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LOL – Willst du mein Gesicht lecken?

Wenn ich nachts wach liege, denke ich manchmal daran, was ich am nächsten Tag kochen könnte. Andere lauschen in die Stille, ob der Wasserhahn tropft oder sorgen sich um ihren Kontostand. Hollywoodschauspieler Ryan Reynolds liegt sicher oft wach und überlegt, warum einige seiner Fans nicht lesen können, obwohl sie so viel schreiben.

Wann immer er bei Twitter Einblicke in seinen Alltag – wie, sagen wir mal – „Das Wasser unter der Dusche war heute Morgen sehr kalt.“ gibt, erhält er Antworten, die mit seiner Ursprungsaussage nichts zu tun haben. Die Sache mit dem Wasser kann man auf verschiedenste Art kommentieren, von wohlwollend („Check doch mal den Boiler.“) bis aggressiv („Was bist du denn für eine Lusche, ich dusche immer kalt!“)

Man kann auch mit der soziale-Netzwerke-Standardfloskel antworten: „Wen interessiert das?“ Das ist vielleicht ein bisschen unpassend. Aber nicht so unpassend wie diese Antworten. – Falls es bei euch mittlerweile Familientradition ist, meine Blogbeiträge laut im Kreis eurer Lieben zu lesen, was mich sehr rühren würde, sollten die minderjährigen und zartbesaiteten Zuhörer_innen nun herausgeschickt werden. Ich warte kurz. – Also, es wäre nicht so unpassend wie diese Antworten: „Bitte f*** mich jetzt hart!“, „Würdest du meinen Schw*** signieren?“ oder „Steck mir deine Faust in den A****!“.

Demgegenüber klingen Antworten wie „Ich will dir das Gesicht lecken.“ oder „Wann bringst du deine eigene Kondommarke heraus?“ wie aus dem Nonnenkloster. Ich weiß, dass dies das Internet ist, aber: Bitte, was? Was wollen uns die Autor_innen damit sagen? Ich halte es für ein Kompliment, wenn ich dir zeige, dass ich dich super/geil/sexy finde?

Zur grafischen Untermalung scheint Reynolds auch hin und wieder Fotos von Geschlechtsteilen zu erhalten. Unweigerlich habe ich darüber nachgedacht, ob die Schreibenden Frauen oder Männer sind. Ich weiß es nicht. Die Heftigkeit und Brutalität einiger geforderter Praktiken („Schlag mir in die Brust und schleife mich über den Boden.“), lässt mich an Personen denken, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – einen Prominenten beleidigen und irgendwie auch frauenfeindlich sein. Die stelle ich mir männlich vor. Aber es kann auch an meiner beschränkten Auffassung von Sexualität liegen.

Es ist auch egal. Denn es ist nicht in Ordnung. Dass Reynolds seinen Twitteraccount selbst nicht besonders ernst zu nehmen scheint und teilweise komische Scherze macht bzw. damit spielt, ob er etwas ernst meint oder nicht, ist auch egal. (Der Tweet, wie er seiner Tochter die Autoschlüssel zuwirft und sie an ihren Kopf fliegen zum Beispiel.) Genauso wie die Tatsache, dass Reynolds Karriere erst so richtig Fahrt aufnahm, als er ordentlich definierte Bauchmuskeln vorzuweisen hatte, die bei jeder Gelegenheit abgefilmt wurden. Vielleicht ist das Ganze nicht mal ein gutes Beispiel für das, was ich sagen will. Aber es hat mich daran erinnert.

Ich habe mich immer unwohl gefühlt, wenn Unifreundinnen die Hinterteile von Männern kommentierten. Und diverse Junggesellinnenabschiede geschwänzt, wenn Stripper angekündigt waren. Ich mag die Cosmopolitan nicht, weil die Cosmopolitan nicht selten unter selbstbestimmter weiblicher Sexualität versteht, dass ich Männern beim Kennenlernen erzählen soll, wie heiß ich sie (gern spezifisch mit Körperteilen) finde und dass ich gern sofort mit ihnen verschwinden würde. Weil sie das gut finden und sich gebauchpinselt fühlen. Versteht mich nicht falsch, das – also das Verschwinden – kann Frau gern jederzeit tun, wenn ihr danach ist. Aber nicht nach Aufforderung durch eine Frauenzeitschrift und nicht als gemeintes Kompliment.

