Beauty & Banales, Schönes & Banales
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I’ve got 99 problems and my body is one

An die Tatsache, dass ich als Frau von Natur aus defizitär bin, habe ich mich inzwischen fast gewöhnt. Drei Kilo zu dick, kann immer noch etwas enhanced oder geboostet werden. Mindestens ab 30 brauche ich Anti Aging, neuerdings auch für die Hände.

Das Geschäftsmodell der Schönheitsindustrie ist so einfach wie genial. Sie befeuert die Unsicherheiten von Frauen, um ihnen die Lösung für das hausgemachte Problem teuer zu verkaufen. Die Erfindung der Cellulite ist nur ein Beispiel. In den 60er Jahren von den Köpfen der Marketingstrategen über die Vogue direkt in das schlechte Gewissen von Millionen von Frauen. Ganz wunderbar ist: Mein persönlicher Marathon zur Selbstverbesserung endet nie. Unaufhörlich kommen neue Streckenabschnitte dazu. Das Wissen um meine neuesten beiden Probleme, gespeist aus den unendlichen Welten der Anzeigenseiten der Modezeitschriften, möchte ich der weiblichen Welt daher nicht vorenthalten.

1.  Ich habe geschwächtes Haar und es altert. Bisher kannte ich feines, plattes, kraftloses oder stumpfes Haar. Die Problematik von geschwächtem Haar war neu. Das Bild formt sich aber schnell in meinem Kopf. Da liegt es mein Haar, geschwächt am Boden und atmet nur noch ganz flach. Es ging ihm mal anders, denn es ist GEschwächt. Ich bin schuld, ich habe es stiefmütterlich behandelt. Mit entkräftigenden Sulfaten habe ich es in den sicheren Untergang getrieben. Ein Spray verspricht Rettung und „verleiht unmittelbare Griffigkeit und revitalisierenden Duft“. Für die Mehrheit von uns Frauen, die wie Rapunzel im Turm sitzen und auf die Rettung durch den Prinzen warten, ist das DIE Nachricht. Griffiges Haar ist wichtig. An solchem kann sich der Held nach oben ziehen um nach getaner Arbeit mit revitalisierendem Duft umfangen zu werden. Spoiler: Diejenigen Rapunzel, die sich während der letzten Sätze entspannt zurücklehnten, seid gewarnt. Auch in der Perfektion darf man nicht ruhen. Euch sei die Pflegeserie „für repariertes Haar“ empfohlen. Zweite Erkenntnis: repariert oder nicht, Haar altert. Da mag man zustimmend nicken. Haar wird eben grau. Wir haben es aber hier mit einer ganz anderen Kategorie von Problem zu tun: den „sichtbaren Zeichen der HAARalterung“. Ich sehe sie förmlich vor mir, Grafiker und Marketingstratege über den Bildschirm gebeugt. Er tippt „sichtbare Zeichen der HAUTalterung“ und autocomplete ändert in HAAR. Der Grafiker will gerade löschen, da fährt die Hand des Marketingstrategen dazwischen: Halt! Das lässt sich auch verkaufen. So richtig Zeit zum Durchdenken hatte er nicht mehr, denn wogegen man hier arbeitet, bleibt unklar. Dafür handelt es sich um eine Pflege für alle, „die besonders hohe Ansprüche an ihre Haarpflege stellen“. (Alte Frauen eben?) und das Haar sieht „10 Jahre jünger aus“. Reicht als Argument wohl aus.

2. Meine Haut hat Poren und Durst. Ersteres irritiert auf den ersten Blick in der Kategorie Problem. Eine einschlägige Online-Enzyklopädie bestätigt: die Existenz von Poren in menschlicher Haut ist durchaus weit verbreitet, wenn nicht sogar biologisch bedingt. Aber auch an biologischen Tatsachen kann Frau arbeiten. Oft muss sie es sogar. Man denke nur an die harte Arbeit, die man in Sportprogrammen zu leisten hat, um den Körper zu bekommen, der „in einem steckt“. Mit der entsprechenden Creme lassen sich auch „die Poren wegzaubern.“ Wahnsinn. Dass meine Haut Durst hat, ist leichter zu verstehen. Ich habe auch manchmal Durst. Meine Haut trinkt allerdings keine Apfelschorle sondern ein Serum für 40 Euro à 100 ml. Das unterscheidet sie deutlich von mir.

Eines darf nicht unerwähnt bleiben. Man betonte mehrmals in den redaktionellen Inhalten (haha) zwischen den Anzeigen, dass ich natürlich immer möglichst natürlich bleiben sollte, da das jeder Frau am Besten steht…Und die richtigen Produkte, um mir dabei zu helfen, gibt es Gott-sei-Dank auch.   

Foto: By Sander van der Wel from Netherlands (Let’s go party!!!  Uploaded by russavia) [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

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  1. Pingback: Blubb, blubb – makellosmag ist erstmal abgetaucht | makellosmag

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