Kategorie: Bücher & Leseempfehlungen

Hallo zweites Buch!

Mein neues Buch ist da. Es heißt „Freundinnen“ und ist anders als das erste. Auch dort gab es schon persönliche Anekdoten, jetzt habe ich noch mehr erzählt.
Das Buch nahm in einer Zeit Gestalt an, in der in meinem Leben viel passierte. Schicksalsschlag könnte man es nennen, eine Krise vielleicht. Etwas, das die Dinge in Frage stellt: Prioritäten, eingeschlagene Wege, Zukunftsvorstellungen. Ich las viele Memoiren und von persönlichen Geschichten inspirierte Bücher. Vielleicht, weil man unbewusst auf andere und in ihre Leben schaut, wenn man eine Richtung sucht. Ich überlegte, dass wir eigentlich nur über Geschichten, über Bruchstücke unserer Erinnerung etwas voneinander  erfahren. Wenn ich frage: „Wie war deine Kindheit?“, dann bekomme ich eine andere Antwort als wenn ich frage „Wer hat dir die Zähne geputzt, wer hat dir vorgelesen, deine Haare geflochten?“

Am Anfang dieses Buches stand ein diffuses Gefühl. Weil ich selbst oft genervt dastand und dachte „Oh Mann, Menschen!“ Das machte mich traurig. Unsere Unterschiede und unser „Ich“ betonen wir gern und stellen sie nach vorn. Wir sieben Menschen aus, bezeichnen sie als „toxisch“, finden für die Verhaltensweisen anderer schnelle Diagnosen. Dabei sind es oft nicht die Menschen an sich, die uns verärgern, sondern die Umstände.

Es ist unser schnelles, vollgepacktes Leben, das wenig Zeit bietet, um durchzuatmen, uns einzulassen, wirklich für andere da zu sein. Zu oft flicken wir nur uns selbst schnell wieder zusammen, damit es am nächsten Tag weitergehen kann. Es scheint  die einfachere Lösung, uns zu entfernen, Beziehungen zu beenden oder einschlafen zu lassen. Dabei zeigen so viele Studien, dass es nicht nur gesunde Ernährung und Bewegung sind, die uns gesund halten, sondern vor allem Beziehungen. Von Zufriedenheit und dem ominösen Glück ganz zu schweigen.

Ich habe in meiner Krise erlebt, wie schön es ist, wenn Menschen da sind. Ich wollte ein Buch schreiben, das über meine Geschichten an eigene Freundschaften und Beziehungen erinnert. Eines, das Mut macht, ihnen mehr Zeit zu schenken. Nicht, weil sie Konten sind, auf die wir einzahlen und die dann eine bestimmte Rendite bringen. Nicht weil sie Versicherungen gegen die Einsamkeit wären, sondern, weil sie uns in all ihren Phasen zu Menschen machen und unser Leben lebenswert. Ich glaube, wir existieren erst über den Blick der anderen wirklich.

Lohnt es sich überhaupt Freundschaften zu schließen, wenn manche so böse auseinander gehen, habe ich mich manchmal während des Schreibens gefragt. Ja, würde ich immer sagen. Weil immer etwas bleibt. Nie ist alles weg, nie alles zerstört. Immer hat man etwas voneinander und über sich selbst mitgenommen. Es ist wie mit der Liebe. Auch nach dem größten Herzschmerz lieben wir irgendwann weiter. Das ist die Sache mit der Liebe und dem Untertitel des Buches (Freundinnen – Die andere große Liebe, nur besser). Denn in der Liebe nehmen wir Auf und Abs selbstverständlicher in Kauf.

Freundschaften stellen wir schneller hinten an. Gerade, wenn sie vermeintlich der Liebe im Weg stehen. Dabei sind sie genauso wertvoll, die andere große Liebe eben. Dafür müssen wir in sie investieren. Manchmal vergessen wir zur Feier unserer Individualität andere einzuladen. Freundschaften sind wesentlich. Sie zu erhalten beduetet da zu sein, auch wenn einem nicht einhundertprozentig danach ist.

Es ist viel Herz in dieses Buch geflossen, viel Zeit sowieso. Ich hoffe, dass es seine Leserinnen findet und dass es Mut und Lust auf andere Menschen macht. Auf die kleinen und großen Glückmomente mit ihnen genauso wie auf die Talfahrten. Ein wenig mehr „wir“ kann uns allen nur gut tun.

