Kinder & Küche
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Körper, später

Der Moment, als mein Körper vom schwangeren Körper zum nicht mehr schwangeren Körper wurde, war kurz und beinahe flüchtig. Monatelang war er gewachsen, aufgegangen, gequollen. Es fühlte sich für mich nie magisch an, schwanger zu sein. Keine Ahnung einer Urkraft, keine alles überströmende Faszination während meine äußere Hülle sich unaufhaltsam den Bedürfnissen dieses neuen Lebens anpasste.

Und trotzdem gab es da diese Seelenverwandtschaft mit meiner Mitte und der Person, die sie beherbergte. Es war ich und doch nicht ich zur selben Zeit und ich liebte das Gefühl, obwohl es kompliziert war. Vielleicht weil es kompliziert war. Es musste keinen Sinn ergeben. Diese Beziehung zum Baby und meinem Körper war, was sie war. Denn sie war sehr greifbar verankert – an mir und in mir. Ihre Tiefe und Präsenz war unumgänglich, ich musste nur herunterblicken.

Als die Wehen einsetzten, folgte mein Körper seinem eigenen Plan. Sich zurückzunehmen und mit ihm die Arbeit zu tun für die er geschaffen war, klingt wenig traumatisch, spirituell oder sinnstiftend wie manch andere Geburtsgeschichte es tut, beschreibt aber am Besten, was passierte. Ein wenig Pathos muss mir trotzdem gestattet sein, denn Worte sind nicht stark genug um den Bruchteil Zeit zu beschreiben, wenn eine Person die Welt betritt. Noch bevor ich im fluoreszierenden Licht das kleine Gesicht und die Händchen meiner Tochter sah, sah ich die losen Rollen an Fleisch, die mich herausforderten, sie nun zu verabscheuen. Die verlangten, dass ich mich nun von ihnen abwandte, immer Gewahr der Herausforderung, die in den nächsten Monaten vor mir liegen sollte: jedes Anzeichen los zu werden, dass dieser weiße, wachsartige, mit Dehnungsstreifen verzierte Bauch jemals Heimstatt eines menschlichen Wesens war. Die Dehnungsstreifen kannte mein 12jähriges Ich bereits aus jenem Sommer, als ich im Freibad auf ihre Existenz an meinen Oberschenkeln hingewiesen wurde. Ein Sommer, der weinend in der Umkleide endete.

Es sah diesen Körper, in dem Moment, in dem er meine Tochter hervorgebracht hatte und es wäre einfach gewesen vor ihm zurück zu schrecken. Genauso einfach wie in den folgenden Tagen, im Licht des Krankenhausbadezimmers. In den Tagen des Wochenbettes, wenn Flüssigkeiten aller Art einen mit aller Vehemenz auf die eigene Körperlichkeit zurückwerfen. Wir haben uns dafür entschieden, die Kraft und Macht des weiblichen Körpers gegen seine ausschließliche Sexualität einzutauschen, so dass uns seine Gegenwart nun verunsichert. Selbst in seinen stärksten Momenten. Nicht nur die gelöschten Bilder von stillenden Frauen auf Instagram und Facebook künden davon.

Aber ganz egal, ob man alle Kilos wieder verliert, alle Muskeln wieder herstellt, die Beweise dafür, dass dieser Körper ein Baby genährt hat, bleiben für immer bestehen. Mindestens im eigenen Inneren. Wieso also dieses vom Körper abkoppeln? Dinge, die soviel Gewicht haben, sind selten einfach und nicht immer makellos schön.

Nur Sekundenbruchteile nachdem ich meinen Körper betrachtet hatte, schaute ich auf meine Tochter, die er hervorgebracht hatte. Sie war kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ihr kleines Gesicht war friedlich verschrumpelt. Ihr nackter Körper lag auf meinem und sie begann nach meiner Brust zu suchen. Ich war so voller Stolz auf mich und dieses kleine Wesen, dass – gerade erst so rüde aus seiner natürlichen Umgebung gerissen – genau wusste, was sie tun sollte. Sie war noch völlig ohne belastende Gedanken, ohne Normierungen, ohne Zwänge. In diesem Moment trafen wir beide eine stille Übereinkunft. Ich versprach ihr, dass ich versuchen werde, diesen Körper, der sie und ihre Schwester zu mir geschickt hatte, nie zu hassen. Dass ich ihr Vorbild, ihre erste Lehrerin sein werde. Meine Aufgabe wird es sein, ihr beizubringen, sich selbst zu lieben. Ihren Körper zu lieben, der genau der perfekte Körper für sie sein wird.

Es wird Menschen geben, die ihr etwas anderes erzählen wollen. Dass er nicht gut genug für sie ist. Ich bin dafür verantwortlich, dass sie diesen Worten kein Gehör schenkt. Dafür fange ich bei mir an. Ich freue mich darauf, bald wieder Sport zu machen. Ich freue mich darauf, an Stellen wieder anders auszusehen, als ich es jetzt tue. Und ich freue mich darauf, diesen Körper für immer zu lieben. Mit all seiner Geschichte.

Foto: flickr – Scribe215 – CC by 2.0

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19 Kommentare

  1. Julia sagt

    Ja!!! Du bist wieder da, hab schon gedacht, dass dich die Texte nicht loslassen. 😉

  2. Daniela Röder sagt

    Super! Genau so ist es.
    Aber auch ohne Schwangerschaften, Geburten und ausgiebiges ausgenuckelt werden, sind wir keine 20 mehr. Unsere Körper haben sich verändert. So oder so. Das wird mir in diversen Badeanstalten immer wieder bewußt. Und meist kann ich es gut akzeptieren.

    LG und weiterhin alles Gute
    Daniela

    • Das stimmt, Badeseen usw. sind das beste Korrektiv, da wollte ich im Sommer immer was drüber schreiben aber nie dazu gekommen – wie wenig reale Körper wir noch sehen, außer in Umkleiden & beim Schwimmen. Und wie man sich dann manchmal über sich selbst wundert, wenn man ganz interessiert schaut.

  3. Pingback: #Lieblinks der Woche |

  4. Catherine sagt

    Ich bin ja in ähnlicher Situation, der Übergang von schwanger zu nicht mehr schwanger ist nie ganz einfach, auf so vielen Ebenen. Was die körperliche angeht, sehe ich für mich aber auch immer den Aspekt der Wiederaneignung, das ist dann nicht so sehr über äußerliche Erwartungen (die empfinde ich als gar nicht so unmittelbar hoch) sondern darüber, sich im eigenen Körper zurück zu finden. Ich finde es gar nicht so einfach von Zweisamkeit auf Einsamkeit zurückzuschalten, auch wenn ich es mir am Ende meiner Schwangerschaften doch herbeigesehnt habe. Sehr ambivalent!

    • Ich hatte nie so wirklich dieses Zweisamkeitsgefühl, richtig real ist das Baby für mich erst, wenn es da ist. Irgendwie. Aber ich kann mir gut vorstellen, was du meinst. Herzlichen Glückwunsch & mögen unsere Mädchen voller Glück aufwachsen :-).

  5. Pingback: Happy Holidays | makellosmag

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