir nachzuspüren, kommt mir diese Udo Lindenberg-Textzeile in den Sinn: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“ Ich glaube, unabhängig von deiner Schreibkunst und der Zeitlosigkeit deiner Figuren, bist du deinen Leserinnen heute deswegen immer noch so nah. Weil du es verstehst. Du warst keine Aktivistin. Die Suffragetten, die für das Wahlrecht nicht nur Briefkästen sprengten, kamen erst gut 100 Jahre nach dir. Aber es gab auch zu deiner Zeit Frauen, die unangepasstere Leben geführt haben, die Forderungen stellten, die ihre Grenzen ohne Rücksichtnahme ausdehnten. Mary Shelley war eine von ihnen.

Du hast deine Umgebung scharf beobachtet, aber du hast keine Pamphlete geschrieben oder wilde Ehen geführt. Trotzdem warst du immer auf der Seite der Frauen. Wer sich bei dir in Mr.Darcy verliebt, hat zuerst sein Herz an Elizabeth Bennet verloren. Wir fühlen mit Fanny Price und niemand verurteilt Marianne Dashwood wegen ihrer Schwärmerei oder Emma Woodhouse wegen ihrer Distanzlosigkeit. Bei dir gibt es Frauen als Menschen, in allen Schattierungen. Es gibt die Guten, die Hinterhältigen, die Einfältigen, die Klugen, die Freundinnen und die, die einem das Messer in den Rücken rammen, wenn man sich wegdreht. Deine Figuren sind keine fehlerlosen Charaktere, wie du in deinen Biografien einer werden solltest und wir lieben sie genau deswegen. Wir spüren ihnen und ihrer Zeit nach und wissen um ihr Schicksal und das aller Frauen, das unausgesprochen zwischen den Seiten steht.

Manchen fällt es nicht leicht, sich ein Bild von dir zu machen, Jane. Zu viel Zeit liegt dazwischen und zu wenige Worte gibt es von dir über dich. Es scheint schwer, sich vorzustellen, dass eine Frau, die ein so scheinbar beschauliches, angepasstes und ereignisloses Leben geführt hat, das nie über Südengland hinausging, trotzdem diese Literatur voller Witz, Schlagfertigkeit, Klugheit und Ironie hervorbrachte. Was sagt das eigentlich über uns? Ich aber, Jane, ich glaube nicht nur, ich weiß, dass es dir sehr gefallen hätte, dass du bald auf einem britischen Geldschein zu sehen sein wirst.

Foto: By Unknown – Coloured version of Jane Austen]University of Texas: http://www.lib.utexas.edu/exhibits/portraits/index.php?img=23, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2588256

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Am 18. Juli 2017 ist der 200. Todestag von Jane Austen. Sie begann zu schreiben, als sie 11 war, veröffentlichte ihren ersten Roman mit 29 und starb mit 41 Jahren. Auf ihrem Grabstein ließ man eingravieren: „In liebevoller Erinnerung an Jane Austen, jüngste Tochter des Pfarrers George Austen.“ Jane als Autorin und ihre Romane werden nicht erwähnt.

An dieser Stelle noch eine kleine Leseempfehlung über die Romane hinaus.

Gastbeitrag: Fleabag ist die beste Serie, die 2016 niemand gesehen hat

Serien sind super. Ganz am Anfang liebte ich Clarissa, dann schaute ich selbstverständlich Beverly Hills und Melrose Place, es folgten Sex and the City, Roswell, The O.C. oder Gilmore Girls. Zuletzt habe ich Good Girls Revolt in einem Rutsch durchgeschaut und bin immer noch sauer, dass keine zweite Staffel in Auftrag gegeben wurde. Und jetzt, wie weiter? Meine fabelhafte Gastautorin weiß Rat. Sie hat eine Serie für uns entdeckt, die bisher völlig zu Unrecht unter dem Radar lag. Und das ist ihr Text dazu. 

Ich liebe Furzwitze. Fäkalhumor ist etwas, was mich mehr zum Lachen bringt, als es ein „kluger“ Witz jemals könnte. Es passiert durchaus, dass ich bei Filmen, wie etwa Deadpool oder Bridesmaids Tränen lachen muss. Viele Menschen scheinen schockiert, wenn sie meine Begeisterung für „unreifen Humor“ entdecken. Ich dachte, das läge daran, dass ich recht ruhig wirken kann, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Oder daran, dass ich generell wohl sehr brav wirke. Das ist sicher mit ein Grund, aber ich glaube, es liegt auch daran, dass ich eine Frau bin.

Man gesteht Frauen immer noch nicht ganz zu, auch mal vulgären Humor zu haben. „Das ist doch nicht schön, diese Witze.

Wenn Ana nicht gerade Serien für uns ausgräbt, schreibt sie ganz wunderbare Texte auf ihrem eigenen Blog. Dort geht es um „alles, was Gefühle in ihr auslöst. Weil es manchmal leichter ist, in die Unendlichkeit des Internets zu brüllen, als seinem Gegenüber zu erzählen, was man gerade denkt.“ Unbedingt vorbeischauen!

