Feminismus & Weltverschwörung
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Ein gänzlich unironischer Text über meinen Feminismus

Jetzt habt ihr geklickt & freut euch auf ganz viel Ironie, oder? Irgendwas mit Butter, Lippenstift oder Frauengeschenken in Weihnachtskatalogen vielleicht?

Heute nicht, meine Lieben. Und das kam so. Kato vom Blog Innocent Glow hatte eine super Idee zu einer Blogparade. Eine so tolle Idee, dass es die erste Blogparade ist, bei der ich mitmache. Blogger & Bloggerinnen verteilen untereinander Themen & zwar solche, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen. Nicht das, worüber man sonst so schreibt. Veröffentlicht werden alle Texte am 1. Mai, die ganze Liste findet ihr bei Kato.

Ich habe Wibke (die „in Ghana ihr Herz verloren hat“) vom Reise- & Lifestyleblog Sonnenstrahlenmomente gebeten, über ghanaische Frauenbilder & Schönheitsideale zu schreiben & freue mich schon auf den Text.

Leah (ihr Blog heißt Splitter vom Glück – dass das alles dicke Leseempfehlungen sind ist klar, oder?) durfte für mich überlegen. Sie schrieb mir:

Was bedeutet Feminsmus heute? Was bedeutet er (eigentlich ironisch, dass der Genus von Feminismus männlich ist) für dich persönlich? Oder anders formuliert, was bedeutet es heute, eine Feministin (falls du dich als solche bezeichnest) zu sein? Die ganze Aktion heißt aber „über den Tellerrand“ und dies ist ja nicht wirklich ein Thema, welches dir fremd ist. Jetzt kommt deshalb der Haken: Ich möchte, dass du einen unironischen (auch wenn ich deine Ironie sehr mag) Beitrag zu diesem Thema schreibst.

Uff. Da habe ich erstmal kurz überlegt. Denn ich hätte gedacht, dass nichts, aber auch nichts glasklarer ist als die Tatsache, dass ich Feministin bin. Dass Feminismus mir ganz viel bedeutet, gerade heute.

Leah ist aber natürlich nicht nur wunderschön & kann zauberhaft schreiben (Ja, liebe Leah, das ist ein ganz unironischer Text wie gewünscht.), sondern hat den Finger in die Wunde gelegt. Und mich zum Nachdenken gebracht. Denn meine Ironie hat tatsächlich etwas mit meinem Feminismus zu tun.

Zunächst geht es mir wie anderen auch. Wenn man sich als Feministin bezeichnet & ein paar Sachen gelesen hat, kommt es einem tatsächlich unumgänglich vor, eine zu sein. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand bei Sinnen ist & sich NICHT als Feminist oder Feministin sieht. Wie kann man das alles nicht sehen, die absolute Notwendigkeit, die sexistische Werbung, alles!

Es ist nicht immer leicht über den Tellerrand zu blicken. Gerade wenn man für etwas brennt. Daher kommen sicher die teilweise reflexhaften Abwehrhaltungen, wenn sich Feministinnen angegriffen fühlen.

Mir hilft es dann nachzudenken, wie mir mein Feminismus eigentlich zugelaufen ist. Alles begann in einem Gender Studies – Einführungskurs. Gewählt, weil ich im ersten Semester nicht wusste wie früh man zur Einschreibung da sein musste (kein Scherz!). Ich hasste ihn. Und die Dozentin. Die hatte die Wahrheit gepachtet, ach, inhaliert hatte sie die. Da wäre es fast schon vorbei gewesen mit mir & dem Feminismus.

Aber der war schlau & schlich sich über einen Literaturwissenschaftskurs in mein Herz. Ich las George Eliot & Emily Dickinson, hörte von den Bronte-Schwestern & von Jane Austen. Die Kurzgeschichte Die gelbe Tapete faszinierte mich & die Idee der Literaturwissenschaftlerinnen Gilbert & Gubar, dass für Frauen in Texten des 19. Jahrhunderts oft nicht viel mehr blieb als Engel oder Verrückte zu sein. Auch, weil den Autorinnen eine Tradition des Schreibens fehlte, wie sie Männer hatten. Von da an ging es weiter & zur feministischen Theorie. Ins Heute katapultierte mich kurze Zeit später der Beauty Myth von Naomi Wolf.

