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Seit wann ist Reisen ein Wettbewerb?

Kürzlich führte mich der plötzlich und unerwartet auftretende unbändige Durst des Kindes auf eine der vielen Bierbänke, die im Sommer vor Berliner Hostels stehen. Dort lauschte ich einem Gespräch, welches ungefähr so verlief: „Die Künstlerkolonie in Johannesburg, das war’s. Da wollte ich nie wieder weg.“ – „Südafrika ist mir zu touristisch, usbekisches Hinterland, das war verrückt.“ Dann gesellte sich jemand dazu und fing an, von seinem Backpacking im Jemen zu erzählen (kein Witz). Die Runde verstummte. Er hatte gewonnen. 

Es war nicht das erste Mal, dass ich einer solchen Unterhaltung beiwohnte. Es gibt sie auch in der „erwachseneren“ Version mit teureren Destinationen. Wo ich gern angeschaut werde, als würde ich nicht mit Messer und Gabel essen, weil ich noch nie in den USA war. Die Unterhaltung ist immer gleich und sie ist immer ein Wettbewerb.

Reisen an sich ist kein Wettbewerb. Jede*r mit entsprechenden Privilegien, einem Job und einer ordentlichen Spar-Strategie (Lieferdienste und Coffee to Go einschränken sagten meine Pros auf der Bierbank) kann es tun. Es ist nicht besonders schwer und erfordert meistens keine großartigen Fähigkeiten. Bis auf das Selberkochen von Kaffee. Und trotzdem benutzen es viele als soziale Währung.

Länder werden gesammelt und vermutlich würde man jedes Einzelne gern als Einkerbung am Gürtel mit sich herum tragen. Das ist aber leider nicht besonders hip. Hip ist aber, woanders Dinge zu tun, auf die man zu Hause nie kommen würde: für den Schock-, Verrücktheits- oder Erlebnisfaktor. Damit kann man dann auf Hostelbierbänken oder bei Abendessen prahlen, was aber leider nur einen sehr eingeschränkten Zuhörerkreis ermöglicht. Viel besser geht das Ganze mit Social Media. Ich habe nichts gegen ein bisschen Wettbewerb. Im besten Fall strengt man sich an und wird besser. Aber beim Reisen, ruiniert das nicht den Kern der Sache? Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, ständig darüber nachzudenken, was jetzt für andere toll aussehen würde?

Im besten Fall hat Reisen etwas mit Neugier zu tun.

Kindliche „Mal gucken, was da drüben los ist.“ – Neugierde. Wenn man darüber nachdenkt, welche Neugierde in der Außensicht die Beste wäre und worauf man sie richten sollte, wird etwas Spontanes, Authentisches (DAS Zauberwort!) zu etwas ziemlich Unechtem.

Abgesehen davon impliziert Wettbewerb immer, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Aber wer möchte bitteschön von anderen bewerten lassen, ob die eigene Erfahrung das Zeug zum Gewinnen hat? Der Wunsch, sich auf diese Art zu messen, ist nachvollziehbar. Den eigenen Namen in den Sand zu schreiben oder ein Selfie auf dem Markt in Südostasien zu machen und dies mit allen zu teilen, ist eine nachvollziehbare Handlung. Menschen wollen sich selbst erklären, sich abgrenzen. Sie wollen herausstechen: „Das bin ich und hier seht ihr, wieso ich einzigartig bin.“ Reisen ist eine Möglichkeit dazu. Der eigene Selbstwert ist an die verinnerlichten Geschichten von sich selbst gebunden. Sie sind die selbsterschaffenen Metaphern, die anderen erklären, warum wir besonders sind.

Und doch geht es beim Reisen um Erinnerungen, um Momente, die oft nebensächlich sind, selten geplant und in der Erzählung manchmal ziemlich banal wirken. Weil sie ihren Wert vielleicht nur für einen selbst, in diesem einen besonderen Moment, entwickeln. Um sie zu sammeln, braucht man Zeit, eine Liebe zum Augenblick und ein wenig Leere im Kopf. Die hat man vermutlich nicht, wenn man sich gerade auf Trophäenjagd befindet. Das ist schade. Wenn man Pech hat, fährt man zurück und hat nicht mehr im Gepäck als ein paar sorgsam konstruierte Heldengeschichten, die einem eigentlich nichts bedeuten. Und dafür hat man dann auf die ganzen Coffee to Go verzichtet.

