Make-up & ich

Vielleicht war es die Bilderflut von der Fashion Week. Ich habe diese Woche das erste Mal darüber nachgedacht, warum ich eigentlich so gut wie nie Make-up trage. Ich habe nichts gegen Make-up. Ich habe gelegentlich etwas gegen die Art, wie es vermarktet wird. Aber ich finde auch an Fashionwerbung Einiges auszusetzen. Und mag trotzdem Mode. Ich trage Jumpsuits im Büro. Meine Schminkfreiheit ist kein ideologisches Statement.  Es wäre leicht hieraus eine Ich bin besser als die anderen – Ich habe mehr verstanden – Nummer zu machen. Aber das ist es nicht. Ich klicke Make-up Tutorials auf youtube nicht weg. Vielleicht ist das ein bisschen wie Kochshows gucken während man Fertigpizza isst. Spannend, wie viele Dinge man so mit seinem Gesicht anstellen kann. Es ist mehr anthropologisches Interesse. Wobei, ich kann auch die Faszination nachvollziehen, die nächste Wundercreme zu besitzen. Ich habe schonmal welche gekauft. Ich hatte in meinem Leben schon einige Geschenke mit Schleife in türkis. Aber die Tiegel & Dosen verstauben im Bad. Es ist auch nicht so, als ob ich die Wirkung von Make-up nicht kenne. Klar, sieht man „besser aus“. Zumindest werde ich mit einer Schicht Foundation seltener gefragt, ob das Kind gerade schlecht schläft. Wieso also ohne?

Ich bin die meiste Zeit zu faul. 95% der Zeit habe ich eine Morgenroutine, die kein Make-up beinhaltet. Es ist aufwendig. Es kostet Zeit. Es bringt mir keinen erkennbaren Nutzen. Ich finde es super zu wissen, dass mein Kissen nicht aussieht wie ein Gemälde von Pollock, auch wenn ich mein Gesicht abends nicht wasche. Ich bin neugierig, ich lerne gern neue Dinge. Aber Wimpern kleben bringt mich an meine Grenzen. Ich mochte schon als Kind keine fisseligen Steckperlenspiele.

Ich bin zu ungeduldig. Ich habe es wirklich probiert. Aber es noch nie als Entspannung empfunden, mir Gesichtsmasken zu machen oder ausgiebig zu peelen. Zeit für mich ist irgendwie etwas anderes. Ich kann Kosmetiktermine manchmal entspannend finden, aber ich muss sie nicht haben. Man könnte mir auch ein Buch in die Hand drücken, einen Tee machen & mich eine Stunde in Ruhe lassen. Ich bin niemand, der Zeit immer effektiv nutzt. Ich kann wunderbar prokrastinieren. Aber wenn ich beim Nägel lackieren warten muss bis der Lack trocken ist, habe ich das Gefühl, der Tod streicht gerade vor meinen Augen die Lebenszeit zusammen.

Ich mag, was ich sehe. Ich freue mich über Komplimente, die mein Äußeres betreffen. Ein „Gut siehst du heute aus“ ist nett. Aber ich brauche sie nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob ich sie häufiger mit oder ohne Make-up bekomme. Das Gefühl, in den Spiegel zu schauen & sich wohl zu fühlen ist toll. Aber es ist weder abhängig von der Bestätigung anderer noch von Make-up. Mein pubertäres Ich hat da natürlich anders gedacht. Das Versprechen von Make-up, mehr aus sich zu machen, mehr rauszuholen, selbstbewusster sein, sich auszudrücken, erreicht mich nicht mehr. Ich mag auch so, was ich sehe. Ich kenne Arten mich auszudrücken, die mir mehr entsprechen. Ich bin nicht immer selbstbewusst, aber Make-up ist nicht die präferierte Lösung.

Wenn ich mich schminke, dann ist es, weil es gesellschaftliche Anlässe gibt, bei denen man durch ein geschminktes Gesicht seine Wertschätzung ausdrückt. Wie bei Kleidung auch. Ich gehe auch nicht in Jogginghose auf eine Hochzeit. Insofern verletzte ich komplett eines der Verkaufs-Mantras der Schönheitsindustrie: Ich mache es nicht für mich, sondern für die anderen.