Spoiler: Babycontent, Vereinbarkeit und Persönliches

Ich hatte Angst vor diesem zweiten Kind. Ich konnte mich zu gut an die ersten 18 Monate mit dem Ersten erinnern. Wie ich morgens im Halbdunkeln erschöpft durch die Wohnung stolperte, im Kopf nur einen Gedanken: „Lass sie nicht fallen.“ Wenn ich Besuch die Tür öffnete, kam es vor, dass mir wie automatisch die Tränen über die Wangen liefen. Ich ging ungern ans Telefon, weil ich nicht erzählen wollte, wie es war. Über gut gemeinte Hilfe wie „Schlaf, wenn das Baby schläft.“ konnte ich nur sehr, sehr müde lächeln. Dieses Baby schlief nie mehr als 15 Minuten am Stück. Das Aufwachen aus der gerade begonnenen komatoösen Ruhe war schlimmer als wach zu bleiben. Mein Partner und meine Eltern waren immer da, aber die Wohnung klein, die Lunge stark und das schlechte Gewissen mein ständiger Begleiter. Ich wollte Mutter sein. Ich war verzweifelt darüber, dass es nicht zu klappen schien, dass ich es vielleicht nicht besaß. Mutterinstinkt, die Gabe, ein Kind zu beruhigen, innere Ruhe, Entspanntheit.

Der schlechte Schlaf machte nicht nur mir zu schaffen. Das Kind war oft mürrisch. Die Momente, wenn es mit sich im Reinen war, sich freute, lächelte, waren rar gesäht. Ich kaufte in den Lebensmonaten sechs bis neun unzähliges Spielzeug in der Hoffnung, etwas zu finden, was uns beiden Spaß machen würde. Ich fragte mich oft, wie ich mir alles vorgestellt hatte und die Antwort war, ich hatte gedacht, dass es einfach funktioniert.

Das klingt sehr düster. Wenn ich mich heute mit Menschen in meinem Leben unterhalte, die diese Zeit miterlebt haben, sind sie manchmal über meine Einschätzung überrascht. So haben sie es nicht wahrgenommen. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Nicht alles war immer 100% dunkel in diesen anderthalb Jahren aber die richtig schweren Momente haben deutlich an mir genagt. Ich hatte mir Dinge vorgestellt, die es nicht gab. Einfach im Bett liegen und mit dem Baby kuscheln. Irgendwo sitzen & es betrachten, wie es wach in meinen Armen liegt und mich anschaut. In ein Babybett zu blicken und überrascht feststellen, dass das Kind schon wach ist und sich die Welt betrachtet.

Nach einem knappen dreiviertel Jahr wieder arbeiten zu gehen war zu früh für mich allein und zu früh für mich und das Kind. Ich war körperlich bereits am Ende, nicht in der Lage, mich richtig zu konzentrieren. Die Kitaviren gaben mir den Rest, aber ich wollte nicht krank sein. Das Kind war schließlich oft genug krank – auch wenn man sich die Betreuung aufteilte. Ich hatte im Kopf, dass man nach spätestens einem Jahr wieder arbeiten geht – so sah es auch mein Arbeitgeber. So sehen es die Meisten in Berlin, das Elterngeld gibt diese – ziemlich willkürliche – Grenze vor. 35 Stunden war ebenfalls zuviel. Oft saß ich im Auto vor der Kita und fantasierte einfach noch 10 Minuten sitzen bleiben zu können, um kurz zu verschnaufen. Aber die Abholzeit war bereits da. Die Wochenenden reichten nicht zur Erholung. Da musste ich Krankheiten unterdrücken, damit ich am Montag wieder auf den Bürostuhl konnte.

Das Schlimmste für mich war: ich wollte Mutter sein. Ich wollte Spaß haben am Vorlesen, am Basteln, am Spielen. Nicht weil ich antiquierte Rollenbilder verinnerlicht hatte, sondern weil ich tief in meinem Inneren wusste, dass das eigentlich Ich war. Ich wollte entspannt mit meinem Kind umgehen können, mich freuen, es abzuholen. Nicht sofort genervt sein, wenn es sich auf dem Weg zum Supermarkt etwas am Wegesrand ansah. Nicht an die Uhr schauen, wann endlich Zeit fürs Bett wäre. Dafür hätten wir beide noch ein bisschen zu Hause bleiben müssen. Noch Zeit gebraucht, um Ruhe hineinzubringen bevor neue Herausforderungen hereingelassen werden. So beschloss ich, dass ich vielleicht doch einfach anders war als Mutter, als ich gedacht hatte. Heute weiß ich, dass es nicht an mir lag.

Nachdem ich meine Arbeitsstunden reduziert hatte und kurz vor dem 2. Geburtstag der magische Schalter umgelegt wurde, fühlte ich mich, als wäre Aschenputtels Zauberfee vorbeigekommen. Meine Tochter ist jetzt vier. Seit zwei Jahren kann ich die Mutter sein, die in mir steckte. Ich mag es, vorzulesen und zu basteln, ich denke mir Spiele aus, koche und backe mit ihr. So zu sein brauchte Zeit und Ruhe. Klar, es gibt die nervigen Momente, die kräftezehrenden Episoden. Aber ich meistere sie, weil ich meine Kraft nicht komplett andernorts aufbrauche.