Foto: flickr – Andrew – CC by 2.0

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11 Kommentare

  1. Das Interessante daran ist, dass die Neugierde auf „das andere“ Leben dabei verlorenzugehen scheint. Dabei ist Reisen am Ende, wenn nur noch die Fotos bleiben und die Erinnerung, eher wie ein Buch zu betrachten. Man ist ein wenig mehr in der Lage, die Vorgänge auf der Welt zu verstehen, sich in die Lage „der Fernen“ hineinzuversetzen.

  2. Ich bin ja schon froh, dass ich nicht die einzige bin, die noch nie in den USA war. Langsam kam ich mir schon vor wie ein Monstrum. Aber bei Reisen mag ich es kleinteilig: eine Stadt, eine Region, Museen, Buchläden, Wanderungen, Cafés… die Malediven interessieren mich schlichtweg nicht (oder gibt’s da einen anständigen Buchladen, von dem ich noch nichts weiß?)

    • 🙂 Kannst du Gedanken lesen? Hatte gerade die Idee für einen Text über Bücher auf Reisen (oder mehr die Tatsache, dass man sie immer mitnimmt und oft nicht liest). Geht zumindest mir oft so, dass ich mir zuviel vornehme.

  3. Wiebke sagt

    Mir geht es beim Reisen so, dass ich kaum noch das Gefühl habe, dass es sich lohnt. Irgendwie kennt man alles, hat es schonmal im Fernsehen usw. gesehen und im schlimmsten Fall noch bei besserem Wetter oder super ausgeleuchtet. Dann bemerke ich immer wie ich unruhig werde und tatsächlich ein wenig panisch werde auf der Suche nach einem besonderen Erlebnis. 🙂

  4. oh ja, so wahr! das denke ich mir auch oft. so wie du noch nie in den USA warst, war ich noch nie in asien – dafür erntet man ebenfalls recht ungläubige reaktionen. echt schade drum, anstatt mit menschen seine geschichten zu teilen, sich davon bereichern und inspirieren zu lassen, will man nicht mehr zuhören sondern den anderen nur übertrumpfen.

  5. das spricht mich sehr an. weil nun ja – ich gerade zurück komme vom Reisen.. 🙂
    und teilweise wohl auch am zaubern war, weil ich soooo viele schöne Dinge sehen und erleben konnte, die ich dann unbedingt mit meinen Freunden und meiner Freude daran teilen wollte. inzwischen ist das Gefühl tatsächlich präsent, zu befürchten, es könne nach Angeberei aussehen. so einfach wegschieben mag ich den kleinen Teufel auf meiner Schulter ja gar nicht, und dennoch habe ich mich entschieden weiter Bilder zu zeigen. Weil ich einfach merke, dass diese eben doch magisches erschaffen können. Ein Teilhaben an den Bildern in meinem Kopf. und wenn es gelingt, auch noch die textlichen Gedanken dazu, die ich beim Sinnieren / innehalten entstehen lasse. Dann bin ich glücklich und freue mich wie ein staunendes Kind daran. Und das wiederum fasziniert mich und gibt mir oft die Möglichkeit in das „System“ zurückzustrahlen. positives zu verorten. Menschen über Feedback in Resonanz mit leuchtenden Augen zu versetzen. Denn selbst am Ort des Geschehens wirkt der Zauber noch nach:-)
    Huch, jetzt war ich aber ganz schön begeistert… wünsche Euch die Sorglosigkeit zurück die Reisen früher innehatte. Sich selbst NEU zu entdecken…

    Denn wie sagte MAX Frisch einmal :“ Warum reisen wir?
    … Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für alle Mal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei -Es ist ohnehin schon wenig genug…“

    • Danke für deinen schönen Kommentar, so wie ich das lese, ist es bei dir ja tatsächliche Begeisterung, die meinte ich natürlich nicht. 🙂 Wenn jemand ganz verzaubert zurück kommt, freue ich mich immer gern mit.

  6. Pingback: Wir Ländersammler. Eine offene Entschuldigung - heldenwetter

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