Je mehr ich mich mit feministischer Theorie beschäftigte, desto mehr merkte ich, wie viel man falsch machen konnte. Die eine Strömung mit der anderen verärgern. Das vergessen & den nicht einbeziehen. Meine Distanz zu diesem akademischen Feminismus habe ich bis heute nicht abgelegt.

Das führt mich zurück zur Ironie. Ich kann mich erinnern, wie es mir ging, bevor ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Und Feminismus erfordert Beschäftigung. Ich glaube es, wenn junge Frauen schreiben oder sagen, dass sie keine negativen Erlebnisse gehabt haben. Oder solche, die sie als negativ wahrnehmen.

Es kostet nicht viel, zu wissen, dass man selbst auch nicht immer so gedacht hat. Dass es in Ordnung ist, weil zwischen den beiden Positionen mindestens ein paar Zentimeter Buchregal & einige Stunden Nachdenken & Wahrnehmen aber auch Lebenszeit liegen.

Ich bin entspannt, weil ich warten kann. Weil die Erlebnisse auch bei diesen Frauen kommen werden. Weil es ein Fakt ist, dass Frauen und Männer Feminismus brauchen. Heute mehr denn je. Ich sehe ihn als eine Einladung zum Gespräch, wie das Heute ist & wie das Morgen aussehen kann. Eine Erklärung für die Welt, für Dinge, deren Zusammenhänge vielen nicht bewusst sein mögen. Wenn man die Einladung annimmt, geht es nicht mehr ohne. Und wenn jemand sie annehmen will, bin ich da.

Was hat das mit Ironie zu tun? Ich glaube, ein humorvoller Blick macht es leichter, die Einladung anzunehmen. Keiner wird gern belehrt. Und mir als Typ & meinem Schreibstil kommt es auch entgegen, nebenbei bemerkt. Da würden jetzt schon einige Feministinnen widersprechen, weil sich Feminismus nicht verkleiden muss, nicht witzig & leichtfüßig sein muss, um ernst genommen zu werden. Deshalb ist meine Ironie, das ist mir beim Nachdenken über Leahs Fragen klargeworden, auch ein klitzekleines-mini Bisschen mein Schutzschild dagegen, feministisch etwas falsch zu machen. Angreifbar zu sein, für solche, die finden, so kann man das alles nicht machen.

Das ist jetzt lang geworden. Aber hoffentlich verständlich. Feministin bin ich. Hundertprozentig. Aber Feminismus ist nicht für Jede das Gleiche, er kann sich wandeln, er ist nicht leicht zu erklären. Er ist kein „er“ & keine „sie“ sondern mindestens alles dazwischen & alles drum herum. Das macht ihn vielschichtig, das macht ihn oft schwammig & schwer greifbar. Aber die guten Dinge sind selten simpel. Auf jeden Fall hat Feminismus mit echtem Interesse zu tun, mit wirklichem Nachdenken – über sich selbst & die anderen.

Also, vielen Dank Leah. Ich hätte nicht gedacht, dass ich beim Nachdenken über meinen Feminismus noch Neues über mich erfahren kann.

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24 Kommentare

  1. Wie anders du daran kamst und wie anders du das alles erlebt hast / erlebst. Gemeinsam ist uns auf alle Fälle das Unbehagen dem „akademischen Feminismus“ gegenüber – bei manchen Texten, bei manchen Aussagen und vielen Vorstellungen rollen sich mir sämtliche Nägel auf: es geht dermaßen elitär zu, oft besserwisserisch und gerne kleingeistig, was meiner Vorstellung von „Frauen für Frauen“ nicht entspricht.
    Ich weiß es ja gar nicht genau – hätten wir wirklich auf unserem Sofa gemeinsam gesessen, wäre das anders 😀 – aber ich schätze dich auf Mittdreißig. Damit wärest du die Dekade nach mir, mit der ich erst jetzt virtuell viel zu tun habe. Als ich mit 30 mein erstes Studio eröffnete, schickten mir manche Kundinnen auch ihre aknegeplagten Kinder – es war für mich verblüffend festzustellen, dass die meisten Mädels so vollkommen anders als wir 12-15 Jahre zuvor waren; wie, das kann ich gar nicht sagen. Bis es der Sohn einer Kundin auf den Punkt brachte: Er stand im Abi, unterhielt sich gerne über alles möglich und meinte eines Tages, er fände es toll, dass man doch auch mit Frauen so reden könne.
    Wie, so reden könne?
    Na, über Politik und Religion und Stress und Ärger und Kleinkram. Das hätte gar nicht gewußt.
    Ob er denn auf eine Jungsschule ginge? Oder spräche er nicht mit seinen Klassenkameradinnen?
    Mit denen? Du bist ja witzig. Die haben doch nur drei Dinge im Kopf!
    Und was das sei?
    Na, letzten Samstag, diesen Samstag und nächsten Samstag!

