Beauty & Banales, Schönes & Banales
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Warum ich nicht bei „Ich bin genauso schön wie du“ mitmache & mich „wahre-Schönheit“-Kampagnen ermüden

Ende September wurde auf einer Facebook-Seite ein Aufruf veröffentlicht. Frauen sollten Fotos von sich einmal mit Make-up & einmal ohne Make-up unter #IchBinGenausoSchönWieDu“ einstellen. Warum, das erklärt die Initiatorin im Post selbst, ein Auszug daraus hier:

Jeden Tag siehst du Fotos von schönen Frauen in Zeitschriften, im Internet und ja sogar auf der Straße.  Leider vergisst du dabei immer eins: Die Frauen die du dort siehst sind meistens geschminkt oder dank Photoshop und gutem Fotografen schön gemacht. Grade für junge Mädchen ist es frustrierend überall diese Puppen zu sehen und du fragst dich „Warum kann ich nicht genauso aussehen?“. Aber so zu denken ist FALSCH!! Hast du die meisten dieser Frauen mal ungeschminkt gesehen? Die haben die gleichen Probleme wie du. Die leiden auch unter Hautunreinheiten, einer fahlen Hautfarbe oder kleinen Fältchen. Diese Frauen sehen ungeschminkt oft so unscheinbar aus, dass du sie kaum wiedererkennst.

Es geht also um Schönheitsideale, unrealistische Standards & darum, selbstbewusster mit dem eigenen Äußeren umzugehen. Also eine unterstützenswerte Sache, oder?

Made in Great Britain

Die Idee ist nicht neu. Im März diesen Jahres gab es bereits das in Großbritannien gestartete & sehr ähnlich gelagerte #NoMakeUpSelfie,  was einige Wochen durch die sozialen Netzwerke geisterte. Eine Menge Fotos mit ungeschminkten Gesichtern wurde eingestellt. Auch Stars wie Lady Gaga machten mit. Die ursprüngliche Idee der britischen Kampagne war es, Geld für die Krebsvorsorge zu sammeln  (Die Brust abzutasten dauert nicht länger als Make-Up aufzutragen.), aber auch hier entwickelte sich die Aktion in der Berichterstattung schnell zu einem Kommentar zu den gängigen Schönheitsidealen.

Über den deutschen Aufruf berichteten schon BRIGITTE und GoFeminin. Ihm sind bereits einige Frauen gefolgt. Jede, die mitmachen will, soll das gern tun. Aber ich werde es lassen & halte diesen „So sehen echte Frauen aus.“ – Trend mittlerweile nicht für die beste Idee. Warum?

Wider der Vergleicheritis

Im Gegensatz zur britischen Aktion stört mich zunächst die Vergleicheritis, die sich in der Bezeichnung #IchBinGenausoSchönWieDu“ ebenso wieder findet wie in der Beschreibung der Idee im Post selbst. Worauf schauen wir bei den ungeschminkten Fotos? Wir suchen danach, ob die anderen auch Pickel haben. Ziemlich fragwürdige Herangehensweise & ein negativer Grundton. Man benutzt die Fotos also zum Vergleich mit anderen Frauen. Und das, wo Frauen ihr Leben lang auf den Vergleich & die Konkurrenz mit anderen Frauen hin erzogen werden. Wäre doch schön, wenn wir uns davon einmal emanzipieren würden. Gleiches gilt übrigens für Artikel, die beschreiben, wie toll Männer natürliche Frauen finden. Frei machen von der männlichen Bewertung ist nämlich auch keine schlechte Idee.

Außerdem finde ich die Grundidee solcher Kampagnen hinterfragenswert. Unterschwellig wird doch hier die Ansicht verbreitet, dass es Ermutigung von außen, wenn nicht sogar einer großen Portion Mut bedarf, sein eigenes unperfektes, ungeschminktes Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen. Da fühle ich mich als jemand, der die meisten Tage seines Lebens ohne Make-Up verbringt, schon einmal leicht entlarvt (Mache ich irgendetwas falsch, weil ich mich das einfach so traue? Fast jeden Tag?). Ungefähr so wie in der Zeit, als ich mir meinen ersten roten Lippenstift kaufte, weil in jedem zweiten Newsletter für junge Mütter zu lesen war, das würde einen wieder frisch aussehen lassen.