Foto: The New York Times photo archive, via their online store, here (via Wikicommons)

Liebe Jane… – Zum 200. Todestag von Jane Austen

Was wüssten wir von dir, liebe Jane, wenn es die Männer in deinem Leben nicht gegeben hätte? Deinen Vater, den Pfarrer, der seinen Töchtern genauso wie seinen Söhnen die heimische Bibliothek öffnete. Der dich vermutlich zuhören ließ, wenn er im Pfarrhaus andere Jungen unterrichtete, die er in Pension genommen hatte. Den Verleger, der deinen ersten Roman herausbrachte. Deinen Bruder und deinen Neffen, die mit ihren Biografien deinen posthumen Ruhm befeuerten. Und nicht zuletzt andere große Schriftsteller wie Walter Scott und Coleridge, die dein Talent lobten. Deine Schwester Cassandra, engste Vertraute ein Leben lang, deine Seelenverwandte, die dich pflegte und in deinen letzten Stunden bei dir war, hat hingegen die meisten deiner Briefe verbrannt. Wahrscheinlich wollte sie dich schützen Jane, denn es war eine Männerwelt, in der ihr gelebt habt. So schrieben Männer deine Geschichte. Dein Bruder benannte deine letzten beiden Romane und veröffentlichte sie. Er hatte schon zu Lebzeiten für dich mit Verlegern verhandelt. In der Veröffentlichung nannte er zum ersten Mal deinen Namen. (Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt ein offenes Geheimnis war, dass du die Autorin warst.) Diese Romane ergänzte dein Bruder um eine Kurzbiografie. Später schrieb dein Neffe ein ganzes Buch über dich.

Hier entstand es, dieses Bild von dir, das so gut zum einzigen Portrait zu passen scheint, was wir von dir kennen (und das deine Schwester Cassandra gemalt hat). Attraktiv warst du, schreiben sie, filigran, schön innen wie außen, mit fehlerlosem Charakter. Du wusstest dich immer zu benehmen. Ein zurückgezogenes Leben hast du geführt. Nie sagtest du einen unüberlegten Satz und hast entschieden, dich einfach nicht zu Dingen zu äußern, von denen du nichts wusstest, Dinge wie die Politik oder das Staatswesen. Deine Hände konnten nicht nur schreiben, sie waren mindestens genauso gut in Stickerei und anderen Handarbeiten. Überhaupt, das Schreiben. Du schriebst, weil du deine Familie unterhalten wolltest, wie es Frauen damals taten, meist aber mit Musik, Singen oder Vorlesen.

Ich glaube, du warst nicht zurückgezogen, Jane. Ich glaube, du warst mindestens genauso schlagfertig und ironisch wie deine Heldin Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil. Ich glaube nicht an das Bild, dass du dein Manuskript unter deiner Stickerei versteckt hast, sobald jemand zur Tür hinein kam. Dass du deshalb niemanden die quietschende Türschwelle hast reparieren lassen, die dir zuverlässig Besucher ankündigte. Das tun die meisten Literaturwissenschaftler*innen auch nicht mehr. Sie meinen, dass du viele Freundinnen hattest, das du ein Leben voller Menschen geführt hast, nicht nur mit Menschen aus deiner Familie. Und dass diese Menschen wussten, dass du schreibst, dass du deine Texte vielleicht mit ihnen besprochen hast, dass manche von ihnen sogar ein wenig Angst hatten, einmal in einem deiner Romane zu enden, in denen du scharfzüngig die Figuren beschriebst.

Ich glaube, deshalb hat Cassandra deine Briefe verbrannt. Weil sie wusste, dass das Bild einer Autorin auch über die Beliebtheit ihrer Werke entscheiden würde und du trotz deiner wunderbaren Romane den Makel der Kinder-und Ehelosigkeit trugst. In deinen Romanen durfest du ironisch und scharfzüngig sein, aber war man bereit für eine Jane, die sich auch im echten Leben so äußerte? Cassandra wusste um das, was dir das Wichtigste war. Das Schreiben.

Ich glaube, du warst zielstrebig, Jane. Du wolltest erfolgreich sein. Jahrzehntelang hast du geschrieben, editiert, verändert und gehofft. Du hast viel unternommen, um veröffentlicht zu werden. Romane waren damals ein neues Genre, das sich Frauen erobern konnten. Wärst du heute vielleicht Bloggerin geworden? Deine Ironie und dein Witz hätten sich gut auf Twitter gemacht. Du hast es genossen, Jane, als die ersten 140 Pfund eintrafen. Du hast die Summen genau beziffert und sie in Briefen benannt. Du warst stolz. Du kannstest ärmliche Verhältnisse, du kanntest das schale Gefühl der Abhängigkeit, das Betteln-müssen, weil du nie die Sicherheit einer Ehe hattest. Und weißt du was, Jane? Mit Blick auf die Situation vieler Alleinerziehender und drohender Altersarmut bei Frauen scheint das heute alles gar nicht so weit weg zu sein, wie wir es gern hätten.

