Job & Vereinbarkeit, Leben & Lesen
Kommentare 3

Words…don’t come easy to me

Heute erschien auf kleinerdrei ein Text über ungebetene Fragen nach dem Bauchumfang, die sich bei Trägerinnen des XX-Chromosom gern in der Frage nach einer möglichen Schwangerschaft äußern. Die Autorin schreibt:

„Ebenso, wie es ein No-Go ist, ungefragt schwangere Bäuche anzufassen (just don’t), ebenso unangemessen und übergriffig finde ich es, Leute nach ihrem reproduktiven Status zu fragen. Es ist peinlich und unangenehm für alle, wenn die befragte Person nicht schwanger ist (seriously: super awkward!), und das in unterschiedlichen Facetten, je nachdem, ob die Person überhaupt keinen Kinderwunsch hat, eine Fehlgeburt hinter sich hat oder seit Jahren vergeblich versucht, schwanger zu werden. Auch, wenn sie es ist, ist es meistens unpassend. Lieber sollte die schwangere Person die Hoheit darüber haben, wann und mit wem sie diese Info teilt.“

Zuerst begann ich zu nicken. Agree. Ich empfand es auch als unangenehm, wenn man mir ohne Vorwarnung an den Bauch gefasst hat.

Und ungefragte Meinungen zum Äußeren sollte jeder einfach stecken lassen (Denn das ist im Endeffekt ja die Frage nach der Schwangerschaft.). Egal, ob es sich um Unbekannte, Freundinnen oder Prominente handelt. Worte haben schnell den Mund verlassen & können tief verletzen.  Achtsamkeit tut uns allen gut.

Und doch…um es mit dem 80er-Klassiker aus dem Titel zu sagen, manchmal stocken Worte & kommen eben nicht so easy aus einem heraus. Da kann eine Frage helfen. Wenn sie nicht gewollt ist & man dies äußert, bohrt das Gegenüber erfahrungsgemäß eher selten nach. Deshalb kann ich dem oben gehaltenen Plädoyer nicht einfach zustimmen.

Weil ich Angst hätte, dass mit dieser absoluten Forderung nach Nichtfragen vor Selbstoffenbarung zu viel verloren geht. Ich würde sogar sagen, wir sollten alle mehr fragen & viel selbstverständlicher reden. Wann man eine Schwangerschaft öffentlich macht, ist nämlich eben nicht so einfach nur aus dem eigenen Gefühl heraus zu entscheiden. Zumindest ging es mir so. Eine ganze Armada von Richtig & Falsch prasselt auf einen ein. Hier beginnt bereits das over-thinking & Nichtvertrauen auf die eigene Intuition (Bauchgefühl – haha), was sich mit dem Kinderkriegen & Erziehen nahtlos fortsetzt.

Ich denke an eine Frau, die es dem Freundeskreis nicht vor dem Ende der kritischen 3 Monate erzählen wollte. Und sich dann unendlich allein fühlte, als sie nicht mehr schwanger war. An die Kollegin, die sich, jeden Morgen mehrmals erbrechend, durch ihr Projekt quälte. An Krankentage & Krankenwochen nach Fehlgeburten oder wegen Terminen beim Reproduktionsmediziner.

Wie allein muss man sich dann fühlen? Und wie dankbar waren diese Frauen, wenn man fragte. Wie, wenn sie sich selbst nicht getraut hätten. Sich nicht für wichtig genug erachteten, Rücksicht oder Anteilnahme einzufordern. Weil ihnen erst nach dem Fragen & folgenden Gesprächen deutlich wurde, dass sie nicht allein sind. Weil das Kind der Bekannten auch nach jahrelanger künstlicher Befruchtungsodyssee auf die Welt gekommen war. Was man gar nicht wusste. Weil man nie gefragt hatte.

Ich verstehe alle Argumente aus dem Text. Aber ich glaube, wir bringen uns um etwas, wenn wir Gespräche nicht anstoßen. Auch mit queren Einstiegen. Auch auf die Gefahr hin, dass diese nicht gewollt sind. Kinderwünsche sind heute mit einer Menge Denken & Nachdenken verbunden. Wir haben keine selbstverständliche Kultur des Kinderkriegens & erst recht keine selbstverständliche Kultur des Drüberredens.

Weniger Tabuisierung würde allen zu Gute kommen. Frauen mit belastenden Reproduktionsbehandlungen genauso wie Frauen, die gar keine Kinder wollen.

Ich werde übrigens in letzter Zeit auch immer mal gefragt, ob ich schwanger bin oder es werden will. Weil mein erstes Kind jetzt in dem Alter ist, wo man an ein zweites denken könnte. Das empfand ich auch manchmal als Grenzüberschreitung. Dann dachte ich: Wenn ich das Kinderthema so komplett privatisiere, wie kann ich dann erwarten, dass es die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit bekommt, die ich mir eigentlich wünsche?

Foto: flickr – Janine – CC by 2.0

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

3 Kommentare

  1. Ich denke, es kommt bei diesen Tipps vor allem auf die Beziehung zur schwangeren oder nicht schwangeren Frau an. Eine fremde Frau im Kaufhof anzusprechen „Wann ist es denn soweit?“ ist respektlos – eine Freundin, die Anzeichen (und zwar mehr als gestiegenen Bauchumfang ;)) einer Schwangerschaft zu fragen „Sag mal … ist da was?“ finde ich okay. Auch was die ersten 3 Monate angeht – man sollte es da vielleicht nicht _jedem_ erzählen, aber den Freunden, mit denen man auch über die Traurigkeit nach einer Fehlgeburt reden würde – die dürfen es doch auch früh wissen. Nur die klatschbasige Nachbarin, die Bäckerin, die traschende Kollegin – von denen man dann nicht nach einem Abgang auf die Frage „Na, wie siehts aus mit dem Baby?“ antworten möchte, vor denen sollte man sich mMn ganz am Anfang zurückhalten.

    Fragen ist natürlich immer ein Risiko. Ein Bekannter erzählte letztens, er habe nach Jahren mal wieder eine alte Schulkameradin im Supermarkt wiedergetroffen, die bei der letzten Begegnung mit Zwillingen schwanger war, und so beiläufig fragte, wie es den Kindern ginge – beide hatten die Geburt nicht überlebt und die Bekannte war weinend zusammengebrochen, auch wenn es schon mehrere Jahre her war. Danach meinte er, war er der Depp vom Dorf – wie konnte er nur! – aber damit rechnet ja keiner …

    Ebenso ist es ein Risiko, sich mitzuteilen – aber es gibt Möglichkeiten zwischen „Ich sags niemandem“ und „Alle wissen Bescheid“ – und da sollte man doch Menschen haben, die in diese Zwischenspalte fallen. Die einem nah genug stehen, um nachzufragen oder ihnen etwas zu erzählen. Und die auch damit umgehen können, wenn die Schwangerschaft nicht über die ersten drei Monate hinaus besteht …

    viele Grüße,
    Hana

  2. Natürlich darf jeder fragen, wie es den Kindern geht, mit denen die Bekannte bei der letzten Begegnung schwanger war. Man geht immer das Risiko ein, wenn man nach Verwandten oder Freunden fragt, dass auch Schlimmes passiert sein könnte und es ihnen eben nicht gut geht. Dieses völlige Wegschweigen von Menschen finde ich traurig.

  3. Pingback: Wie spät ist zu spät, um über die biologische Uhr zu reden? | makellosmag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.