    Du siehst, das hat sich eingebrannt. In der Tat stellte ich danach an meinen Teeniekundinnen fest: er hat so ziemlich recht. Und dann, kurz danach, kam eine, die kurz vorm Abistress war und so aufgeregt war, dass sie erzählen musste. Ihr dämlicher Deutschlehrer habe eine Klausur zum Thema Frauenbilder, Frauenklischees und Frauenzukunft schreiben lassen. Ich nahm natürlich an, dass sie sich über die Jungs der Klasse aufrege, die doch sicherlich nichts als blöde Sprüche draufhatten, dass sich Gräben geöffnet hätten, dass sie an der Welt an sich verzweifele – so zumindest war das bei uns sehr oft und wir hatten ein hartes Stück Arbeit, diese Klassenkameraden zu anständigen Männern zu erziehen, was nur durch konsequente Aufklärung durch Fakten, Fakten, Fakten gelang, Und viel Aufregung und tägliches Thematisieren gelang. Falls wir nicht gerade zu abgelengt waren, weil die französischen Ausstauschschüler oder der coole Oberstüfler oder sonst ein besonders attraktives männliches Wesen etwas von uns wissen wollte. Oder schlimmer noch: nicht! Naja, oder wenn wir zu erschöpft waren 😀
    Wie auch immer, die Antwort überraschte mich sehr:
    Was soll dieser Mist denn? Wen interessiert dieser Scheiß? Dieses dämliche Getue, bloß weil ein paar häßliche Weiber keinen Kerl abbekommen? Was wollen die denn? Mit gehen diese hysterischen Ziegen so auf die Nerven! Sollen sie sich mal ordentlich anziehen und lernen, wie man mit Jungs umgeht, dann wär endlich Ruh‘!

    ???? Falscher Film????
    Wir haben uns dann sehr lange unterhalten und beim nächsten Mal erzählte sie mir stolz, sie habe sich jetzt mal eine Emma gekauft und ja, manches wäre doch echt Mist. Aber bis heute fällt es mir schwer, zu verstehen, wie man ein Mädchen sein kann und nicht immer an Grenzen stößt. Vielleicht hat sich in diesen gut zehn Jahren mehr in der Erziehung geändert, als ich sehen konnte? Ich nahm immer an, dass man doch ganz automatisch Feministin würde, wenn man gerne Mädchen ist.

    Wieder einmal viel zu lang geworden, meine persönlichen Feminismuserfahrungen stehen ja eigentlich in meinem Blog 😀

    • Ich glaube, es liegt daran, dass Benachteiligung von Frauen heute auf leisen Pfoten dahertrapst. Auf den ersten Blick können und dürfen heute Frauen doch alles, sie brauchen keine Erlaubnis mehr vom Mann zum Arbeiten, können Bundeskanzlerin werden und ihre Eizellen einfrieren lassen.
      Dass die Meinung von Männern im Job oft ernster genommen wird als die einer Frau – das weiß eine Gymnasiastin noch nicht, und später wird sie es vielleicht auf sich und nicht auf ihr Geschlecht beziehen. Die 18jährige hatte noch nicht das Problem, dass Chefs sie nicht einstellen möchten, weil sie demnächst schwanger werden könnte … und dass die halbe Welt mit halbnackten Frauen tapeziert ist, die großen Helden in Kinofilmen fast immer Männer sind, das kommt ihr normal vor – Heidi Klum erzählt ihr ja auch jeden Donnerstag, wie wichtig es ist, hübsch und brav zu sein.
      Ein wenig ist es vielleicht auch etwas unbewusste Rebellion – wenn die Elterngeneration für Frauenrechte gekämpft hat, oben ohne protestiert, wie kann man sich als Mädchen da noch abgrenzen? Feminismus, gerade Holzhammer-Feminismus von Frau Schwarzer, erscheint altbacken und „von gestern“. Das Ding der Eltern.
      (Mit dem Rebellieren ist es ja wirklich so eine Sache – ich bin 30, meine Eltern sagten mir als Teenager „Geh doch mal mehr auf Partys, trink doch mal Alkohol …“ 😀 )

