Film & Fernsehen, Schönes & Banales
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Ich habe Carrie Bradshaw wieder getroffen und sie ist ganz anders, als ich sie in Erinnerung hatte.

Heute geht es auf Zeitreise. Kurz nach der Jahrtausendwende – in einem mittelgroßen Alpenstädtchen in Frankreich finden drei Austauschstudentinnen zueinander. Sie finden bald heraus, dass die finale Staffel von Sex and the City bereits im französischen Fernsehen läuft. Problem: Im Wohnheim befindet sich nur ein allgemeiner Fernsehraum mit sehr lauten Franzosen drin, die immer Sport gucken. Mit denen sie sich, selbst wenn eine minimale Chance bestünde, dass sie umschalten, schon aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht verständigen könnten. (Am Rande interessiert hier vielleicht die Geschichte, wie eine von ihnen im Fahrstuhl stecken & dort fast für immer blieb, weil sie dem Mann der Notrufzentrale die Adresse des Wohnheims ansagen musste, in dem sie gefangen war. Mit Postleitzahl.)

Aber man wäre nicht Anfang 20, wenn man nicht für jedes Problem eine pragmatische Lösung vorzuweisen hätte. Die Studentinnen legen zusammen & beschließen, einen Fernseher zu kaufen. Denn die Wohnheimzimmer à 12 qm haben einen Fernsehanschluss. (Liebe mitlesende nächste Generation, das waren die düsteren Zeiten vor dem allgemeinen Gebrauch von Smartphones & Mediatheken. Und mit Wohnheimen ohne W-Lan.) Mangelnde Sprachkenntnisse führen auch dazu, dass niemand sich in der übersichtlichen Innenstadt in den Fernsehladen traut. So erwirbt man das Gerät etwas außerhalb im Riesensupermarkt Carrefour (raus aus dem Regal – rein in den Wagen – bezahlen – kein Wort verloren). Um ihn dann 4 km auf einem Einkaufswagen (!) ins Wohnheim zu transportieren. (Der Einkaufswagen verblieb die vollen 6 Monate neben dem Eingang des Wohnheims in zunehmendem Stadium des Verfalls. Die Mitwissenden würdigten ihn keines Blickes mehr.)

Was möchte ich mit dieser kleinen Episode sagen? Ich glaube, sie macht auf subtile Weise deutlich, dass ich sehr gern Sex and the City geschaut habe. Sehr, sehr gern, denn wir verstanden eine Weile kein Wort & konnten der Handlung nur mäßig folgen. (Hatte ich die rudimentären Französischkenntnisse schon erwähnt?) Trotzdem wurde jede Woche geschaut. Und ich war nicht allein. Zu uns gesellten sich schnell 9 andere Einsame fern der Heimat – auf 12 qm.

Nun bin ich älter & weiser, suche aber trotzdem jedes Jahr aufs Neue den Ablageort der Adventsdekoration in allen Ecken der Wohnung. Dabei stößt man auf so manches wie die DVD-Kollektion Sex and the City, von der ich nicht mal mehr wusste, dass ich sie überhaupt besaß.

Was folgte war…maßlose Enttäuschung. Ehrlich, mir ist es nicht mehr möglich nachzuvollziehen, wie ich diese Serie lieben konnte. In der Charlotte mein Lieblingscharakter war. Lassen wir mal beiseite, dass sie wahrscheinlich tausende junger Frauen auf dem Gewissen hat, die glaubten, es wäre möglich, in Downtown New York in einem Apartment zu leben, in dem man sich um die eigene Achse drehen kann – finanziert durch einen Freelancing-Kolumnenjob.

Da könnte ich drüber hinweg sehen. Aber es geht tatsächlich NUR um Männer. Ich mag Männer. Aber die Serie fällt mit wehenden Fahnen durch den Bechdel-Test, weil sich NUR über Männer unterhalten wird. Jedes Detail ihrer Äußerungen & Handlungen wird minutiös seziert. Als wären sie kaum zu begreifende Fabelwesen, deren Ergründung langer eingehender Studien bedarf.

Ok, es gibt ein paar Lichtblicke & ich weiß, wieso Sex and the City so gefeiert wurde. Es zelebriert Frauenfreundschaften & wie der Titel schon sagt – Sex – als normalen Bestandteil im Leben von Singlefrauen. Das war neu im Mainstream-TV. Ein Klassiker auch die Folge, in der Miranda zum Partnerdinner ihrer Kanzlei eingeladen wird & ihr klar wird, dass alle Welt denkt, sie sei lesbisch (weil, ihr wisst schon, erfolgreich & nicht verheiratet).

Und trotzdem, wenn ich das jetzt wieder schaue, ist der Spaß irgendwie weg. Ich sehe nur noch eine Orgie an Konsum unterbrochen von Gesprächen über Männer. Das ist überhaupt das Verwunderlichste – die glänzende Haare-Schuhe-Kleider-Waxing Welt von Sex and the City ist genau das, was mir heute so aufstößt am Zeitungskiosk & im TV. Überhaupt: Frauen & Shopping. Die vermeintliche Tatsache, dass Frauen gern Klamotten kaufen, ist sowieso der größte urbane Mythos überhaupt. Shoppen ist doof. Eine Wahrheit, die von Lifestyle- & Frauenmagazinen & von Sex and the City komplett ignoriert wird. Ich meine damit nicht das Interesse an Mode, sondern die Aktivität an sich. Bei Sex and the City läuft niemand in ständig falsch klimatisierte Läden, wühlt nach der richtigen Größe & zwängt  sich in scheußlich ausgeleuchtete Umkleidekabinen.

