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Nette Jungs bringen’s nicht

In machen Firmen hat man das zweifelhafte Vergnügen zu ausgesuchten Festivitäten seinen Partner mitbringen zu müssen. Ich mag das nicht, denn es führt zu Kaffeeküchengesprächen wie diesem: „Was glaubst du, wer ist bei X der Mann im Haus?“ „Ich glaube, sie sind beide die Mädchen. Das ist so ein Netter.“

Ich habe auch schon mit dem „Du bist nett.“ – Satz irritiert. Er wird gern als Zurückweisung empfunden, als Verbannung in den Nur-Freunde-Status. Letzter Tropfen auf dem bereits erhitzten Stein meiner Überlegungen war das Durchblättern der InStyle Men, die verkündete, dass Frauen keine netten Männer wollen. Aber man(n) trotzdem ein bisschen zuvorkommend sein sollte am Anfang. Dazu später mehr.

Nette Menschen haben wir eigentlich alle gern um uns.

Gerade diskutieren wir auch wieder sehr laut über Väter, die ja auch Männer sind (habe ich gehört…) und hoffentlich liebevoll und emotional. In der Anbahnungs- und Beschnupperungsphase aber wird gern der Mythos befeuert, sobald ein romantisch-sexuelles Interesse da sei, müsse es andersherum gehen. 

Dann will die FrauTM einen richtigen männlichen Mann. Und nette Jungs bringen’s nicht. Natürlich kennen wir alle die biologischen Ursachen der weiblichen Präferenzen: bessere Chancen für sie effektiv gegen Säbelzahntiger verteidigt zu werden und das vermutete Abfärben des männlichen Alpha-Status auf das Weibchen. Außerdem entsteht aus der Spannung der Geschlechter, die sich nur mit Gegensätzen so richtig entwickeln kann, erst Anziehung und dann Babies. Und die sichern das Überleben der Menschheit !!1! Noch mehr wissenschaftliche Wahrheit bieten Studien mit schönen Titeln wie Dating preferences of university women: an analysis of the nice guy stereotype. Die finden heraus, „dass als nett wahrgenommene Jungen wahrscheinlich weniger Sex haben.“ Das glauben (!) die befragten Frauen. Und da schimpfen immer alle auf die Gender Studies.

Warum nett überhaupt ein Problem ist, ergibt sich aus dem Verständnis von Mann und Frau als Gegensatzpaar.

Echte Männlichkeit ist eben nicht weiblich und fordert die Zurückweisung weiblicher Eigenschaften. Wer die Linien so starr zieht, schafft ein Wertesystem, das Durchlässigkeit und Varianzen kritisch beäugt. Männlichkeit verlangt, dass sich Männer distanzieren – von anderen, aber auch von sich selbst. Denn niemand ist nur schwarz oder weiß. Wenn man überlegt, dass Männer die Regeln dieser männlich dominierten Welt geschaffen haben, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ihre eigenen Möglichkeiten so eng gefasst sind.

Wer seine privilegierte Position behalten möchte, sollte als weiblich empfundene Eigenschaften meiden und das Alphatier geben.

Und jetzt wird es kompliziert. Trotz der Idee, dass Männer eigentlich ein bisschen Schwein sein müssen, wird ihnen auch geraten, immer mal und insbesondere am Anfang nette Dinge zu tun. Blumen mitbringen, Kerzen anzünden, bei Gesprächen zuhören und nicht sofort abzuschalten, wie es ihre Gene verlangen würden…und so weiter. Das sollten sie mindestens so lange durchziehen, bis sie das Weibchen am – äh – im Sack haben.

Warum das Ganze? Nun, in gleichberechtigten Zeiten ist das Anrecht auf eine Partnerin leider nicht mehr selbstverständlich, nur weil man über Macht und Muskeln verfügt. Ein bisschen Mühe muss man sich schon geben.

Erlösung bietet vielleicht die Popkultur.

In Filmen und Serien begegnet man häufig dem netten Kerl, oft im Gefängnis der ewigen Jungfräulichkeit gefangen. Der hilft der weiblichen Hauptfigur durch Liebeskummer, weil sie sich vom arroganten Idioten blenden lässt. Am Ende, also nach weiblicher Erkenntnis des eingeschlagenen Irrweges, bekommt er nicht selten das Mädchen und den Sex.

Also alles gut, oder? Sehen wir doch hier die Vorboten der Machtübernahme der netten Jungs. Leider nein. Denn bei genauerem Hinsehen ist dieser nette Junge kaum vom verkleideten Alphatier zu unterscheiden. Der eine bezahlt das Essen und erwartet eine Gegenleistung. Und der arme nette Kerl in romantischen Filmen macht das Gleiche. Er durchlebt tapfer Krisen mit der Angebeteten, kauft Tampons und bringt nachts Pizza. Um dann den Lohn seiner Mühen zu erhalten.

