Kategorie: Schönes & Banales

Zehn Dinge, über die ich meine Meinung geändert habe

Gestern las ich etwas darüber, wie ungern wir heute alle unsere Meinung ändern. Wie sehr wir es als Makel empfinden, uns zu revidieren, zuzugeben, dass man die Dinge nochmal durchdacht, neue Erfahrungen gemacht hat und es jetzt ein wenig anders sieht. In dem Artikel stand auch, man solle allen misstrauen, die heute noch das gleiche wie vor zehn Jahren denken. Meine eigenen großen Überzeugungen sind ziemlich gleich geblieben, aber mir sind spontan zehn kleine Dinge eingefallen über die ich meine Meinung geändert habe.

  1. Es gibt Menschen, die meinen es ernst, wenn sie sagen, dass sie Salat mögen. Ich kann sogar eine von ihnen sein.
  2. Kinder sollten in ihrem eigenen Bett schlafen.
  3. Es muss doch möglich sein, das eigene Kind an der Supermarktkasse zu beruhigen.
  4. Ich kann mit meiner Brille vor die Tür gehen. Niemand lacht. Es fällt nicht einmal auf (die Jahre zwischen neun und sechszehn vs. die Zeit danach).
  5. Ein Leben ohne Musiksender ist doch möglich (alle 582x, als ich als Jugendliche für einen Kabelanschluss argumentierte vs. heute).
  6. Extrem gut aussehende, extrovertierte Frauen können nett sein. Sie können sogar meine Freundinnen werden.
  7. Ich werde nie ein Selfie veröffentlichen.
  8. Ich bin doch suchtanfällig. (Danke, Internet.)
  9. Beyoncé ist nicht die coolste Frau der Welt.
  10. Wenn man sich vornimmt, zehn Dinge aufzuschreiben, ist es ok, wenn einem nur neun einfallen.

Foto: flickr – oklanica – CC by 2.0

Beim Frisör

Gestern war ich beim Frisör. Während meine Wimpernfarbe trocknete und ich mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit horchte, hörte ich ein Gespräch mit. Bereits als ich den Laden betrat, bemerkte ich, dass es eine besondere Frau in diesem Salon gab. Die anderen Kundinnen und die Angestellten schielten immer wieder verstohlen zu ihr hinüber. Sie schauten sie so an wie viele Frauen anblicken, die ein bisschen zu auffällig gekleidet, ein bisschen zu stark geschminkt sind – mit einer Mischung aus Ver- und Bewunderung. Ich denke, die Frau war Anfang 70, aber ich bin mir unsicher. Ich kann ältere Frauen schlecht schätzen, vielleicht weil ich in den Medien tatsächlich zu wenige von ihnen zu sehen bekomme und gar nicht weiß, wie weibliches Alter eigentlich aussieht. Aber vielleicht auch nur, weil ich mich mit zu wenigen umgebe.

Die Frau war nicht allein. Neben ihr saß ihre Begleitung. „Meiner Mutter war es immer zu aufwendig, mir Zöpfe zu flechten,“ begann sie zu erzählen, während ich still in ihrem Rücken saß „ich musste ja auch früh mithelfen, wir waren ja sechs. Sie schnitt sie immer kurz und ich beneidete die anderen Mädchen so.“ „Aber danach, Mama,…“ wandte ihre Begleitung ein. „Ach,“ sagte die Frau, „dann kamt ihr und dann war ich doch schon in einem Alter, wo man keine langen Haare mehr trägt, nur bis zur Schulter oder so. Und dann dachte ich, so etwas macht man doch nicht. Das wäre doch eitel. Dabei war das immer mein allergrößter Wunsch.“ „Dein allergrößter Wunsch, Mama?“ fragte die Tochter in diesem Moment fast spöttisch zurück. „DAS war dein größter Wunsch?“ Nur kurz war die Stille, dann antwortete die ältere Frau bestimmt: „Ja, das war er.“