      • Das wäre auch meine Antwort gewesen. Die Leitbilder gehen ganz klar in Richtung Attraktivität & „Schön sein“ & schlau sein im ordentlichen Rahmen (Mädchen sind fleißiger, besser in der Schule solange sie nicht subversiv Dinge hinterfragen alles ok). Schon von ganz klein an. Das mitzumachen macht Spaß, ist gesellschaftskonform & ich werde dafür gelobt. Die Grenzen kommen erst später. Ich glaube auch, dass der Bruch um den Berufseintritt herum ist, spätestens mit Kindern.
        Mit der Rebellion war es bei mir übrigens ähnlich :-).

      • Ich verstehe, was du meinst – andererseits: als ich war, war ich schon längst Feministin, wenn ich auch das Wort selbst erst ein oder zwei Jahre zuvor kennen gelernt habe. Und Ahnung davon, wie es im Erwerbsleben sein würde, hatte ich auch noch nicht. Dennoch war der Großteil meiner Mitschülerinnen feministisch; meine Freundinnen alle. Das fing so mit 8 oder 9 an, einfach dadurch, dass beispielsweise die kleinen Brüder nie spülen mussten. Oder länger draußen bleiben konnten. Irgendwann war klar, dass das nicht nur am Alter liegen konnte. Irgendwann nervten auch die Sprüche darüber, was Mädchen können und tun und Jungs besser können und besser tun. Ich würde behaupten, dass ein natürlicher Feminismus aus einer gekränkten Mädchenehre herrühren könnte. Deshalb auch die Überlegung, ob die 15 Jahre Unterschied schon eine andere Art Erziehung bewirkt haben mag? Mädchen also nie das Gefühl haben mussten, anders und ungerechter behandelt zu werden?

  2. Pingback: Reiseplanung: Dos und Don’ts | Splitter von Glück

  3. „Die hatte die Wahrheit gepachtet, ach, inhaliert hatte sie die.“ Hahaha, sehr geil.
    Toller Artikel! Ich stimme dir zu, Feminismus ist für jeden anders und das ist auch okay!
    Ich wünsche mir aber, dass das Wort nicht mehr so negativ beladen ist. Dass ein Mädchen, das „Feminist“ auf ihrem T-Shirt stehen hat, nicht von der Schulleitung als „offensive“ gerügt wird (http://yooying.com/p/962438222439773985_443024604). Wenn das alles erreicht ist, dann braucht man auch kein ironisches Schutzschild mehr.
    Feministische Grüße,
    Christina 🙂

    • Noch ein schöner Blog für meine Leseliste :-). Das mit dem T-Shirt kannte ich noch gar nicht. Ja, der Feminismus hat ein Imageproblem. Obwohl man wahrscheinlich sagen muss, dass alle Bewegungen, die Veränderung & Menschen aus ihrer Komfortzone locken wollen, nicht von allen geliebt werden.

  4. „Auf jeden Fall hat Feminismus mit echtem Interesse zu tun, mit wirklichem Nachdenken – über sich selbst & die anderen.“

    Einfach nur danke für diesen Satz. Und über den restlichen Text denke ich nochmal nach und überlege mal, wie es eigentlich mit mir und dem Feminismus ist…

  5. Vielen Dank für Deine Ausführungen. Ist schön und angenehm mal eine unverkampftere Sichtweise zu lesen.

    „Aber Feminismus ist nicht für Jeden das Gleiche, er kann sich wandeln, er ist nicht leicht zu erklären. Er ist kein “er” & keine “sie” sondern mindestens alles dazwischen & alles drum herum. Das macht ihn vielschichtig, das macht ihn oft schwammig & schwer greifbar. Aber die guten Dinge sind selten simpel. Auf jeden Fall hat Feminismus mit echtem Interesse zu tun, mit wirklichem Nachdenken – über sich selbst & die anderen.“

    Ja, ja, ja, ja, ja. Genau das isses, Treffer versenkt.

