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Ein beinahe Text über den deutschen Mann

Dies könnte ein Text über den deutschen Mann werden. Der deutsche Mann ist mir diese Woche bereits mehrmals begegnet. Er scheint unter immensem Druck zu stehen. Man kann einwenden, dass ich nicht wissen kann, ob es sich bei den Begegnungen tatsächlich um den deutschen Mann handelte. Unter Umständen hat eine heißblütige kasachische Großmutter vor Jahren ihre Spuren in den Genen hinterlassen, die sich nun im Temperament niederschlagen.

Aber ich schweife ab.

Am Montagmorgen diskutierte der deutsche Mann mit Plänen und Smartphone in der Hand  im Mob in einer Gruppe von Dreien den baulichen Fortschritt des Mietshauses in seinem Rücken. Er versperrte dabei den Bürgersteig, den ich mit Doppelkinderwagen zu nutzen gedachte. Der deutsche Mann sah mich kommen und fixierte mich eine Weile. Als ich vor ihm zum Stehen kam, blickte ich ihn vermutlich genervt an. Womöglich fühlte er sich provoziert. Man muss mit den kulturellen Implikationen von Blicken vorsichtig sein. Selbst ich als Herkunftsdeutsche habe die Klaviatur des angemessenen deutschen Blickes nicht immer ganz drauf. Der deutsche Mann grüßte mit „Blöde Fotze.“ bevor er zur Seite trat. Er erweitere so den Wortschatz der mitgeführten 3jährigen und versorgte uns mit einem Thema für den weiteren Weg zum Kindergarten („Mama, was ist eine…?“).

Man kann davon ausgehen, dass der deutsche Mann den Montagsblues hatte. Er musste in den frühen Morgenstunden arbeiten und konnte es sich nicht einfach gut gehen lassen wie – sagen wir mal – die Flüchtlinge. Auch der autofahrende deutsche Mann, der uns am Montagnachmittag begegnete, hatte seinen Groll über den Tag noch nicht abgelegt. Wir überquerten eine dieser Fußgängerampeln, die für Omas und Menschen mit Kleinkindern zur Todesfalle werden, denn beim Umspringen auf rot wird losgefahren. Egal, wo man sich befindet. Es muss schließlich alles seine Ordnung haben. Der deutsche Mann hupte und ließ uns durch die heruntergelassene Scheibe wissen, wir sollen unseren Arsch bewegen. Das mitgeführte Kleinkind kannte das Wort bereits, war aber über den Gebrauch durch einen Erwachsenen irritiert.

Am Dienstagmorgen traf ich den deutschen Mann im Supermarkt. Er tippelte hinter mir in der Schlange nervös auf und ab. Dann stieß er zuerst gegen mich und darauf gegen sein Knie, als er ein riskantes Überholmanöver nach Öffnung der zweiten Kasse einleitete. Es war mein Fehler. Ich stand im Weg.

Wir waren diese Woche auch schon beim Gemüse – und irgendwie alles – Händler. Man erkundigte sich danach, ob das gekaufte Würstchen für das Kind sei und schenkte es ihm. Im Copyshop erhielten wir einen Lutscher und wohnten der Freude über das süße Baby bei. Beim Pizzaladen wurden wir einfach nur freundlich behandelt. An diesen Orten waren auch Männer. Sie sprachen nicht fehlerfrei deutsch und hatten eine, angesichts des dunklen Winters, verdächtig gesunde Gesichtsfarbe. Manche trugen Bärte. Ich wurde nicht begrapscht und nicht als Schlampe beschimpft.

Vielleicht war man nur nett zu mir, weil ich unverkennbar meine patriarchalische Kernaufgabe der Nachwuchspflege erfüllte. Vielleicht sind die Dinge aber auch komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Und das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Foto: flickr – Christian Senger – CC by 2.0

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17 Kommentare

  1. Es ist einfach toll, wie du mit Worten umgehen kannst und solche schweren Gedanken in ein so leichtes Gewand kleidest.

