Bekenntnis einer nicht mehr ganz so anonymen Listenschreiberin

Ich komme aus einer Dynastie von Zettelschreibern. Meine Eltern schreiben beide gern Dinge auf, Listen, notwendige Erledigungen, Tagesinformationen. Ihre Listen traf man überall an, auf dem Block neben dem Telefon, auf hastig herausgerissenen Zetteln, in Notizbüchern, auf Druckerpapier. Sie hingen mit Tesa am Kühlschrank. Allerdings war es nie chaotisch. Schließlich handelte es sich um Listen. Sie waren immer schön geschrieben und sogar, wenn meine Mutter etwas durchstrich, sah es elegant aus, eine perfekte, gerade Linie.

Das Listenschreiben liegt also vermutlich in meinen Genen. Wenn ich morgens aufstehe, nehme ich mir einen Stift und Papier. Dann mache ich meine Liste. Das ist vielleicht etwas altmodisch, aber Listen im Smartphone, selbst in tollen, sehr klugen Apps, wo ich sie teilen kann, sind nicht das Gleiche für mich. Genauso wie ich einen Kalender aus Papier habe, habe ich meine papierene Liste.

Manchmal brauche ich die Liste, um tatsächlich nichts zu vergessen. Die Tage sind voll und ich habe häufig Angst, etwas zu übersehen. Aber das ist es nicht nur. Die Liste hilft mir, Dinge zu ordnen. Aber sehr, sehr häufig, das muss ich zugeben, schreibe ich auch einfach nur um des Listen schreiben willens. Dann stehen auch Dinge auf der Liste, die ich gestern schon erledigt habe, nur für die Freude, sie später wieder durchzustreichen. Oder ich schreibe Dinge auf die Liste, die so schnell gehen, dass es fast länger dauert, sie aufzuschreiben. Ich schreibe auch Dinge auf die Liste, die gar keine Erledigungen, keine wirklichen Aufgaben sind.

Menschen, die keine Listen schreiben, können das oft nicht verstehen, warum man Punkte wie „mehr Wasser trinken“ oder „Einkäufe einräumen“ auf eine Liste schreibt. Es gibt auch keine Antwort, die das verständlich machen könnte. Das ist es einfach, was Listenschreiberinnen tun. Wir schreiben alles auf. Die Liste macht es schöner, Dinge zu erledigen, befriedigender, sie erledigt zu haben. Sie erzählt mir von mir und meinen Tagen, sie hält mich gesund. An übervollen Tagen sowieso, aber auch sonst.

Deshalb ist der erste Punkt auf meiner täglichen Liste – und jetzt bitte nicht lachen – sehr oft „Liste schreiben“. Solch eine Liste knechtet mich nicht, sie gibt mir sogar Spielraum. Ich kann die Aufgaben schließlich auch mit Fragezeichen versehen, dann schreibe ich so etwas wie „Autowerkstatt anrufen?“ Am Ende des Tages habe ich einige abgestrichene Dinge und vielleicht ein paar Fragezeichen übrig. Das ist schön, dann habe ich am nächsten Tag gleich etwas aufzuschreiben. Außerdem freue ich mich am Ende des Tages, wenn ich Dinge getan habe, die gar nicht auf der Liste standen. Die kann ich dann noch dazu schreiben und auch gleich abstreichen.

Gerade habe ich Listen für die unterschiedlichsten Dinge: eine Einkaufsliste (die ich selten befolge), Listen zum Aufräumen, eine Songliste für eine Playlist, eine Liste von Restaurants, Serien, Theaterstücken oder Kinofilmen, die ich gern besuchen oder sehen möchte, eine Liste mit Blogideen, eine Geburtstagsliste und eine Rezeptliste.  Das mag für manche klingen, als bräuchte ich einen eigenen Sekretär, aber mithilfe der Listen ordne ich mich ganz selbstverständlich und wie von Zauberhand von allein.

Was ich nicht habe, ist eine große Liste, wie sie erstaunlich viele Menschen haben. Eine Liste von Dingen, die sie noch erreichen wollen, langfristige Lebenspläne: einen Marathon laufen, eine Beförderung in den nächsten 3 Jahren, den Grand Canyon sehen. Es würde sich für mich falsch anfühlen, solche Dinge aufzuschreiben. Meine Listen sind vielleicht so alltäglich, dass ich nicht das Gefühl habe, dass sie Platz für diese Pläne und Wünsche bieten würden. Ich behalte sie lieber unausgesprochen bei mir. Es wäre nicht richtig, wenn sie sich auf dem Papier materialisieren würden, bevor sie sich tatsächlich erfüllen. Meine Listen ordnen eher das Heute und das Morgen.

Ist das eine komische Angewohnheit, sie zu schreiben? Vielleicht. Aber es stört mich nicht. Es gehört zu mir. Die Listen helfen mir, Dinge zu tun und andere sein zu lassen. Zum Abstreichen nehme ich immer einen dicken grünen Stift. Ich habe ihn schon hier vor mir liegen, denn ich brauche ihn gleich um „Blogartikel über Listen schreiben“ durchzustreichen. Dann schaue ich mir meine Liste an und freue mich ein wenig. Dass der Tag ganz erfolgreich war und dass ich morgen neue Dinge vorhabe. Und wenn die nervigen Aufgaben überwiegen, dann schreibe ich zum Ausgleich einfach noch welche hinzu, die ich mag. Gleich morgen früh, wenn ich wieder eine Liste schreibe.

Foto: flickr – Eljay – CC by 2.0