Rosa Kindertrauer

Es ist etwas passiert, was mich nachdenklich macht. Aber bevor ich zu der eigentlichen Geschichte komme, eine kleine Rede vorab.

Nicht schon wieder rosa!

Gendermarketing macht mir schlechte Laune. Wann immer ich etwas „nur für Jungen“ & „nur für Mädchen“ sehe, regt sich meine innere Revoluzzerin. Das war schon so, bevor ich Mutter wurde. In der Gender Studies Einführung habe ich mit der Verblüffung einer 19jährigen festgestellt, dass es naturgegeben nicht gibt (Ihr wisst schon, damals als wir in der Höhle lebten).

Eine Zuordnung von Spielzeug, Esswaren & Kleidung nach Geschlecht hat einfach den wunderbaren Effekt, dass die Leute alles 2x kaufen müssen. Weil das Produkt für Mädchen, so wird suggeriert, für Jungen ungeeignet ist.  Man würde zwangsläufig in die Kategorie schlechte Eltern fallen, wenn man seinem Kind nicht die angemessenere Förderung, das „Passende“ zur Verfügung stellt. Und wenn man es tut, fühlt man sich vielleicht auch noch ein bisschen besser als andere Eltern. Das ist sowieso ein Topos der Elternkonsumindustrie (Chinesischfrüherziehung und so.) Deshalb kommt das Ganze auch auf, als der Konsum geboren wird & den Kinderschuhen entwächst. Ganz ganz frühe Anfänge im viktorianischen England und dann nach den Weltkriegen im Amerika der 50er Jahre (Mad Man). So zumindest meine Erinnerung. Auch die Farben waren interessanterweise vorher komplett umgedreht. Disneys Klassiker Peter Pan ist das beste Beispiel: Wendy trägt hellblau & ihr Bruder rosa. Was nur zeigt, wie willkürlich das Ganze ist.

Wenn man selbst ein Kind hat, trifft einen alles mit noch größerer Härte. Als das Kind noch im Wagen lag, habe ich im Supermarkt gern rosa Überraschungseier zerdrückt. Bis es, inzwischen ein bisschen gewachsen, meine Sünde der Kassiererin beichtete.

Ich versuche, den rosa Anteil im Kleiderschrank klein zu halten. Mich gegen alles Prinzessinen-rosa-süße-Kümmer-& Versorgungsspiel zu wehren. Ich finde Pink Stinks gut & fave bei Let Toys be Toys & SocImages. Aber man kommt nicht darum herum. Man lebt in keiner Blase, schon gar nicht in einer ohne Geschenke von anderen an das Kind.

Eine Geschichte…

Und hier kommt die Geschichte.

Tag I: Morgens beim Anziehen: „Bitte nicht komplett in rosa!“.

Tag I später: Das Kind will ein rosa Überraschungsei. Nun ist man beim Einkaufen mit Kleinkind generell selten tiefen entspannt. Dazu kam meine tief verwurzelte Abneigung. Ich machte sehr deutlich, dass es SOWAS nicht gibt.

Tag I noch etwas später: Im Zeitschriftenladen will das Kind ein Playmobil-Magazin. Ich habe es nicht mehr richtig im Kopf, aber der Titel sagte etwas mit IT-Girls & Hollywood. Die Figur, die es dazu gab (die sowieso neuerdings alle Unterwäsche mit angedeuteten Brüsten tragen) hatte einen Minirock, Handtasche & Perlenkette zum Wechseln dabei. „Nein, leg das weg.“ schnarrte ich. Das Kind starrte mich an. Ich erwartete den üblichen Trotzanfall, aber es blickte stumm zu Boden. Da beschlich es mich bereits, aber es sollte noch bis zum nächsten Morgen dauern.

Tag II: Das Kind hat vor einiger Zeit von lieber Verwandtschaft einen Plüschhund bekommen. Der Plüschhund sieht aus wie der von Paris Hilton. Er steckt in einer rosa Handtasche mit rosa Decke. Er trägt ein pinkes Kleidchen mit weißen Punkten. Das Kleid ist mit schwarzer Spitze abgesetzt, der Hund hat ein Halsband mit Spitze & Nieten. Er sieht aus, als würde er nebenher als Domina arbeiten.

