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Husch, husch ins Körbchen… – BHs und das Ende der Unterschiede

Die Geschichte des BHs ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zum Beispiel haben Feministinnen nie welche verbrannt.  Und dann natürlich die immanenten Gefahren dieses so unscheinbar wirkenden Kleidungsstücks. Bekommt man davon Brustkrebs? Sind zu enge BHs schuld an meinem Haarausfall? Das Problem der falschen BH-Größe scheint sowieso eines, was ständiger Aufklärung bedarf. Trotz fast monatlich alarmierender Meldungen, kriegen Frauen es einfach nicht auf die Reihe und kaufen ständig zu kleine Größen. Wenn man der Berichterstattung Glauben schenken darf. Nicht zu vergessen, das Frauenzeitschrift-Paradoxon: Kauft man jetzt sexy Unterwäsche für den Partner oder für sich selbst?

Einer für alle?

Ein Missverständnis scheint mir aber persönlich das hartnäckigste. BHs unterstützen nämlich nicht die Brust. Denn weibliche Brüste sind vielfältig und kommen in allen Formen vor, wie das Fotoprojekt Bare Reality gerade zeigt.  Heutige BHs machen aus ihnen aber nur eine einheitliche Variante. Ziemlich ähnliche Größe, rund wie ein Fußball und möglichst weit oben. Das liegt natürlich daran, dass man heute nichtgepolsterte Varianten fast nur noch in Läden findet, die vom Altersdurchschnitt weit über dem eigenen liegen.

Gepolstert sind heute auch Sport-BHs und – wie ich kürzlich bei H&M feststellen musste – Still-BHs. Denn, sind wir mal ehrlich, das ist doch genau die Lebensphase, in der man Wonderbrabrüste haben will, weil man sich so unglaublich sexy fühlt, oder? Zumindest ist es die Phase, wo die Brüse wahrscheinlich am wenigstens Polsterung brauchen, weil sie schon von sich aus gut gefüllt sind. Aber das nur am Rande.

Die allgegenwärtige Polsterung – die sich bereits auf BHs für 10jährige ausweitet – führt zu absurden Forenbeiträgen wie diesem, in dem Mütter diskutieren, wieso BHs für ihre pre-pubertären Töchter gepolstert sein könnten. (Spoiler: Zum Schutz der noch jungen Brust war meine Lieblingsantwort). Die richtige wäre übrigens wegen gefährlicher Übersexualisierung des Kindesalters. Fällt einem aber nur selten ein, weil die Seh- und Tragegewohnheiten kaum noch andere Varianten außer das Schalentier zulassen. Wer sich einmal testen will, kann Fotos aus den 50ern und 60ern anschauen und überlegen, ob er angesichts der spitzen Brüste nicht kurz ins Grübeln kommt.

Wer hat’s erfunden?

Richtig wider der Vernunft wird es, wenn man überlegt, wie der BH überhaupt in die Welt trat. Mary Phelps Jacob erfand ihn 1910. Für die Kämpferin für Frauenrechte folgte hier eines aufs andere. Ihre Geschlechtsgenossinnen waren nämlich zum größten Teil bewegungsunfähig in Korsetts aus so bequemen Materialien wie Fischgebein eingeschnürt. Der BH versprach Befreiung vom genormten Aussehen & ein neues Gefühl für den eigenen Körper.

Wie so oft, machten den Profit dann nach dem ersten Weltkrieg andere, Mary hatte ihr Patent inzwischen verkauft. Die Zeit war in den 20ern mit neuem Kleidungsstil und Garçon-Haarschnitt wahrscheinlich auch reifer für neue Unterwäsche. Es ging also einmal um Freiheit für die Brust, was wegen der Materialien (noch keine Schaumstoffisolierung) auch Freiheit für Formen bedeutete. Seit den 90ern macht der Push-up Effekt das Wonderbra das alles platt, äh, prall. Und natürliche Brustformen sieht man nur noch beim FKK.

Ziemlich schade, schon wieder dieses Genorme auf eine Brustform, ein Aussehen für Frauen, hätte Mary Phelps Jacob sicher gedacht.

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6 Kommentare

  1. Schalentiere – hihi!

    Nein, jetzt mal im Ernst: Ich habe die Dinger immer verabscheut und finde es blöd, dass man kaum noch BHs ohne diese komische Polsterung bekommt. Ich bin deshalb seit Jahren bei einem einzigen Modell in mehrfacher Ausführung. Alles andere passt mir aber auch nicht richtig, weil meine beiden Schätze nicht gleich groß sind und so ein Hartschalendingsi einfach nicht genug Spielraum bietet, um sich diesem Umstand anzupassen.

    Insofern ist die Schalentier-Nummer wirklich Uniformierung und unzulässige Normierung. Und wehe, wehe, man sieht durchs T-Shirt die Brustwarzen… Gepusht darf es ja sein, aber dann doch bitte nicht zu menschlich-organisch. Grundsätzlich geleugnet wird ja ohnehin, dass die Schwerkraft irgendeinen erkennbaren Effekt auf den weiblichen Körper hat. Kein Wunder also, dass man das, was üblicherweise hängen würde, hinter halbierten Fußbällen mit Gummiaufhängung versteckt.

    Ich schlüpfe bisweilen ganz raus. Aber ich gebe zu, auf die Straße habe ich mich ohne noch nicht getraut. Der Standard, wie Frauen von vorne auszusehen haben, hat sich leider auch mir ins Gehirn gefräst.

  2. Mondbeta sagt

    Mir gehts ja bei BHs nicht um schöne Form, sondern um Halt, weil meine Brust nicht ganz klein ist und Rennen/Treppenlaufen ohne BH schmerzhaft ist. Umso ärgerlicher, dass ungefähr 90% der BHs (wenn nicht mehr) mit Schale sind – die passen mir einfach nicht. Meine Brustform entspricht wohl nicht der vorgeformten Norm und lässt sich da auch nicht drin unterbringen *seufz*

  3. Und wieder ein toller Beitrag! Danke für das Thema, liebe Corinne. Für mich war der BH auch eine Befreiung, denn ab Körbchengröße D tut laufen, springen, tanzen etc. oft weh, wenn man keinen guten BH trägt, da geht’s mir da ähnlich wie @Mondbeta. Ja, warum nur noch gepolstert? Stimmt, die Nippelchen sieht man dann nicht mehr. Hm… nachdenklich.

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