Ich bekam die Farbe von den Augen gewischt, die Haare gefönt und schaute beim Hinausgehen noch einmal genau hin. Auf dem Frisörtisch vor der auffälligen älteren Frau lagen massenhaft sehr lange, sehr blonde Haare. Sie bekam gerade Extensions. Inzwischen hielt ihre Tochter ihre Hand und lächelte. Ihre Mutter hatte rote Augen. Ich glaube, sie weinte immer noch ein wenig.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was ich über diese Frau denken würde, wenn sie mir jetzt auf der Straße entgegen käme – mit ihrem eng anliegenden kurzen Kleid und ihrem Full Frontal-Make Up. Mit diesen hüftlangen blonden Haaren, die mich mehr an Daniela Katzenberger erinnerten als an eine Oma. Ich hätte sie vermutlich irritiert aufgenommen, als Zeichen von Geltungssucht und Narzismus vielleicht. Dabei scheinen diese Zöpfe vielmehr Symbol einer nicht gelebten Kindheit zu sein.

In den letzten Tagen habe ich ein paar Texte gelesen, in denen es darum ging, was Frauen tun, um attraktiv zu sein und zu bleiben. Was von ihnen erwartet wird, was sie für nötig halten, was andere über sie denken, wenn sie Botox nutzen, gebleichte Haare oder falsche Wimpern tragen. Was ist zuviel und was zu wenig? Wann sind wir ganz bei uns und wann nur getrieben von fremden Erwartungen? Warum fällt es auch mir manchmal so schwer zu glauben, dass – im übertragenen Sinn und für die schöne Alliteration – Lippenstift und Literaturinteresse wunderbar zusammengehen? Vielleicht, dachte ich, ist die Antwort gar nicht so schwer: Es wird Zeit. Zeit, dass wir uns unsere eigene Schönheitsgeschichte zurückzuholen und anderen ihre gönnen. Meine geht so: Es macht Spaß, ein bisschen besser auszusehen. Es ist ein gutes Gefühl, attraktiv zu sein. Perfekt hingegen ist langweilig. Und oft sehr, sehr anstrengend. Das geht doch eigentlich ganz gut zusammen, oder?

 

Foto: flickr – Midnight Believer – CC by 2.0

Ich habe den neuen Baywatch gesehen

Die Wege des Herrn sind unergründlich und manchmal führen sie mich in die Neuverfilmung von Baywatch. Mein ursprünglicher Plan war, das schön totzuschweigen und mich vielleicht ein bisschen zu schämen. Und schwupps sitze ich hier und tippe. Der Film war, wie zu erwarten, ein bisschen platt mit viel Humor, der auch bei 5jährigen super einschlagen würde (also viel mit Körperfunktionen), wenn da nicht die ganzen Anspielungen wären, die dazu führten, dass er in den USA ein R+ Rating bekam. (Ich glaube, das ist dann ab 17 freigegeben). Aber hey, für sowas bin ich eigentlich auch mal gern zu haben. Wie ebenfalls zu erwarten war, sind alle in dem Film sehr gut gewachsen und ziemlich knapp bekleidet. Die Brüste sind hochgeschnallt (Moment, nein, sie stehen sogar von allein.) und Zac Efron trägt ein 24 statt eines Sixpacks mit so vielen Adern auf den Oberarmen, dass mir kurz irritiert der Mund offenstand, als er das erste Mal sein T-Shirt auszog. (Um dann zu erfahren, dass wohl auch hier ein paar Special Effects die Muckis nachbearbeitet haben. Und das mir, die doch dachte, dass sie sich auskennt mit Photoshop und so.)

Das eigentlich Interessante aber war, und deswegen schreibe ich das hier: der Film macht das Gleiche, was gerade ein paar lustige Filme machen. Er dreht den Spieß einfach um, was weibliche und männliche Charaktere betrifft. Keine der Frauen hat eine Nacktszene und im Allgemeinen sind sie bis hin zur Bösewichtin die Cleveren. Also, die Frauen wissen, wo’s lang geht und halten die Sache am Laufen. Ein bisschen wie im realen Leben, nur mit weniger an und einem Fünkchen mehr Anerkennung, zumindest finanziell, also so gagetechnisch. Aber ich schweife ab, die Frauen sind also bei Baywatch die Brains (und Bodies, so weit sind wir dann doch nicht), während die Männer ziemliche Idioten sind. Also komplette Idioten, so richtig strohdoof.

