Beauty & Banales, Schönes & Banales
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Frier‘ doch, Bitch!

So Kinders, jetzt ist’s vorbei mit Liebe und Weltgeschehen hier auf dem Blog. Wir kommen wieder zu den wirklich wichtigen Themen. Wie Einkaufen. Ich mag Mode und bin durchaus bereit, Opfer zu bringen. Die ganzen 90er hindurch trug ich Karohemden und viel zu lange Skinny Jeans, obwohl ich nur 1,60m bin. Ich habe mich an Winterstiefel mit papierdünnen Sohlen gewöhnt, die ich nie oben zu bekomme. Und an dickgestrickte Pullover mit kurzem Arm. Mich kann wenig schocken, dachte ich. Also machte ich mich nach Lektüre einer Zeitschrift (Hier liegt der Anfangsfehler, ich weiß.) am Montag auf, um nach einer neuen Winterjacke Ausschau zu halten.

Ich hatte die Umstandsjacke vom letzten Jahr noch im Schrank (unter der ich jetzt problemlos beide Kinder verstecken konnte), aber Mütter wollen ja ab und zu auch etwas Schönes für sich haben. Die Rubrik Style Watch: 5 Teile, die du unbedingt brauchst, weil alle anderen sie schon tragen hatte mir außerdem versprochen, dass es dort draußen einen Mantel gäbe, der sich anfühlte wie eine Umarmung. Es sollte die kalte Hand des Todes werden.

Der Mantel entpuppte sich als Slim Fit. Das heißt, es würde nicht viel mehr als ein Tanktop darunter passen. Genauso trug ihn auch das Model in der Werbeanzeige, muss also so. Ist mir aber zu kalt außerhalb des geheizten Fotostudios. Die nächste Jacke fühlte sich dünn an. Und war es auch. Das bisschen Wärme, das sie produzierte, entstand ausschließlich aus der Reibung, die meine Körperteile beim Kontakt mit dem Material erzeugten. Aber dort drüben hing noch ein schönes Exemplar mit breiten Knöpfen (soweit voneinander entfernt, dass der Wind zuverlässig meinen letzten Rest Körperwärme zur Beheizung der Berliner Straßen heraus saugen würde).

Den Winter einfach wegleugnen, könnte man auch gut mit einem dunkelblauen Parka, dessen unteres Ende sich knapp unter meiner Brust befand, so dass mein Po auf dem morgendlichen Weg zur U-Bahn zuverlässig für den ganzen Tag schockgefrostet wäre. Vermutlich würde das sogar den Alterungsprozess meiner Kehrseite stoppen. Geht mit Hackfleisch und Eizellen ja auch. Aber was hilft mir ein faltenfreier Po, der mit 50 noch konsequent nach oben blickt, wenn mir die dazugehörigen Oberschenkel fehlen (Erfrierungstod)?

Eines muss man den Herstellern allerdings lassen, überlegte ich bei mir, als ich das nächste Modell anprobierte. Sie führen mit ihren Werbeversprechen nicht in die Irre. Auf keinem Etikett, auf keinem Plakat stand, dass die entsprechende Jacke warm halten würde. Stattdessen bot sich beispielsweise die Möglichkeit, stylish im Armeestil unterwegs zu sein. Und das nächste Exemplar würde vermutlich sehr zuverlässig eine authentische Kriegserfahrung liefern mit seinem undefinierbaren Wolle-Kunstfaser-Rauhaardackel-Äußeren, das konsequent die Nässe anzieht, um sie nach und nach wieder an meinen Körper abzugeben. Während sich in meinem Kopf langsam die Schmerzen der Grippe ein warmes Plätzchen suchen, die mich zwei Wochen ans Bett fesseln würde.

Inzwischen hatte ich übrigens meine Urmission (etwas Schickeres als die Umstandsjacke) komplett vergessen und war in der Outdoorecke gelandet. Hier traf ich prompt auf eine Jacke, deren Lycra-Spandex-Außenschicht so dick war wie die meines Sport-BHs. Wieder Slim-Fit, was mir einen unvergleichlichen Slim-Look verleihen würde. Ich denke, das ist dieses zusätzliche Quentchen an Selbstbewusstsein aufgrund unseres Aussehens für das jede Frau tapfer über die sich langsam am Kinn bildenden Eiszapfen hinweg lächelt.

