Ein gänzlich unironischer Text über meinen Feminismus

Jetzt habt ihr geklickt & freut euch auf ganz viel Ironie, oder? Irgendwas mit Butter, Lippenstift oder Frauengeschenken in Weihnachtskatalogen vielleicht?

Heute nicht, meine Lieben. Und das kam so. Kato vom Blog Innocent Glow hatte eine super Idee zu einer Blogparade. Eine so tolle Idee, dass es die erste Blogparade ist, bei der ich mitmache. Blogger & Bloggerinnen verteilen untereinander Themen & zwar solche, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen. Nicht das, worüber man sonst so schreibt. Veröffentlicht werden alle Texte am 1. Mai, die ganze Liste findet ihr bei Kato.

Ich habe Wibke (die „in Ghana ihr Herz verloren hat“) vom Reise- & Lifestyleblog Sonnenstrahlenmomente gebeten, über ghanaische Frauenbilder & Schönheitsideale zu schreiben & freue mich schon auf den Text.

Leah (ihr Blog heißt Splitter vom Glück – dass das alles dicke Leseempfehlungen sind ist klar, oder?) durfte für mich überlegen. Sie schrieb mir:

Was bedeutet Feminsmus heute? Was bedeutet er (eigentlich ironisch, dass der Genus von Feminismus männlich ist) für dich persönlich? Oder anders formuliert, was bedeutet es heute, eine Feministin (falls du dich als solche bezeichnest) zu sein? Die ganze Aktion heißt aber „über den Tellerrand“ und dies ist ja nicht wirklich ein Thema, welches dir fremd ist. Jetzt kommt deshalb der Haken: Ich möchte, dass du einen unironischen (auch wenn ich deine Ironie sehr mag) Beitrag zu diesem Thema schreibst.

Uff. Da habe ich erstmal kurz überlegt. Denn ich hätte gedacht, dass nichts, aber auch nichts glasklarer ist als die Tatsache, dass ich Feministin bin. Dass Feminismus mir ganz viel bedeutet, gerade heute.

Leah ist aber natürlich nicht nur wunderschön & kann zauberhaft schreiben (Ja, liebe Leah, das ist ein ganz unironischer Text wie gewünscht.), sondern hat den Finger in die Wunde gelegt. Und mich zum Nachdenken gebracht. Denn meine Ironie hat tatsächlich etwas mit meinem Feminismus zu tun.

Zunächst geht es mir wie anderen auch. Wenn man sich als Feministin bezeichnet & ein paar Sachen gelesen hat, kommt es einem tatsächlich unumgänglich vor, eine zu sein. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand bei Sinnen ist & sich NICHT als Feminist oder Feministin sieht. Wie kann man das alles nicht sehen, die absolute Notwendigkeit, die sexistische Werbung, alles!

Es ist nicht immer leicht über den Tellerrand zu blicken. Gerade wenn man für etwas brennt. Daher kommen sicher die teilweise reflexhaften Abwehrhaltungen, wenn sich Feministinnen angegriffen fühlen.

Mir hilft es dann nachzudenken, wie mir mein Feminismus eigentlich zugelaufen ist. Alles begann in einem Gender Studies – Einführungskurs. Gewählt, weil ich im ersten Semester nicht wusste wie früh man zur Einschreibung da sein musste (kein Scherz!). Ich hasste ihn. Und die Dozentin. Die hatte die Wahrheit gepachtet, ach, inhaliert hatte sie die. Da wäre es fast schon vorbei gewesen mit mir & dem Feminismus.

Aber der war schlau & schlich sich über einen Literaturwissenschaftskurs in mein Herz. Ich las George Eliot & Emily Dickinson, hörte von den Bronte-Schwestern & von Jane Austen. Die Kurzgeschichte Die gelbe Tapete faszinierte mich & die Idee der Literaturwissenschaftlerinnen Gilbert & Gubar, dass für Frauen in Texten des 19. Jahrhunderts oft nicht viel mehr blieb als Engel oder Verrückte zu sein. Auch, weil den Autorinnen eine Tradition des Schreibens fehlte, wie sie Männer hatten. Von da an ging es weiter & zur feministischen Theorie. Ins Heute katapultierte mich kurze Zeit später der Beauty Myth von Naomi Wolf.

Je mehr ich mich mit feministischer Theorie beschäftigte, desto mehr merkte ich, wie viel man falsch machen konnte. Die eine Strömung mit der anderen verärgern. Das vergessen & den nicht einbeziehen. Meine Distanz zu diesem akademischen Feminismus habe ich bis heute nicht abgelegt.

Das führt mich zurück zur Ironie. Ich kann mich erinnern, wie es mir ging, bevor ich mich mit dem Thema beschäftigt habe. Und Feminismus erfordert Beschäftigung. Ich glaube es, wenn junge Frauen schreiben oder sagen, dass sie keine negativen Erlebnisse gehabt haben. Oder solche, die sie als negativ wahrnehmen.

Es kostet nicht viel, zu wissen, dass man selbst auch nicht immer so gedacht hat. Dass es in Ordnung ist, weil zwischen den beiden Positionen mindestens ein paar Zentimeter Buchregal & einige Stunden Nachdenken & Wahrnehmen aber auch Lebenszeit liegen.

Ich bin entspannt, weil ich warten kann. Weil die Erlebnisse auch bei diesen Frauen kommen werden. Weil es ein Fakt ist, dass Frauen und Männer Feminismus brauchen. Heute mehr denn je. Ich sehe ihn als eine Einladung zum Gespräch, wie das Heute ist & wie das Morgen aussehen kann. Eine Erklärung für die Welt, für Dinge, deren Zusammenhänge vielen nicht bewusst sein mögen. Wenn man die Einladung annimmt, geht es nicht mehr ohne. Und wenn jemand sie annehmen will, bin ich da.

Was hat das mit Ironie zu tun? Ich glaube, ein humorvoller Blick macht es leichter, die Einladung anzunehmen. Keiner wird gern belehrt. Und mir als Typ & meinem Schreibstil kommt es auch entgegen, nebenbei bemerkt. Da würden jetzt schon einige Feministinnen widersprechen, weil sich Feminismus nicht verkleiden muss, nicht witzig & leichtfüßig sein muss, um ernst genommen zu werden. Deshalb ist meine Ironie, das ist mir beim Nachdenken über Leahs Fragen klargeworden, auch ein klitzekleines-mini Bisschen mein Schutzschild dagegen, feministisch etwas falsch zu machen. Angreifbar zu sein, für solche, die finden, so kann man das alles nicht machen.

Das ist jetzt lang geworden. Aber hoffentlich verständlich. Feministin bin ich. Hundertprozentig. Aber Feminismus ist nicht für Jede das Gleiche, er kann sich wandeln, er ist nicht leicht zu erklären. Er ist kein „er“ & keine „sie“ sondern mindestens alles dazwischen & alles drum herum. Das macht ihn vielschichtig, das macht ihn oft schwammig & schwer greifbar. Aber die guten Dinge sind selten simpel. Auf jeden Fall hat Feminismus mit echtem Interesse zu tun, mit wirklichem Nachdenken – über sich selbst & die anderen.

Also, vielen Dank Leah. Ich hätte nicht gedacht, dass ich beim Nachdenken über meinen Feminismus noch Neues über mich erfahren kann.

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