Es gab eine Zeit, da überlegte ich, ob ich einfach zu prüde bin. Aber es hat nichts mit Emanzipation zu tun, wenn Frauen die Hintern von Männern bewerten. Zu denken, es wäre ein Kompliment, jemandem nur auf seine erotischen Reize zu reduzieren, ist bescheuert. Es ist nicht ganz das Gleiche, weil Frauen schon immer stärker auf ihren Körper reduziert wurden. Und dieser bei Männern eher für Macht und Stärke als für Sex steht. Aber wer sich beim Nachpfeifen und unerwünschten Kommentaren unwohl fühlt, sollte es selbst auch lassen.

Es geht nur um eines: Antennen für das Wohlbefinden des Gegenübers und sich auf Augenhöhe bewegen. Sich zu fragen: „Ist das ok oder gibt es Anzeichen dafür, dass sich der andere damit nicht wohl fühlt?“ Das sollte sowieso für jede Interaktion gelten.

Ryan Reynolds fühlt sich offensichtlich nicht wohl. Er versucht, den Antworten mit Humor zu begegnen. Er schreibt auf die eindeutigen „Angebote“ Dinge wie „Nein, danke, mir geht’s gut.“, „Bin gerade beschäftigt, ich halte meine Nichte bei ihrer Taufe.“ oder „Ich muss erstmal meiner Oma helfen, ihre Medikamente zu nehmen.“

Humor als Waffe gegen Belästigungen funktioniert im Internet leider nur so lala. Er macht das schon seit Monaten. Ohne, dass sich etwas ändert.

Foto: flickr – Chris Jackson – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Melanie sagt

    Habe gerade durch den Twitteraccount gelesen, ist ja unglaublich. Ist der gehackt worden? Auch die Sachen, die er manchmal so schreibt.

    • War auch eine Idee von mir, habe aber nichts dazu gefunden. Ich folge ihm schon eine Weile, er hat einen speziellen Humor. Finde ich aber, wie ich geschrieben haben, nicht relevant für die Belästigungs-Tweets, die er bekommt.

  2. Melanie sagt

    Da stimme ich dir auch total zu. Ich glaube, mir kam nur der Gedanke, weil diese Tweets so unglaublich sind, dass man automatisch überlegt: „Kann das denn wahr sein?“

  3. Da schießen mir sehr viele Gedanken durch den Kopf, die ich gerne aufschreiben würde, würden sie nicht durch Kopfschmerzen gestört…
    Ich habe mal mit einer Gruppe (deutlich jüngerer) Mädchen zusammen gesessen, die ausgiebig darüber fantasiert haben, wie wohl die Geschlechtsteile von ihren männlichen Kollegen aussehen. Dieses Gespräch war gleichermaßen unangenehm wie langweilig.
    Und dann denke ich auch immer wieder: Wenn Frauen Männer behandeln, als wären sie Affen oder Zuchthengste, dann müssen sie sich irgendwann nicht mehr wundern, wenn (manche) Männer sich auch so benehmen.

    • Gute Besserung! „Das Gespräch war unangenehm wie langweilig.“ ist ein super Satz, der mir gefehlt hat. Langweilig trifft es nämlich ganz fantastisch. Obwohl ich immer sagen würde, keine Behandlung rechtfertigt dummes Verhalten. 🙂

  4. Huch, diesen Beitrag hatte ich übersehen… bin ja völlig von den Socken!? Geschockt! Hilfe, mein Weltbild. Der arme Kerl (wobei ich den Hype um ihn eh nicht verstehe, aber ich hatte schon immer einen anderen Geschmack).
    Hm, ich hoffe, seine Sekretärin (und ich hoffe für ihn, dass er eine hat, die ihm diesen Schmonz abnimmt), die hat gehörig Haare auf den Zähnen, dass sie das sportlich nimmt. Danke für’s Augenöffnen…

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