An diesem Punkt meines Horrorjackenerlebnisses eilte nun eine Verkäuferin herbei. „Tja,“ sagte sie, „richtig warme Jacken hätte sie leider tatsächlich nicht in der Damenabteilung. Aber sie empfehle dann immer, einfach einen Oversized-Schal dazu zu kaufen.“ Den könnte man als zusätzliche Schicht um die schlotternden Knochen schlingen. Man müsste nur aufpassen, dass man sich nicht in Rolltreppen verfing. Außerdem wäre solch ein Schal von der Größe eines Bettlakens gerade total modern und würde die Proportionen meines Körpers schön ausbalancieren, da so oben mehr Masse wäre.

Da wurde es mir klar: Die nächste Verschwörung des Patriarchats sind nicht nur Kleidung ohne Taschen und Wintermäntel ohne Wärme, sondern auch Verkäuferinnen, die mit der Diätindustrie unter einer Decke stecken. Leider konnte ich mich dem Ganzen nicht mit der angemessenen feministischen Vehemenz entgegen stellen, denn die Masse und Flusenaktivität des Schals, den sie klugerweise vor ihrer Rede um mich drapiert hatte, nahm mir die Luft zum Atmen. Während ich nun langsam (aber sehr weiblich!) in eine angenehme Ohnmacht und damit auf den Boden des auf 25 Grad hochgeheizten Kaufhauses darnieder sank, wurde mir allerdings eines bewusst: Mir war gerade zum ersten Mal richtig warm.

***

Der Titel des Blogposts ist von @outerspace_girl auf Twitter gemopst, die offensichtlich auch einkaufen war. Ihr Buch und ihren Blog kennt ihr hoffentlich alle. Sonst habt ihr bisher weitaus mehr verpasst als wärmende Winterjacken.

Foto: flickr – Pro Forest History Society – CC by 2.0

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30 Kommentare

  1. Ich wusste gleich, dass mir der Titel bekannt vorkam! Das hatte ich heute schon irgendwo gelesen.
    Unerfreulicher Weise muss ich sowohl dem Titel aka Tweet, als auch deinem Artikel Recht geben. Eben genau das ist der Grund, warum ich seit Jahren keine Winterjacke mehr kaufen wollte. Nachdem mein 5 Jahre alter Mantel aber nun aus allen Nähten bricht, muss ich diese Mission auf mich nehmen (ich fürchte noch heute) und ich habe Angst. Ganz ehrliche Angst. Der Letzte hielt schon kaum warm, aber nachdem ich aufgeplusterte wasserabweisende Jacken im Zwangsjackenstil wehemment ablehne, sehe ich mich schon mit erfrorenen und halb abgebrochenen Gliedmaßen durch die kalte Jahreszeit humpeln.

  2. Aus diesem Grund shoppe ich schon länger eher in der Herren-Abteilung – nicht nur für Jacken. Die Teile dort sind einfach so viel praktischer, die Varianten aus der Damenabteilung sind hingegen wie du schreibst so unglaublich diskriminierend, ich frage mich immer, wie die das ganze Zeug loswerden…
    Problematisch wirds bei z. B. Jacken aus der Herrenabteilung dann aber meistens bei der Schulterbreite – ist doch einfach zu breit. Daher freue ich mich sehr über neue Lables, die endlich etwas gegen diesen Unsinn unternehmen, z. B. ein Lable aus NY (dessen Name ich leider gerade nicht parat habe), das Hemden im „Männer“style auf weibliche bzw. Unisex-Maße anpasst – aber eben nicht tailliert. Wunderbar, leider (noch) zu sehr exquisiten Preisen.

    • Für die Herrenabteilung habe ich glaube ich größentechnisch die falschen Maße. Aber das mit Unisex ist ein guter Hinweis. Da gibt es tatsächlich wieder eine einsetzende Bewegung, habe erst kürzlich auch wieder Unisexparfum gesehen. Danke für den Kommentar.

  3. Ich bin letztes Jahr schier verzweifelt. Aber meine super hippe Schwester hatte nen Tipp für mich: Dünne Daunenjacke unter „schickem“ Wollmantel. Das zieh ich seit letztem Jahr durch und funktioniert eigentlich recht gut. Es ist warm und die dünne Daunenjacke hatte ich damals im Sale recht günstig bekommen.

    Und was die Modeindustrie für Frauen angeht, könnte ich schimpfen wie ein Rohrspatz. Angefangen bei fehlenden Taschen, über dünne Mäntel hin zu der unfassbaren Sauerei die sich Übergrößen-„Mode“ nennt, in Wirklichkeit aber Diskriminierung von dicken Menschen hoch zehn ist. Ich werd schon ganz wütend, wenn ich das hier nur schreibe.