Das ist meine persönliche Sichtweise klar. Es gibt sicher Frauen, die sich nicht ohne Make-Up zum Müll trauen. Völlig in Ordnung, jede soll für sich entscheiden, was sie mitmacht & braucht & was nicht. Dann kann es natürlich sein, dass ein solcher Aufruf diesen Frauen hilft, den Gedanken zuzulassen, dass ein ungeschminktes Gesicht völlig in Ordnung ist. Mut ist eine sehr subjektive Sache: Für manche Frauen erfordert es eine Menge Mut, sich ohne Schminke zu zeigen. Also Daumen hoch, wenn solche Aktionen dazu führen, dass sie sich wohler in der eigenen Haut fühlen. Bei mir wären z.B. unrasierte Achselhaare so etwas, zu dem ich mich – wenn überhaupt – nur mit sehr viel Mut durchringen könnte.

#WasIchNochSoNebenSchminkenMache

Mit einem Aufdecken von unrealistischen Schönheitsidealen oder gar der Änderung dieser hat das aber weniger zu tun. Das Problem dieser Aktionen ist doch, dass sie Idealvorstellungen nicht wirklich hinterfragen sondern nur den Rahmen verschieben, in dem das Ideale sich bewegt. Diese Bilder verbreiten keine realistischere Sichtweise auf Schönheit, sie zeigen kein natürliches Aussehen. Weil sie nicht natürlich sind. Das werfe ich ihnen nicht vor. Selfies sind immer Selbstdarstellung & selten echt.

Die Bilder, die ich gesehen habe, mögen ungeschminkte Gesichter zeigen. Haare, Kleidung & Pose (große Augen, halbes Lächeln, von unten fotografiert…) sind aber optimiert. In einem schlechten Licht, auch dem Wortsinn nach, fotografiert sich niemand. In diesen Selfies, also Fotos vom eigenen Ich, findet man ziemlich wenig wirkliches Ich.  Und verbreitet wird der „Ich-sehe-auch-ungeschminkt-super-aus.“ Mythos.

Noch wichtiger finde ich aber. In all diesen wahre-Schönheit – Kampagnen ist die Sichtweise auf Frauen wieder nur eine eingeschränkte. Alles bewegt sich in den Mustern von Schönheit & Perfektion. Auch wenn Dove oder Body Shop echte Frauen zeigen, zeigen sie trotzdem weiter eindrücklich, dass Frauen sich mit ihrer Optik beschäftigen sollten –  also cremen, duschen & schminken.

Die Frauen, die ich kenne, schlagen Nägel in die Wand, werden befördert, erziehen Kinder…und haben eine Menge kluge Gedanken. Erstaunlicherweise machen sie sich in ihrem vollen Leben relativ wenig Gedanken darüber, ob sie das alles mit oder ohne Make-up, barfuß oder im Kopfstand machen. Deshalb machen mich diese wahre-Schönheit – Kampagnen inzwischen ziemlich müde. Vielleicht sollten wir mal anfangen, Fotos zum Thema #WasIchNochSoNebenSchminkenMache einzustellen. Das würde dann hoffentlich wirklich den Blickwinkel erweitern.

Foto: pixabay

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5 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    Gute Worte – gutes Statement. Was mich an der Aussage, bei solchen Kampagnen würden „echte Frauen“ gezeigt, ungemein stört, ist die Idee von den sogenannten echten Frauen; als ob bei den ganzen kritisierten Fotostrecken aus Brigitte, Vogue, Elle & Co. ausschleßlich unechte Frauen gezeigt werden, also gefakte Menschen, sozusagen.

    Solche Kampagnen wie die von dir beschriebene „no make up“, und wie sie alle so heißen, führen sich m.M. selbst ad absurdum

    LG
    Ulrike

    • Da hast du Recht. Man spricht den anderen in den Modemagazinen quasi ihre Authentizität komplett ab. Danke für den Kommentar!

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