Job & Vereinbarkeit, Leben & Lesen
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Währenddessen…irgendwo im Universum: ein Mann steht früh auf

Ich bin einem so außergewöhnlichen menschlichen Wesen begegnet, das möchte ich euch nicht vorenthalten. Auf der US-Website Business Insider berichtet Filipe Castro Matos von einem seiner größten life hacks (in etwa: fundamentale Umstellung der Lebensweise). Ist er Veganer geworden? Vater vielleicht? Nein. Der Mann ist 21 Tage lang jeden Morgen 4:30 Uhr aufgestanden. Jeden Morgen! 4:30 Uhr! 21 Tage lang! Ich weiß, ich weiß, ich habe den Mund auch nicht mehr zubekommen.

Ein bahnbrechendes Experiment

Wieso macht man so etwas Wahnsinniges? Wieso besteigt man nicht einfach den Mount Everest wie andere normale Menschen, wenn man seine Grenzen austesten will? Weil es hier um mehr ging als die eigenen Grenzen. Deshalb wird dieses außergewöhnliche Experiment auch in einem Online-Businessportal unter Strategie beschrieben.

In 21 Tagen nämlich kann man eine neue Lebensgewohnheit einüben. Und die neue Lebensgewohnheit ist frühes Aufstehen zur Leistungssteigerung. Auch das deutsche Manager Magazin berichtete schon einmal über Experimente mit der eigenen Weckzeit zwecks Leistungssteigerung (im Manager-Fitness-Special).

Da halten wir mal kurz inne & überlegen. Zunächst ist die Idee natürlich wirklich bahnbrechend. Früh aufstehen. Man möchte dem Autor zurufen: Das macht der Müllmann, der deinen Müll heute Morgen weggebracht hat auch. Dein Busfahrer. Und die Krankenschwester. Und sogar Menschen, die du wahrscheinlich wahrnimmst, wie die freundliche Verkäuferin, die dir den Morgen-Latte reicht (alle Berufe natürlich auch vom jeweils anderen Geschlecht ausführbar).

Es ist eine verrückte Welt. Sogar Menschen ohne Job stehen sehr früh auf. Mütter und Väter, die zu Hause bleiben zum Beispiel. Manchmal gar über Jahre hinweg.

Aber hier geht es ja im Manager, also um erfolgreiche, reflektierte Menschen, die nicht von den schnöden Gegebenheiten ihrer Umwelt gezwungen werden früh aufzustehen, sondern dies aus freien Stücken tun. Zur eigenen Selbstoptimierung.

Ganze 2 Stunden

Was ist nun das Fazit des Frühaufstehers?

  • Hart war es, sehr hart.
  • Aber da muss man durch.
  • Die Gesellschaft ist faul, aber da sollte man nicht mitmachen.
  • Der Körper braucht nicht mehr als 6 Stunden Schlaf die Nacht.
  • „Ja, aber“-Sager (lies: Neider) und andere Hindernisse sind aus dem Weg zu räumen.

Dann winkt am Ende die Belohnung. Und die Frage, was macht er mit der gewonnenen Zeit? Einen Roman schreiben, versonnen der aufgehenden Sonne zuschauen, jeden Morgen die Zeitung lesen? Die Antwort ist: More working hours (also mehr Zeit für Lohnarbeit). Ganze 2 Stunden gewann der Autor so jeden Tag & startete mit einer leeren Inbox seines E-Mailaccounts & einem durchgeplanten Tag in den eigentlichen Arbeitstag. Um das körperlich durchzustehen, muss man übrigens eventuell ein bisschen mehr Sport machen (was demnach auch nicht unter Hobby fällt sondern zweckgebunden ist).

Klar, da kann man eigentlich nur lachen. Mich gruselt es aber auch. Der Artikel ist eine Anekdote. Aber auch Ausdruck einer fehlgeleiteten Wettbewerbs- und Arbeitsideologie, in der sich beruflicher Wert (meistens gleichgesetzt mit Selbstwert) über die Zeit definiert, die man gewillt ist zu investieren. Viel zu oft ist die unterschwellige Annahme, wenn man weniger tut, will man eben nicht so richtig & ist nicht voll engagiert. Das wird zum Nachteil von allen, die nicht 40 Stunden ++ arbeiten wollen oder können. Viel zu häufig sind das allein die Frauen. Und die Höchstgrenze an Stunden ist immer nur eine, so lange jemand anders sie nicht durchbricht.

Ja, aber…

Mich erinnert dieses Experiment an Unternehmensberater, die konkurrieren, wer am wenigsten geschlafen hat, um das große Projekt voranzubringen. Und trotzdem nachts an der Bar und morgens im Hotelfitnessstudio sein müssen. An den Chef, der einer aus der Elternzeit wiedergekehrten Kollegin, die vom nichtschlafenden Kleinkind berichtet, lächelnd erklärt, er habe noch nie im Leben viel geschlafen wegen der Arbeit. An Manager, die als Hobby Marathon, Triathlon oder Radrennen angeben – während die Frau einen beruflichen Umzug nach dem nächsten plant.

Ihr merkt schon, so ganz kann ich Mann-Frau hier nicht rauslassen. Über allem schwebt sowieso das Problem, dass nur Lohnarbeit echte Arbeit ist und alles andere (Kinder versorgen, Pflege, Ehrenamt…) nur Arbeit zweiter Klasse. Dann fällt es umso schwerer, letzteres aufzuwerten.

Und für die Firmen ist es natürlich bequem, wenn Arbeitnehmer sich – am Besten noch so selbstverständlich wie im Artikel – selbst optimieren. Oft genug ist diese Kultur männlich. Nicht, weil Männer sich lieber selbst ausbeuten, sondern weil genau das über Jahrzehnte eingeübt wurde. Der Mann seht voll und ganz zur Verfügung und im besten Fall hält ihm eine Frau den Rücken frei. Das Modell hält nicht mehr, wenn beide im Arbeitsmarkt voll zur Verfügung stehen müssen (und wollen, weil die Arbeitskultur kaum andere Modi zulässt). Das Modell kann auf der Geschlechterebene umgedreht werden (erfolgreiche Frau & Mann, der die Dinge am Laufen hält). Ich kenne auch ein gleichgeschlechtliches Paar wo mit den Kindern die gleiche Diskussion einsetzte. Ändert aber nichts am Problem.

Schade nämlich, dass  Vereinbarkeit oft nur als Herumschrauben am Status Quo diskutiert wird. Hier ein Rädchen mehr Elternzeit, hier eine Umdrehung mehr flexible Arbeitsmodelle. Viel zu selten kommt die Frage auf, ob die eingeübte Arbeitskultur generell vielleicht das Problem ist. Weil sich die Ansprüche dieser Kultur, die wir schon viel zu sehr verinnerlicht haben, eigentlich gar nicht realisieren lassen, wenn man nicht selbst dahinter zurücktreten will. Unvereinbar ist dies oft mit eigenen Interessen außerhalb der Arbeit, mit langen Zeitspannen, die für etwas anderes da sind & nicht nur für „Erholung von…“.  Das gilt für Menschen ohne Kinder oder andere soziale Verpflichtungen genauso (Partner, Kümmern um Angehörige) genauso. Und tut allen nicht gut.

Wir bräuchten wohl ein komplettes Umdenken, einen radikalen Wandel. Ein entspanntes Zurückstellen des Weckers sozusagen.

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