Man sieht es auch in deinen Romanen, Jane. Auch, wenn dich heute viele als romantische Autorin lesen, die die Liebe feiert, spielt Geld darin eine mindestens genauso große Rolle. Für Männer bedeutete es Status, für Frauen bedeutete es alles. Du beschreibst in Stolz und Vorurteil spöttisch Mrs. Bennet und ihre Bemühungen, fünf Töchter zu verheiraten, aber ich glaube, du hattest tiefe Sympathien für sie. Verheiratet zu sein war eine existenzielle Notwendigkeit. Kaum jemand schreibt so offen über Geld wie du. Wenn die Forschung heute wissen will, was man in deiner Zeit brauchte um zu überleben, für ein gutes Leben, für ein sehr gutes Leben, dann schaut sie in deine Bücher. Denn du nennst die Zahlen. Wenn du eines eigentlich nicht bist, das finde ich wirklich Jane, ist es sentimental und romantisch. Du beschreibst auch die Liebe mit spitzer Feder. Du gönnst deinen Heldinnen einen Partner, eine Ehe, aber eigentlich gönnst du ihnen finanzielle Sorglosigkeit, ein gutes Leben. „Ich wusste immer, dass du nur einen Mann akzeptieren könntest, der dir ebenbürtig ist.“ sagt Mr.Bennet am Ende zu seiner Tochter Elizabeth und ich weiß, du meinst eine Partnerschaft auf Augenhöhe, Jane, die so auch Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit versprechen konnte.

Dass die Realität nicht deine Romane waren, wusstest du nur zu gut. Vielleicht enden sie deshalb alle mit der Eheschließung und erzählen die Geschichten nie weiter als bis an diesen Punkt. Deine eigene Chance auf das vermeintliche Glück hast du verstreichen lassen und eine mögliche Ehe ausgeschlagen. Obwohl sie dir finanzielle Sicherheit versprochen hätte. Harris Bigg Wither hätte mit seinen Ländereien eigentlich auch gut eine deiner Romanfiguren sein können. Aber du wolltest ihn nicht heiraten. Weil du nur aus Liebe heiraten wolltest, sagen manche. Ich glaube, du wusstest, dass eine Ehe mit Kindern das Ende bedeutet hätte, selbst wenn sie nach den Standards deiner Zeit glücklich gewesen wäre. Das Ende deines Schreibens, das Ende deiner Kreativität und Unabhängigkeit. Wenn du und die Kinder das Kindbett überlebt hätten, wären andere Verpflichtungen gekommen. Es war eine dunkle, eine kalte Zeit, ohne elektrisches Licht und Zentralheizung. Sie war entbehrungsreich und ganz anders als in den Serien und Filmen, die wir heute zu deinen Büchern kennen. Die, die die englische Landschaft und die Menschen darin weichzeichnen. Ein wenig nur ahnt man es in der Stolz und Vorurteil-Verfilmung mit Keira Knightley, in der es zieht, die Schweine durch den dreckigen Hof laufen und die Rocksäume immer ordentlich eingeschlammt sind.

Ich glaube, du warst eine fantastische Beobachterin Jane, du hast deine Gesellschaft besser verstanden als viele Männer. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dir ein Zimmer für dich allein überhaupt gefallen hätte, wie es dir Virginia Woolf gewünscht hat oder eine andere Zeit, um darin zu leben, wie Simone de Beauvoir fand. Ich glaube, du warst knallharte Realistin. Genau wie deine Schwester Cassandra, die deine Briefe verbrannte. In einem Brief, den sie übrig ließ, beschreibst du deine Romane als deine Kinder. Das ging. Das versprach ein wenig den traditionellen Weg, den man für Frauen vorgesehen hatte. Du wurdest zur Mutter auch ohne Kinder, über deine Bücher. Ich glaube, du hast noch über viele andere Dinge geschrieben. Vielleicht über deine Liebesbeziehung in Bath, die du bewusst dort gelassen hast, obwohl du wohl sehr verliebt warst. Oder vielleicht darüber, dass du dir selbst einfach genug warst, eine Vorstellung von einer Frau in den 30ern, die noch heute viele irritiert.

Denn deine Heldinnen sind nicht nur auf der Suche nach der großen Liebe, sie sind auf der Suche nach sich selbst. Deshalb lehnen auch sie Heiratsanträge ab, stellen bei Konversationen die vermeintlich falschen Fragen (wie Fanny Price, die in Mansfield Park die Sklavenhaltertätigkeiten des Hausherren anspricht). Sie fügen sich nicht in alle Konventionen, einfach nur, um einen Mann zu finden. Aber sie passen sich an und die Liebe überfällt sie irgendwann wie ein unvorhergesehenes Ereignis. Damit, liebe Jane, hast du uns wohl die größte Hypothek mitgegeben. Mit diesem Versprechen, dass man das Glück und sich selbst finden kann, wenn man den Einen findet. Aber was hätte es anderes gegeben, in deiner Zeit, die die Versorgerehe langsam zur bürgerlichen Liebesehe umdeutete – für dich selbst als Jane, die unverheiratete Pfarrerstochter und für Jane, die Autorin, die sich finanzielle Sicherheit erschreiben wollte?

Du hast um das Alles und die Zwänge gewusst und es wird dich mehr als einmal tief geschmerzt haben. Wenn ich versuche, dir nachzuspüren, kommt mir diese Udo Lindenberg-Textzeile in den Sinn: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“ Ich glaube, unabhängig von deiner Schreibkunst und der Zeitlosigkeit deiner Figuren, bist du deinen Leserinnen heute deswegen immer noch so nah. Weil du es verstehst. Du warst keine Aktivistin. Die Suffragetten, die für das Wahlrecht nicht nur Briefkästen sprengten, kamen erst gut 100 Jahre nach dir. Aber es gab auch zu deiner Zeit Frauen, die unangepasstere Leben geführt haben, die Forderungen stellten, die ihre Grenzen ohne Rücksichtnahme ausdehnten. Mary Shelley war eine von ihnen.