Da saß ich also im Kinosessel und dachte: „Aha, so stellt man sich das jetzt in modern mit den Frauen im Film vor.“ Und irgendwie hat es mich ziemlich irritiert. Dass die Männer jetzt also himmelsschreiend blöde sein müssen, damit die Frauen im Film ein bisschen glänzen können. Ist das nötig? Ich dachte an einen Text, den ich vor einer Weile gelesen habe. Es ging um eine Kunstausstellung, die nur Frauen hineinlässt und die Kuratorin sagte sowas wie „So lange wir noch nicht gleichberechtigt sind, braucht es das eben, dass wir alles rigoros umdrehen.“ Also braucht es erstmal auch richtig dümmliche Männerfiguren, wenn die Frauen die stärkeren Charaktere sind? Weil stark neben stark nicht funktioniert und deshalb immer eines der Geschlechter den kürzeren ziehen muss? Aber ist das dann nicht auch wieder dieser auch ziemlich dumme Gegensatz  à la „Männer vom Mars und Frauen von der Venus“, nur eben umgekehrt. Ihr merkt, ich bin unschlüssig. Vielleicht traut sich ja noch jemand zuzugeben, dass sie oder er den Film gesehen hat und lässt mir eine Meinung da.

Das war alles leichter mit 23

Vor einiger Zeit las ich einen Text von einer Autorin, die eigentlich nur ein neues Parfum kaufen wollte. Man empfahl ihr im Laden ungefragt auch ein Anti-Aging-Produkt. Die Autorin war 23. Sie fand es völlig zu recht absurd, dass sie – quasi gerade erst der Clearasilwerbung entwachsen – als nächstes geradewegs die Falten-Vermeidungs-Ware kaufen sollte. „So’n Quatsch“, schrieb sie, „braucht kein Mensch“. Älter werden ist schließlich kein Problem, sondern völlig normal. Und aufgeklärte, selbstbewusste Frauen lassen sich schon gar nicht unsicher machen und für dumm verkaufen. Damit war die Sache für die Autorin erledigt. Solche Texte sind gut und richtig und wichtig. Ich habe selbst ein paar davon geschrieben. Aber es war leichter, sie mit 23 zu schreiben.

Ich weiß nicht mehr genau, wann es begann. Aber irgendwann waren die Kissenfalten auch Stunden nach dem Aufstehen noch da. An manchen Tagen blicken sie mir noch auf dem Weg zur Mittagspause vom Fahrstuhlspiegel aus entgegen. Auf meiner Stirn hat sich eine Runzelfalte festgesetzt, die wohl bezeugt, dass ich viel öfter angestrengt nachdenke, als zu lachen. An meinem Körper gibt es Teile, die lassen sich ziemlich hängen. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sie sich noch einmal zusammenreißen. Mein nächster runder Geburtstag wird eine „4“ auf dem Kuchen haben. Ganz vorn steht die dann.

Ich habe immer noch, genauso wie mein 23jähriges Ich, Trockenshampoo auf Lager und wickele die Haare an bestimmten Tagen mit Vorliebe zum Dutt, um das Kämmen zu vermeiden. Ich verstehe immer noch nicht ganz, wieso man sich die Zähne aufhellt oder Hyaluron-Cremes für 70 Euro braucht. Ich trage gern Sport-BHs, weil ich sie bequem finde. Aber ich verlasse auch das Haus immer häufiger mit Concealer. Ich creme jetzt. Das muss ich zugeben. Und ein Gedanke drängt sich mir auf: War meine Entspanntheit dem eigenen Äußeren gegenüber vielleicht einfach nur ein schönes Privileg, weil ich damals eben nichts davon brauchte, mit 23?

Ich ertappe mich dabei, wie sich meine Unterlippe vor Anspannung kräuselt (und meine Runzelfalte noch tiefer wird), wenn ich im Spiegel konzentriert schaue, ob dies ein graues Haar ist. Wenn ich eines finde, will ich es herausziehen und möglichst schnell verschwinden lassen. Was ist es schließlich mehr als ein sehr greifbares Zeichen meines körperlichen Verfalls? Und dann denke ich an die Haarlocken, die manche von den ersten Haarschnitten ihrer Kinder aufheben. Man legt sie in hübsche kleine Boxen, aber nie würde uns das mit unseren ersten grauen Haaren einfallen.

