Leben & Lesen
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Ein guter Tag

Heute war ich im Garten meiner Kindheit. An der Stelle, an der ich immer geschaukelt habe, wurde wieder geschaukelt. Ich war in meinem alten Kinderzimmer. Dort stehen die Erinnerungen der Teenagerzeit. Die Musik, die Bücher. Es gab miserable Episoden in meiner Teenagerzeit. Sie sind mir noch ziemlich präsent. So sehr, dass ich heute manchmal unsicher wirkende Mädchen in der U-Bahn fest in den Arm nehmen möchte. Um ihnen ins Ohr zu flüstern: „Ich weiß, wie sich das anfühlt, es wird besser.“ Einen ganzen Sommer habe ich unter grauen Fruit of the Loom – Kapuzenpullovern verbracht, als meine Brüste anfingen zu wachsen.

Heute, vielleicht lag es an der Sonne, dem Summen der Bienen oder dem ersten Spargel, mischten sich Versatzstücke der Erinnerung mit dem Wissen der Gegenwart.

Mathe im Abitur, die Angst zu versagen & die Sebstzweifel mit der heutigen Gewissheit, dass jeder Dinge kann. Manche besser, manche schlechter & man einfach nur etwas finden muss, was man richtig gut kann. Um es dann richtig gut zu machen. Und dass das nicht Mathe sein muss.

Das Zittern vor der Führerscheinprüfung, schon wieder wiederholen müssen & Riesenpanik vorm Einparken & dem täglichen Fahren durch die Großstadt ohne einen Gedanken zu verschwenden. Überhaupt das Dorf, das viel zu klein war & die Großstadt heute.

Liebeskummer zu Mariah Carey Texten & die bange Frage, ob man jemals jemanden finden würde, der einen so lieben kann, wie man selbst lieben möchte. Weil die Erwachsenen doch keine Ahnung haben, wenn sie sagen, das findet sich schon. Heute sitzt er jeden Abend neben mir.

Vollgeschriebene Hefte & der Traum von einem Buch mit meinem Namen drauf. Davon gelesen zu werden & heute der Blog, mit Kommentaren von Menschen, denen ich nie begegnet bin. Ein Buch mit meinen Namen drauf, auch wenn es kein Roman sondern die Dissertationsveröffentlichung ist, verstaubt auch im Schrank.

Die Unsicherheit wegen allem, die absolute Notwendigkeit, sich die Haare zu färben, weil die eigene Haarfarbe hässlich war. Wie so vieles. Und heute zu wissen, dass ich schön bin.

Erinnerung ist selektiv. Manches, was ich nicht geschafft habe, habe ich vielleicht auch einfach vergessen.

Es ist nichts Neues, dass Unüberwindbares in der Rückschau oft kleiner erscheint. Das schmälert nicht die Echtheit des Schmerzes von damals. Oder die Tiefe der Verzweiflung, wenn jemand heute das Gleiche durchlebt. Es macht mich auch nicht klüger im Umgang mit meinen jetzigen Tälern.

Heute war, mit all diesen Gedanken im Kopf, einfach ein sehr, sehr guter Tag. Ein Tag, an dem ich mein Glück fassen konnte. Man sollte viel mehr an den guten Tagen über die guten Tage erzählen. Damit man es an den schlechten hervorholen kann. Ich habe einmal angefangen.

Foto: flickr – daveynin – CC by 2.0

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