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„Manchmal denke ich, es fehlt nur noch die Ohrläppchencreme.“ – Ein Interview über Schönheit und Kosmetik

Andrea ist eine meiner ersten Leserinnen. Seit ihrem ersten Kommentar freue ich mich immer, wenn sie mir ihre Meinung da lässt. Denn die lässt mich oft in eine neue Richtung denken. Das liegt nicht nur daran, dass sie sich als Kosmetikerin auch von Berufswegen her gut mit dem ganzen Schönheitszirkus auskennt.

Ohne sie je getroffen zu haben (obwohl wir noch diesen Sofaplan haben), finde ich, sie ist genau das, was man sich unter einer starken und klugen Frau vorstellt. Und cool natürlich. Sonst wäre sie auch nicht meine coole Frau im August.

Also, Vorhang auf für ihr Interview. Wer mehr von ihr lesen möchte, kann sie auf ihrem Blog Michou à la mode besuchen. Um die wunderbaren Sachen, die sie näht, zu bewundern – und noch mehr kluge Gedanken zu entdecken.

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Wenn ich mich über die Schönheitsindustrie ärgere, kommentierst du gern, dass Make-up und Schönheitsrituale auch positiv wirken können…

AnführungszeichenIch denke, der Wunsch, den Körper zu verschönern, die Freude an Schönheit und Ästhetik, ist etwas Menschliches. Wenn ich in feministischen Kreisen etwas zu diesem Thema lese, dann ist das häufig beschränkt auf Druck, auf ungerechtfertigte Erwartungen an die Frau. Die Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren kann aber auch etwas Positives sein. Schönheitspflege zwingt dich, dich jeden Tag zweimal für 5-10 Minuten ganz mit dir zu befassen. Du zeigst dir selbst, dass du es dir wert bist – die Zeit und das Geld, das du aufwendest, um das zu erhalten, was du mitbekommen hast. Klingt pathetisch, oder? Aber ich habe es bei vielen Kundinnen immer wieder bemerkt: wenn in deiner Beziehung zu dir selbst etwas nicht stimmt, dann musst du was ändern. Und das bewusste Sich-pflegen hat bei vielen Frauen etwas verändert.

Wenn man sich die Produkte der Schönheitsindustrie anschaut, denkst du manchmal auch: „Was haben sie sich denn nun wieder ausgedacht?“

AnführungszeichenManchmal denke ich, es fehlt nur noch die Ohrläppchencreme, dann ist alles abgedeckt. Es gibt unglaublich viel Mist und unglaublich viel Geldschneiderei. Nach 30 Jahren im Job kann ich sagen: Kosmetik kann deutlich weniger, als sie zwischen den Zeilen verspricht, aber deutlich mehr, als die meisten ihr zutrauen. Das Hauptproblem ist, dass der Großteil der Cremes auf die falsche Haut aufgetragen werden. Weil die meisten Frauen ihre Haut falsch einschätzen. Das ist ein wesentlich komplizierteres Organ, als es die (dazu vollkommen unzureichenden) Schubladen von trocken bis ölig vorgaukeln. Falls jetzt ein Profitipp gewünscht ist: wichtig sind die morgendliche milde Reinigung, Tagespflege mit einem ausgewogenen Verhältnis Fett-Feuchtigkeit und das Ganze noch einmal am Abend.

Gibt es einen Schönheitswahn?

AnführungszeichenJa, ich glaube, dass es einen gewissen Druck gibt, „schön“ zu sein. Ich glaube aber auch, dass das immer schon so war. In den 50ern wurde von Frauen erwartet, sich modisch zu kleiden, sich dezent zu schminken und perfekt zu ondulieren. Es wurde nicht erwartet, dass sie einem Model oder einer Schauspielerin nacheifern. Es wurde unterschieden zwischen der alltäglichen Attraktivität der normalen Frau und der überirdischen Schönheit des Stars. Es war klar, dass die Natur nicht alle Menschen gleichmäßig bedacht hat. Außergewöhnliche Schönheit war ein Ideal, das man gar nicht unbedingt erreichen wollte und musste. Das gestattete eine relativ neidfreie Betrachtung der Schönheiten. Heute aber wird uns durch die operative Machbarkeit einerseits und durch immer stärker retuschierte Bilder suggeriert, wir alle könnten dieses Ideal erreichen und müssten es auch. Während zu Hollywoodzeiten nur der große Star retuschiert und perfekt ausgeleuchtet wurde, waren Reklamebilder für Waschmaschinen, Brühwürfel und Miederwaren mit durchschnittlich attraktiven Frauen verziert. Heute können wir nicht einmal Margarine kaufen, ohne dass eine 15jährige mit straffer Haut und Strahlelächeln plus Photoshopkur uns verführen will. Auch diese allgegenwärtige Überbetonung von Sexyness führt sicherlich dazu, dass junge Mädchen heute mit ganz anderen Erwartungen groß werden, als beispielsweise noch in den 80ern. Diese übertriebene Makellosigkeit schleicht sich ins Unterbewusstsein und vergiftet das weibliche Heranwachsen mit Sicherheit.

