Frauen, erhebt eure Stimme – aber bitte richtig.

Es gibt eine Bibi Blocksberg-Folge, in der eine leicht genervte Barbara Blocksberg Bibis Bruder zuraunt: „Boris, quietsch nicht immer so!“ Frau Blocksberg, die Geschlechterklischees sonst super beherrscht, liegt hier ausnahmsweise falsch. (An dieser Stelle sei die Highlightfolge Ohne Mami geht es nicht, in der Bibis Vater versucht eine Dose Nudelsoße mit der Bohrmaschine zu öffnen, nicht empfohlen.) Frau Blocksberg also, hat die Situation diesmal verkannt. Denn Jungs quietschen eher selten. Mädchen und Frauen dafür umso mehr. Ihre Stimme zu hören, stößt manchen nicht nur metaphorisch auf. Sie ist bereits aufgrund der Tonlage eine Belastung für das männliche Ohr. Es sei denn, es geht um Sex. Da ist man(n) geneigter, Defizite zu ertragen. Als Beischlafgenossin bevorzugt man die hohen Tonlagen und Frauenstimmen werden sogar höher, je näher der Eisprung liegt. Hey, du da, nicht mit dem Kopf schütteln! Alles wissenschaftlich bewiesen. (Vorsicht: Link führt zur BILD.)

Während bei uns eher gepiepst wird, wird andernorts geknurrt. Erst am Wochenende sah ich ein Video, das erklären wollte, warum Hillary Clinton es schwer haben wird. Sie sei zu steif, verbissen, zu ehrgeizig und ambitioniert – und wenn sie redet, hört sie sich an wie Marge Simpson.

Sag, was du willst – aber knurr nicht immer so

Das mag man als Nichtigkeit abtun. Aber dass Frauen sich durch ihre Sprechweise die Wirkung ihrer Worte verbauen, ist eine weit verbreitete Idee. Wer fiebst und quietscht, irgendwie nölt oder gackert, wird eben seltener ernst genommen. So beklagte sich im Sommer letzten Jahres Naomi Woolf, Feministin, Schriftstellerin und Aktivistin in einem Essay über eine Sprechweise, die sich junge Frauen  angewöhnt hätten. Man findet sie in Britney Spears Gesang und bei Kim Kardashian im Originalton. Eine Art kehlig-nasalen Ton, der an Enten erinnert, so Woolfs Beschreibung. Damit stehen sich Frauen selbst im Weg, beim Finden ihres Platzes in der Gesellschaft, beim eigenen Aufstieg.

Die Geschichte der weiblich-erfolgreichen Stimme ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Legendär die Episode, in der sich Margaret Thatcher eine tiefere Stimme antrainierte. Und der politische Erfolg prompt folgte. Kaum ein Persönlichkeitsseminar, dass sich an erfolgreiche Frauen und die, die es werden wollen, richtet, in dem nicht das Sprechen eine Rolle spielt. Mehr Volumen, klarer, lauter, nicht so viele Pausen, nicht so langsam, besser atmen – die Liste ist lang.

Wer über die Just not sorry – App für den Chromebrowser gelacht hat, die bestimmte vermeintlich weibliche Floskeln wie „Ich bin da keine Expertin…“ oder „Entschuldige, aber…“ unterkringelt als wären es Rechtschreibfehler, die war vermutlich noch nie in einer Fortbildung, in der Sprechpausen gestoppt werden und man sogenannten uptalk trainiert.

Ich warte noch auf den Wirtschaftswoche-Artikel, der Männern empfiehlt leiser zu reden

Das ist das bewusste Anheben der Stimme am Ende des Satzes, um zu verhindern in der Argumentation unterbrochen zu werden. Eines von mehreren Tools, um sich Gehör zu verschaffen. Wer sie nicht kennt, womöglich falsch intoniert, wirkt schüchtern, unsicher, am Ende gar inkompetent. Gute Tipps? Möglich. Angesichts der Flut der Angebote von Sprechtrainingsseminaren, die auf meinem Schreibtisch landen, warte ich trotzdem noch auf den Artikel in der Wirtschaftswoche, dass Männer leiser sprechen sollten. Und weniger Floskeln wie „Es ist doch offensichtlich, dass…“ verwenden. Weil diese verbale Marotte sonst den Eindruck erwecken könnte, sie wären ziemliche Klugscheißer.

Frauen zu sagen, wie sie sich zum beruflichen Erfolg reden können, ist nicht weit entfernt von Ratschlägen zu Körpermaßen und Aussehen. Da machst du etwas falsch, aber du kannst etwas dagegen tun. Ergo, du hast das Gelingen deiner Wünsche doch selbst in der Hand. Weibliche Sprache zu bewerten heißt zunächst abzuwerten. Um dann eine Lösung anzubieten. Und ist damit gar nicht so weit entfernt von ultimativen Sommerdiät-Tipps. Geliefert werden wieder neue Gründe für die Selbstreflexion. Bis hin zu Selbstzweifeln?

Ist „Mache ich richtige Sprechpausen?“ das neue „Macht mich das fett?“

„Mache ich zu viele Sprechpausen?“ ist dann einem „Sehe ich in der Hose dick aus?“ nicht unähnlich. Ersteres nehmen wir nur bereitwilliger an. Denn sich um den eigenen Erfolg zu kümmern, ist nicht nur schick, sondern auch irgendwie feministisch. Und doch ist das richtige Sprechen nur eine weitere – meistens exklusiv weibliche – Baustelle. Natürlich lassen sich auch Vorstandsvorsitzende gern einmal rhetorisch schulen. Aber hier wird nicht das männliche Sprechen per se als erfolgsverhindernd abgewertet. Es geht nur eben noch ein bisschen besser. Und Frauen fangen mit dem Hinterfragen in bedeutend tieferen Hierarchiestufen an. Klar, wer klug ist, will etwas werden. Und sich klug verhalten. Frau weiß eben, dass dafür etwas getan werden muss.

Dazu kommt, dass der zu erreichende Standard männlich geprägt ist – tiefer und akzentuierter sollte man sprechen. Mir grummelt immer ein wenig der Magen, wenn man Frauen rät, sich wie Männer zu verhalten, um Erfolg zu haben. Nicht nur, weil ich der Meinung bin, dass einige männliche Verhaltensweisen in Wirtschaftsprozessen gern abgeschafft werden können. Finden übrigens auch viele junge Männer, die mit den Frauen erst unten auf der Leiter stehen.

Außerdem stößt es keine Veränderung für niemanden an, wenn wir nur Altes reproduzieren. Stattdessen sollten wir lieber neue Orte schaffen, an denen Frauen reden können wie sie mögen. Sich am Konferenztisch richtig reinzuhängen (Props to Sheryl Sandberg!), mag an der ein oder anderen Stelle der eigenen Karriere helfen. Daran zu arbeiten, dass alle anderen sich ein bisschen zurücklehnen, macht aber Platz für mehr als nur eine Frau. Oder eine andere Minderheit, die an Konferenztischen noch nicht wirklich vertreten ist.

Und mal ganz ehrlich: wenn David Beckham, der klingt wie Mickey Mouse, es in dem als männlich wahrgenommenen Sport per se zu Millionenruhm gebracht hat, dann dürfen Frauen in Wirtschaftsunternehmen oder der Politik auch knurren und piepsen.

Foto: flickr – bixentro – CC by 2.0