Du hast deine Umgebung scharf beobachtet, aber du hast keine Pamphlete geschrieben oder wilde Ehen geführt. Trotzdem warst du immer auf der Seite der Frauen. Wer sich bei dir in Mr.Darcy verliebt, hat zuerst sein Herz an Elizabeth Bennet verloren. Wir fühlen mit Fanny Price und niemand verurteilt Marianne Dashwood wegen ihrer Schwärmerei oder Emma Woodhouse wegen ihrer Distanzlosigkeit. Bei dir gibt es Frauen als Menschen, in allen Schattierungen. Es gibt die Guten, die Hinterhältigen, die Einfältigen, die Klugen, die Freundinnen und die, die einem das Messer in den Rücken rammen, wenn man sich wegdreht. Deine Figuren sind keine fehlerlosen Charaktere, wie du in deinen Biografien einer werden solltest und wir lieben sie genau deswegen. Wir spüren ihnen und ihrer Zeit nach und wissen um ihr Schicksal und das aller Frauen, das unausgesprochen zwischen den Seiten steht.

Manchen fällt es nicht leicht, sich ein Bild von dir zu machen, Jane. Zu viel Zeit liegt dazwischen und zu wenige Worte gibt es von dir über dich. Es scheint schwer, sich vorzustellen, dass eine Frau, die ein so scheinbar beschauliches, angepasstes und ereignisloses Leben geführt hat, das nie über Südengland hinausging, trotzdem diese Literatur voller Witz, Schlagfertigkeit, Klugheit und Ironie hervorbrachte. Was sagt das eigentlich über uns? Ich aber, Jane, ich glaube nicht nur, ich weiß, dass es dir sehr gefallen hätte, dass du bald auf einem britischen Geldschein zu sehen sein wirst.

Foto: By Unknown – Coloured version of Jane Austen]University of Texas: http://www.lib.utexas.edu/exhibits/portraits/index.php?img=23, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2588256

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Am 18. Juli 2017 ist der 200. Todestag von Jane Austen. Sie begann zu schreiben, als sie 11 war, veröffentlichte ihren ersten Roman mit 29 und starb mit 41 Jahren. Auf ihrem Grabstein ließ man eingravieren: „In liebevoller Erinnerung an Jane Austen, jüngste Tochter des Pfarrers George Austen.“ Jane als Autorin und ihre Romane werden nicht erwähnt.

An dieser Stelle noch eine kleine Leseempfehlung über die Romane hinaus.

„Der Traum, ein Buch zu schreiben war immer da.“ – Frau Margarete, ihre Leidenschaft und eine erfolgreiche Verlagssuche

Schon eine Weile habe ich die Idee. Es sollen mehr coole Frauen ins makellosmag. Solche, die spannende Dinge tun oder Spannendes zu erzählen haben. Deshalb gibt es nun auch die Gastbeiträge. Selbst nachfragen will ich auch von Zeit zu Zeit. Wie heute bei Katie. Sie erzählt über ihre Leidenschaft fürs Schreiben und wie das Ganze zum Buchvertrag führte. Und gibt Tipps für alle, die auch den Traum vom Cover mit eigenem Namen darauf träumen.***

Schreiben ist nicht nur Katies liebstes Hobby, es ist viel mehr. Ihr geht es wie mir, wenn die Idee da ist, kann sie nicht nicht schreiben – egal ob es ein Blogbeitrag oder Seiten für einen Roman sind. Erste Geschichten hat sie früher an ihre Eltern verschenkt, eine Figur begleitet sie bereits seit 12 Jahren. Als eine Lehrerin sie ermunterte vor der Klasse vorzulesen, tat sie ihr allerdings keinen Gefallen.

KatieKleinEs gibt eine Menge tolle schreibende Frauen im Internet. Katie kenne ich über ihren Blog, der schnell zu meiner Instanz geworden ist, wenn es um Filme und Serien geht. Denn darum geht es unter anderem auf Frau Margarete. Neben schön geschriebenen Alltagsgeschichten findet man dort auch eine empfehlenswerte Monatsrückschau in die Blogs der Anderen. Ihr solltet also unbedingt einmal vorbeilesen. Und das sage ich nicht nur, weil mir Menschen, die so lässig zu ihrem Fantum für Jake Gyllenhaal stehen, einfach sowieso grundsympathisch sind.

Sich im geschriebenen Wort auszudrücken fällt ihr noch heute manchmal leichter als im Gesprochenen. Wenn ein Witz im Kopf sehr komisch klingt, man aber nur irritierte Blicke erntet, wenn er den Mund verlässt. Auch das kenne ich. Auf ihrem Blog kann man ihr übrigens ein wenig über die Schulter schauen. Sie liebt Statistiken und ihre Tabellen und Zahlen zum Schreibfortschritt begeistern mich immer wieder. Wie Excel und Kreativität zusammengehen und was sie sonst zum Schreiben braucht, habe ich sie gefragt:

Selbstrechnende Tabellen und kreatives freies Schreiben wie beim WriYoBo (Schreib ein eigenes Buch-Challenge), bei der du mitgemacht hast, wie geht das zusammen? 