Es ist nicht so, als hätte mich jemand in kaltes Wasser getunkt und beim Auftauchen wäre mir die eigene Vergänglichkeit schlagartig bewusst geworden. Das Ganze geschieht langsamer, subtiler. Und irgendwann gibt es dann eben ein paar Dinge, die dir verlässlich jeden Tag deutlich machen, dass du nicht immun gegen den Lauf der Zeit bist. (Und wenn es nur die eigenen, viel zu schnell wachsenden, Kinder sind.)

Es ist nicht so, als hätte jetzt eine Spirale nach unten eingesetzt. Aber ich bin sehr wahrscheinlich nicht mehr ganz jung. Ich bin definitiv nicht mehr 23. Das klingt jetzt melancholischer als es gedacht ist. Aber, wenn ich ehrlich bin, habe ich bisher an das Altern eher in einem abstrakten Sinn gedacht. Ich dachte, es wäre etwas, womit ich selbstverständlich umgehen würde. Etwas, das ich problemlos annehmen würde, sobald mein Lächeln (oder das Nachdenken oder die Schwerkraft) die ersten Falten offenlegt. Ich dachte, wenn ich an Stellen zulege, die mir nicht gefallen, würde ich coole weite Leinensachen tragen wie Barbara Streisand in „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“. Und ich würde nicht fanatisch jedes schwarze Haar am Kinn mit der Pinzette jagen. Ich dachte, ich würde so eine ältere Frau sein, die jeden Morgen im Berliner Teufelssee (der mit dem Nacktbadebereich) ihre Runden dreht. Die fröhlich auf dem Fahrrad angeradelt kommt, sich auszieht als ginge es unter die Dusche und dann wieder von dannen radelt. Zufrieden und in sich ruhend.

Die Sache ist aber so. Es ist ziemlich einfach, das zu romantisieren, wenn man denkt, dass nicht nur dieses Alter noch eine ganze lange Weile hin sei, sondern auch seine ersten Anzeichen. Man kann sich leichter ausmalen, wie man sich fühlen wird, bevor das Gesicht langsam nach unten fällt und man immer häufiger gefragt wird, wieso man so böse schaut. Und dann liest man plötzlich doch die Antifaltenanzeigen und bei den Werbespots für Haarfärbemittel geht es nicht mehr nur ums fröhliche Experimentieren mit Farben. Werde ich jetzt zu der Frau, von der erwartet wird, in Zukunft die Abende mit Plastikhandschuhen und Farbtuben zu verbringen? Wie viele Stunden meines Lebens werde ich nun cremen und auf das Einwirken der Farbe warten? Und das Schlimmste an der Sache, das Ganze ist nicht so oberflächlich und äußerlich, wie es mir mit 23 schien. Meine Falten sind auch Anzeichen dafür, dass tatsächlich etwas vergeht. Dass sich auch in mir drin etwas verändert, meine eigene Vergänglichkeit wird mir bewusst.

Und jetzt? Ich glaube, wir sollten in jedem Alter versuchen, selbstbewusst unsere eigene Schönheitsgeschichte zu schreiben. Unabhängig von den Versprechungen, Verlockungen und vor allem Zweifeln, die Kosmetikindustrie und Werbung in uns setzen. Aber diese Schönheitsgeschichte ist eben auch nie zu Ende, wir schreiben ständig an ihr weiter. Das jetzt, das bin auch ich. Und mir wird eines sehr bewusst. Die Texte mit 23 waren gut und richtig und wichtig. Aber ich glaube, jetzt zählt es wirklich. Altern an sich ist kein rebellischer Akt, keine wohldurchdachte Ablehnung der medialen Zerrbilder, wie eine attraktive Frau auszusehen hat. Es ist einfach unvermeidlich. Vermeidlich ist aber auch, sich selbst zu verlieren. Daran glaube ich immer noch. Man selbst zu bleiben, auch angesichts des immer präsenten Rauschens, mal lauter, mal leiser, was uns zuflüstert, wie wir sein sollten und sein könnten, das ist das Schwierige. Das Rauschen, in dem nicht nur die äußerlichen Anzeichen des Alters zu hören sind, sondern auch die ganzen Annahmen, die sonst mitschwingen. Dass die meisten Frauen, wenn sie älter werden, quasi zwangsläufig weniger ambitioniert und sichtbar sind. Welche Frau hat sich mit 50 nochmal neu erfunden?

