Gastbeitrag: Lügen, die ich mir erzählt habe

Der heutige Gastbeitrag erreichte mich mit folgendem Mailtext:

„Ich hätte es nicht geglaubt, aber es ist mir passiert. Ich bin gut ausgebildet, klug und informiert und trotzdem habe ich Gewalt lange nicht erkannt. Ich habe es mir nicht eingestanden, meinen eigenen Gefühlen nicht vertraut. Ich beschrieb es als nicht richtig gewollt oder anders gemeint und manchmal sogar als nur unangenehm“.

Hier ist der Text.

AnführungszeichenIch war zwei Jahre in einer Gewaltbeziehung. Es gab Gewalt mit Worten, mit Blicken. Es gab nie Gewalt mit Taten. Ich machte mich selbst fertig, ich weinte viel, ich verlor mein Selbstvertrauen, ich verlor das Gefühl für meinen eigenen Wert. Warum ich nicht gegangen bin? Weil man oft erst bemerkt, wie schlimm es ist, wenn man wirklich am Ende angekommen ist. Und wegen der Lügen, die ich mir erzählt habe.

Liebe bedeutet auch Drama.

„Das Schönste ist doch die Versöhnung.“ und „Wahre Liebe muss auch ein bisschen kompliziert sein.“ So dachte ich mit Mitte 20. Ich dachte sogar, dass die anderen Paare etwas verpassen. Dass ihre Beziehung nicht so tief sein kann wie unsere, weil wir uns aneinander reiben, weil nur wir wirklich leben. Dass nur glückliche Tage langweilig wären. Ich dachte auch, dass etwas nur wirklich Böse ist, wenn es mir körperlich angetan wird. Es ist keine Gewalt, wenn du nichts zurück behälst. Keine blauen Flecken, keine Verletzungen. Heute kann ich zugeben, was ich damals auch wusste. Wörter sind Waffen. Aber mit „dumm, wertlos, Schlampe“ ist es so. Man denkt, man kann sich immunisieren. Wenn du still bleibst, kannst du immer höhere Dosen mit der Zeit aufnehmen. Bis du selbst nicht mehr weißt, wann es zu viel ist.

Ich bin verantwortlich für das, was er ist.

Wenn man sich mit jemandem trifft, bekommt man eine Ahnung davon, was derjenige von seiner Partnerin erwartet. Und dein Partner bemerkt, was du willst. Jeder versucht, dem Bild zu entsprechen, weil man sich liebt. Wenn dein Märchenprinz dann zu einer gruseligen Version seiner selbst wird, denkst du, dass es etwas mit dir zu tun hat. Etwas hat sich geändert, weil du dich geändert hast. Denn er will das ja nicht. Das bestätigt dir auch jede Entschuldigung, die immer mit einem Versprechen einher geht.

Es ist nicht nur die Beziehung, an anderer Stelle begegnet es mir ja auch.

Ich war ziemlich selbstbewusst, ich wusste, was ich wollte und hatte immer eine gute Idee, wie ich es bekommen kann. Ich bin auch jemand, der immer seinen Partner unterstützt. Deshalb war ich verwundert, als er oft sagte: „Überlege nochmal: Bist du dir sicher? Kannst du das wirklich? Hast du dort nicht falsch reagiert?“ Wenn ich etwas gut machte, gab er mir das Gefühl, es ginge besser. Nach und nach wurde ich unsicherer und mir gelang nicht mehr alles so einfach wie vorher. „Er hatte also Recht mit seinen Nachfragen, er hilft mir, mich nicht zu überschätzen.“ dachte ich. Dabei hatte er mir nur die Flügel gebrochen.

Es gibt auch die guten Momente.

Er war liebevoll, er lud mich zum Essen ein, brachte mir meine Lieblingszeitschrift mit, ließ mir ein Bad in die Wanne, brachte mich zum Lachen. Das war schön. Natürlich war es schön. Wieso sonst sollte ich in dieser Beziehung bleiben? Als ich beschloss, es zu beenden, ging es nicht einmal um das Verhältnis aus Gut und Schlecht. Es war keine magische Grenze, wo 50/50 nicht mehr ausreichte und es kippte. Ich konnte mir einfach nur eingestehen, dass ich nicht mehr wollte. Wenn ich nach dem Ende jemandem von der Beziehung erzählte, traute ich mich zuerst nicht, von den guten Seiten zu erzählen. Heute weiß ich, ich muss mich nicht schämen für die Liebe, die ich gegeben habe.

Aufgeben gilt nicht.

Viele denken, dass das Ende unglaublich befreiend gewesen sein muss. Das war es nicht. Wenn man sich seine große Liebesblase gebaut hat, in der es nur dich und ihn gibt, in einer tollen Beziehung, ist es sehr schwer, zu gehen. Du hast angefangen, dich in Frage zu stellen. Du weißt, es geht nicht mehr. Aber du kannst noch nicht sagen, dass du keine Schuld hattest. Zumindest nicht so, dass du es auch glaubst. Es dauert, zu lernen, dass nicht du gescheitert bist, sondern die Beziehung. Bis vor einer Weile habe ich immer gesagt: „Das Gute ist, diese Zeit hat mir gezeigt, was ich nicht will, auf welchen Typen ich nie wieder reinfallen werde.“ Aber heute finde ich das auch Augenwischerei. Es war keine schöne Zeit, vielleicht sogar eine vertane. Vielleicht gibt es nicht einmal etwas zu lernen. So zu denken, hat mir die Wut eröffnet und die Wut war gut. Nach ihr kam die Erkenntnis: Ich darf traurig sein. Und…es geht weiter.

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Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesfamilienministeriums ist rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr unter 08000 116 016 erreichbar. Eine Onlineberatung gibt es auch. 

Foto: flickr – Andrew – CC by 2.0