Berlin, Berlin

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hat dreitausend Einwohner. Ich war in den letzten Wochen viel da. Es ist wunderschön dort und es schreibt sich ganz fantastisch unter einem alten Kirschbaum in einem traumhaften Garten. Untermalt von der Geräuschkulisse der Landmaschinen, Rasenmäher und Kreißsägen – Einer der größten Mythen über das Leben auf dem Land ist ja, dass es dort ruhig zugeht. – habe ich es nicht ganz geschafft, meine Sommerpause einzuhalten.

Ich liebe diesen Ort. Aber das Zuhausegefühl überkommt mich schon lange, wenn ich von der A100 aus den Funkturm erblicke. Berlin ist meine Heimat. Zehn Jahre bin ich nun hier. In Berlin ist bald Wahl und nicht nur deswegen ist die Stadt gerade Lieblingskind der Feuilletonisten. Ein komplettes Genre scheint sich nur damit zu beschäftigen, wieviel besser hier früher alles war. Als man noch für 300 Mark im 200 Quadratmeter Altbau wohnte, die Drogen etwas taugten und nichts Unangenehmes passierte. Jemals. Oder es keinen interessierte, weil alle viel entspannter waren. Nicht nur die Feuilletonisten und Onliner fühlen sich diesem urbanen Mythos verpflichtet, sondern auch viele reale Berliner. (Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den schlecht bezahlten Onlineredakteuren und dem Typ neben mir im Biergarten um die gleiche Person handelt, auch sehr hoch ist).

Sie neigen sich bei ihren Erzählungen verschwörerisch herüber, um zu verkünden, dass man leider selbst mindestens fünfzehn Jahre zu spät kam, um diese Zeiten noch zu erleben. (Mein 11jähriges Ich war aber leider nicht sehr abenteuerlustig.)

Mich beschleicht dann oft das Gefühl, ich habe die ganze Sache mit Berlin grundfalsch angepackt. Vermutlich liegt mein ganzes Verderben darin, dass ich nicht zum Studieren hergezogen bin, sondern erst für meinen ersten 50-Stunden-plus-Job. Gut, ehrlich gesagt: Es war nicht nur die mangelnde Zeit oder naive Entscheidung, in die Nähe der Arbeitsstelle zu ziehen (Hallo Wilmersdorf, goodbye Friedrichshain-Kreuzberg.), die mich um die authentischen Clubbing- und Türstehererlebnisse gebracht hat – sondern meine grundlegend langweilige Persönlichkeit.

Heute bringt sie mich dazu, die Stadt richtig gern zu haben, eher wenig zu meckern und mich damit nicht dem aktuellsten Subgenre der Berlinberichterstattung anzuschließen: Ich hatte Alles: das Berghain, die Drogen, den Sex –  Und jetzt, wo ich in Brandenburg wohne, habe ich noch mehr!

Denn, das muss man einfach sagen (Ich verabschiede an dieser Stelle einige Hamburger und Münchener Leser_innen, es war mir ein Fest mit euch.): Berlin ist fantastisch und die beste Stadt überhaupt. Auch wenn man dort, wo ich wohne, Smoothie gelegentlich wie Schmoosie ausspricht, es nie einen Frozen-Joghurt-Laden gab und nur ein Kindercafé. Ich kann mich hier nicht einmal über nervige Touristen beschweren, denn ich sehe sie nur sehr selten, wenn sie sich auf dem Weg nach Schönefeld im Bus gerirrt haben.

Der wichtigste Teil, der einen Ort zur Heimat macht, sind die Menschen. Und trotzdem würde es mir äußerst schwer fallen, mit ihnen Wuppertal oder Osnabrück als neue Basis zu wählen. Die Vorteile von Berlin sind nicht nur Theater oder Ausstellungen, die Parks und die Tatsache, dass es einfach eine Großstadt ist, die aus vielen kleinen Städten besteht, in denen man im Supermarkt mit Namen begrüßt wird.

Berlin ist für mich einfach dieser unerwartete, anziehende, magische Ort. Wenn man versucht, Gefühle zu erklären, verlieren sie oft ihren Zauber. Sie werden nur noch eine Aneinanderreihung von versuchten Argumenten, die andere so leicht madig machen können. Deshalb schreibe ich jetzt einfach nicht mehr weiter. Denn es ist schon alles gesagt: Berlin ist einfach mein Ort. Mein Zuhause.

Foto: flickr – Jörg Schubert – CC by 2.0