Meine Tabellen und Zahlen dienen in erster Linie mir zur Orientierung. Ich könnte mich den ganzen Tag mit Listen befassen. Zunächst macht mir sowas also einfach Spaß. Ich kann ohne Planung nicht schreiben und die Entwicklung von Figuren und Handlung ist ja ebenso ein kreativer Prozess wie das Ausformulieren beim Schreiben. Ich möchte, dass das, was ich schreibe, auch gut wird und dafür brauche ich einen roten Faden, an dem ich mich entlang hangeln kann. Wo geht die Geschichte hin? Was wird noch passieren? Wer spielt eine Rolle? Außerdem geht es bei den Projekten ja auch darum, bestimmte Ziele zu erreichen. Beim WriYoBo ist mein persönliches Ziel 18.000 Worte im Monat – da habe ich einfach gerne eine Übersicht, wie viel ich schon geschafft habe und was noch zu tun ist. Wenn es mal wieder irgendwo klemmt, schaue ich mir meine Zahlen an und weiß „Das hast du schon mal geschafft, das schaffst du diesen Monat wieder.“ Für mich ist Schreiben also nicht nur das Aufschreiben der Geschichte, sondern auch alles was drumherum passiert.

Was brauchst du zum Schreiben? 

Musik, unbedingt! Ich setze mir meine großen Kopfhörer auf und tauche ganz in die Geschichte ein. Manchmal so sehr, dass ich mich erschrecke, weil mein Freund plötzlich neben mir steht und ich nicht bemerkt habe, dass er zur Tür hereingekommen ist. Welche Musik ich höre, hängt von meiner Stimmung ab und davon, was ich gerade schreibe. Manchmal brauche ich etwas Lautes wie Linkin Park. Manchmal aber auch ganz romantische oder traurige Songs von John Legend oder Hozier. Und wenn die Figuren in meinem Buch gerade feiern gehen, dann höre ich auch schon mal die Best-Of-Alben von Britney und Christina durch.

Außerdem brauche ich zum Schreiben Ruhe und Zeit. Ich denke, ich schreibe eher langsam und manchmal brauche ich ein bisschen, bis ich wieder vollkommen drin bin in der Geschichte. Deswegen schreibe ich vor allem abends, wenn ich nichts anderes mehr vor habe. Wenn ich weiß, dass ich z.B. in einer Stunde aus dem Haus muss, kann ich nicht schreiben. Eigentlich funktioniert Zeitdruck für mich immer ganz gut, z.B. bei Arbeiten in der Uni, beim Schreiben aber gar nicht.


Katie bewundert Astrid Lindgren und Joanne K. Rowling für die Erschaffung ihrer einzigartigen Welten und als Persönlichkeiten, die gesellschaftlich und politisch engagiert waren und sind. Jane Austens clevere Frauenfiguren in einer Zeit, in der Frauen nicht viel Raum zur Cleverness gegeben wurde, nennt sie ebenso wie Jeder Moment ist Ewigkeit von Kriegsfotografin Lynsey Addario, wenn man sie fragt, welche Bücher sie begeistert haben. Bald wird sie selbst begeistern. Denn sie hat das geschafft, wovon viele träumen. Wie sie zu ihrem Verlag kam, habe ich mir natürlich auch erzählen lassen. 

Was war zuerst da, der Wunsch, ein Buch zu schreiben oder die Idee dazu?

Der Wunsch ein Buch zu schreiben war definitiv zuerst da. Davon habe ich wirklich schon lange geträumt. Ganz konkret wurde dann alles im November 2014, als ich zum ersten Mal am NaNoWriMo teilnahm. Ich arbeitete an einer Geschichte, es gab im Prinzip nur eine Szene, eine dieser Ideen. Aber während ich schrieb, reifte in mir der Gedanke, dass dies die Geschichte sein könnte – die, die es irgendwann mal in ein Buch schaffen könnte. Und dann schrieb ich im November und Dezember rund 60.000 Worte. Ohne große Überarbeitung gab ich das Manuskript an Freundinnen, die es gelesen und für gut befunden haben. Aber auch einige Kritik vorbrachten. Und so habe ich ein ganzes Jahr damit verbracht, diese erste Rohfassung zu überarbeiten. Ich habe die Geschichte dann noch einmal überarbeitet, nachdem ich den Buchvertrag bereits hatte. Vermutlich würde ich sie jetzt immer noch überarbeiten, wenn ich das Manuskript nicht schon abgeschickt hätte. Ich freue mich jedenfalls darauf, wenn meine Lektorin mit ihrer Arbeit beginnt und ich noch ein wenig an den Details feilen kann.

Wie ging es dann weiter? 