Gut, ich erwarte nicht, dass eine Serie meine dröge Realität widerspiegelt. Und Sex and the City muss nicht die Welt verändern. Aber ich fühle mich auch nicht mehr gut unterhalten, wenn Carrie sich einem russischen Oligarchen an den Hals wirft & Mr. Big beweint, dessen komischer wichtiger Tycoon-Job dazu führt, dass er ständig verschwindet. Sex and the City ist eine 47 Stunden lange romantische Komödie. Ich mag auch romantische Komödien, aber nicht 47 Stunden lang. Und ich würde keine davon als meinen Lieblingsfilm bezeichnen. Also warum habe ich Sex and the City so geliebt? Vielleicht ist meine kritische Haltung heute der fiese Beigeschmack der schrecklichen Kinofilme, mit denen man nach dem Serienaus gefoltert wurde. Oder ich habe mich einfach verändert.

Was mich zum Nachdenken bringt, ist wie klar ich jetzt auf manche Szenen blicke & denke „Geht ja gar nicht.“ Und wie sehr ich weiß, dass ich genau das mal so mochte. Beides war weder richtig noch falsch. Wenn man ein paar Bücher gelesen & die Gender Studies Kurse nicht geschwänzt hat & seine Tage in der Twitter-Filterblase verbringt, neigt man manchmal dazu, den Belehrbären zu geben. Und zu denken: „Das müssen die doch sehen.“ Jetzt das alles nochmal zu schauen zeigt mir: Tun die meisten nicht. Habe ich auch nicht. Was nicht heißt, dass man aufhören sollte, darauf hinzuweisen. Im Gegenteil. Aber ich gelobe innerlich in Zukunft ein bisschen mehr Gelassenheit mit anderen.

Und ich werde mich bei Miranda entschuldigen. Mit ihrer nur marginal ausgebildeten Shoppingsucht, ihrem Anwaltsberuf  & am Ende Mann, Kind & Hund (inklusive der einhergehenden Nervenzusammenbrüche) war sie die coolste der Freundinnen. Miranda war die Sheryl Sandberg des Big Apple. Es tut mir leid, Miranda. Ich konnte dich nicht sehen, weil Charlottes Rehaugen im Weg waren. Aber jetzt weiß ich es besser.

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3 Kommentare

  1. Ich verstehe deine Einwände nur zu gut. Mit Sex and the City angefangen habe ich vor ungefähr sechs oder sieben Jahren, und natürlich war ich begeistert. Wenn ich heute zufällig auf eine Episode stoße, kann ich manchmal kaum glauben welcher Stuss darin verbreitet wird. Ganz abgesehen von der Vorstellung, dass man mit einem Freelancer Job im Journalismus Geld für ein ganzes Apartment verdienen würde. Hast du ja bereits alles erwähnt.

    Ich musste gerade nach einem Artikel im Freitag googeln, der das feministische Potential von Sex and the City verteidigt. „In Sachen weibliche Solidarität sucht die Serie bis heute ihresgleichen. Sie vertrat eine liberale Haltung – zum Sex wie zum Geld. Beides wird ihr nun vorgeworfen. Auch, dass es bei den Identifikationsmöglichkeiten für die Zuschauerinnen hakte. Zu viele teure Schuhe waren angeblich im Spiel. Als ob das Mafia-Milieu der Sopranos realistischer wäre!“ (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-carries-schuhen)

    Oder auch: „Die Serie gilt fünf Jahre nach der Lehman-Brothers-Pleite und ihren Folgen als Synonym für Oberflächlichkeit, Konsumrausch und Artifizialität – ganz nach dem alten Vorurteil, Glamour passe nicht zu echter Kunst. Dabei war die postfeministische Aufbruchsstimmung in jeder Folge zu spüren. SATC glaubte an die Macht der Frauen, kämpfte gegen die Pflicht von Ehe und Mutterschaft und für die Rechte der single women.“
    Abgesehen von Charlotte (und eigentlich auch Carrie) trifft das zumindest zeitweise auf Miranda und Samantha zu, oder findest du nicht?

    LG
    X

    • Hallo, echt schöner Blog, den du da hast, grad mal durchgescrollt. Kommt auf die Leseliste. Die Gegenargumente hatte ich bei der Recherche kurz angelesen, den Artikel vom Freitag kannte ich aber noch nicht. Ich glaube meine jetzige Abneigung rührt genau daher, wenn ich dein Zitat jetzt angucke. Post-feministisch war das vielleicht Aufbruch. Aber irgendwie ist man jetzt mindestens post-post .-) & ich bin wahrscheinlich müde von klassischen Verbreitungsformen, die für sich reklamieren, Gleichberechtigung voranzutreiben, wenn sie ein bisschen abweichen. Wie die Rebranding Feminism Kampagne der britischen Elle letztes Jahr. Oder Karl „Adele ist fett & schwule Eltern komisch“ Lagerfeld mit seinen Schildern.

  2. Pingback: Alle Jahre wieder – shiny, happy Engel | makellosmag

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