Film & Fernsehen, Schönes & Banales
Kommentare 9

Michael Knight macht etwas falsch

Michael Knight macht etwas falsch. Und damit meine ich nicht seine Haare oder die weißen Jeans. Michael, wer? Nun, Michael Knight rettete einst als fahrender Ritter mit seinem sprechenden Auto regelmäßig die Welt vor den Bösen. Daran ist selbstverständlich noch nichts falsch, es ist sogar außerordentlich begrüßenswert. Und Michael ist eigentlich ein dufter Typ, für einen 80er-Jahre-Actionserien-Charakter sowieso. „Great guy, great hair, great morals.“ würde Donald Trump vermutlich sagen und ihn sofort in den Kreis seiner imaginären Freunde aufnehmen. Und trotzdem beschlich mich der Gedanke, dass Michael Folge um Folge immer wieder den gleichen blöden Fehler beging. Dazu muss ich kurz ausholen.

Mit K.I.T.T., seinem sprechenden Auto, konnte Michael nämlich nicht nur gute Gespräche führen. Das Auto konnte auch Telefongespräche mitschneiden, Schlösser knacken und die Elektronik anderer Fahrzeuge so manipulieren, dass er regelmäßig Helikopter und Lastwägen steuerte. Das Auto scannte routinemäßig die Umgebung und warnte Michael zuverlässig, von welcher Seite die Bösen kamen.

Trotzdem saß Michael Knight immer gehetzt auf dem Fahrersitz. Und die Serie lebte von Szenen wie dieser: Das Auto und Michael rasen auf eine Brücke zu (dramatische Musik). Die Bösen, die sie gerade verfolgen, sprengen in letzter Minute einen Teil von ihr ab, um sie abzuhängen (noch dramatischere Musik). Das Auto analysiert die Situation („Michael, die Brücke ist gesprengt.“), gibt die entsprechende Anweisung („Michael, wir müssen den Turbobutton benutzen.“) – und Michael nickt, richtet kurz seine Haare und drückt den Knopf.

Da wird es der Zuschauerin doch unweigerlich klar. Als ob K.I.T.T. den Turbobutton nicht auch allein hätte drücken können. Und dieses Auto konnte doch auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst fahren. Ich meine, es besaß einen eingebauten Geldautomaten.

K.I.T.T. hätte Michael auf dem Fahrersitz nicht nötigt gehabt. Und trotzdem saß er dort. Jede einzelne Folge. Michael Knight hätte sich entspannt hinten auf die Rückbank legen können, um die Aussicht zu genießen. Er hätte zwanzig von fünfundzwanzig Serienminuten ein Nickerchen machen können, um sich nur kurz für den finalen Faustschlag gegen den Gangsterboss wecken zu lassen, bis man K.I.T.T. die fehlende Faust eingebaut hatte. Stattdessen aber war er ständig gestresst und voller Adrenalin.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder überlegt, ob ich nicht vielleicht ein bisschen zu sehr wie Michael Knight bin, wenn auch mit besseren Haaren und mehr Fashion-Sense. Selbstverständlich sind wir alle immer unruhig und wahnsinng überlastet, weil sich das ständige Hin- und Herspringen zwischen Verpflichtungen und Verabredungen heute nicht mehr umgehen lässt. Wir können also nichts dafür. Und doch dachte ich, dass ich vielleicht manchmal zu viele Listen schreibe, zu viele Detailpläne erdenke und zu viele Hindernisse sehe. In meinem Kopf hallte der Satz einer Kollegin nach, die mir auch nur zu größerer innerer Ruhe verhelfen wollte, als sie sagte: „Weißt du, Corinne, manchmal kann man auch einfach mal mit den anderen Lemmingen die Klippe runterspringen, obwohl man sie gesehen hat und sich dann gemeinsam wundern, dass da ein Abgrund war.“

Also war mein Vorsatz klar. Ab jetzt würde ich mich häufiger auf meine imaginäre innere Rückbank zurückziehen und den Dingen ihren Lauf lassen. Wer sagte denn, dass überall nur Arbeit für mich lauerte, vielleicht hatte ich längst einen K.I.T.T., der mich begleitete?

