Warum ich Bibi Blocksberg trotzdem liebe

Vor Kurzem machte eine Untersuchung zu Kinderhörspielen die Runde. Bibi Blocksberg wurde als langweilige Spießerin enttarnt, die nur das stereotype Familienbild der 80er Jahre verbreitet. Eine Welt, in der Frauen für den Haushalt und Männer für die Entscheidungen zuständig sind.  Im Deutschlandradio-Beitrag sagt einer der Wissenschaftler: „Eigentlich könnten die beiden Frauen Bibi und Barbara Blocksberg alles tun, was sie wollen, sie sind unglaublich mächtig. Aber sie tun nicht, was sie wollen. Es geht ständig darum, sie zu normalisieren.“

Ich habe Bibi Blocksberg – Hörspiele als Kind geliebt und ich liebe sie immer noch. Inzwischen hören wir sie zu zweit. Deshalb – da bin ich ganz ehrlich – trifft es mich, wenn meine Bibi in der VICE als „angepasster Feigling“ beschrieben wird, der sich nur ein „beknacktes Zelt und einen fliegenden Besen“ hext, obwohl sie doch so viel coolere Sachen könnte.

Bevor ich zum Langweilevorwurf komme, eines vorneweg. 2008 wurden in 24 Ländern Figuren im Kinderfernsehen und Filmen untersucht. Das Ergebnis: Mädchenfiguren sind unterrepräsentiert. In Deutschland ist die Verteilung 31% weiblich und 69% männlich, was im Schnitt aller Länder liegt (32% zu 68%). Dazu kommt eine Stereotypisierung, wenn Mädchen auftauchen. Selten sind sie Hauptfigur (nur bei etwa 10% aller Produktionen), sondern oft nur Freundin und Sidekick des männlichen Leads. Oder sie sind aufs Aussehen und Jungs fixierte Pubertierende, wahlweise auch auf Erlösung wartende Prinzessinnen.

Bibi Blocksberg trägt grün statt rosa, hat Sommersprossen und immer die gleiche Frisur, die sie nie thematisiert.

Bibi hat einen Kinder- bzw. Jungmädchenkörper und die Klamotten dazu. Sie trägt keine bachfreien Tops, Miniröcke oder hochhackige Schnürstiefel. Ja, ich schaue euch an, all ihr Winxx, Mias im Elfenland und Monster High-Mädchen. Zugegeben, Kleidungsstile sind schwer hörbar – aber die auf den Hörspielen basierende Zeichentrickserie hält sich auch daran.

Die Kritik der Wissenschaftlerin, die feststellt, dass Bibi unsere Kinderzimmer mit schlimmsten patriarchalischen Mustern infiltriert, bezieht sich auf zwei Folgen. Die allererste der Serie, in der Barbara Blocksbergs schlechter Kochstil thematisiert wird. Da kocht sie noch hexisch und Vater Blocksberg hätte gern einen Braten statt Spinnenbeinsuppe. Wer kann es ihm verdenken?

In Bibi zieht um versucht sich Vater Bernhard, sonst mehr Witzfigur der Serie (Neben dem Bürgermeister – oh, beides Männer.) tatsächlich mal als Patron der Familie durchzusetzen. Funktioniert aber eher weniger.

Zugegeben, in den mittlerweile 118 Folgen gäbe es noch mehr Knallerepisoden. Etwa Ohne Mami geht es nicht, in der Frau Blocksberg die Familie allein lässt und Vater Bernhard in Unkenntnis eines Dosenöffners die Tomatendose mit der Bohrmaschine öffnet. Trotzdem sei hier für Vater Blocksberg eine Lanze gebrochen. Der Vorwurf: er will immer normal sein und zieht seine Frauen mit rein. Ich finde, wenn man den Nachbarn in der Hochhaussiedlung ständig den Schwefelgeruch erklären muss oder beim Familienurlaub dem Zoll die Mitnahme von zwei Reisigbesen, darf man auch mal kurz aufstöhnen.

Außerdem regieren in Bibis Hexenwelt die Frauen. Männer können nämlich gar nicht hexen. Dafür gibt es für die Frauen Hexentreffen und jede Menge Hexenvorbilder (Mama Blocksberg, die alte Marnia, Schubia, Oma Grete).

Ich finde die Eltern bei Lauras Stern auch cooler, wo Mama mehr arbeitet als Papa, der das Essen kocht.

Aber Bibi bietet eben mehr, als die Beziehung ihrer Eltern. Überhaupt werden Erwachsene in Kinderbüchern viel zu wichtig genommen. Das wusste schon Pippi Langstrumpf.

Bleibt der Vorwurf der Langweile. Bibi wird Konformismus und Regelversessenheit vorgeworfen. Aber Bibi ist nunmal eine gute Hexe in einer realistischen Welt. Hier gibt es Regeln, die man als Junghexe eben lernt. VICE bemängelt, dass Bibi sich keine 5 Milliarden aufs Konto hext – oder einen dicken Karibikurlaub. Was den Autor übrigens als Nichtkenner disqualifiziert, den jede*r weiß: gehextes Geld wird nach kurzer Zeit zu Klopapier und deshalb nicht gehext.

Das Besondere an Bibi ist, dass ihre Hexkräfte kein Geheimnis sind. Im Unterschied zu Harry Potter oder der Kleinen Hexe hat sie keine Identitätsprobleme oder hadert mit ihren Kräften. Sie ist von Anfang an, was sie ist. Ein bisschen anders und das ist eben so. Genauso, wie Bibi nach und nach Hexsprüche lernt, lernt sie, mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Wie jedes Mädchen zwischen 10 und 12.

Ja, Hexen haben großes Machtpotenzial. Aber was ist schlimm daran, dazugehören zu wollen? Es ist ein menschliches Bedürfnis und jede*r, der Kinder hat, weiß, wie es Kinderseelen beschäftigt.

Langweilig ist Bibi trotzdem nicht. Sie ist kein Stereotyp, sie hat ihren eigenen Kopf.

Bibi hext vielleicht keinen Karibikurlaub, aber einen Radweg, wenn sie einen braucht (Die Zauberlimonade), einen eigenen Dinosaurier, wenn sie ein Haustier möchte (Bibi und Dino), ihre Lieblingsfiguren aus Kinderbüchern heraus (Superpudel Puck), eine Kuh, weil sie frische Milch will (Die Kuh im Schlafzimmer) oder eine Zeitmaschine, weil ihr in den Ferien langweilig ist (In der Ritterzeit).

Nebenbei schreibt sie Mathearbeiten und trifft ihre Freunde. Sie lebt ihren Alltag und gestaltet ihn mit. Bibi ist frech und vorlaut. Bibi wird gemocht. Ihre Freunde und Freundinnen würden sie genauso mögen, wenn sie keine Hexe wäre. Vermutlich stünde sie auch ohne Hexerei oft im Mittelpunkt. Bibi hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, sie stellt ständig die Ordnung wieder her, fängt Diebe, bringt den Stadtschatz zurück und verweist den Bürgermeister (!) unermüdlich in seine Schranken.

Und das Wichtigste: ihre Hexsprüche sind so wunderbar einfache Kinderreime, dass sich wohl manche schon dabei erwischt hat, die eigene Hexkraft zu testen. Deshalb freue ich mich einfach darüber, wenn meine kleine Hexe ihre testet. Und mache mir erstmal keine Sorgen um ihr Rollenverständnis.

Foto: flickr – Bryan Pocius – CC by 2.0