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Von der Schönheit zufälliger Begegnungen

Irgendwann in Frankreich fand ich eine Metrostation nicht. Das lag nicht nur an meiner Unkenntnis der Stadt. Es lag daran, dass mir viel im Kopf herum ging. Nach einigen Praktikumsmonaten überlegte ich, mein Studium dort zu Ende zu bringen. Das Für und Wider waberte in meinem Kopf. Immer noch nicht fündig geworden, setzte ich mich auf eine Bank. Eine Frau kam dazu.
Irgendwann schaute sie herüber und fragte: „Woher kommen Sie?“ Wir redeten, mein Französisch war noch nicht wirklich weit, aber es ging. Ich verlor kein Wort über meine Gedanken zum richtigen Weg in die Zukunft. Dann fragte sie unvermittelt: „Sind Sie abenteuerlustig?“ Ich antwortete zögernd. Das Gespräch verging, aber der Satz hatte sich in festgebohrt. Danach war es klar. Ich würde es nicht machen.

Wie ungefähr 99,9% der Weltbevölkerung finde ich es von Zeit zu Zeit schwer mit diesem Leben. Manchmal dreht man sich in einem sehr grauen Kinderkarussell mit nichts als den eigenen Gedanken als Mitfahrer. Dann trifft man sie. Diese zufälligen Menschen.

Ich hatte bisher ein paar dieser zufälligen Begegnungen. Zwei auf einer Party, eine an einer Bushaltestelle und diese auf der Parkbank in Paris. Es wurden Worte gewechselt, die wie zufällig wirkten. Aber genau passten und mir ein Stück den Weg wiesen. Ich habe nicht mein Herz ausgeschüttet, den Stolperstein erklärt, das Problem erläutert. Eigentlich konnte die andere Person nicht wissen, was mich beschäftigte. Sie sagte nicht: „Also, ich würde das so machen.“ Aber sie hinterließ etwas. Ich verließ sie mit einer neuen Perspektive und der unerwarteten Entdeckung, dass die Dinge lösbar schienen. Und Menschen wunderbar sein können

Die Unterhaltungen endeten so natürlich, so unbemerkt, wie sie gekommen waren. Wir beide wussten, dass sie einmalig waren und es wohl auch bleiben würden. Manchmal waren ihre Auswirkungen sofort spürbar, manchmal wurde es mir erst später klar. Wenn sie vorüber waren, wusste ich, dass die schlingernden Bälle, die dir das Leben manchmal zuwirft, zu fangen sind.

Diese Begegnungen liegen eine Weile zurück. Es war wohl eine bestimmte Zeit, in der mir Fremde neue Perspektiven eröffneten. Je älter ich wurde, desto weniger fanden sie statt. Lag es an dem Glas Wein, das ich auf der Party getrunken hatte, an der besonderen Atmosphäre im Regen fröstelnd an der Bushaltestelle? War die Zeit einfach reif für eine Entscheidung an diesem Tag in Paris?

Oder habe ich damals Fremden einfacher zugestanden, meinen Blick zu verändern, habe ich mir erlaubt, ihnen zuzuhören? Vielleicht sehe ich Dinge, die ich auf mich beziehen könnte, heute zu schnell als ein Infragestellen meiner selbst, meiner Sichtweisen, meiner Entscheidungen. Und lasse sie nicht mehr zu. Vielleicht habe ich mich selbst um diese zufälligen Begegnungen gebracht. Je älter man wird, desto fester zusammengefügt ist das eigene, kleine Universum. Man möchte nicht mehr, dass jemand zu stark daran rüttelt.

Vielleicht bin ich älter geworden und schaffe es jetzt allein im richtigen Moment vom Karussell zu springen. Ich suche mir meine Hilfen nun selbst, ich habe sie bereits hier.

Trotzdem, solche Begegnungen ganz zu verlieren, nicht mehr offen zu sein, wäre schade. Ihr Schimmer passt gut in die Schatzkiste der eigenen Erinnerungen, auch wenn es ohne sie bereits glitzert. Ich kann sie nicht suchen, aber ich werde wieder auf sie warten.

Foto: flickr – super awesome – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Britta sagt

    Ich mag „deine Prosatexte“ sehr besonders am Montag, wenn die Wirklichkeit und die Fakten wieder einziehen lese ich die sehr gern. Ging mir schon mit Langhaarmädchen so.

    • Dankeschön <3 für deinen auch sehr schönen Prosakommentar (wenn die Fakten wieder einziehen :-). Wenn nicht neben dem Bloggen immer noch so viel Leben wäre und ich Angst hätte, sie nicht immer befüllen zu können, könnte ich mich glatt auch eine Kategorie wie Prosamontag verpflichten.

  2. Constanze sagt

    Mich hat dein Text sehr berührt, weil er es geschafft hat, mich mitzunehmen in diese Momente , die man erlebt, aber nicht wirklich wahrnimmt. Man hält beim Lesen für eine Zeit inne und denkt ja, das stimmt, aber dir ist es nicht bewusst geworden oder du hast es verdrängt. Danke für diesen schönen Text.

  3. Lernbegleiterin sagt

    Ich fühle mich durch Deinen Text ein Mal mehr bestätigt: die wichtigen, die schönen, die unaustauschbaren Momente finden einen. Man braucht nicht nach ihnen zu suchen. Danke für diese Erkenntnis!

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