    Öffentliche Kritik, die aber niemand böse nehmen kann. Das ist Kunst 🙂

  2. Salah sagt

    Ich bin ein Mann der häufiger deinen Blog liest. Ich bin nicht deutscher Herkunft und sehe orientalisch aus. Als einziger in der Familie. So gut wie keiner, auch nicht von meinem Heimatland kann raten woher ich komme.
    Jedenfalls. Diese Ansicht deine ist interessant. Ich weiß wirklich nicht was deutsche Mädchen und Frauen denken, wenn so einen wie mich sehen. Ich bin zwar kein galanter Typ und unkonventionell, aber ich frage mich war inbesondere deutsche Mädchen abweisend reagieren bei den kleinsten Dingen.
    Heute war ich im.Bus und sah dieses blonde deutsche Mädchen Lächeln und ich fand es schön und blickte sie an. Ich liebe schöne Dinge. Jedenfalls als sie meinen Blick merkte, war ihr ganzes Lächeln weg und sah so aus als ob sie etwas wirklich unangenehmes sah und versuchte ganze Zeit meinen Blick zu ingnorieren. Ich habe es sehr gut beobachtet und wollte es bestätigt habem, wie die vielen Male vor mir. In dem Moment kam mir in den Sinn mit einer Geschichte mit Vergewaltigungen von Flüchtlingen die zur Zeit heiß aufgekocht werden überall.
    Ich nenne es Panik des Pöbels, denn Vergewaltigungen an Frauen ist so ziemlich „natürlich“ vorkommendes Ereignis unabhängig von der Herkunft des Täters. Nicht falsch verstehen, aber das ist eine heuchlerische Panik. Ich wünschte es gebe so ein Radau wenn ein Täter Deutsch wäre und deren Opfer nicht übersehen werden. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Okay ich ging weit hinaus. Was ich sagen will:“Wenn ich ein abweisendes Gefühl von einem deutschen Mädchen in Zukunft erhalte, bin ich ein möglicher Vergewaltiger? Werde ich so gesehen?“

    Sorry das ich so lange schreibe. Ich habe nicht viele Möglichkeiten zu fragen.

    • Hi Salah, du bist der erste Mann, der sich als Leser outet :-). Vielen Dank dafür und für deinen Kommentar, der mich wirklich zum Nachdenken bringt. Ich kann dir die Antwort leider nicht geben. Aber genau darum geht es, dass sich Dinge im Kopf festsetzen und man im ersten Impuls danach reagiert. Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass ich meine Tasche in der U-Bahn fester greife, wenn ein arabisch aussehender junger Mann reinkommt. Das ist bescheuert und rational erschreckt man sich vor sich selbst. Deshalb ist es so wichtig darauf hinzuweisen, was Berichterstattung und Worte auslösen können, zu differenzieren eben. Zum Differenzieren gehört dann auch, dass jemand vielleicht einfach keine Lust auf Flirten hatte. Oder die Männer in meinem Text einen richtig schlechten Tag… Auf jeden Fall ist deine Perspektive in den letzten Wochen viel zu wenig geäußert wurden, deshalb freue ich mich sie zu lesen, weil sie mir auch wieder einen neuen Blickwinkel eröffnet, auf die, die sich jetzt unter Generalverdacht gestellt sehen. Wenn es genug Menschen gibt, die nachdenken und reden, schaffen wir es vielleicht, der „Panik des Pöbels“ (tolle Formulierung) etwas entgegenzusetzen. Ups, jetzt habe ich fast Angela Merkel zitiert, die Zeiten sind hart.

      • Salah sagt

        Tatsächlich bin ich der erste? Ich finde mehr Männer könnten dich lesen. Sagt man das so? Jedenfalls finde ich ist deine Mentalität ausgeglichen und sehr angenehm und Männer genau so Verständnis und Freude hätten mit dir, wie die weiblichen Leser. Ich weiß nicht ob meine Perspektive repräsentant ist, aber sicher bin ich nicht der einzige. Du könntest sowas herausfinden als Bloggerin. Ich habe eher wenig Kontakt zu verschiedenen Menschen.