Es war einfacher mit 23 Texte darüber zu schreiben, das Alles einfach zu überhören. Ich habe den Verdacht, die richtige Arbeit geht jetzt erst los.

Foto: flickr – simpleinsomnia – CC by 2.0

Gastbeitrag: Fleabag ist die beste Serie, die 2016 niemand gesehen hat

Serien sind super. Ganz am Anfang liebte ich Clarissa, dann schaute ich selbstverständlich Beverly Hills und Melrose Place, es folgten Sex and the City, Roswell, The O.C. oder Gilmore Girls. Zuletzt habe ich Good Girls Revolt in einem Rutsch durchgeschaut und bin immer noch sauer, dass keine zweite Staffel in Auftrag gegeben wurde. Und jetzt, wie weiter? Meine fabelhafte Gastautorin weiß Rat. Sie hat eine Serie für uns entdeckt, die bisher völlig zu Unrecht unter dem Radar lag. Und das ist ihr Text dazu. 

Ich liebe Furzwitze. Fäkalhumor ist etwas, was mich mehr zum Lachen bringt, als es ein „kluger“ Witz jemals könnte. Es passiert durchaus, dass ich bei Filmen, wie etwa Deadpool oder Bridesmaids Tränen lachen muss. Viele Menschen scheinen schockiert, wenn sie meine Begeisterung für „unreifen Humor“ entdecken. Ich dachte, das läge daran, dass ich recht ruhig wirken kann, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Oder daran, dass ich generell wohl sehr brav wirke. Das ist sicher mit ein Grund, aber ich glaube, es liegt auch daran, dass ich eine Frau bin.

Man gesteht Frauen immer noch nicht ganz zu, auch mal vulgären Humor zu haben. „Das ist doch nicht schön, diese Witze.

Wenn Ana nicht gerade Serien für uns ausgräbt, schreibt sie ganz wunderbare Texte auf ihrem eigenen Blog. Dort geht es um „alles, was Gefühle in ihr auslöst. Weil es manchmal leichter ist, in die Unendlichkeit des Internets zu brüllen, als seinem Gegenüber zu erzählen, was man gerade denkt.“ Unbedingt vorbeischauen!

Das ziemt sich nicht, solche Wörter in den Mund zu nehmen. Das ist doch alles so grauslich.“ Was zuerst wie ein Kompliment klingt („Frauen sind zu edel und fein, um über Furzwitze zu lachen!“), hat eher etwas von Bevormundung. Indem man Frauen abspricht, Spaß an solchen Dingen zu haben, kann man auch leichter argumentieren, warum man sie etwa in reinen Männerrunden nicht dabeihaben will. Die Mädels sind ja zu zart für den rauen Umgangston, der da herrscht. Langer Rant, kurzer Sinn: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mal einen guten, ein bisschen vulgären Film sehe. Richtig begeistert bin ich, wenn es dann auch noch Frauen in der Hauptrolle gibt, die zeigen, dass das „holde Geschlecht“ nicht nur edel und grazil ist. Sondern auch versaut, manchmal eklig oder schlichtweg einfach nur geil. Weil wir eben Menschen sind und keine eindimensionalen Charaktere, die sich 14jährige Jungs in ihren feuchten Träumen ausdenken.

