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Bibi und Tina und „Nein heißt Nein“

Vor ein paar Tagen kam der dritte Teil der „Bibi und Tina“ – Reihe mit „echten Menschen“, wie es bei uns liebevoll in Abgrenzung zur Hörspielreihe heißt, in die Videotheken. (Moment gibt’s sowas überhaupt noch?) Na, auf jeden Fall kann man sich den Film jetzt auch zu Hause anschauen. Prompt lese ich wieder ein paar Kritiken, die mich schon geärgert haben, als der Film noch im Kino war. Auf Twitter schreibt jemand „Was haben sie nur für eine sexistische Scheiße aus Bibi und Tina gemacht?“. Ein paar Mal wird sich über die viel kürzeren Hotpants der Mädchen beschwert, die ich auch beim zweiten Schauen nicht entdecken konnte. (Sind die im Trailer?)

Schon eine Kritik zum ersten Teil der Reihe vor zwei Jahren sprach von einer „pornös angehauchten Männer-Mädchen-Reitfilm-Fantasie“, zu engen Reithosen und Bibi und Tina, die nur mit dem muskelbepackten, oberkörperfreien Stallburschen flirten. Der ist übrigens Holger, Tinas Bruder und ich konnte damals keine Flirterei erkennen. Abgesehen davon, zieht der ziemlich attraktive und trainierte Fabian Busch (leider) nur einmal im ganzen Film sein Hemd aus. Aber da ich mich auch gut daran erinnere, scheint mir, als hätte er die Kritikerin mindestens genauso aus der Fassung gebracht wie die pubertierende Zielgruppe.

Und das ist völlig ok. Denn, wenn mich eines an den Kritiken zum 3. Teil richtig stört, ist es dieses unterschwellig abwertende „Bäh, Klischee, Mädchen interessieren sich für Jungs.“ T’schuldigung, 14jährige Mädchen interessieren sich zu einem großen Teil eben für Jungs. Das milde zu belächeln ist, wie auf Boygroupfans herunterzuschauen. Wenn sich im Kino die drei 14jährigen vor mir verstohlen in die Hüften knuffen und kichern, wenn die Jungs im 3. Film mit freiem Oberkörper zu sehen sind, dann finde ich das gut und freu mich. Das hat schließlich auch etwas mit Sexualität annehmen zu tun. Die sechsjährige Schwester daneben, die die eine wohl mitnehmen musste, schaut darüber hinweg. Zumal die Jungs irgendwie häufiger Haut zeigen als die Mädchen. Das war zumindest mein Eindruck und ich habe mir eher die Frage stellte, warum diese ganzen Darsteller eigentlich ordentliche Oberarmmuskeln und Waschbrettansätze haben müssen und ob das nicht wieder die 14jährigen Jungs unter Druck setzt. Denn, mein eigener Kinoeindruck (Publikum 50:50) bestätigt durch das, was ich von Bekannten mit Schulkindern mitbekomme, ist dieser: der dritte Teil der Reihe hat nicht nur Mädchen als Zielgruppe. Gerade wegen dem Jungs-Mädchen-Ding ist er auch bei Jungs cool. Und Jungs sind im Film genauso peinlich wie Mädchen.

Prinzipiell verstehe ich die Aufregung. Denn Detlev Buck hätte das Ganze auch gehörig an die Wand fahren können. Handlungstechnisch versetzt er alle in ein Sommerzeltlager und lässt sie in Spielen gegeneinander antreten. Das hätte schnell eine „Hihi, wer schläft mit wem im Zelt?“ – Sache werden können. Ist es aber nicht.

Wenn Tinas Freund Alex zum gegnerischen Team überläuft und die junge Liebe kurz abkühlt, sind beide traurig. Im Gegenteil, woraus manche Serien und romantische Komödien ganze Handlungen stricken (Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?) wird hier ziemlich beiläufig behandelt. Tina beerdigt die Sache relativ schnell mit „Naja, dann soll er halt.“ und schwört Bibi nochmal ewige Freundschaft.

