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[Lesewochenende] Not that kind of girl: Was ich im Leben so gelernt habe

Am Wochenende habe ich Lena Dunhams Not that kind of girl – Was ich im Leben so gerlernt habe in einem Rutsch durchgelesen. Das liegt zum einen daran, dass ich angelesene Bücher nicht mag. Ich versuche gerade diese ganz schnell – mit Querlesetechnik und bis in die Nacht – zu Ende zu bringen, da ich genau weiß, dass ich sie am nächsten Tag nicht mehr in die Hand nehmen würde. Diese Methode geht natürlich nicht mit allen Büchern. Bei nicht wenigen verliert man durch die Sprungtechnik den Faden & muss sich irgendwann eingestehen, dass man nicht mehr weiterlesen muss, weil man sowieso nicht mehr folgen kann.

Dass es mit Dunhams Buch funktioniert hat, kann man durchaus als Plus werten – es ist kurzweilig & unterhaltsam, wie eine Sammlung von Essays. Man kann fast an jeder Stelle ein- und aussteigen, ohne dass es zu Verlusten am Lesevergnügen kommt. Und doch ließ es mich nicht zufrieden zurück. Ich mochte die von Dunham geschriebene Serie Girls, in der sie auch Regie führt & schauspielert. Die Autorin hatte in den letzten Jahren einen Riesenerfolg. Ihr erster Kurzfilm wurde hochgelobt, ihre Serie erhielt mehrere Fernsehpreise, sie selbst als erste Frau die Regieauszeichnung der Directors Guild of America. Das Buch war ein New York Times Besteller.

Ich finde, die 28jährige ist eine spannende Frau. Sie ist klug und irgendwie cool, sie ist Popkultur, aber nicht oberflächlich. Auch „privat“ äußert sie viele kluge Gedanken, engagierte sich zuletzt im Spot der Jungwählerkampagne Rock the Vote & bekehrte Taylor Swift zum Feminismus. Ich habe mich wirklich auf das Buch gefreut. Der Titel, mit dem Zusatz Was ich im Leben gelernt habe, ließ ebenfalls Einiges erwarten. Leider erfährt man weder besonders viel darüber, was Dunham tatsächlich gelernt hat, noch nimmt man selbst sonderlich viel mit. Es bleibt nicht viel zurück nach dem Zuklappen – keine Gedanken, keine Sätze. Man ertappt sich nicht dabei, dass man den Worten am nächsten Tag nachsinnt.

Und das ist wirklich schade. Dunham erzählt ausladend von ihren Unsicherheiten. Sie ist ein bisschen hässliches Entlein, dass in jeder sozialen Situation zuverlässig daneben tritt. Und es geht sehr viel um Sex, was jeden, der die Serie kennt, nicht überraschen wird. Das soll witzig sein, entwaffnend ehrlich wahrscheinlich. Ich musste an die Mädchen denken, die ich manchmal in der U-Bahn sehe. Die, die sich mitten in der Pubertät in einem Pulli verkriechen. Die, die ich in den Arm nehmen will und sagen „Es wird alles gut.“. Ich habe auch mal einen Sommer in Kapuzenpullovern verbracht, als meine Brüste anfingen zu wachsen.

Wieso ich diese Einseitigkeit nicht nur schade finde, sondern sie mich auch ein bisschen traurig macht? Ich glaube, Dunham hätte mehr zu sagen gehabt mit ihrer spannenden Biografie. Und ich hätte es gern gelesen. Von den Medien immer wieder herausgestellt, hat ihr Körper keine Modelmaße. Trotzdem ist sie in der Serie fast ständig nackt, in unvorteilhafter Unterwäsche & mit Speckrollen. Das erklärt sie im Buch damit, dass ihre Mutter sich ebenfalls gern mit einer Nikon selbst fotografierte. Eine schöne Anekdote. Im Kapitel zum Körper erfährt man nur, dass Dunham irgendwann zum Ernährungsberater ging & dann fast Bullimikerin wurde (viel gegessen, aber übergeben hat sie nie geschafft – haha). Sie schreibt nicht über Bilder in Magazinen, über den Druck, in der Medienbranche schlank zu sein. Wie ist es, wenn man „normal“ ist und plötzlich die ganze Welt dem eigenen Mut applaudiert, sich nackt zu zeigen? Das erfährt man nicht.

Es war mir zu belanglos. Im Kapitel zur Freundschaft (die Frauenfreundschaften sind ein Grund, warum ich die Serie so mochte) geht es fast ausschließlich um lesbisch-oder-nicht. Nichts über tiefe Zerissenheiten, wenn Freundschaften auseinander gehen. Eine ihrer Wegbegleiterinnen verlässt Dunham und sie schreibt, ihre Wege hätten sich eben getrennt.

Auch ihr Erfolg kam irgendwie, eine Aneinanderreihung von Zufällen. Fast hat man das Gefühl, sie wurde einfach so hereingeweht in das Alles. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der von klein auf kreativ war & Schreiben studiert hat, keine Pläne, Wünsche, Ziele hatte. Über diese, wie sie sich verändert haben mögen & den Weg dahin hätte ich gern gelesen.

Nur einmal blitzt eine andere Welt auf, wenn sie auf einigen Seiten über die Autobiografie schreibt, die sie mit 80 veröffentlichen wird – hier spricht sie vom Sexismus in der Filmbranche, vom Durchsetzen gegen alte Männer. Da hätte ich gern erfahren, wie sie das gemacht hat. Ich hätte gern neben ihr gestanden, wenn sie ihre Pläne verteidigt. Dunham hätte ich mir als starke Stimme gewünscht, noch besser als humoristisch-starke Stimme. Aber sie stellt ihr Licht unter den Scheffel. Mit dem einseitigen Bezug auf ihre angebliche Unvollkommenheit und deren Zurschaustellen macht sie sich unnötig klein. Ich glaube, es gibt eine Menge sehr interessanter Geschichten, die sie hätte erzählen können. Ich glaube, dass sie klügere Gedanken hat, als die, die den Weg in das Buch gefunden haben.

Vielleicht wollte sie nur auf eine sehr seichte Art unterhalten. Aber seicht unterhalten & zum Schmunzeln bringen einen auch die Sex-Tipps in der Cosmopolitan. Und in diese Schublade wollte ich Lena Dunham eigentlich nie stecken. Ein bisschen habe ich ja die leise Vermutung, dass sie in eine sehr weibliche Falle getappt ist. Lieber sich selbst ein bisschen kleiner machen, als man ist. Lieber unterschätzt werden. Lieber bei ihrem literarischen Debüt nicht zu hoch greifen. Diese Taktik kann man ja auch gut benutzen, um dann aus der Deckung des Unterschätztwerdens anzugreifen.

Ich hoffe, das ist der Plan. Aber den hätte sie gar nicht nötig gehabt.

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