Das ziemt sich nicht, solche Wörter in den Mund zu nehmen. Das ist doch alles so grauslich.“ Was zuerst wie ein Kompliment klingt („Frauen sind zu edel und fein, um über Furzwitze zu lachen!“), hat eher etwas von Bevormundung. Indem man Frauen abspricht, Spaß an solchen Dingen zu haben, kann man auch leichter argumentieren, warum man sie etwa in reinen Männerrunden nicht dabeihaben will. Die Mädels sind ja zu zart für den rauen Umgangston, der da herrscht. Langer Rant, kurzer Sinn: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mal einen guten, ein bisschen vulgären Film sehe. Richtig begeistert bin ich, wenn es dann auch noch Frauen in der Hauptrolle gibt, die zeigen, dass das „holde Geschlecht“ nicht nur edel und grazil ist. Sondern auch versaut, manchmal eklig oder schlichtweg einfach nur geil. Weil wir eben Menschen sind und keine eindimensionalen Charaktere, die sich 14jährige Jungs in ihren feuchten Träumen ausdenken.

Und oh mein Gott, hier hat mich Fleabag (Hier könnt ihr den Trailer ansehen.) begeistert. Fleabag ist die Selbstbezeichnung der Hauptdarstellerin, die sich als Cafébesitzerin in London mehr schlecht als recht durchschlägt, ihre vermögende Schwester aber nicht um Geld bitten will, weil ihr Verhältnis angespannt ist. Gleichzeitig hat sie mehrere Liebhaber am Start, aber keiner von ihnen berührt sie emotional wirklich. Was sie hingegen berührt, ja Wunden bei ihr geschlagen hat, ist der Verlust eines geliebten Menschen. Aber keine Sorge, Fleabag ist kein Ich-brauche-Taschentücher-Chick-Flick, das sich hinter zwei lahmen dreckigen Witzen versteckt. Es ist eher das, was die Serie Girls für mich niemals sein konnte: Fleabag schmeißt mir einzelne meiner zahlreichen seltsamen Eigenschaften um die Ohren, aber immer mit einem Lächeln, so dass ich nie wirklich beleidigt bin, um mir dann zum Schluss den Boden unter den Füßen wegzuziehen und mich mit einer meiner größten Ängste zu konfrontieren.

Um einen kitschigen Kraftklub-Song falsch zu zitieren: Ich könnte hier noch seitenweise erzählen, und hätte immer noch nicht mal annähernd gesagt, wie toll Fleabag ist. Deshalb beschreibe ich einfach die fünf Momente, die bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Keine Sorge, ich spoilere nicht.

  • Die Taxifahrt am Ende der ersten Folge. Wie Fleabag in ein paar Sätzen dem Taxifahrer erklärt, warum sie traurig ist, warum sie leidet und wen sie vermisst: Das hat mein Lächeln aus dem Gesicht geweht. Aber der nächste Moment, den Triumph in ihren Augen zu sehen, weil sie jemandem einen Streich gespielt hat: Das passte nur zu gut mit den harten Gitarrenklängen des Outros zusammen und ließ nur einen Gedanken zu: „Was für eine Badass Bitch!“.
  • Die Tampon-Szene im Supermarkt. Der Satz „Just buying these for my tiny bleeding vagina.“ brachte mich dermaßen zum Lachen, dass ich mir seltsame Blicke von meinem Gegenüber eingehandelt habe. Und dann ist diese Szene noch dazu eine gewiefte Kritik an der Sexualisierung von Frauen, die doch verflucht noch mal auch dann noch attraktiv sein sollen, wenn sie aus einer Körperöffnung bluten.
  • Fleabag und ihre Schwester verbringen ein gemeinsames Entspannungs-Wochenende, bei dem ein Schweigegelübde abgelegt und geputzt wird. Eine Männergruppe besucht im Hotel nebenan ein Seminar, bei dem sie den respektvollen Umgang mit weiblichen Kolleginnen/Vorgesetzten/Frauen lernen sollen. Während die Frauen schweigend Hausarbeit verrichten um Achtsamkeit zu lernen, schreien die Männer Gummipuppen Schimpfworte entgegen. Großartig und entlarvend.
  • In der gleichen Folge werden die romantischsten Worte gesprochen, die JEMALS jemand in einer Fernsehserie gesagt hat. Ernsthaft. Ich werde sie hier nicht schreiben, weil es gespoilert wäre. Aber ich zahle jedem einen Kaffee, der mir romantischere Worte im Fernsehen zeigen kann, als die, die der Bank Manager über die Wünsche für seine Frau spricht.
  • Die letzte Folge und der Satz „I thought it’s a café for guinea pigs“. Alles, was in dieser Folge passiert, hat sich in meinen Kopf und mein Herz eingebrannt und obwohl ich zuerst schockiert und überrascht war, bin ich jetzt versöhnt. Weil es so nah dran ist an dem, wie das Leben nun mal ist. Es ist kein Happy End, es ist keine Tragödie. Es geht einfach weiter.

Die beste Nachricht kommt zum Schluss: Fleabag gibt es ab heute endlich auch auf Amazon Prime bei uns. Ich musste mir noch eine DVD-Box aus UK bestellen.

Seht euch die Serie allein an, um zu erkennen, dass ihr nicht wirklich allein seid. Schaut sie euch mit Freundinnen an und findet heraus, wie auch sie sich selbst darin wiederfinden werden. Seht sie euch aber vor allem mit euren Dates an. Je nachdem, bei welchen Szenen sie lachen, könnt ihr entscheiden, wie ernst sie euch nehmen.

Foto: Standbild aus youtube-Trailer