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Deutschland, ein Trauerspiel – die Vereinbarkeitslüge

Dieser Post liegt mir schon lange auf der Seele. Ich habe ihn im Kopf schon ein paar Mal geschrieben und wieder verworfen…Wieso? Weil ich mich immer ein bisschen schuldig fühlte und nicht in den Chor der meckernden, müden Mütter einstimmen wollte: Frauen haben es so schwer im Job und Mütter sowieso. Irgendwie habe ich auch immer das „Vielleicht-genügt-man-einfach-nicht-Gefühl“. Und so ist in meinem Hinterkopf Sheryl Sandberg, die sagt, hängt euch rein! Frauen denken zu früh über die Vereinbarkeit nach, die sie irgendwann mal mit Familie brauchen und hören auf bevor es überhaupt für sie losgeht. Also hat man sich einfach nicht genug reingehängt?
Aber jetzt muss es raus. Denn diese Woche hat mir wieder gezeigt, dass es ein Graus ist. Ein Treffen mit einer Bekannten, die aus Großbritannien stammt und sowieso anhand der Geschlechterbeziehungen, die sie hier sieht, immer wieder die gleiche Frage stellt: Wieso halten die Frauen in Deutschland eigentlich so still?
Wir arbeiten beide in sehr konservativen Branchen und haben auch schon zusammengearbeitet. Und über viele alltägliche, vermeintlich lustige sexistische Anmerkungen oder das routinemäßige Übergehen von Frauen gemeinsam den Kopf geschüttelt. Und dann war ich mit einer weiteren Kollegin essen: ebenfalls Mutter, ebenfalls hochqualifiziert, intelligent und mit Mitte 30 auch noch nicht wirklich bereit, die berufliche Karriere ad acta zu legen. Außerdem wurden in den letzten Monaten 3 Kolleginnen in meinem Unternehmen mit Abfindungsvereinbarungen quasi in der Elternzeit gekündigt. Und die eine sagte einen Satz, den man als sozialromantisch abtuen kann, der mir aber noch lange im Kopf rumging: „Weißt du, jahrelang für die Firma alles gemacht, Überstunden, Reisen…Und was mich richtig ärgert ist, jetzt wären sie mal dran, was zurückzugeben.“ Alle machen sich übrigens keine Illusionen, dass sie mit mehreren kleinen Kindern keine qualifizierte Stelle finden werden. Wieso trifft man so oft auf die gleichen Geschichten? Wieso leistet es sich ein Land, das altert und den Arbeitskräftemangel am Horizont sehen müsste, Mütter so auszubremsen? Was mir selbst und anderen immer wieder begegnet, sind im Grunde genommen 3 Dinge.