Das Kind liebt den Hund mit der Innigkeit und Unberechenbarkeit mit der nur Kinder Kuscheltiere lieben können. Ich habe es versucht zu unterbinden. Der Hund wanderte in immer neue Spielzeugkisten, er war ziemlich oft nicht auffindbar (Huch). Die emotionalen Bande wurden nur noch stärker. Einige Zeit konnte ich durch Ablenkungsmanöver verhindern, dass er mit uns das Haus verlässt.

Heute sollte der Hund mit in die Kita. Ich habe versucht ihn in der Wohnung zu lassen. Plan B war ihn im Auto zu behalten (Der Hund will mit Mama ins Büro.). Bloß nicht mit in die Kita, bloß nicht!

Als wir die Kita mit Hund betraten, fing ich sofort an zu erklären: „Nur ein Geschenk, finde ich auch ganz schrecklich, blabla…“. Dann schaute ich zu meinem Kind. Es  hatte Tränen in den Augen und blickte auf den Hund.

In diesem Moment brach mein Herz. Der Blick vom Vortag hatte sich intensiviert und ich konnte ihn deuten. Es war Trauer. Rosa Kindertrauer. Das Kind wusste, dass ich etwas zutiefst ablehnte, was es selbst zutiefst liebte. Es war wie mit der Zeitschrift. Das war ihre Zeitschrift, die wollte sie gern haben & Mama mochte sie nicht – in ihrer Kinderlogik mochte Mama sie vielleicht jetzt auch ein kleines bisschen weniger.

Und jetzt?

Das Ganze hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Ich habe hin und her überlegt, ob ich diesen Post schreiben soll. Ich will nicht die sein, die ich sonst kritisiere. Die, die sagen: „Regt euch nicht so auf, habt euch nicht so.“ Die, die „ABER“ sagen, weil es um scheinbare Nebensächlichkeiten geht. Weil die Kinder es doch so wollen.

Aber ich denke über mich nach. Ich versuche in so vielen Dingen, eine entspannte Mutter zu sein. Tue Dinge, die in alten Erziehungsmustern undenkbar gewesen wären. Ich glaube, da bin ich keine Ausnahme. Heute muss kaum einer den Teller aufessen, wenn er nicht mag oder pünktlich um sechs ins Bett. Wieso bin ich gerade in diesem Punkt nicht ruhiger?

Ich weiß es. Ich will alles richtig machen. Ich will, dass mein Kind glücklich wird. Ich will nicht, dass mein Kind, dass einmal eine Frau sein wird, mit Limitierungen aufwächst. Ich möchte, dass sie selbst entscheidet, was sie wird. Dass sie selbstbewusst durchs Leben geht ohne sinnlose Geschlechternormen im Unterbewusstsein. (Interessant wie ich vom „es“ zum „sie wechsle, wenn ich über mein älteres Kind schreibe, oder? Fällt mir gerade beim 2.Lesen auf, lasse ich jetzt bewusst so.)

Wieso denke ich, dass die Playmobilzeitung all diese Pläne zunichte macht? Sollte ich nicht viel mehr darauf vertrauen, dass sie von mir erzogen wird, die sich all dessen bewusst ist? Die Bauarbeiter & Lego so selbstverständlich spielt wie Puppen. Die ihr viel häufiger sagt, dass sie mutig ist statt, dass sie süß aussieht. Sollte ich nicht viel mehr in mir ruhen, weil ihr Vater das Bad putzt, den Abwasch macht & kocht. Weil wir versuchen, gleichberechtigt zu teilen?

Wieso ist die Farbe pink mein Schlachtfeld geworden? Ich weiß, dass es wichtig ist, Kritik zu üben. Weil die Teile ein Ganzes ausmachen. Den Hund, so habe ich mir aber geschworen, den muss ich nicht lieben. Aber mein Kind soll den Hund lieben dürfen, ohne dass sie sich zerissen fühlt. Dieser Hund bekommt übrigens gerade auf der Terasse die Plastezange in die Hand, während ich diesen Post schreibe. Kein Witz. Die beiden bauen nämlich ein Fenster in den Blumenkasten.