    Und ich schliess mich Lexa an: es regt an mal wieder über seinen eigenen Feminismus nachzudenken.

  6. Doc Fem sagt

    Das besonders Großartige an diesem Beitrag/Blog ist, dass er geschrieben ist von jemandem, der offenbar selbst den höchsten akademischen Titel trägt, und dennoch (oder gerade deswegen) sich nicht auf die Glaubenskriege einlässt, die unter dem Deckmantel des Akademischen geführt werden und eher sich selbst als der Sache dienen. Danke, weiter so!

  7. Es freut mich sehr, dass du dich meinem Thema so offen angenommen hast. Und ich finde, dabei ist ein wirklich interessanter Artikel entstanden. Ich habe dir diese Frage unter anderem auch deshalb gestellt, weil ich mir meines Feminismus noch nicht sicher bin und gespannt war, die Gedanken von jemandem zu lesen, der seinen Standpunkt schon genauer definiert hat.

    Mich selbst als Feministin zu bezeichnen, fällt mir schwer. Das will nicht heissen, dass ich nicht sehe, wie die Gesellschaft Frauen und Mädchen versucht in ein Korsett zu zwingen und auch benachteiligt (ungleiche Löhne für gleiche Arbeit, geht’s noch?!). Den Druck schön zu sein, den spürt man insbesondere als junge Frau sehr stark. Man eifert einem Ideal hinterher und weiss dabei nicht, ob es das eigene oder dasjenige der Gesellschaft ist. Natürlich rege ich mich auch über sexistische Werbung und starre Rollenbilder auf und tu meine Meinung darüber auch kund. (Noch) nicht auf meinem Blog, aber zumindest in meinem Freundeskreis. Aber macht mich dies schon zur Feministin? Ich befürchte nicht.

    Da gibt es diese eine Geschichte aus meiner Primarschule: Wir Mädchen – ich inklusive – mussten, wenn wir fertig mit unseren Aufgaben waren, den schwachen Schülern Nachhilfe geben, die Jungs bekamen Förderaufgaben. Damals wusste ich nichts von dieser Ungerechtigkeit. Als ich es Jahre später erfuhr, war es zu lange her, dass ich mich allzu stark darüber aufgeregt hätte. Seit dann wage ich zu behaupten, dass ich persönlich zum Glück selten die Schattenseite des Frauseins zu spüren bekam. Das ist eine Standardaussage. Es macht sie aber nicht weniger wahr. Für etwas zu kämpfen, das mich selbst nicht belastet, fällt mir schwer. Ich weiss, dass es noch viel gegen die Benachteiligung der Frau zu tun gibt und trotzdem: mir fehlt der persönliche Leidensdruck und deshalb die Motivation, mich stärker zu engagieren. Ich weiss auch, dass das egoistisch ist.

    Ich bin gespannt, ob sich meine Einstellung ändert, wenn eines Tages Kinder und Karriere auf dem Plan stehen und die Gesellschaft noch grössere Ansprüche an mich stellt, weil ich dann nicht mehr nur Frau, sondern auch Mutter bin.

    • Danke für die offenen Worte. Sehr spannend. Das ist ja immer die große Frage, ob & in welcher Form Feministin sein mit klassischem politischem Engagement zusammengehen muss. In seinem Umfeld kann man auch schon eine Menge tun finde ich, wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt. Und ob du dich nun Feministin nennst oder etwas anderes ist eigentlich auch egal. Wenn du Lust hast & dich von ein paar Schimpfwörtern nicht abschrecken lässt, lies doch mal Caitlin Moran: Wie ich lernte eine Frau zu sein. Für mich eines der besten, unverkrampftesten Bücher :-).

  8. Vielen Dank für diesen Artikel 🙂 Es ist immer sehr spannend zu lesen, was Feminismus für andere Menschen bedeutet. Ich habe erst vor kurzem mit Feminismus beschäftigt und finde, dass mein Feminismus sich immer ändert, bzw. mit mehr Wissen sich weiterentwickelt. Meine Gedanken über Feminismus kann man übrigens auch auf meinem Blog lesen. Die sind allerdings nicht schön knapp und bündig wie bei dir 😉 Ich wünsche mir, ich hätte diese Begabung für Wörter wie du …

  9. Nina sagt

    Es ist wie so oft erfrischend, wie du deine Gedanken im Text fließen lässt. Ja, der akademische Feminismus hat so seine Tücken… Toller Text!