  4. Ich hatte mit Mantelkäufen ehrlich gesagt noch nie Probleme – schaue aber auch nicht da, wo es extra-moderne „Junge Mode“ gibt. Mein geliebter Daunenkurzmantel (mit Kapuze und zig Taschen) ist vom Otto-Versand und so schick UND praktisch, dass eine Freundin ihn mir direkt nachgekauft hat 😀

    Wenn dieser Winter allerdings wieder SO mild wie der letzte wird (ich hab, glaub ich, höchstens einmal das Auto freikratzen müssen), reicht auch ne „Frier doch, Bitch“-Jacke 😉

    Ansonsten – Nähmaschine auspacken/ausleihen und der Modeindustrie den Stinkefinger zeigen!

    • Ja, das mit den Nähen müsste man anfangen, aber ich habe ja vor zwei Jahren hier einen Neujahrspost geschrieben, dass ich mal einen Pullover stricken will und nichts ist passiert. Ich glaube, ich muss mir eingestehen, dass meine kreative Leidenschaft das Schreiben ist. So gern ich das Andere können würde. 🙂

  5. Dieses Jahr hatte ich Glück: gerade geschnitten, schlicht, aber nicht bieder. Eigentlich hätte ich schon vorletztes Jahr einen neuen Mantel gebraucht, habe aber keinen gefunden, letztes Jahr auch nicht. Zum Glück waren die Winter mild.

  6. hier das gleiche. aus schierer not heraus habe ich mir gebraucht einen fake fur gekauft, der voluminös, weich und warm ist und extrem dramatisch aussieht. kinder kletten sich wie herrenlose dackelwelpen an mich ran, wenn ich ihn trage. meine vermutete bonität leidet unter dem mantel in den augen bodenständiger leute in funktionsjacken. es ist ein kreuz.

  7. ich empfehle: geh in ein Sportgeschäft und kauf dir eine Jacke von Marken wie The North Face. Ich habe mir letztes Jahr eine gekauft, weil meine von Jack Wolfskin eigentlich viel zu groß für mich war (obwohl sie S oder gar XS war, war sie für mich, 1,56m, wie ein Zelt. Aber sie war wirklich warm. So richtig!).
    Aber man kann auch in „normalen“ Läden Glück haben. Esprit markiert zum Beispiel immer, wie warm die Jacken (angeblich) sind. Bei Regenwetter geht aber nichts über meine North Face-Jacke.

    (und was Taschen an Kleidung angeht: wer brauch eigentlich solche Mini-Hosentaschen?! Und warum gibt es meistens keine in Röcken?)

  8. <3
    ich war letztes jahr im internet und hab mir dort diesen furchtbar schicken mantel gekauft. es war tatsächlich das einzig ansehnliche Modell, das ich gefunden habe. nicht nur ich – wie sich herausstellt. der mantel ist ausverkauft und er begnet mir sehr sehr sehr (!) oft in der ubahn, auf der Straße, auf garderobenhaken von freundinnen. tja. hauptsache warm. oder?

  9. Wattierte Jacken und Mäntel kann ich nicht ausstehen, häufig sieht man darin aus, wie ein Ballon. Kein Wunder, dass da keine Taschen dran sind, das macht es noch schlimmer.

    Nee, nee, nee. Ein Mantel oder eine Jacke muss aus Wollmaterial (Wolle, Alpaca, Cashmere, also wasserabweisend) und mit Taschen sein. Leute, ich komme aus dem Schwarzwald und weiß, wovon ich spreche.
    Kurzmantel in leichter A-Linie und langer Mantel sehen immer gut aus, ich bin auch ein 1,60m Stümpfchen und weiß, wie schwer es ist, etwas zu finden, indem man auch mit breiten Schultern und als Pygmäin gut aussieht. Ein guter Schnitt um die Schulter und ein schöner Kragen reißen viel raus. Tiefe Armausschnitte, damit notfalls ein dicker Pulli oder ein Blazer drunter passen.

    Klar, ich habe auch eine Outdoorjacke mit Fleecefutter. Soll angeblich warm halten bis in arktische Temperaturen. Kommt an meine Wollmäntel nicht dran. Ich nehme die nur, um mit dem Fahrrad bei Regen oder Schnee schnell zum Einkaufen zu fahren.

    Und ja: etwas Passendes zu finden ist der schiere Horror. Ich hasse shoppen, insofern sind meine Anschaffungen auf längere Lebensdauer ausgelegt. Wenn man Pech hat, ist die angesagte Mode weder farblich noch schnitttechnisch und schon gar nicht maßgenau vorhanden.
    Vor etlichen Jahren bekam ich übrigens einen abgelegten Dufflecoat aus Wolle mit Cashmere geschenkt, mit abknöpfbarer Kapuze und herausnehmbaren Innenfutter. Ein Klassiker, der immer halbwegs gut aussieht (wenn er nicht gerade rustikalbeige ist).
    In einem Sommer haben auch die Motten Geschmack dran gefunden. Zum Glück nur 25 cm am Saum hoch.
    Ich bin damit zur Änderungsschneiderei, also der Schneiderfreundin, die hat das Ding zu einer Cabanjacke umgearbeitet und meinen Maßen angepasst, ich hatte 30 kg abgenommen. Diese Jacke wurde so oft getragen, bis die Ärmelkanten und die Ellbogen abgewetzt waren.