Was beeinflusst unseren Zugang zu Kosmetik und Make-up? Gesellschaftliche Normen, Werbung, Mütter, die sich schminken?

Anführungszeichen Meine Mutter hat sich ganz selbstverständlich geschminkt – nicht viel, nicht auffällig, aber täglich. So wie all ihre Freundinnen, die ebenfalls alle in den 50ern erwachsen wurden. Das gehörte einfach zu einem Kleid, einem Kostüm dazu. Man zieht sich nicht halb an und so verzichtet man nicht auf Make-up. Gezeigt hat sie es mir nicht, mich weder dazu ermutigt noch davon abgehalten.

Heute kommen mir an einem Samstag in der Innenstadt viele Frauen ungeschminkt und nicht zurecht gemacht entgegen. Mir begegnet immer wieder, dass sich nicht wenige mit Make-up schwer tun. Dann wird sich für den Besuch bei mir fast entschuldigt. Dabei geht es darum, was einem selbst gut tut. Ich habe einmal eine Physikerin kennen gelernt, die in einer männlich-dominierten Umgebung arbeitete. Als einzige Frau in einem Forschungslabor war sie groß und schlank, aber machte sich immer klein, obwohl sie gern weiblicher gewesen wäre. Aber die Kollegen hatten einmal dumme Sprüche über einen roséfarbenen Pflegestift gemacht und so befürchtete sie, geschminkt nicht ernst genommen zu werden. Ich war echt erschüttert. Oberflächlicher ging es ja wohl nicht. Die Jungs meinten wohl, eine Frau im Rock sei automatisch dumm. Dann habe ich sie geschminkt, sie war eine schöne Frau und auch in ihr schubste der Aufenthalt etwas an.

Sie kam nach einem Jahr wieder und erzählte, wie sie sich erst nur nach Feierabend umzog, wie das Selbstbewusstsein stieg und wie sie dann am Tag der Mitarbeitergespräche mit Zittern und Zagen im Kostüm, mit hohen Schuhen und roten Lippen hinging. Nur, um sich was zu beweisen und die Kollegen zu ärgern. Es war dann verblüffend zu sehen, wie anders sie behandelt wurde. Es kamen auch anzügliche Sprüche, die sie kühl mit etwas wie „Etwas mehr Körperpflege würde eurem Sozialleben auch nicht schaden.“ abtun konnte. Am Ende gewöhnten sich die Herren daran. Und auf einmal, und das ist das Schöne an der Geschichte, stieg der Anteil der Frauen in der Abteilung. Da gab es eine neue Kollegin und dann noch eine, die bereit waren, dort zu arbeiten. Die waren mal im Kostüm, mal in Jeans, mal geschminkt, mal ungeschminkt – wie es ihnen eben gefiel.

Ich bin 34, zwischen uns liegen ein paar Jahre. Was denkst du, wird der Druck weniger oder lernt man, entspannter damit umzugehen?

AnführungszeichenGute Frage. Ich bin ganz froh, heute auf die 50 zuzugehen und nicht vor 40 Jahren – da wäre ich definitiv eine alte Frau gewesen. Auf der anderen Seite: Seit Sex and the City sind Frauen ab 40 viel häufiger als Protagonistinnen in Filmen zu sehen; hierzulande haben wir Senta Berger und Iris Berben, die scheinbar mühelos fantastisch und alterslos aussehen. Während ich mich also heute nicht mehr zwangsläufig aus dem Leben zurück ziehen muss, zeigt man mir mehr oder weniger subtil, dass es aber auch nicht erlaubt ist, sichtbar alt zu werden. Selbst das dämliche Sexysein soll mich nicht verlassen. Ich soll sogar unglaublich happy darüber sein, dass ich mit nur 12 Stunden Yoga pro Woche, hypergesunder Ernährung und noch mehr Pflege, Botox und Laser ganz lässig und entspannt weiterhin interessant für Männer sein kann. Irgendwann sollte es auch mal gut sein dürfen. Davon habe ich mich definitiv freigemacht, dass ich den Erwartungen fremder und unwichtiger Männer entsprechen soll. Wovon ich nicht frei bin, das sind meine eigenen Ansprüche an mich.