  10. Danke für diesen Artikel. Umso mehr, als dass ich mich selbst auch unheimlich schwer tue mit meiner eigenen Einordnung in Sachen Feminismus. Besonders regt mich auf, wenn sich Menschen anmaßen, anderen zu erklären, was Feminismus ist, wie er interpretiert zu werden hat und welche Maßstäbe für Frauen zu gelten haben. Also auch, wie meine Bedürfnisse als Frau auszusehen haben und was ich für mich und andere Frauen zu fordern und zu wünschen habe. Womöglich sogar, weil ich sonst keine richtige Frau wäre. Dieser Anspruch auf Deutungshoheit geht mir gewaltig auf den Sack.

    Was aber nicht bedeutet, dass ich kategorisch jede Spur von Feminismus für mich ausschließe. Ich hätte ein Sohn werden sollen und habe eigentlich immer gespürt, dass Mädchen in unserer Familie als Mangelwesen betrachtet werden. Hätte ich keine Schwester, sondern einen Bruder gehabt, dann wäre diese Bewertung noch krasser ausgefallen. So habe ich aber bereits die Defizite „ausgeglichen“, die Mädchen angeblich haben, und habe mich mit Jungskram beschäftigt. Sicher war ich ein Tomboy. Aber vielleicht auch deshalb, weil ich deutlich gespürt habe, Mädchenkram ist weniger wert.

    Deswegen ist heute noch mein wunder Punkt, wenn jemand behauptet, Frauen könnten oder wollten bestimmte Dinge nicht tun, eben weil sie Frauen seien. Seien zu Schönsein, Reproduktionswunsch und „sozialen“ Tätigkeiten geboren und nicht in der Lage, von diesem evolutionären Imperativ abzuweichen. Das Thema ist, abgesehen von praktischen Dingen, mein persönlicher Feminismus-Antrieb.

  11. Ich bin richtig beeindruckt, wie viele schöne persönliche Geschichten ihr erzählt. Vielen Dank an alle für die Offenheit. Es schreit fast nach einer Blogparade :-). Und dass ihr so ehrlich seid, was die Barrieren betrifft, die das F-Wort erstmal bei euch auslöst. Sehr spannend zu lesen.

  12. „Die hatte die Wahrheit gepachtet, ach, inhaliert hatte sie die.“ Genau diese Menschen (oder vielmehr: Frauen) sind immer noch schuld daran, dass ich mich mit dem Begriff „Feminismus“ unwohl fühle. Dumm, oder? Da sind auf der einen Seite die Idioten, die Frauen in ein erzkonservatives Korsett quetschen wollen. Und auf der anderen Seite stehen die, die jede Frau auf Teufel-komm-raus aus diesem Korsett herausziehen, ob sie denn voll und ganz wollen oder nicht. Man nehme nur das Thema „Kindeserziehung“. Die einen wollen, dass Frau und Kind für Jahre im Privaten verschwinden. Die andere Seite will die Frau nach acht Wochen wieder Vollzeit im Beruf sehen. Meine Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
    Davon abgesehen fühle ich mich aber auch mit 30 Jahren nicht persönlich als Frau diskriminiert. Gesellschaftlich: ja (siehe oben), aber dass ich mich persönlich sexistisch angegriffen gefühlt habe, kann ich mich kaum erinnern (und wenn dann sehe ich den Grund mehr darin, dass mein Gegenüber ein Idiot war, als dass ich eine Frau bin). Wenn du verstehst, was ich meine.

    • Ja, ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Habe übrigens gerade deinen Text bei Brigitte gelesen (lang & dünn 🙂 und fand den ziemlich feministisch. An Körperbildern (und dem nie etwas richtig machen können) lässt sich viel festmachen. Davon abgesehen, wenn Frauen anfangen, nach ihren Bedürfnissen zu fragen & ihre eigenen Wahrheiten zu verbreiten & einzufordern, was fehlt, dann ist das schon ein ziemlicher Schritt, finde ich. Und das Label auch irgendwie egal. Obwohl es mir ein bisschen leid tut für den armen Feminismus, weil er auch so viele tolle Frauen auf seiner Seite hat :-).

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