Die Frau, die findet, Radfahren macht dicke Oberschenkel, schreibt jetzt Lena Dunhams Newsletter

Wenn ich etwas gut finde, finde ich es lange gut, manchmal einfach aus Prinzip. So geht es mir mit Lena Dunham. Ich mochte sie & ihre Serie GIRLS, ihr Buch und habe mich auf den von ihr vor einigen Wochen gelaunchten Lenny-Newsletter gefreut. Nicht zuletzt, weil mich die professionelle Art ansprach, mit der sie das Ganze vorantrieb. Bereits vor der ersten Ausgabe ordentlich Aufmerksamkeit auf den dazugehörigen Social Media – Kanälen generiert & zum Auftakt ein Interview mit Hillary Clinton. Nicht schlecht. Dass es auch ein bisschen um Produktempfehlungen gehen sollte, also ums Verkaufen – völlig in Ordnung. Im Gegenteil, gut, muss nicht zwangsläufig die Maxime jedes (weiblichen) Netzangebotes sein, sich erstmal selbst auszubeuten.

Anfang der Woche flatterte die 4. Ausgabe in den digitalen Postkorb. Diesmal erklärt Celebrity-Trainerin Tracy Anderson in einem Essay Warum wir in unseren Zwanzigern unbedingt mit dem Workout anfangen müssen (also eigentlich schon viel zu spät dran sind). Das verwundert nicht, da Lena selbst vor zirka einem Jahr zum täglichen Workout fand, was diverse Instagram-Posts beweisen. Ihre Trainerin scheint mittlerweile auch eine Freundin zu sein, man sieht sie oft zusammen, schreibt sich süße Nachrichten auf Twitter & quetscht sich in die Wahlkabine, um Nichtwähler an die Urne zu bringen. Der regelmäßige Sport habe ihr dabei geholfen, sich besser zu fühlen & ihre Depression in den Griff zu bekommen, sagt Lena. Das freut mich, good for her.

„Waiting to exercise later in life, when our metabolism slows down and being fit requires more work, is no longer an option. (…) When we don’t move regularly, strategically, and effectively year after year, other symptoms may arrive: depression, anxiety, obesity, fatigue, and many other things we like to blame on hormones, chemical imbalances, or shitty relationships.“

Warum dreht sich mir trotzdem ein bisschen der Magen um (was Tracy vermutlich begrüßen würde, aber zu Kalorien später mehr), wenn ich sehe, dass Anderson im Newsletter ihre Methode bewerben darf? Der Text an sich ist noch ok, wenn ich ihn auch nicht als besonders passend für das Medium empfinde. Wer nicht früh eine Routine etabliert, kriegt es nachher nicht mehr hin & hat das Zeitfenster verpasst, schreibt sie. Also ein bisschen wie Anti-Aging Creme, die auch unbedingt vor den ersten sichtbaren Fältchen eingesetzt werden muss. Sei gut zu deinem Körper, geht es weiter, gesund ernähren, keine Vitamine in Pillenform schlucken, denn dein Körper will nicht den ganzen Tag in formender Unterwäsche verbringen müssen. (Newsflash:  Muss er auch nicht, wenn er noch nicht top gestählt ist, aber das nur am Rande.)

„Our bodies don’t want to drink the Kool-Aid of trends and quick fixes, to inhale a vat of chemicals condensed into a pill, or to live every day in Spanx.“

Garniert wird der Text mit gesunder Körper/gesunder Geist & Erkenntnissen wie „Frauen rennen heute nicht nur einen Marathon sondern auch direkt in die höchsten Ämter.“ Ok, man hat schließlich auch anderswo erkannt, dass sich mit einer Prise Girl-Power (90er & Nuller) oder Empowerment (jetzt) auch ganz gut was verkaufen lässt – Stichwort Kosmetikmarken & wahre Schönheit.

Um den Text an sich geht es mir auch nicht vordergründig. Es geht darum, was dahinter steht. Zur Autorin findet man im Lenny-Newsletter folgenden Hinweis.

Tracy Anderson is a fitness expert and creator of the Tracy Anderson Method, a revolutionary fitness methodology that has transformed the lives of millions of people across the globe with customized training, DVDs, and more.