Zu guter Letzt: Dein Blog ist einer DER Blogs, wenn es ums Selbstnähen geht. Einige schreiben, dass das Herstellen der eigenen Kleidung auch ihre Körperwahrnehmung verändert hat. Weil die Sachen richtig passen, gut sitzen und man unabhängiger von Trends und frustrierenden Shoppingerlebnissen ist. Würdest du dem zustimmen?

AnführungszeichenJein. Vielen geht es sicher so. Mir hingegen ist erst dank der Beschäftigung mit Schnittmustern klar geworden, was bei mir alles nicht stimmt. Während ich ganz gut damit lebte, keine Kleider kaufen zu können, weil sie oben zu weit und unten zu eng waren, wollte ich das bei einem selbstgenähten Kleid natürlich nicht haben. Wenn du dich dann mit Schnittanpassungen beschäftigst, dann erfährst du, dass die Falte A auf einen Rundrücken hinweist, Falte B auf einen flachen Po, Falte C auf überproportional hohe und breite Hüften. Während ich auch vorher durchaus mal unzufrieden mit meiner Figur war, beschränkte sich das auf zu dünn, zu unkurvig, aber irgendwie ok. Nach dem ersten Nähjahr wußte ich nun ganz genau, dass ich komplett verbaut bin. Da stand ich durchaus vor dem Spiegel und war erschüttert und habe versucht, mir meine Maße schön zu rechnen – woraufhin kein Kleid passte. Du musst, wenn du etwas gut Passendes nähen willst, auch lernen, ehrlich zu dir zu sein und genau hinzuschauen. Und damit ist – für mich zumindest – gar nicht so leicht klarzukommen. Das liegt nun einige Jahre zurück, mittlerweile komme ich klar und genieße es zur Zeit sehr, dass ich wieder mehr kaufe und reinpasse. Das ist fast wie ein Kompliment des Kaufkleides an mich.

Danke liebe Andrea – für deine offenen, persönlichen Worte und neuen Perspektiven. Es hat wie immer viel Spaß gemacht, sich mit dir auszutauschen. 

Foto: flickr – Maria Morri – CC by 2.0

 

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17 Kommentare

  1. Wiebke sagt

    Habe ich sehr gern gelesen, das mag ich, dass es hier nie dogmatisch zugeht, denn Frauen sind eben verschieden.

  2. Pingback: Lesen bei Corinne und große Ehre für mich – Michou à la mode

  3. Liebe Corinne,
    auch hier noch einmal danke, dass du mich gefragt hast und danke, dass du bloggst 🙂
    Ich freue mich auch weiterhin auf alles, was kommt.

  4. Ein interessanter Gedanke, dass Nähen das Körperbild verändert. Erwartet hätte ich es genau andersrum, da man ja Problemzonen sonst auf die universelle Bekleidungsindustrie schieben kann. Zumindest wenn man Ursachen immer schön external zuschreibt 😉

    • Bei Kaufkleidung lernte ich: mein Busen ist zu klein, meine Taille zu schmal und meine Hüften zu breit. Ach, und die Beine zu lang. Aber das ging vielen so, das schien normal zu sein und lag eben an Kleidung, die für alle gemacht ist.
      Beim Nähen bzw. der Ursachenforschung kamen viel intimere Details ans Licht, die ich nie auf dem Radar hatte: nach vorne geneigte Schultern, zu schmaler Brustkorb, die Hüften zu hoch, die Brust an der falschen Stelle, die Achseln zu hoch, die Knie zu tief und so läpperte sich das. Anfangs war das erschütternd, heute mache ich meine Schnitte selbst und bin somit perfekt 😀 😀

  5. Melanie sagt

    Interessant, auch wenn ich innerlich immer zusammen zucke bei Beispielen „Jetzt, wo sie gut aussieht, geht es ihr besser.“ Ich denke, man sollte lieber lernen sich von fremder Bewertung frei zu machen, als sich darüber zu freuen, dass man irgendwelchen Idealen jetzt entspricht und dann selbstbewusst sein darf. Aber das mit dem Freimachen von externen Ansprüchen steht ja auch irgendwo. 🙂

    • Ah nein, es ging dabei nie um fremde Bewertung, sondern um die eigenen Ansprüche und den Knick in der Optik, das sich nicht trauen und das doch wollen. Viele brauchten einfach einmal den Blick von außen, der freundlich war und ein Spiegelbild, das das bestätigt hat. Dazu muss man vielleicht wissen: ich habe Frauen kennengelernt, die jeden Zentimeter an sich hassten und der Umwelt, die sie vom Gegenteil überzeugen wollte, für verlogen und blind hielten. Andere waren in der Tat davon besessen, einem gesellschaftflichen Idealbild zu entsprechen und haben dann gelernt, das, was da ist, als viel besser und schöner zu erkennen. Und sich mal eigenständige Person zu begreifen und nicht als Projektionsfläche.

