Feminismus & Weltverschwörung, Promis & Diäten
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Halbnackte selbstbestimmte Frauen in Musikvideos gibt’s jetzt auch in der Mutti-Version

Die Bezeichnung MILF ist mir das erste Mal bei American Pie begegnet, als Stiflers Mom Einzug in die Popkultur hielt. Eine Mom I’d like to fuck, also eine Mutter, mit der ich gern mal würde, ist eine Frau, die es geschafft hat, ihrer biologischen Aufgabe nachzukommen und sich trotzdem ihre – tschuldigung – F***barkeit zu erhalten. Wie wichtig die nicht nur für den eigenen Lustgewinn (Heißt, hässliche Menschen haben keinen Sex.), sondern auch für die gesellschaftliche Position und das berufliche Fortkommen ist, hat Amy Schumer bereits in ihrem Sketch Last F***able Day festgestellt.

Nun also Fergie. Die Sängerin, ehemals Mitglied der Black Eyed Peas mit anständiger Solokarriere hinten dran, meldet sich nach ein paar Jahren (War da nicht ein Kind?) mit M.I.L.F. $ zurück. Einer feministischen Hymne, wie ich heute las. Wie es sich für Pop und Feminismus gehört, wird hier schön ironisch gebrochen. MILF steht für Mom, I’d like to follow, also ein echtes weibliches Vorbild.

So eine Mutter, der man nacheifern will, verdient natürlich ihr eigenes Geld.

Der Song hat nicht umsonst ein Dollarzeichen im Titel. Im Video verbreitet Fergie ihre Botschaft der Selbstbestimmung zusammen mit ihren Müttermädels, die einen repräsentativen Mom-Querschnitt bieten: vier Victoria Secret Models, eine Sängerin und Kim Kardashian, die verkünden ließ, sie freue sich, die „kurvigen Frauen“ zu vertreten – gefolgt von einer Diskussion in den sozialen Medien, ob ihre Taille gephotoshopt sei.

Die Handlung des Stepford-Wives-meets-Pornhub – Films ist schnell erzählt. In der bonbonfarbenen Vorstadt fährt gerade der Milchmann (gespielt von einem Männermodel, gelebte Gleichberechtigung) vor und angesichts der geballten Sexyness erstmal in Ohnmacht. Denn die Mütter stürmen, nur mit ihren knappen Schlafanzügen bekleidet, heraus, um sogleich die Frühstückszutat in Empfang zu nehmen. Fast möchte man rufen: „Klasse Fergie, wenigstens eine Sache richtig gemacht.“ Denn früh wach zu sein und keine Zeit zum Umziehen zu haben, so dass man Milchmann, Postboten und Nachbarn im Schlafanzug öffnet, ist ja tatsächlich ein gern zitiertes Jungmutterkennzeichen. Wären da im Video nicht die knappen Nachtoutfits und die perfekt gelockten Haare.

Auch sonst gucken wir den Karrierefrauen (Geld und Vorbild – wir erinnern uns) mehr beim Geld ausgeben als einnehmen zu (Spa-Besuch, Essen gehen, Schuh-Shopping).

Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Eine Bürgermeisterkandidatin gibt es auch. Claire Underwood würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie nicht noch leben würde.

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Ansonsten gibt es viele pralle Brüste zu bewundern (so ist das halt beim Stillen) – auch in Aktion. Männer sucht man vergebens – vom Milchmann und dem oben-ohne-Schuhverkäufer mal abgesehen. Vermutlich sind die alle arbeiten.

Am Ende wird das MILK-MILF Wortspiel und die dazugehörige Assoziationskette (Frauenpower – Brüste – Kinder nähren – Brüste – Leben spenden – Brüste) nochmal auf die Spitze getrieben und ordentlich mit der weißen Flüssigkeit rumgesaut, was die nassen T-Shirts hergeben. Wo doch jede Frau, die gestillt hat oder jemals vor einer Brustpumpe saß, weiß, wie kostbar Milch ist. Aber vielleicht ist hier auch einfach nur die EU ihre Überproduktion los geworden.

Nun ist das eben tanzbare Musik, Kaugummi-Pop.

