Film & Fernsehen, Schönes & Banales

So viel Leid in so viel natürlichem Licht – Die Kritik zu The Revenant – Der Rückkehrer

Dies ist der erste Beitrag in meiner neuen Rubrik Die Kritik. Er könnt daran mitschreiben, wenn ihr mögt.

Zum DVD-Start von The Revenant habe ich nun auch den Film gesehen, der Leonardo endlich den Oscar beschert hat. Eines vorneweg: Seit ich ihn zum ersten Mal durch ein Aquarium erblickte – damals hieß er noch Leo und die Haare fielen ihm pittoresk ins Gesicht – kann Leonardo DiCaprio bei mir eigentlich nicht viel falsch machen. Ich finde, er ist ein großartiger Schauspieler. Mein Fazit lautet trotzdem: The Revenant ist lang. Sehr lang. Es gibt viel Leid. Unglaublich viel Leid. In sehr viel natürlichem Licht. Das ist nicht so spannend, wie es sich anhört.

Er ist ein Schmerzenswesen dieser Mann. Und Hugh Glass ganz besonders. Leonardo DiCaprio spielt den Pelzhändler in der Wildnis dieses irgendwie-schon-eine-Weile-besiedelten-aber-noch-nichts-mit-Zivilisation-Amerikas, in der Wunden faulen und Männer sich unentwegt am Kopf kratzen. Damals, als die Natur noch rau und die Menschen von den Urkämpfen des Daseins umgetrieben wurden: Wo kriege ich etwas zu Essen? Es muss auch nicht gebraten sein.,Wer will mir gerade etwas wegnehmen und Wer schießt zuerst: ich oder der Fremde? (Manche haben das heute wieder im Programm.) Als es noch um die wirklichen Existenzprobleme ging und keine Mütter zum Muttertag rumjammerten, dass sie statt Blumen lieber ordentliche Kinderbetreuung hätten.

Frauen gibt’s da nicht so viel. Und wenn, erleiden auch sie eine Menge Schmerz oder flüstern den Helden mit Durchhalteparolen durch zweieinhalb Stunden.

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Mensch – äh – Mann gegen Natur – der Urkampf seit Urzeiten.
(youtube/ DisneyMoviesOnDemand)

Denn Glass wurde nach einem Bärenkampf von seinen Fellhändler-Buddies vermeintlich sterbend zurückgelassen und ist nun auf dem Weg zurück. (Hier ist der Titel noch Programm).

Der Hype um den Film entstand natürlich, weil über jedem Epos mit Herrn DiCaprio mittlerweile die Frage stand: Und, wird’s diesmal was? Und ja, Leos Bandbreite an schmerzverzerrten Gesichtern und gurgelnden Lauten lässt sich durchaus mit einer Goldstatue rechtfertigen. Auch sein Gegenspieler Tom Hardy, als Mann mit menschlichen Abgründen und Augenbrauen, die jeden Höhlenmenschen neidisch machen würden, spielt wirklich gut.

Leider bedarf es mehr als guter Schauspieler, um einen Film interessant zu machen. Dieser ist über weite Strecken (Ich erinnere: zweieinhalb Stunden.) einfach langweilig. Man bekommt: dramatische Musik, zum größten Teil gar keine oder unverständliche Dialoge (Dieser Bär war wirklich gründlich und hat alles an Glass kaputt gemacht.) und – zugegeben – schöne Naturaufnahmen. Kinematographisch wird gern hervorgehoben, dass der Film mit soviel natürlichem Licht arbeitet. Ja, der Film sieht hübsch aus. Aber ich gehe auch selten nur wegen der Kulissen ins Theater. Ich mag Filme mit Handlung. In The Revenant wechselt sich – Achtung, Spoiler – Leid mit schönen Aufnahmen von Schnee mit unerträglichem Leid, noch mehr Schnee und hübsch fotografierten Steinen ab. Um dann mit noch mehr Leiden, unterbrochen durch einen kurzen Lichtblick über Schnee, Steine und Bäume hinweg, weiterzumachen. Und schließlich bei Elend und Schmerz zu enden.

Eine gute Szenerie kann in Filmen auch die Handlung mittragen und in sich genauer erklären. Aber für sich genommen, ist sie keine Handlung, bietet keine Charakterentwicklung und keine Story. Mit The Revenant geht man auf eine kleine Achterbahnfahrt auf der Suche nach dem Plot. Die geht ungefähr so: „Der Film sieht gut aus. Ein spannendes Abenteuer vielleicht.“ – „Ok, Blut und splitternde Knochen aber noch nicht viel Spannung. Aber könnte trotzdem eine interessante Story werden.“ – „Gut, dann schauen wir uns eben zehn Minuten Baumkronen und Stromschnellen an.“ – „Mhm, jetzt haben wir eine Menge Wasser und Bäume gesehen.“ – „Hey, jetzt geht’s aber weiter mit den Charakteren…Oder auch nicht.“ – „Jetzt passiert was Spannendes, ich hab’s im Gefühl.“ – „Oh, noch eine Baumkrone.“

Am Ende hat man sehr lange dagesessen, um einer Geschichte zu folgen, die man auch in zwanzig Minuten hätte erzählen können. Aber man hat viel schönen Schnee und eine Menge Natur gesehen. Das ist mir ein bisschen dünn.

Leo, das ist nichts Persönliches, falls die deutsche Verwandtschaft, deine Mutter oder deine aktuelle Modelfreundin den Blog liest. Ich schaue auch deinen nächsten Film wieder, versprochen.

Foto: flickr – Marc Becher – CC by 2.0

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