Ja, und es gibt die Mädchen, die sich ständig schminken und Candy heißen. Und Bibi fragen, ob sie nicht mal überlegt hat, ob sie die Haare so ohne Pony tragen sollte. Woraufhin Bibi sagt: „Nö.“ Gespräch beendet. Es gibt aber auch eine Menge andere Mädchen in dem Film. Den heißesten Typen (also den mit den besten Bauchmuskeln) kriegt man Ende übrigens die nicht 90-60-90 Pfadfinderin. Eine der Eingangsszenen sagt eigentlich schon alles. Hier spielen die Jungs Rugby und keiner will sich einwechseln lassen, weil die gegnerische Mannschaft allen weh tut. Da schmeißt Bibi die Pompoms hin (bis zu diesem Punkt haben die Mädchen nur zugejubelt) und macht einen Punkt. Selbst ist die Frau. Und gegen Ende, wenn sie vom Fiesling Urs geküsst wird, kriegt der von den Buddies dafür ordentlich den Kopf gewaschen: „Was, du hast die Bibi geküsst, ohne sie zu fragen, ob sie will?“ – „Das hätte ich ja nicht von dir gedacht.“ – „Urs, das geht gar nicht.“. Wütendes Weggereite der beiden Freunde. Haben wir also auch noch etwas über Consent gelernt.

Bibi und Tina 3 ist ein knalliger, greller Film, an dem Eltern Spaß haben werden, die sich noch an ihre eigenen Outfits in den 90ern erinnern können. Und an die schlechte Musik. Man findet in ihm Klischees. Die gibt es im realen Leben auch. Und noch eine Menge dazwischen. Das ist auch im Film gelandet. Und das finde ich wichtig. Natürlich kann man an der ein oder anderen Stelle die Nase rümpfen. Aber wir haben auch alle Sex and the City geguckt und uns nur ein bisschen gewundert, dass Carrie Staffel für Staffel von Mr. Big am Gummiband rumgeführt wurde.

Und viel wichtiger, auch unser reales Leben ist eben nicht ohne Klischees. Auch wenn wir alle gern in jeder Situation total reflektiert und geschlechterkorrekt handeln würden. Vielleicht sind es deshalb auch ein bisschen wir, die bei einem Film, dessen Handlung man als „junge Pferdemädchen im ersten pubertären Gefühlschaos“ zusammenfassen könnte, die Schubladen im Kopf aufmachen. Ging mir ganz genauso. Ich bin mit sehr viel Skepsis ins Kino gegangen. Aber, wenn man dann ziemlich ruckeln muss, damit die Sachen in die eigenen Schubladen passen, dann kann man das auch sagen, finde ich. Was ich hiermit getan habe.

***

PS: Wie ihr unschwer erkennen könnt, verbringe ich meine Blog-Ferien-Sommerpause mit Filmen und Büchern. Ich verspreche hiermit feierlich, dass sich die Häufung der Einträge hierzu nicht mehr ergeben wird, wenn mich das wirkliche Leben wieder hat.

Foto flickr – Vermont Historical Society – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Wiebke sagt

    Ich las gerade, dass 20% der Leute Sachen im Internet faven und kommentieren, obwohl sie nur den Titel gelesen haben. Deshalb möchte ich hier auf meinem liebsten Alternativmedium kurz anmerken: Ich kenne weder die Filme noch die Kritik und habe den Text trotzdem wieder gemocht. Ich bin die 80% mit Sternchen!

    • Meine liebste Wiebke, du bist die Beste und ich hätte dich fast gerade wieder beherzt. Muss aber auch anmerken: Es wird hier gefährlich, wenn die Leserinnen witziger sind als ich.

  2. Petra sagt

    Muss mal eben anmerken, geht mir wie Wiebke (bin nur nicht so witzig ). Fühle mich jetzt geradezu veranlasst, mal nach der DVD zu schauen.

  3. Ich hab bisher keinen der Filme geschaut, fand auch die Bücher/Hörspiele früher nicht reizvoll ( nicht so mein Themengebiet)
    Aber nach Deiner Kritik schau ich nachher mal, ob ich die Filme bei netflix finde ;o) Irgendwie möcht ich sie nun doch mal sehen, Kinder/Jugendfilme sind manchmal einfach schön und entspannend.

    Danke für den Text, wie so oft einfach wunderbar zu lesen

    K.

  4. ach, das freut mich, mal so eine kritik zu lesen. ich habe nämlihc auch nur die „sexismus!“-kritiken wahrgenommen und ein guter freund, auf dessen meinung ich was gebe, konnte dasnciht bestätigen… jetzt macht es vielleicht doch sinn! 😀

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