Man könnte darüber hinweg nicken – oder kopfschütteln – , wie über schlecht gemachte Werbung mit Frauenbeinen, wenn nicht immer dieser feministische Unterton heraus gegraben würde. So ein Song hat ja immer auch einen Text und hier hätte man es, in Anbetracht des verhunzten Videos, ordentlich krachen lassen können mit der Befreiungsrhetorik der sexuellen Selbstbestimmung. Leider macht Fergie aber nur weiter mit ihren Kleinmädchen-Hinter-dem-Berg-halt-Assoziationen und lädt ein in ihre „Milchfabrik“, in der sie gerne was „für uns aufschlägt.“

Über Popstars, die sich in ihren Videos freizügig, selbstbewusst und mit Augenzwinkern zeigen, wird schon eine Weile diskutiert. Zuletzt hatten Nicki Minaj oder Beyoncé die Ehre. Nur weil man knappe Outfits trägt und ein paar Beautyroutinen durchläuft (vielleicht sogar gern, OMG), hat man sich nicht für den feministischen Club disqualifiziert. (Ich warte übrigens immer noch auf meinen Mitgliedsantrag.) Und ehrlich, Frauen auch als sexuelle Wesen wahrzunehmen und in der Musikindustrie nicht nur als Objekte der Begierde, sondern Subjekte und Protagonistinnen dieser – ihrer eigenen – Sexualität anzuerkennen, ist überfällig.

So etwas kann auch funktionieren.

Wenn klar wird, dass es um die Sexualität der Frau geht und nicht um ihren Körper als Projektionsfläche, der sich stereotyp als männliche Fantasie präsentiert. Die eigene Sexualität zu lieben und zu leben ist eine der wichtigsten Botschaften. Gerade in einer Gesellschaft, in der jungen Mädchen immer noch vermittelt wird, sie seien weniger körperliche Wesen als die Jungs, sollten nicht zuviel Haut zeigen und sich für ihre Körper und Bedürfnisse irgendwie schämen – oder zumindest nicht darüber reden. Wo das Hure-Heilige-Paradigma noch viel zu oft ausgepackt wird, was im Kern ja immer davon ausgeht, dass sich die ordentliche Frau ein bisschen ziert.

Aber gerade vor diesem Hintergrund wünscht man sich doch, dass Fergie nicht singt, dass „der Milchmann gern zur Vordertür rein kann, um zur Hintertür wieder raus zu gehen“, sondern einfach sagt, dass sie jetzt gern den heißen, jungen Typen knallen würde. Im besten Fall könnte sie ihm noch in Lil‘ Kim-Manier erklären, wie er das machen muss mit dem weiblichen Orgasmus. Das wäre tatsächlich mal ein Gegenpol zum Mütterbild, wenn man unbedingt sexualisieren muss. Dann könnte Fergie independent, also unabhängig, vielleicht sogar aussingen, statt es nur zu buchstabieren. Sonst spielen wir nur wieder dieses „Komm her – Nein, fass mich nicht an.“ – Spiel. Und das ist genauso 50er Jahre wie die Videooptik.

Am Ende ist es mit MILF $ ein bisschen wie mit einem Schulaufsatz.

Schöne Idee, Thema verfehlt. Es reicht kein Dollarzeichen und ein bisschen selbstgewählte Haut, um sich eine Botschaft zu backen. Fergies Frauen zeichnet ihre Schönheit und die bloße Tatsache aus, dass sie sich fortgepflanzt haben. Das sind – sorry – die ältesten und blödesten weiblichen Qualitäten, die man rauskramen kann.

Vielleicht tut man Fergie aber auch nur Unrecht. Vielleicht ist das nur ein Bewerbungsvideo von Models über 30 und einer 40jährigen Sängerin in einer Showbusinesswelt, die gnadenlos aussortiert (siehe am Anfang des Textes zitierter Amy Schumer-Sketch).

Dann müssten sie aber eigentlich alle am Besten wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Dass Frauen das Alter weniger verziehen wird als Männern in einer Gesellschaft, die Rupert Murdoch noch mit 83 Jahren als begehrtesten Junggesellen New Yorks bezeichnet. Dass, um die wunderbare Nina Hagen zu zitieren, Gleichberechtigung erst erreicht ist, wenn Frauen sich genauso selbstbewusst mit ihrem Körper auf der Straße bewegen, wie Männer mit Bierbäuchen und Glatzen. Und dass Mütter eine Menge brauchen. Je nachdem, wie sie ihr Leben gestalten wollen: gute Jobs und Kinderbetreuung, Zeit für die Kinder, Männer, die nicht nur mitmachen. Sogar pünktliche Dienstleister wie den Milchmann und auch ordentlichen Sex. Aber eines, liebe Fergie, eines brauchen Mütter wirklich nicht. Und das sind falsche Vorbilder.

Fotos: Vevo: Fergie – M.I.L.F. $

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8 Kommentare

  1. Mom sagt

    Ich als, ähm, ältere Jungmutter habe sehr gelacht, vielen Dank. MILF. Hahahahahaha….Wie wäre es mit „Mom I’d like to sit the baby for so she can sleep another three hours“? Das wär doch mal was Nützliches.

  2. Pingback: Was ich im Juni & Juli gelesen, gesehen und gemacht hab – Frau Margarete

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