  1. Es ist so verdammt anstrengend. Ja, es gibt gute und schlechte Tage. Vielleicht sind wir auch eine verweichlichte Generation. Ich habe noch eine alte Tante im Kopf, die sich auf einer Familienfeier darüber empörte, dass der Enkel mit Frau „heute soviel Ruß um die Kinder macht“. Früher hätte man sie gewickelt, gestillt und ab aufs Feld. Ja, vielleicht. Aber so einfach ist es auch nicht. Man kann nicht sagen, eure Ansprüche an euch selbst sind zu hoch und wenn wir nur entspanntere Mütter wären. Denn auch eigene Ansprüche kommen nicht aus der Luft. Wie Jennifer Senior in All Joy and No Fun. The Paradox of Modern Parenthood schreibt, die Erziehung eines glücklichen Kindes ist heute die Fessel für die Frauen, die in den 50ern der saubere Haushalt war. Es gibt einen Grund für die Regalmeter an Erziehungsratgebern. Denn die Unsicherheit von Eltern – insbesondere Müttern – wird ausgenutzt. Nebenbei bemerkt ist die Erziehung eines glücklichen Kindes (wieder Jennifer Senior) auch ein Ziel, dem man eigentlich nie gerecht werden kann. Einfacher war es (wie in früheren Jahrzehnten) zu Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit zu erziehen. (Nicht, dass ich dahin zurück will, aber einen Gedanken ist es mal Wert, die beiden Ansprüche zu vergleichen.) Und dann fehlen heute auch einfach Großelten und Väter, die mal vor 22 Uhr zu Hause sind. Oder die Nachbarschaftsstrukturen, in denen Kinder von Haus zu Haus und Garten zu Garten liefen.
  2. Es wird einem nicht leicht gemacht. Apropo Väter. Die meisten jungen Väter, die ich kenne leiden genauso darunter, ihre Kinder wegen Überstunden und Meetings nach 19 Uhr nicht zu sehen, wie die Mütter, die dann zu Hause allein betreuen. Aber ihnen wird der berufliche Aufstieg leichter gemacht und dann wird das eben erwartet. (Kinder zu haben ist für sie bei Bewerbungsgesprächen positiv und ein Zeichen von Reife, für die Mütter ist es ein Negativpunkt, weil Belastung für den Arbeitgeber.) Und die 50jährigen Vorgesetzten leben klassische Rollenbilder und sind ganz erstaunt, wenn die Frau auch voll arbeitet. Also sollten diese jungen Väter aufstehen und sagen: So nicht! Ja, aber auch nicht so einfach. Schließlich tragen sie die finanzielle Verantwortung für die Familie und man tut ihnen Unrecht, wenn man nicht anerkennen würde, dass auch hieraus Belastungen entstehen. Also, was passiert? Langsam schlittern die gutverdiendenden Kleinfamilien (Über das Privileg überhaupt darüber nachzudenken, dass einer nicht arbeiten muss, bin ich mir im Klaren.) in die Rollenfalle. Sie rackert sich ab und stemmt alles allein, aber verdient immer weniger, kriegt als Mutter eh nicht mehr die interessanten Projekte…Und so wird der Anteil ihres Gehaltes immer weniger. Und er steigt auf und auf. Dann kommt irgendwann die Frage, wieso mache ich das eigentlich? Für viele heißt der Ausweg dann oft Pseudoselbstständigkeit, um sich nicht ganz mies und nutzlos zu fühlen. Muss man dann nur hoffen, dass der Mann auch bleibt…
  3. Man weiß irgendwie selbst nicht, was richtig ist. Kitaplätze für alle! Homeoffice! Alles schön und gut. Aber was machen wir da? Eine Arbeitswelt bauen, die zur Familie passt oder umgekehrt? Jeder, der Homeoffice hat, weiß, wie „toll“ man mit krankem Kind zu Hause arbeiten kann. Und ein schlechtes Gewissen kriegt man gleich mit nach Hause geliefert – gegenüber der Arbeit und dem Kind. Und wer hat sich nicht schonmal bei dem Gedanken ertappt: Kita schön und gut, aber vielleicht will ich ja mein Kind gern vor 18 Uhr sehen…

Vielleicht sollte man geduldig sein und einfach warten. Frauen wurden im gesamten 20. Jahrhundert routinemäßig rein und raus aus dem Arbeitsmarkt gedrängt. Männer im Krieg=Frauen rein, Männer zurück=Frauen an den Herd, florierende Wirtschaft=Arbeitskräftemangel, Frauen rein, Rezension und Krisen=Arbeitsplätze bitte wieder für die Männer räumen. Wenn meine Tochter erwachsen ist und in die Jobwelt geht, wird rein demographisch wahrscheinlich so ein Mangel sein, dass e sich nicht leisten kann, Mütter nicht zu berücksichtigen. (Menschen mit vermeintlich fremden Hautfarben und Namen übrigens auch.) Vielleicht ist das jetzt nur eine ganz miese Übergangszeit. Vielleicht sollte man aber auch heute schon die Frage beantworten: Warum halten die Frauen in Deutschland eigentlich still?

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2 Kommentare

  1. Ich kann dir bei vielen Dingen zustimmen. Frauen (und auch Männer) sollten sich nicht alles gefallen lassen. Was mich aber stört ist deine Aussage zur „Pseudoselbstständigkeit“ Ich denke, dass das für viele Mütter eine gute, vielleicht sogar die einzige Möglichkeit ist zu arbeiten und auch Geld zu verdienen. Mir ist das zu pauschal.

  2. Hallo Uta, du bist die erste Kommentatorin auf dem Blog. Danke.-) Was mich ärgert sind die Interviews mit Gründerinnen à la „Nachdem mir klar war, dass der Wiedereinstieg nicht gehen würde, habe ich beschlossen, die Elternzeit zu nutzen.“ Die Verantwortung wird durch solche Berichterstattung wieder subtil den Frauen übertragen. Wenn sich in der Wirtschaft nichts findet, gründet doch selbst. Das ist dann oft nur möglich mit Familienversicherung und finanziellem backing durch die Familienkasse. Alles legitim und tatsächlich oft die einzige Möglichkeit überhaupt etwas zu tun. Aber wer kümmert sich um das kranke Kind, wenn sie ja sowieso „zu Hause“ ist? Und ist ein Rückzug vor den widrigen Umständen, der oft fast nichts für eigenes Einkommen, Rente usw. bringt, wirklich etwas, was man als mompreneurs bejubeln sollte? Ich bin selbst unsicher bei den Antworten. Hast du ja im Text gemerkt.

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