Hier könnte der Text aufhören. Mit meinem Plädoyer sich nicht in den Arbeitsmarkt drängen zu lassen. Weil das eigene Bedürfnis auch sein kann beim Kind zu sein – mit der inneren Ruhe sich ihm zu widmen. So hätte ich den Text bereits vor zwei Jahren schreiben können. Aber irgendetwas hielt mich immer ab. Jetzt bin ich froh darüber. Denn nun ist das zweite Kind da.

Ich mache es kurz. Die ersten sechs Wochen sagen noch nicht viel aus, aber ich habe ein ganz anderes Baby, als ich es erwartet habe. Man kann mit ihm im Bett kuscheln und sich mit dem wachen Kind auf Stühle setzen. (Woah!) Es schläft, es weint, es lächelt. Ich habe mein Grundvertrauen als Mutter vor zwei Jahren wieder gefunden. Und es ist noch da. Weil ich das Baby beruhigen kann, weil ich genügend Schlaf bekomme, weil ich morgens mal Tee trinken und Zeitung lesen kann. Weil es soviel Spaß macht mit den beiden Kindern neben all der Anstrengung, dass ich mich freue, wenn die Große morgens nicht in den Kindergarten will. Ich liebe meine Töchter. Ich bin immer noch die Mutter, die ich sein will.

Seit Monaten will ich etwas schreiben über Vereinbarkeit, über das Bereuen der Mutterschaft, über Emanzipation und Feminismus, die Arbeitswelt und die neuen Väter, über Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig. Am Besten analytisch, klug, abstrakt. Heute ist mir klar geworden, es geht nur persönlich. Ich bekam das erste Kind und alles war schwierig. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich nicht wieder mit diesen Rahmenbedingungen in den Job einsteigen. Dies wäre ein Plädoyer für Geht alles gar nicht. Innerlich rief ich: Lasst mich in Ruhe mit eurem Scheiß von wegen Frauen sollen sich nicht ins berufliche Aus setzen, ich kann kaum krauchen.

Jetzt weiß ich, dass es auch anders laufen kann. Natürlich ist dies gerade eine anstrengende Zeit. Wickeln, stillen, trösten, Haushalt, spielen, toben – alles kostet eine Menge Zeit. Ich fange morgens an zu arbeiten, wenn der vollzeitarbeitende Mann aus dem Haus geht und bin noch dabei, wenn er nach Hause kommt. Zwischendurch mache ich die ein oder andere Pause wie er auch. Ich weiß um die Unterschiedlichkeit unserer Arbeit, um die Nachteile meines Zuhausebleibens, um die Notwendigkeit von gesellschaftlichen Veränderungen. Aber dies sollte ja kein analytischer und logischer Text werden. Deshalb schreibe ich. Ich genieße es, zu Hause zu sein, Mutter zu sein. Es erfüllt mich. Ich möchte mir meine Ruhe und Entspanntheit bewahren. Ich möchte mir meine Freude an meinen Kindern erhalten.

Aber ich verstehe nun auch die, die schnell wieder zurück in den Job wollen. Als ich selbst keine Kraft hatte, hielt ich diese Frauen für Blenderinnen. Jetzt habe ich eine Ahnung davon, wie unterschiedlich alles sein kann. Mit mehr Schlaf und Ruhe habe auch ich unabhängig vom Muttersein Tatendrang und Ideen. Wann ich sie umsetze? Keine Ahnung. Ich habe mir aus der Erfahrung des ersten Kindes offen gelassen, wann ich ins Büro zurückkehre. Nun ergibt sich nicht, dass ich früher wieder zurück komme. Vielleicht sogar das Gegenteil. Dass ich frei entscheiden kann, ist ein Privileg. Dass nur Muttersein mir länger reichen könnte als gedacht, ist meine Entscheidung. Mein Beitrag zur Debatte ist meine Geschichte. Mehr erzählen, mehr Erfahrungen teilen, ohne mit dem Finger aufeinander zu zeigen, ohne die eine Wahrheit zu suchen, halte ich für eine gute Idee.

…dass persönliche Entscheidungen immer gesellschaftliche Tragweite haben. …dass wir uns – Frauen wie Männer – kaputt machen, wenn wir versuchen, in einer Arbeitswelt glücklich zu werden, die noch in weiten Teilen erwartet, dass Frauen arbeiten wie Männer in den 50ern. (Ein Modell, welches sich bis heute hält.)…dass wir Veränderungen im Keim ersticken, wenn wir uns zurück ziehen und still zu Hause bleiben. ….Das ist Stoff für einen anderen Text. Den analytisch-unpersönlichen.

Foto: flickr – Grant Hutchinson – CC by 2.0