    Überschlagsmäßig habe ich in den letzten 10 Jahren insgesamt maximal 250 € für Wintermäntel/Jacken ausgegeben.
    Ich peppe meist mit Tuch oder Schal auf, oder trage einen meiner Hüte, das lenkt davon ab, dass ich immer noch die gleichen Mäntel wie vor Jahren trage.
    Mich gruselt vor dem Moment, wo ich feststelle: ich brauch was Neues.

  10. Ich habe vor zwei Jahren tatsächlich etwas Brauchbares (wenn auch zu Kurzes) in der Snowboard-Abteilung gefunden. Nicht irre stylish, aber okay. Dafür schweineteuer.
    Und da fragt man sich doch auch: Warum brauchen Männer überhaupt warme Jacken? Die frieren doch eh nie!
    Ich finde es übrigens mit Schuhen fast noch schlimmer. Dass eine Frau auch im Winter möglicherweise laufen möchte, ohne sich nach drei Schritten die Beine zu brechen, ist offenbar zu viel verlangt.

  11. Roswitha sagt

    Ich habe mir einen einfachen Wollmantel mit Reißverschluss nach einem alten in der gleichen Machart nähen lassen: A- Linie, weinroter Wollfilz, Reißverschluß, warm, ohne Futter und Schnick-Schnack. Ich verstehe auch nicht, warum auch hochwertige Mäntel ein Synthetikfutter haben, bei dem ich schon beim Anziehen schwitze.
    Bei den Schuhen kaufe ich nur noch „Bär“, da habe ich Platz und kann gehen.

  12. Zwergi sagt

    Also ich habe meinen Mantel vor drei Jahren bei Galerie Kaufhof gekauft, da gab es viele Modelle (auch viele nicht so schöne). Im Frühjahr sind die meisten Sachen stark reduziert.
    Meine Arbeitswinterjacke ist eine Regenjacke mit Fliesfutter, welches man bequem rausnehmen kann. Wie die minus Grade trotzt konnte ich noch nicht testen sie macht aber bisher einen guten Eindruck. Die gab es beim Berufsbekleider. Nachteil ist halt, dass diese nicht über den Po geht.

    Ps.: jetzt habe ich es doch endlich mal geschafft was zu kommentieren. Ich lese deine Texte sehr gerne, vorallem muss ich wirklich über manche Themen dann nachdenken 🙂

  13. Wie passend, dass ich gerade einen neuen Mantel bestellt habe 🙂 Bin gespannt, ob er passen und warm halten wird. Ansonsten trage ich seit ca 5 Jahren den gleichen Parka, der tatsächlich sehr warm, aber leider irgendwie nicht sehr schick ist.

    Aber davon abgesehen, großartikel Artikel. Der erste, den ich seit seeeehr langer Blog-lese-Pause lese und ich merke, wie ich es (und deinen Blog) vermisst hab <3 Danke dafür!

  14. Naja, offensichtlich werden die Teile mit Freuden gekauft. Also sieht kein Hersteller sich genötigt, etwas daran zu ändern. Wo es noch dazu viel, viel billiger ist, billige dünne Stoffe zu verwenden als hochwertigere dickere. Beschweren bringt da nicht viel, sondern die Abstimmung muss über die Füsse stattfinden. Die Hersteller sind sehr lernfähig, wenn ihnen die Kunden das Geld verweigern.

  15. Haha, supercool der Text. Aber mal ganz ehrlich, ich kann in Berlin nicht shoppen, das konnte ich schon damals in den Neunzigern nicht als ich dort wohnte. Seit ich aber im Süden der Republik zuhause bin, finde ich passende Hosen, wärmende Winterjacken… keine Ahnung, ob’s an mir liegt?!

  16. Huhu, ich hab sehr gelacht! Danke.
    Bin neu hier und schau mich mal um.
    solltest du noch ne Jacke oder Mantel suchen, warm , nicht schwarz, …schau doch mal bei Blutsgeschwister…oft weibliche Schnitte.. aber viele Muster sind mir oft too much.
    einzelne Teile aber echt schön.
    der Flieger Parka in Jeansblau wird mich aber die nächsten Jahre begleiten.

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