Hier könnte ich eigentlich schon enden. Was wäre das für eine schöne, versöhnliche, kleine Geschichte. Leider hielt aber der Vorsatz, den ich erstaunlich schnell genauso lieb gewonnen hatte wie mein neues, sicher bald auftauchendes, tiefenentspanntes Ich, nur ein paar Tage. Er verließ mich, als ich eine Karte aus dem Postkasten holte. Darauf erinnerte man mich sehr höflich daran (3.Erinnerung!) , dass meine letzte Prophylaxe beim Zahnarzt meines Vertrauens nun wirklich über 1 Jahr her war. Die anderen Erinnerungen (in meinem Kopf sah ich die beiden Karten noch vor mir) hatte ich wohl übersehen, mahnte die hübsche blaue Schrift auf der Karte weiter. Aber jetzt könnte ich es noch retten. Eine Chance hätte ich noch, um die Vollständigkeit meines Bonusheftes zu gewährleisten und einem traurigen Leben mit horrenden Zahnarztrechnungen und fehlenden Vorderzähnen zu entkommen.

Die Karte war übrigens pastellfarben. Vor den Pastellfarben stand eine Frau, mit Schulterpolstern und außergewöhnlich weißen Zähnen, zwischen denen sie eine Rose balancierte. Frau und Karte kamen offensichtlich aus der gleichen Epoche wie Michael Knight. Die vorangegangenen beiden Erinnerungskarten hatten anders ausgesehen, das wusste ich noch. Und das konnte nun wirklich nur eines bedeuten: Kaum jemand übersah 2(!) Erinnerungen. Während bei meinem Zahnarzt die ersten beiden Mahnungen munter nachgekauft wurden, war diese. die dritte, die finale rote Karte, spätestens Anfang der 90er produziert wurden. Vielleicht ein Hunderterpack, der in einer hinteren Ecke des Schwesternzimmers wartete. Weil nur ganz selten eine von ihnen benutzt werden musste – um die wirklich schweren Fälle aufzuschrecken.

Und ich war nun eine von ihnen, eine von den notorischen Terminvergessern. Der Vorsatz blickte ebenfalls auf die Karte, nickte und winkte meinem beinahe locker-gewordenen Ich kurz zum Abschied, bevor er verschwand. Mein Ich winkte nicht zurück. Es hatte den Vorsatz gar nicht mehr sehen können, denn es stand schon mit dem Gesicht zur Wand und schämte sich. Und mein letzter Gedanke war dieser hier: 80er-Jahre-Serienhelden und Frauen sind gar nicht so verschieden. Jeder hat eine Meinung zu ihrem Äußeren und wie sie es machen, machen sie’s verkehrt.

Bild: fanshare.com

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

9 Kommentare

  1. Oh ja, wie gut ich dieses Gefühle. Ich will lockerer werden, aber das hier ist echt wichtig. Die ganze Energie, die ich dann ins entspannter sein wollen stecke, stresst mich meistens mehr als vorher.

  2. Du hast den Super Persuit Mode vergessen, bei dem die Bäume im Hintergrund immer auf rinmal viel schneller in Wind wackelten. 😀

  3. Zahnarzt und Tiefenentspanntheit widersprechen sich per se. Aber viel unentspannter wäre ich mit hässlichen Zähnen. Also: erst zum Zahnarzt, dann wieder Ommmmmm….
    Gruß vom schlechten Gewissen ;))

  4. Wie immer wunderbar! (Aber ich kann dich beruhigen: Ich habe schon für Firmen gearbeitet, die Karten solcher Art immer noch drucken (und sogar neu designen!) und absolut taub waren für meine Einwände, dass die Fotos aus den 90ern stammen. ;))

  5. Klasse Story! Übrigens, in Berlin scheinen die Zahnärzte mit mehr Druck zu arbeiten, denn ich habe im Leben noch nie so eine Karte im Briefkasten gefunden. Noch von keinem Arzt oder Ärztin. Hm, naja, die ahnen wohl, dass ich einen Altpapierkarton direkt unter dem Briefkasten stehen habe 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.