In unseren Wohnzimmern lernen wir so, dass man sich Liebe irgendwie verdienen kann. Da kann man nur den Kopf schütteln: So bringen es nette Jungs definitiv nicht. Weil sie nur eine Spielart in der Vorstellung von Gegensätzen sind. Dabei haben wir das vermeintlich ewige, ach so unumgängliche Spiel im Grunde genommen selbst in der Hand.

Es sind nie alle Männer oder die Frauen.

Nie alle Männer, die glauben, dass ihnen Zuneigung nach gezeigter Freundlichkeit irgendwie zusteht und nie alle Frauen, die denken, dass nur Alphatiere ihre Bedürfnisse befriedigen können. Männer müssen nicht Jäger sein und Frauen nicht Objekte. Dafür müssen wir uns aus unseren Gegensätzen heraus bewegen. Das ist gar nicht so leicht, denn manchmal sind sie so schön vertraut und bieten einfache Orientierung (Soll der mich doch ansprechen, er ist schließlich der Mann.).

Wenn wir es aber schaffen, begegnen sich im besten Fall zwei Individuen, die sich von Anfang an als Person mit all ihrer Widersprüchlichkeit wahrnehmen. Daraus ergibt sich im Übrigen genug Spannung, so dass ich mir um den Fortbestand der Menschheit erstmal keine Sorgen mache.

Foto: flickr – Guy Mayer – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Mein Mann ist groß, breitschultrig und bärtig. Er kann ganz bestimmt einen Säbelzahntiger erlegen. Und einen schönen Sohn haben wir auch gekommen. (Er ist trotzdem ein Netter. Sonst hätte ich ihn ja nicht geheiratet.)
    Aber ich möchte ja eh versuchen, nicht mehr in Geschlechtern zu denken. Ich glaube, es gibt kein soziales Geschlecht. (Und verweise damit frecherweise auf meinen Artikel von letzter Woche: http://norobotsmagazine.de/xxxywho-the-fuck-cares/)

    • ❤️ Wieder ein schöner Text von dir, wobei es das soziale Geschlecht natürlich schon gibt, dass sind die ganzen Aufladungen, die du ja beschreibst. 🙂 Ich bin auch auf deiner Seite, was Jungs angeht. Geht meiner Meinung nach zusammen. Strenge Rollenbilder für Frauen bedingen auch strenge Rollenbilder für Männer und Jungs. Und das ist für beide Seiten nicht gut. Hab einen schönen Tag.

  2. Achja, die netten Männer… ein unendliches Thema, wie es scheint. Ich kann dir da, mal wieder, nur zustimmen.
    Mein Mann mag ja ein paar Macken haben, und einige „typisch Mann-typisch Frau“-Glaubenssätze gehören leider auch dazu, aber das muss ich ihm sehr zu Gute halten: Er hat nie versucht das Alphatier zu spielen oder ist „beleidigt“, wenn ich als Frau mal die Alpharolle übernehme. Bei ihm sieht man so schön den Gegensatz zwischen dem, was er irgendwie glaubt was sein sollte (Erziehung und Medien leben es vor) und dem, was, wie er feststellt, viel besser funktioniert: Beide sind nett, beide übernehmen die Führung, je nach Situation. Gleichberechtigung halt 😉
    Aber bei Freunden beobachte ich das auch. Diesen inneren Zwiespalt. Und solange da nicht eine Frau auftaucht, die sich gerne als „dummes und hilfloses Objekt“ darstellt, meistern die das alle ganz fabelhaft.
    Es gibt also noch Hoffnung 😉

    • Absolut und psst… wenn ich bei dem Thema nicht auch manchmal im Zwiespalt stecken würde, würde es mich nicht genug interessieren, um darüber zu schreiben :-).

  3. Ich hab auch einen von den Netten. Habe nie verstanden, was an „nett“ schlecht sein soll …
    Generell check ich aber auch diesen ganzen Dating-Kram (inkl. wer-spricht-wen-an, wer zahlt [in unserem Falle er, immer noch, weil er einfach deutlich mehr Geld hat als ich], etc.) nicht … in so vielen Köpfen scheint da immer noch so viel 19. Jahrhundert zu stecken.
    Ein bisschen Gentlemen finde ich ja nicht schlecht, aber auch als Frau halte ich Türen auf – ist doch einfach netter. Und die große Heldin bin ich, wenn ich den Liebsten vor dicken Spinnen rette 😉

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