Langhaarmädchen

Lasst mich euch von den Langhaarmädchen erzählen. Ich war 10 Jahre alt und hätte man die 25 Kinder in meiner Klasse in einer Schlange bis zum Horizont aufgereiht, die Sonne hätte das Langhaarmädchen getroffen und sie glitzern lassen. Dieses Mädchen war klug und beliebt. Es hatte ein hübsches, rundes, symmetrisches Gesicht, blaue Augen und dicke, blonde Haare, die genau die richtige Anzahl Wellen hatten, um nicht lockig zu sein und auch nicht wie Schnittlauch herabzuhängen. Wenn wir uns in langweiligen Mathestunden alle ein Haar ausrissen, um es lang zu ziehen und am Lineal abzulesen, wer die längsten Haare hatte, die schönsten, die Prinzessinnenhaare, gewann immer das Langhaarmädchen. Ihr gelangen die Dinge. Sie war ein wenig frech aber nie zu sehr. Über sie hätte man ein Kinderbuch schreiben können. Eines von denen, die immer im besten Sommer der Kindheit spielen und in denen es nie getrennte Eltern gibt. Die anderen Mädchen liebten sie. Die Lehrer liebten sie. Aber am Wichtigsten – die Jungen liebten sie.

Ich hatte schnell beschlossen, dass das Langhaarmädchen meine Rivalin war. Es war in jedem Fall nicht fair, wie schön sie war und sportlich und gut in der Schule. Es war nicht fair, dass ihr die Jungen zu Füßen lagen, wo sie mich nicht ansahen. Ich war mausgrau und klein und von mir gemocht zu werden schien eine peinliche Angelegenheit zu sein. Einer der Jungen ging mir wochenlang aus dem Weg, nachdem er herausgefunden hatte, dass ich ihn mochte. Es war einer der Jungen, der sich immer in der Nähe des Langhaarmädchens aufhielt. Der Anblick der beiden zusammen machte mich krank, noch lange nachdem meine Schwärmerei für ihn beendet war. Ich versuchte besser als das Langhaarmädchen zu sein. In jeder Sportart, in jedem Fach. Ich starrte auf ihren Hinterkopf in der Reihe vor mir und versuchte, ihr Geheimnis zu ergründen. Die  Tatsache, dass sie nicht einmal wusste, dass wir Rivalinnen waren, machte mich ärgerlich. Ich sagte mir, ich hasse sie nicht wirklich, das wäre lächerlich. Aber ich wollte sie bezwingen, besser sein als sie. Und genoss trotzdem jeden Funken Aufmerksamkeit, der auf mich fiel. Als würde etwas von ihrer Aura dann auch mich umfangen.

Drei Jahre später. Eine neue Schule brachte neue Jungen zum Verlieben und neue Mädchen, mit denen ich mich messen konnte. Alle anderen Mädchen schienen eine Figur zu entwickeln und ich wusste nicht mehr, wo ich in der Umkleidekabine hinschauen sollte. Ich zog meine Sportsachen auf der Toilette an und beobachtete die beliebten Mädchen aus dem Augenwinkel, wie sie in Shorts und knappen T-Shirts auf der anderen Seite der Turnhalle spitze Lacher ausstießen. Ein Langhaarmädchen war perfekt. Sie hatte die richtige Kleidung, die glänzenden Haare. Sie hatte genau die richtige Größe, um neben jedem Jungen niedlich auszusehen und perfekte Brüste.

Ich verachtete sie. Ihr Gesicht, ihr Lachen, ich verachtete auch das gute Gefühl, dass über mich kam, als sie mir einmal ein Kompliment für meinen Rucksack machte. Und einmal für meine schmale Hüfte. Sie sagte, sie sei neidisch. Neidisch, dachte ich. Es klang wie Spott. Ich konnte sie nicht leiden aber warum mochte ich sie so viel weniger als andere Mädchen, die hinter meinen Rücken flüsterten und lachten? Ich hätte mich langsam an eine Antwort herantasten können aber ich ignorierte das Gefühl.

Von klein auf wird Mädchen die Welt erklärt. Sie drehen sich nebeneinander in Kleidern und man sagt ihnen, was hübsch an den Schleifen der anderen ist. Was sie im Fernsehen, in Filmen und in Büchern sehen, sagt ihnen, dass die Aufmerksamkeit und Liebe der Welt eine begrenzte Ressource ist, um die es mit anderen Mädchen zu konkurrieren gilt. Es ist eine bestimmte Art von Feindlichkeit, die in dir wächst, wenn du deine Negativität wie selbstverständlich auf andere Frauen lenkst. In der unterschwelligen Vorstellung, dass am Ende des Weges ein Mann stehen wird, für den es sich lohnt. Es ist wie ein Rucksack, den du immer mit dir führst, der dich mit jedem Schritt selbst wunder und verletzter werden lässt.

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis ich das Langhaarmädchen kennenlernte, das die gläserne Wand in meinem Kopf zwischen der Abteilung für Mädchen als Freundinnen und Mädchen als Rivalinnen und Konkurrenz einriss. Heute bin ich ärgerlich, wenn ich an die vertane Zeit des Verachtens denke. Ärgerlich, dass mir niemand etwas anderes beigebracht hat als zu vergleichen. Ich finde es immer noch unfair. Unfair, dass wir alle Teilnehmerinnen an einem Wettbewerb waren, für den sich keine von uns angemeldet hatte. Ich hätte die Langhaarmädchen lieben oder hassen können, begründet auf ihrem Selbst, nicht auf der Tatsache, dass ein Junge finden könnte, dass sie hübscher waren als ich.

Manchmal möchte ich mich heute neben eine unsichere 13jährige stellen. Ich würde neben ihr stehen, wenn sie ein in der Sonne glitzerndes Langhaarmädchen betrachtet und ihr sagen, dass es in Ordnung ist gemocht zu werden und nicht gemocht zu werden. Zu mögen und nicht zu mögen. Dass sie entscheidet. Dass sie die Menschen suchen soll, die ihr gut tun und dass die hübschesten Mädchen ihre Freundinnen sein dürfen. Ich würde ihr sagen, dass sie noch so viel lernen und verstehen wird. Dass es so viel mehr Möglichkeiten für Menschen und die Liebe gibt, als sie sich jetzt vorstellen kann. Ich würde zu ihr sagen: „Lass mich dir von meinen Langhaarmädchen erzählen.“

Foto: flickr – Ubé – CC by 2.0