  6. Danke für das wunderbare Interview. Ich habe an ganz vielen Stellen „jawohl“ gedacht und freue mich, diese Gedanken hier zu lesen (die ich als langjährige Leserin von Michou natürlich schon kenne).

    An einer Stelle bin ich allerdings gedanklich hängen geblieben und habe auf meinem Blog eine Antwort darauf geschrieben. http://www.crafteln.de/2016/08/nicht-perfekt-normal.html

    Ich hoffe, es ist ok, diesen Beitrag hier zu verlinken. Ich mag es, wenn Diskussionen sich von Blog zu Blog entwickeln, weil es irgendwie doof ist, sich mit einem zu langen Kommentar zu viel Raum zu nehmen. Wenn du das nicht magst, steht es dir frei, den Link/meinen Kommentar zu entfernen, Corinne.

    • Liebe Meike, vielen Dank für deinen Beitrag (und das Lob für den Blog 🙂 Er ist wirklich sehr gelungen, danke fürs Aufschreiben. Er passt auch nicht nur wunderbar zu Michous Interview, sondern auch sehr schön zu meinem Blogthema, wie ich finde. Denn genau darum geht es mir auch. Die Mechanismen des „Selbstoptimierungswahns“ zu durchschauen, damit jede ihren eigenen Weg finden kann. Danke nochmal und viele Grüße, Corinne

  7. Ursula sagt

    Meine Großmutter war bis ins hohe Alter immer sehr geschmackvoll gekleidet, mit einem kleinen Schuss Understatement und gleichzeitig ausgefallenem Schmuck. Sie nähte das Meiste selbst, und sie war Künstlerin. Aber über all die 35 Jahre, die ich sie kannte, hat sie sich nie geschminkt.

    Meine Mutter, eine Frau mit dem Hang zu perfekt eleganten Outfits, die die Farbe des Lidschattens auf ihre Kleidung abstimmte, sagte einmal – da war sie wohl Mitte Vierzig – sie wisse nicht, was sie machen würde, wenn sie mal wirklich alt wäre und sich nicht mehr schminken könne. Sie hatte die Befürchtung, auf einem alten Gesicht würde dekoratives Makeup billig aussehen. Inzwischen geht sie auf die Neunzig, schminkt sich immer noch, trägt klare, kräftige Farben und extravaganten Schmuck und sieht sehr schick damit aus.

    Sich schön machen hat nicht unbedingt nur mit der Unterwerfung unter gesellschaftliche Idealbilder zu tun. Das auch, denn der Einfluss der Mode spielt immer mit. Aber man darf und soll sich auch treu bleiben bzw. erst mal einen eigenen Stil entwickeln. Wenn der nicht exakt in die Umgebung passt, ist man halt ein bisschen anders. Na und? Das muss nicht negativ wahrgenommen werden.

    Ich habe mit Mitte Fünfzig entschieden, mit der Tönerei aufzuhören und die Haare grau werden zu lassen. Obwohl nichts so sehr „alte Frau“ schreit wie graue Haare, fühle ich mich total wohl mit der neuen Optik. Schick kann ich trotzdem sein und sexyhexy war ich eh nie. Genau wie meine Mutter und Großmutter werde ich aber sicher nie ins Rentnerbeige abdriften …

    Viele Grüße
    Ursula

    • Vielen Dank für diese persönlichen Einblicke. Das ist das Schönste am Bloggen, wenn ich so viele schöne Sichtweisen und Geschichten erzählt bekomme und merke, wie wunderbar verschieden Frauen sind, die von den Medien oft als so homogene Masse betrachtet werden.

  8. Und wieder so eine spannende Frau, die ich dank des Internets kennenlernen darf. Klasse! Danke für den Beitrag. Ich sage, Schönheitspflege macht MENSCH schön, denn auch Männer blühen auf durch das bewusste Sich-pflegen und sich spüren und selbst wertschätzen. Als ehemalige Stilberaterin hatte ich da viele schöne Erlebnisse. Mann & Frau müssen sich freimachen von der wirklich lästigen Vermarktung durch die Schönheitsindustrie.

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