Bevor Tracy sich Lena annahm, hatte sie sich in Promikreisen bereits einen Namen als Drillinstructor von Sehnenfrau Madonna & Vollzeitelfe Gwyneth Paltrow gemacht, die sie allerdings in einem bedauernswerten Zustand vorfand. Gwyneths Hintern war „lang und leblos“ (Zitat Anderson) bevor Tracy ihm zu Hilfe eilte. Ich habe nichts gegen Workouts, ich habe nichts gegen Sport. Aber ich rümpfe die Nase bei Verbissenheit & falschen Standards & Prämissen. Tracy Anderson, eine Ex-Tänzerin, hat für ihr Programm (90 Minuten Sport am Tag, sechs Tage die Woche plus Ernährungsplan) ein ganz besonderes USP geschaffen. Ihre „Workouts formen den Körper auf eine feminine Art.“ (Zitat der Website, die ich nicht verlinken möchte), im Englischen warnt sie gebetsmühlenartig vor dem gefährlichen to bulk, als einem Zuviel an Muskeln an den falschen Stellen, die den Körper unweiblich erscheinen lassen. Das ist auch der Grund, warum Radfahren, genauer Spinning, bei ihr unten durch ist. Wer kann als Frau schon muskulöse Oberschenkel wollen?

Wer sich durchquält, darf aber natürlich auch was essen. Nach Plan versteht sich. Diverse Fitnessblogger haben die Pläne zu ihren drei Programmen unter die Lupe genommen. Mit täglich 700 bis 1.000 Kalorien hat man definitiv zu wenig für anderthalb Stunden Sport am Tag & sogar zu wenig für 2-3 Stunden Essensvorbereitung. Womit wir bei 4 Stunden täglich, also einem ordentlichen Halbtagsjob im Sinne der Selbstoptimierung angekommen wären. Soviel Ungesundes & Kreisen um den eigenen Körper ist gefährlich. Das fand auch die British Dietetic Association (BDA) & Charity Beat, die 2014 vor dem Programm warnten. US-Bloggerin Rebecca Wilcox zog bereits 2011 nach 30tägiger Testphase das Fazit: „Die Tracy Anderson Methode ließ mich halbverhungert und nahe der Ohnmacht zurück.“

Ein toller Körper, so wird suggeriert, ist ein toller Körper, wenn man den sportlichen Aufwand möglichst nicht sieht. Wenn man seine Weiblichkeit, seinen mädchenhaften, schwach aussehenden (?) Körper nicht verliert. Da kann man auch gern mal auf der Metaebene gesellschaftlicher Machtstrukturen drüber nachdenken. Frauen dürfen bei Anderson nicht mit Gewichten über 1,5 Kilo trainieren wegen dem bösen Muskelaufbau an den falschen Stellen. Dagegen, dass wir den Wochenendeinkauf schleppen hat aber keiner was, soweit ich weiß. Gesund ist nur die schlanke Frau, die am Besten Pilates, Yoga oder eben ein Ballerinaworkout à la Tracy macht. Oder, um es mit Tracy zu sagen: „Perfection is possible.“ – der Werbespruch ihres 30-Tage-Programms.

Das ist das Programm, dem Lena in ihrem Newsletter Raum gibt. Ein bisschen so, als würden mir die wunderbaren Frauen im Lila-Podcast erzählen, dass sie jetzt total gern Workouts machen – und zwar nach dem „Size Zero – Abgerechnet wird am Strand“ – Plan. Lena Dunham mag selbst noch so ein positives Körperbild vermitteln, sie formt Tracys Bild eben nicht allein. Während Lena sich mit ihren Folllowern über die Idee einer Waage ohne Zahlen freut,

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freut sich Tracy über ihren neuen Boden, der ein bisschen wie ein Trampolin funktioniert & so dafür sorgt, dass man mit jedem Schritt noch mehr verbrennt.

Bildschirmfoto 2015-10-20 um 18.04.40In Interviews verkündet sie, dass sie durchaus Pommes mag, aber eben nicht, wenn sie in diesem & jenem Öl frittiert sind. (10 Sorten Öl schließt sie aus, ich schätze das war’s dann wohl mit den Pommes.)

Das ist es, was mich ärgert. Nur weil man versucht, auf ein ziemlich fragwürdiges Fitness- & Ernährungsprogramm Selbstliebe als Grund für Sport drauf zu schreiben, obwohl verdammt viel Potential für Selbsthass drinsteckt, gewinnt man bei mir keinen Blumentopf. Lena Dunham mag das nicht tangieren. Sie hat ihren Weg gefunden & pickt sich wahrscheinlich heraus, was zu ihr passt & kann beim Rest ganz gut auf Durchzug schalten. Das können aber nicht alle. Deshalb gibt bessere Allianzen. Sport, Bewegung, Körperbewusstsein, Schwitzen & sich gut dabei fühlen darf man gern überall bewerben. Tracy Anderson hat die zusätzliche Werbung weder verdient noch nötig.

Foto: flickr – CC by 2.0 Hans-Jörg Aleff