Ich spielte mit dem Gedanken, das Buch als Selfpublisher zu veröffentlichen, weil einem im Internet nicht besonders viel Mut gemacht wird, wenn es um die Verlagssuche geht. „Verlage nehmen keine Debütautoren“, „Da kommst du ohne Agenten nie rein“, „Das dauert Monate“ – da hatte ich wirklich Angst vor. Aber dann dachte ich mir, ein Versuch kostet nichts. Mein Freund hat mich in dieser Sache außerdem sehr motiviert und unterstützt (Okay, ein bisschen erpresst. „Wenn du das Manuskript nicht abschickst, tu ich es“ waren seine Worte.) Deswegen habe ich mir ein paar Verlage ausgesucht, an die ich mein Manuskript bzw. eine Leseprobe senden wollte. Darunter waren große und kleine Verlage, ganz verschieden. Wichtig ist natürlich, dass man schaut, dass der Verlag auch das Genre anbietet, in dem man schreibt. Auf den Amrûn Verlag wurde ich durch das Schreibnacht-Forum aufmerksam bzw. über die Autorin Katharina Wolf, die ebenfalls dort veröffentlicht hat. 


Katie versuchte ihr Glück und schickte eine Mail. Die Antwort kam sofort. Sie hatte vergessen, die Leseprobe mitzuschicken und nur das Exposé angehängt. „Souveräner erster Auftritt.“ sagt sie und lacht.

3289017683_3e636acf3a_m1. Glaube an dich und deine Ideen, aber verschließe dich nicht vor Kritik. Die Idee kann in deinem Kopf noch so toll sein, wenn sie aber niemand außer dir versteht, dann musst du vielleicht noch ein wenig daran arbeiten. 2. Mache dich mit einigen Regeln des Schreibens vertraut. Ja, die gibt es. Und damit meine ich nicht nur grundlegende Kenntnisse in Rechtschreibung und Grammatik. Du solltest wissen, wie eine Geschichte aufgebaut wird, damit sie spannend ist. Du solltest dich mit Plot, Thema und Spannungsbogen befassen. Regeln kann man brechen, aber sie zu kennen hilft einem, das Handwerk des Schreibens zu verstehen. 3. Schaue bei der Verlagssuche auch über den Tellerrand. Natürlich ist es toll, von einem bekannten Publikumsverlag verlegt zu werden. Aber es gibt viele kleine Verlage, die deine Wünsche ebenfalls erfüllen könnten. Oft hast du hier auch einen sehr viel engeren Kontakt zu Verleger, Lektoren etc. Wichtig dabei ist, dass du einen ordentlichen Verlagsvertrag bekommst, wo Dinge wie Urheberrecht, Vergütung und Laufzeit geregelt sind. Verlage, bei denen du etwas dazu zahlen sollst oder erst ab dem 500. verkauften Exemplar vergütet wirst, sind nicht seriös. Lass die Finger davon und versuche es lieber im Selbstverlag – Plattformen wie neobooks bieten tolle Möglichkeiten für Selfpublisher. 4. Schreib!

Dem Verlag hatte aber bereits das Exposé gut genug gefallen, um sich zu melden. Als dann noch am selben Tag der Satz  „Haben Sie Lust, ein Buch mit uns zu veröffentlichen?“ in ihr Postfach flatterte, gab es Freudentränen und zitternde Hände, die ein „Ja“ tippten. Jetzt, mit dem echten Vertrag in der Hand kann sie es immer noch nicht glauben. Katie weiß, dass ihre Geschichte ein Glücksfall ist, weil sie schon nach wenigen Wochen der Suche einen Verlag gefunden hat. Ich finde ja, dass Glück auch immer ein bisschen mit Arbeit zu tun hat. Und Katie hat ihre eigenen Tipps beherzigt, sich Rückmeldungen geholt, immer wieder überarbeitet und gefeilt.

Ich freue mich, sie bald in Papier zu lesen. Welche Ratschläge sie für alle Schreibverrückten hat, könnt ihr auf der rechten Seite nachlesen. 

Vielen Dank an Katie! Es hat Spaß gemacht, dich ein bisschen näher kennen zu lernen.

Lasst mir in den Kommentaren gern euer Feedback da, wie ihr die neue Rubrik findet und ob ihr in Zukunft noch mehr coole Frauen kennen lernen wollt. Und wenn ihr eine kennt oder selbst eine seid, schreibt mir doch einfach eine Mail.

Foto: flickr – avrdreamer – CC by 2.0

We love Code – Eine Buchvorstellung für alle, die schon immer mit Computern reden wollten

Code ist überall – in unseren Weckern, im Auto, Fernseher und natürlich in Computern. Julia Hoffmann und Natalie Sontopski, Gründerinnen der Code Girls Leipzig, haben ein Buch geschrieben, das als kleines 101 des Programmierens erklärt, was große Teile unseres Alltags zusammenhält. Ich habe zwar schon in einem kurzen Rails Girls – Workshop in die Programmiersprache Ruby hinein geschnuppert und google mich sonst munter durch HTML, wenn mir etwas auf dem Blog nicht gefällt, aber sonst habe ich keine Ahnung. Also hatte, bevor ich das Buch gelesen habe. Damit war ich die perfekte Zielgruppe.

