Kinder & Küche
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Raus aus der Neoliberalismus-Hölle

Die Erkenntnis lauert oft an ungewöhnlichen Orten. Bei mir hatte sie sich im Wirtschaftsteil versteckt. Nach der Lektüre war mir klar: bei uns zu Hause regiert der Neoliberalismus. Das ist das, was in den 80ern super war, dann böse (2000er) und schließlich wieder cool (Leonardo DiCaprio in der Wolf of Wall Street.) Oder anders: der Staat (also der Papa und ich) hat immer weniger zu sagen. Dafür wird der Wettbewerb gesichert und stetig vorangetrieben. Der ungebremste kalte Wettbewerb. Er hat sich aufs Perfideste in unsere heimelige Dunstglocke geschlichen: als Erziehungstipp.

Ich war an der Entwicklung also nicht ganz unschuldig. Vermutlich ist euch das noch nie begegnet, aber manchmal wollen Kinder nicht wie man selbst. Anziehen zum Beispiel oder auch Ausziehen. Dann las ich irgendwo: „Machen sie doch aus dem abendlichen Aus- und Umziehen einen kleinen Wettbewerb.“ Das klang genial und nach dem ersten Versuch wusste ich, das ist genial. Das Kind liebte es und ist zudem noch in dem Alter, indem als Anreiz „Wer zuerst fertig ist, hat gewonnen.“ genügt. Ich hatte den Stein der Weisen gefunden. Nicht nur, dass ich endlich wieder meinen Willen bekam. Auch die weitverbreitete Kindereigenschaft des Trödelns war mithinweggefegt.

Ich hatte nicht viel Zeit meine eigene Klugheit zu bestaunen.

Mittlerweile lebe ich im Herr der Fliegen. Alles ist Wettbewerb. Widme ich mich 1 bis 2 Sekunden einer beliebigen Tätigkeit, taucht das Kind neben mir auf und verkündet den Start des Kräftemessens. „Schälst du Kartoffeln, Mama?“ „Ja.“ „Ich laufe ins Kinderzimmer und zurück, wer zuerst fertig ist.“

Überhaupt: laufen, Schnelligkeit. Sobald ich mich von einem beliebigen Gegenstand erhebe, steht Detlef D. Soost neben mir und brüllt mich an: „Los, lauf! Wer zuerst im Bad ist.“

Ich bin nicht Jan Hofer. Die Wohnung ist nicht groß genug für ständiges Wettgelaufe. Meine Achillessehne kann die ununterbrochenen Kaltstarts nicht mehr ertragen. Nahrungsmittel werden nur noch mit Lichtgeschwindigkeit heruntergewürgt und die Gliedmaßen sind vom mindestens zweimaltäglichen An-und Ausziehmarathon verrenkt. Unnütz zu erwähnen, dass das Kind immer gewinnen muss. Wenn ich schneller bin, machen wir Best of 3. Holt mich hier raus. Bitte.

Ich hege Sympathien für Menschen, denen schlechte Ideen im zwischenmenschlichen Umgang vorgeworfen werden: Diktatoren zum Beispiel…oder Gott. Man ahnt gar nicht, wie schnell sich ehemals gut gemeinte Ansätze verselbstständigen können. So wie mir muss es Gott ergangen sein, als er den Wettbewerb erfand. „Dufte Idee,“ wird er gedacht haben „das bringt ein bisschen Schwung in den Laden.“ Und schon ist die Büchse der Pandora geöffnet und andere formen aus deiner Eingebung die Schlange.

Wie im richtigen Neoliberalismus wird auch bei uns stetig die Intensität gesteigert. Der Wettbewerb wird nicht nur härter sondern auch unfairer. Während das morgendliche Wettanziehen früher Angesicht zu Angesicht stattfand, muss ich nun im Schlafzimmer ausharren bis aus dem Kinderzimmer das Startsignal ertönt. Die Hälfte der Sachen hat das Kind immer bereits übergestreift, wenn es „Auf die Plätze fertig los.“ schreit. Methoden, die ich sonst nur aus Vorstandsklausuren kenne. Beim Vorlesen des Märchenbuches gestern Abend wurde mir klar: der Igel war der erste Investmentbanker. Und ich bin der Hase – ganz kurz davor, mitten im Feld zusammenzubrechen.

Ich kann diesem ganzen traurigen Geschehen nur einen positiven Aspekt abgewinnen. Wenn ich mich irgendwann wieder von einer Mutter in Humankapital zurück verwandele und einer ordentlichen Erwerbsarbeit nachgehe, werde ich zumindest nichts verlernt haben.

Foto: flickr – jwyg – CC by 2.0

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4 Kommentare

  1. Wiebke sagt

    „Ich bin nicht Jan Hofer.“ 😂 – Dann könntest du das mit dem Kind ja auch ganz jemand anderem überlassen und dich gleich den wichtigen Dingen im Leben widmen. 😏

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