„Ich hoffe, meine Bücher können mir irgendwann verzeihen.“ – Geständnis einer Lückenleserin

Es gibt diesen Traum, in dem ich nachts am Bücherregal stehe. Im Halbdunkeln. Wie ein Eindringling in meiner eigenen Wohnung habe ich mich heimlich dorthin geschlichen. Dann macht jemand das Licht an & ich stehe ertappt mit schuldbewusstem Blick im hellen Raum. Tinte ist in meinem Gesicht verteilt, die Fingerkuppen dunkel gefärbt – wie wenn man zu viele Kirschen gegessen hat. Eine Lektürevampirin, die alle Bücher auf einmal haben wollte.

Lange bevor Netflix binge watching erfunden hat, habe ich es mit Büchern praktiziert. Ich springe von einem zum anderen, ich verschlinge sie…und verpasse dadurch nicht selten das wirklich schmackhafte Innenleben. Meine Vorsätze sind andere, wenn ich mit einem neuen 300-Seiten Wälzer nach Hause zurück kehre. Ich lege ihn ab & nehme mir vor, es dieses Mal zu genießen & nicht alles mit einem Happen zu vertilgen. Aber ich kenne mich selbst zu gut. Was Bücher betrifft, bin ich eine Lückenleserin mit wenig Chancen auf Heilung. Seit ich lesen kann, pflüge ich mich durch Bücher. Ich scanne Seiten grob & füge die Handlung im Kopf zusammen. Für ganze Sätze habe ich keine Zeit. Ich versuche, so schnell wie es nur geht zu sein – bis zu dem Punkt, an dem ich keine Wörter mehr lese. Ihre Formen verschwimmen. Manchmal muss ich zurück blättern, um nicht ganz den Faden zu verlieren. Aber ich kann nicht langsam. Seit der Kinderbücherei  und den schier endlosen Reihen von Fünf Freunden oder Hanni und Nanni weiß ich: es gibt so unendlich viele Bücher. Und ich will sie alle haben.

Nicht unbedingt die physischen Exemplare, was heute aus Platzgründen und damals aufgrund des Ausleihmaximums von 5 Büchern nicht möglich wäre. Nein, es geht mir um ihre Natur, ihren Charakter. Bereits nach einigen Seiten habe ich eine Idee von seinem Stil, von den Ideen & Wahrheiten, von der Seele eines Buches. Meine Obsession hat mich über die Jahre nicht nur zu einer Schnellleserin, sondern zu einer ausgewachsenen Lückenleserin gemacht. Das literaturwissenschaftliche Studium, in dem die Literaturliste verlangte, sich im ersten Semester bereits durch den halben Kanon zu fräsen, hat die Symptome weiter verstärkt. Mittlerweile kann ich während eines Wannenbades einen 200-Seiten Roman beenden. Bevor das Wasser den Gefrierpunkt erreicht und die Finger zu schrumpeln beginnen.

Diese Art zu lesen ist wie jede anständige Störung eine Belastung. Lückenlesen geht nicht nur auf das Budget, weil man sehr schnell neuen Stoff einkaufen muss. Es bedeutet auch, dass die besten Geschichten viel zu früh enden. Ganz zu schweigen davon, dass diese Art des Konsums der Literatur natürlich komplett unwürdig ist. Sie hat etwas steinzeitlich Unangemessenes. Ich springe, überblättere, setzte aus & wieder ein. Ich hopse nur genau soviel im Plot hin und her, dass ich ihm gerade noch folgen kann. Keine Spur von Muße. Ich will wissen, worum es geht, schnell die Handlung erfassen. Nicht mehr und auch nicht weniger. Der Lückenleseritis zum Opfer fallen Landschaftsbeschreibungen & Szenerien oder quälend lange innere Monologe. Dies ermöglicht mir das gesamte Lebenswerk von Jane Austen in 3 Stunden zu konsumieren. So schön solche Passagen gestaltet sind, so viele Stunden sie den Autor oder die Autorin gekostet haben, ich will die Essenz, das Fleisch und nicht die Beilagen. Ihr wisst schon, die kunstvoll in Form geschnittenen Möhrchen & den durch den Spritzbeutel geschickten Kartoffelbrei kann man bei einem guten Steak auch einfach weglassen.

Der Besitz des Buches ist flüchtig. Lückenlesen diesen Ausmaßes wird begleitet vom Vergessen. Wenn ich das Buch lese, bin ich ganz bei ihm, ich halte den Atem an oder weine vor Rührung. Aber um Erinnerung zu schaffen, braucht es Zeit zum Aufsaugen & Verdauen. Wenn ich die Buchdeckel zuklappe, hat das Verlieren bereits eingesetzt. Mich überfordert die Frage nach Lieblingsbüchern. Oder nach Details wie dem Beruf einer Hauptfigur, dem Namen eines Nebencharakters. Auch das Ende einer Geschichte ist oft schneller vergessen, als ich das nächste Buch aus dem Schrank nehmen kann. Manchmal stehe ich im Buchladen & weiß, dass ich ein Buch gelesen habe. Aber ich kann mich nicht erinnern. Mein Kopf ist vermutlich so voll mit Büchern, versuche ich mich zu beruhigen, dass mein Gehirn sie einfach manchmal falsch einsortiert. Unter Abgabefrist der Steuererklärung oder Verwandtengeburtstage – den leicht zu vergessenden Teilen.

Aber ich fühle mich schlecht deswegen. Mir tut das Ganze sehr leid für die Bücher. Ich bin nicht die Art Leserin, auf die sie gehofft haben, als sie das Licht der Druckerpresse erblickten. Deshalb drücke ich sie nach dem Zuklappen immer noch einmal besonders eng an mein Herz bevor ich sie zurückstelle. Vermutlich schauen meine Bücher auf unsere kurze und stürmische Beziehung mit Enttäuschung aber auch mit Wehmut zurück. Ihrem Therapeuten würden sie so etwas sagen wie: „Es gab Verbesserungsbedarf in der praktischen Ausgestaltung der Partnerschaft aber ich wurde – wenn auch nur sehr kurz – auch wahrhaftig geliebt.“

Foto: flickr – Pimthida – CC by 2.0