We love Code ist quasi die Einführung vor der Einführung. Bevor man sich entscheidet, was man eigentlich lernen will, findet man hier die Grundlagen. Was sehr trocken klingt und dem Buch nicht gerecht wird. Das sieht nicht nur schick aus, sondern erklärt kurzweilig, wie ein Computer von innen aussieht, welche Programmiersprachen es gibt oder wie Apps und Webseiten eigentlich funktionieren. Gespickt ist das Ganze mit Ausflügen in die Geschichte des Code. Hier begegnet man einer Frau nach der anderen. Programmieren ist eben nicht nur was für Jungs.

Das sieht auch Autorin Natalie so. Sie hat mir drei Fragen zum Buch beantwortet:

Neonfarbenes Cover, das ins pinke geht, ein Psychotest, welche Programmiersprache am Besten zu mir passt und die Angst, dass man ein Matheass sein muss, um programmieren zu können wird bei euch auch zerstreut…. – Ist „We love Code“ ein Mädchen-Computerbuch?

Unser Buch ist ein Buch für Mädchen wie für Jungs. Denn, warum soll ein Buch für Jungs nicht auch ein pinkes Cover haben? Leider verhält es sich immer noch so, dass Jungs leichter den Zugang zu den sogenannten MINT-Themen finden. Sei es, weil es mehr Rollenvorbilder gibt oder sie mehr in dem Verhalten bestärkt werden. Deswegen wäre es natürlich schön, wenn sich bei der Lektüre des Buches mehr Mädels denken: Das kann ich auch! Und was die Mathematik angeht: Unserer Erfahrung nach sind auch nicht alle Jungs Mathematik-Asse. Das Kapitel soll generell mit dem Vorurteil aufräumen, dass man hervorragend in Mathematik sein muss, um programmieren zu können. Gerade am Anfang ist das erst einmal egal, da braucht es nur Wissensdurst und eine ordentliche Portion Enthusiasmus – egal ob Junge oder Mädchen.

Ihr schreibt: „Unsere Welt ist vollgepackt mit Code.“. Deshalb ist es keine schlechte Idee, ein paar Grundkenntnisse zu haben. So wie heute auch niemand mehr darüber diskutieren würde, ob man Englisch lernen sollte. Eine sehr logische, aber für mich tatsächlich neue Perspektive. Kannst du dazu ein bisschen mehr erzählen?

Wir benutzen in diesem Zusammenhang gerne den Begriff „code literacy“. Denn genau so wie uns in der Schule erworbene Grundkenntnisse in Mathematik, Erdkunde, Deutsch

oder Biologie helfen, das Weltgeschehen zu verstehen und Zusammenhänge logisch zu erschließen, genauso helfen uns Grundkenntnisse in „Code“, die digitale Welt besser zu verstehen. Sie nimmt schließlich inzwischen einen fast genauso großen Platz in unserem Leben ein wie die analoge Welt. Wir glauben, dass es nicht schadet, mehr über die Struktur, die Dienste und die Funktionsweise zu wissen. So entstehen schließlich mündigere Bewohner der digitalen Welt, die informiert an der Gestaltung partizipieren können. Es ist ein Irrglaube zu denken, dass die nachwachsende Generation automatisch alles über Code und Programmieren weiß, weil sie damit aufwachsen. Wir sind schließlich auch mit Fernseher und Telefon aufgewachsen, aber wissen in der Regel nur, wo der Einschaltknopf ist. Die genaue Funktionsweise ist uns vollkommen fremd.

Im hinteren Teil des Buches habt ihr viele Leseempfehlungen und Linktipps gesammelt. Wenn ich jetzt Lust aufs Programmieren bekomme, wo soll ich am Besten anfangen – Selbststudium oder eine Community suchen?

Wir empfehlen einen Mix aus beidem: Um das Selbststudium kommt man nicht herum. Programmieren ist nicht unähnlich dem Lernen einer Sprache. Und das bedeutet gerade am Anfang viel üben, üben, üben. Eine Community unterstützt einen dabei. Gerade wenn man an einer Aufgabe scheitert oder etwas nicht versteht, hilft es enorm, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Es gibt natürlich auch Communities online, aber so ein Austausch vor Ort hilft meistens mehr. Auch, weil man so viele neue Freunde finden kann!


Danke, liebe Natalie.
Wer mehr von ihr lesen will, der schaut in We love Code oder in ihren tollen Blog EndeMitteZwanzig.