    • Hana Mond sagt

      An Vergewaltiger würde ich im Bus (wäre es nicht grad Nacht und ich hätte Sorge, jemand könnte nach mir aussteigen und mich verfolgen) wohl eher nicht denken.
      Eher schon „Ohje, der will flirten und nachher hab ich den die ganze Zeit anner Backe, dabei find ich den nicht sympathisch / dabei will ich meine Ruhe haben“. Ich persönlich hätte im ÖVP oft gern einen Kokon, in den ich mich einschließen und alle anderen Menschen aussperren kann, ich suche da eher einen Rückzugsort als Kontakt zu anderen.
      Ich kann natürlich nicht in den Kopf des Mädels gucken – kann natürlich sein, dass es was mit deinem Aussehen zu tun hatte, es kann aber auch anders sein.
      Meine persönliche Sichtweise auf „ausländisch“ aussehende Menschen: Es ist sehr eine Frage des Gesamtauftretens – sitzen im Bus 5 „Araber“ im Anzug und 5 „Deutsche“ im Fußballfan-Ornat, geh ich lieber zu den Anzugherren, da würd ich mich besser aufgehoben fühlen 😉
      Ansonsten: Man ist schon darauf geprägt, das „Bekannte“ (also als Europäer weiße Menschen) als sicherer zu empfinden als das „Unbekannte“ und diese unterbewussten Vorurteile sind schwer abzulegen. Mit entsprechendem Auftreten kann man als „Unbekannter“ da aber durchaus gegensteuern. Mich hat neulich am Bahnhof (wo grad gebaut wird) ein irakischer Bauarbeiter nett angesprochen, als ich den Zug verpasst habe – gab einfach ein nettes Gespräch ohne dass ich je den Gedanken gehabt hätte „Oh, das könnte ein Vergewaltiger sein“.

      • Salah sagt

        Danke. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie sehr das zu trifft. Kann sein das sie Ruhe haben wollte, kann auch nicht sein. Ich muss sagen, das ich in letzter Zeit oft wild fremde Frauen anspreche. Man möchte als junger Mann wissen wie sehr man… Ein Jäger ist? Herausforderer? Schwer zu erklären. Wie man eine Situation bewältigt mit fremden Menschen. Aber naja… Ich sehe schon gruselig aus ^^. Hat seine Vor und Nachteile. Leider Nachteile da wo man sie nicht braucht. In allem finde ich alles schade. Kein Fair oder Unfair. Einfach schade. Dein Griff an die Tasche, mein Verdacht. Oder sonstige Kleinigkeiten aus dem Unterbewusstsein.

  3. Das ist richtig gut, Corinne! Richtig gut, ich freu mich, dass ich bei der Medienschau auf Notetoherself auf deinen Artikel gestoßen bin 🙂
    Liebe Grüße,
    Kathi

  4. Atompopel sagt

    Interessant geschrieben. Mit der deutschen Frau zum Beispiel hatte ich schon ähnliche Erfahrungen. Oder mit spanischen Männern, mit französischen Frauen, bulgarischen Männern, finnischen Frauen etc… Irgendwie haben wir doch neuerdings alle n kleines Rädchen locker. Und trotzdem hatte ich mit den genannten Beispielen auch positive Erfahrungen. Ist manchmal echt komisch diese Welt.

  5. Pingback: Durchgeklickt: Die besten Blogbeiträge im Januar | Frau Margarete

  6. Anonymous sagt

    🙂 Schön geschrieben. Der Deutsche immer charmant… Ist echt interessant was für verschiedene Perspektiven es gibt zu diesem Thema. Noch lustiger wird es wenn man als junge Frau von zwei deutschen Opis an der Kasse angepöbelt wird und als Fotze beschimpft wird, weil man nicht kaukasisch genug aussieht um als „wahre Deutsche“ durch zu gehen. Und diese Medienhetzerei zu den aktuellen politischen Gegebenheiten, zeigt für mich nur den Rassismus, der eigentlich unterschwellig schon immer da war…

  7. Mia K. sagt

    Amüsant, pointiert und mir aus dem Herzen geschrieben. In Berlin, insbesondere in Ost-Berlin, gibt es von dieser Spezie auch so manchen. Mußte mich als „West-Schlampe“ erst an den „Ton“ gewöhnen, hat eine kleine Weile gedauert ( dauert eigentlich immer noch an) … wohne schon seit längerem im Prenzlauer Berg, bin kurz nach der Wende hingezogen. Das Balzverhalten ist auch eher nicht als „charmant“ zu verzeichnen … was dazu geführt hat, dass ich mittlerweile drei Katzen habe …

  8. Arno Schröder sagt

    Servus! Toll geschrieben, einfach überzeugend, für jeden, der oder die mit einigermaßen offenen Augen durch die Welt geht.

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