Und oh mein Gott, hier hat mich Fleabag (Hier könnt ihr den Trailer ansehen.) begeistert. Fleabag ist die Selbstbezeichnung der Hauptdarstellerin, die sich als Cafébesitzerin in London mehr schlecht als recht durchschlägt, ihre vermögende Schwester aber nicht um Geld bitten will, weil ihr Verhältnis angespannt ist. Gleichzeitig hat sie mehrere Liebhaber am Start, aber keiner von ihnen berührt sie emotional wirklich. Was sie hingegen berührt, ja Wunden bei ihr geschlagen hat, ist der Verlust eines geliebten Menschen. Aber keine Sorge, Fleabag ist kein Ich-brauche-Taschentücher-Chick-Flick, das sich hinter zwei lahmen dreckigen Witzen versteckt. Es ist eher das, was die Serie Girls für mich niemals sein konnte: Fleabag schmeißt mir einzelne meiner zahlreichen seltsamen Eigenschaften um die Ohren, aber immer mit einem Lächeln, so dass ich nie wirklich beleidigt bin, um mir dann zum Schluss den Boden unter den Füßen wegzuziehen und mich mit einer meiner größten Ängste zu konfrontieren.

Um einen kitschigen Kraftklub-Song falsch zu zitieren: Ich könnte hier noch seitenweise erzählen, und hätte immer noch nicht mal annähernd gesagt, wie toll Fleabag ist. Deshalb beschreibe ich einfach die fünf Momente, die bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Keine Sorge, ich spoilere nicht.

  • Die Taxifahrt am Ende der ersten Folge. Wie Fleabag in ein paar Sätzen dem Taxifahrer erklärt, warum sie traurig ist, warum sie leidet und wen sie vermisst: Das hat mein Lächeln aus dem Gesicht geweht. Aber der nächste Moment, den Triumph in ihren Augen zu sehen, weil sie jemandem einen Streich gespielt hat: Das passte nur zu gut mit den harten Gitarrenklängen des Outros zusammen und ließ nur einen Gedanken zu: „Was für eine Badass Bitch!“.
  • Die Tampon-Szene im Supermarkt. Der Satz „Just buying these for my tiny bleeding vagina.“ brachte mich dermaßen zum Lachen, dass ich mir seltsame Blicke von meinem Gegenüber eingehandelt habe. Und dann ist diese Szene noch dazu eine gewiefte Kritik an der Sexualisierung von Frauen, die doch verflucht noch mal auch dann noch attraktiv sein sollen, wenn sie aus einer Körperöffnung bluten.
  • Fleabag und ihre Schwester verbringen ein gemeinsames Entspannungs-Wochenende, bei dem ein Schweigegelübde abgelegt und geputzt wird. Eine Männergruppe besucht im Hotel nebenan ein Seminar, bei dem sie den respektvollen Umgang mit weiblichen Kolleginnen/Vorgesetzten/Frauen lernen sollen. Während die Frauen schweigend Hausarbeit verrichten um Achtsamkeit zu lernen, schreien die Männer Gummipuppen Schimpfworte entgegen. Großartig und entlarvend.
  • In der gleichen Folge werden die romantischsten Worte gesprochen, die JEMALS jemand in einer Fernsehserie gesagt hat. Ernsthaft. Ich werde sie hier nicht schreiben, weil es gespoilert wäre. Aber ich zahle jedem einen Kaffee, der mir romantischere Worte im Fernsehen zeigen kann, als die, die der Bank Manager über die Wünsche für seine Frau spricht.
  • Die letzte Folge und der Satz „I thought it’s a café for guinea pigs“. Alles, was in dieser Folge passiert, hat sich in meinen Kopf und mein Herz eingebrannt und obwohl ich zuerst schockiert und überrascht war, bin ich jetzt versöhnt. Weil es so nah dran ist an dem, wie das Leben nun mal ist. Es ist kein Happy End, es ist keine Tragödie. Es geht einfach weiter.

Die beste Nachricht kommt zum Schluss: Fleabag gibt es ab heute endlich auch auf Amazon Prime bei uns. Ich musste mir noch eine DVD-Box aus UK bestellen.

Seht euch die Serie allein an, um zu erkennen, dass ihr nicht wirklich allein seid. Schaut sie euch mit Freundinnen an und findet heraus, wie auch sie sich selbst darin wiederfinden werden. Seht sie euch aber vor allem mit euren Dates an. Je nachdem, bei welchen Szenen sie lachen, könnt ihr entscheiden, wie ernst sie euch nehmen.

Foto: Standbild aus youtube-Trailer