[Lesewochenende] Himmel & Hölle – Das Dilemma moderner Elternschaft

Als ich das letzte Mal im Buchladen war, habe ich mit Freude festgestellt, dass Jennifer Seniors Buch über das Elterndasein inzwischen auch auf deutsch erschienen ist. Im Englischen heißt es All Joy & No Fun & ich habe es Anfang des Jahres sehr gern gelesen. Das Thema Vereinbarkeit & Hilfen oder Nicht-Hilfen für Eltern (meistens thematischer Schwerpunkt Mütter), ist ja gerade in aller Munde. Gerade erschienen von zwei deutschen Journalistinnen ist Die Alles ist möglich – Lüge (was ich gerade lese) &  Vater, Mutter, Staat von Rainer Stadler (in das ich durch den Vorabdruck im freitag ein bisschen hinein lesen konnte).

Jennifer Senior ist ebenfalls Journalistin & Mutter & stellte sich die Frage, die sich wahrscheinlich viele schon gestellt haben. Man kann sie schön am englischen Titel ablesen:

Wenn Kinder angeblich ein Quell der Freude sind (und tatsächlich auch viel Freude machen), warum macht Elternsein in unserer modernen Welt dann eigentlich so wenig Spaß & ist oft nur unglaublich anstrengend?

Dafür hat sie recherchiert, mit Sozialwissenschaftlern gesprochen & viele Interviews in Mütter & Elterngruppen geführt. Einige der Familien begleitet sie auch nach Hause & beobachtet ihren Alltag. Ihre Erkenntnisse sind somit größtenteils auf die USA bezogen, lassen sich aber problemlos auf westliche Industrienationen übertragen.

Am meisten hat mich ihre Perspektive fasziniert, die von den gängigen Artikeln zum Thema abweicht. Ansonsten wird oft mit den Umgebungsfaktoren begonnen: Betreuungssituation, Jobflexibilität oder das Teilen der Hausarbeit. Dann wird analysiert, wie diese auf das Elterndasein wirken.

Jennifer Senior kommt von der anderen Seite. Sie fragt: Hat sich vielleicht das Elternsein an sich verändert?

In der Folge fächert sie eine ganze Palette von Veränderungen auf & ihre Antwort lässt sich verkürzt so wiedergeben: Unsere Ansprüche an das Elternsein haben sich fundamental geändert. Während bis in die 70er Jahre hinein an vorderster Stelle stand, sein Kind – überspitzt gesagt – sauber & satt zu halten & dann ordentlich erzogen in die Welt zu entlassen, haben wir heute das Elterndasein emotional aufgeladen. Wir fühlen uns hauptsächlich verantwortlich für das GLÜCK unserer Kinder. Mehr noch, wir fühlen uns verantwortlich für ihr Lebensglück. Glück als Erziehungsziel ist aber nicht nur eine sehr schwammige Kategorie, sondern auch eine, die Eltern sehr, sehr müde machen kann. Weil man immer noch ein bisschen mehr tun kann. Und irgendwie zum Scheitern verdammt ist.

Nun sind die modernen Eltern natürlich nicht blöder als die vorangegangenen Generationen. Das neue Erziehungsziel ist  eine Reaktion in Gesellschaften, in denen man eben nicht mehr sicher sein kann, dass das Kind satt, mit Manieren & Ausbildung seinen Weg schon machen wird. Gerade die Mittelschicht ist hier besonders belastet mit dem Es geht immer noch mehr – Gedanken. (Hallo, chinesische Früherziehung).

Für mich war dies ein neuer Aspekt & eine sehr heilsame Erkenntnis. Mal ehrlich, wer hat sich nicht schonmal gefragt, ob man nicht irgendwas falsch macht? Man hat all die wunderbaren Geräte, die die Hausarbeit schneller machen, die Putzfrau, den helfenden Mann, Teilzeit & einen Tag Homeoffice die Woche & trotzdem fühlt man sich wie der Hamster im Rad, der nie ankommt & dem Kind nie richtig gerecht werden kann. Jennifer Senior untermauert ihre These in vielen spannenden Kapiteln. Die 50er-Jahre Hausfrau zum Beispiel, die ihre Kinder allein zu Hause betreute, spielte, auf den Tagesdurchschnitt gerechnet, weniger Stunden mit ihren Kindern, als die berufstätige Frau von heute.

Natürlich ist das kein Plädoyer für eine Rückkehr zu alten Erziehungsmustern, die auch mit Schattenseiten einhergingen.

Und auch kein Freibrief, nicht mehr an den Rahmenbedingungen (Betreuungssituation, Jobflexibilität & Rollenbilder) zu arbeiten. Denn die emotionale Last, zum Glück zu erziehen trifft Mütter beispielsweise ungleich stärker als Väter. Insofern darf man in dem Buch keine Lösungen à la „Hier mehr Kitaplätze & da mehr geteilte Führungspositionen & dann wird das schon“ erwarten. Aber es macht ein bisschen weniger schlechtes Gewissen. Und es ist, trotz der Flut an Studien & Informationen, nicht langweilig. Alles in allem, ein lesenswerter Puzzlestein in der Antwort auf die Frage, warum Mütter & Väter heute  an der Freude des Elternseins oft so wenig Spaß haben.

Wer Lust aufs Lesen hat, ab in die Buchhandlung. Wer lieber im Internet bleibt, kann sich den sehr sehenswerten TED talk der Autorin ansehen (auch mit Untertiteln).