Wir lassen uns das Singen nicht verbieten

Heute war so. Heute war grau. Heute war ein Tag, wie man die Tage nicht gern hätte. Heute war ein Tag, an dessen Ende ich als grundsätzlich positiver Mensch viel lieber an den nächsten Tag denke, als an die vergangenen Stunden. Weil ich es aber doch tue, also noch einmal an den heutigen Tag zu denken, fällt mir etwas auf. Heute war es wieder sehr laut. Aber gut laut. Melodiös laut.

Ich habe in den Untiefen meines CD-Regals alte Schätze gehoben. Und während ich durch die Wohnung lief und 90er-Jahre-Klassiker schmettere (darunter die heilige Dreifaltigkeit von Un-Break My Heart/Toni – Vision of Love/Mariah– I Have Nothing/God bless you, Whitney), bemerkte ich, dass ich nicht nur Eins-A textsicher war. Ich bemerkte auch, dass mich meine Tochter mit einer Mischung aus Freude und Verwunderung anschaute. (Wie verwirrt sie war, ließ sich schon allein daran ablesen, dass sie nicht zum Ruf nach sofortigem CD-Wechsel auf den Bibi und Tina – Soundtrack ansetzte.)

Selbst das Baby blickte kurz irritiert aus der Trage auf und unterbrach sein wimmerndes Nagen auf der Veilchenwurzel. (Disclaimer für Nicht-Eltern: Unsere natürlich-natürliche Erziehung geht nicht so weit, dass das Baby sich in bester Biebermanier ein eigenes Winterquartier aus Zweigen bauen muss, es zahnt nur wieder.)

Und während ich zum Finale von Without you ansetzte, wurde mir klar, dass sie mich wahrscheinlich beide so irritiert anschauten, weil sie mich eine Weile nicht mehr so gelöst gesehen hatten. Das lag daran, dass ich sang. Ich habe einmal sehr gern und viel und sehr laut gesungen. Ungefähr in der Zeit, als ich meine unglaubliche Textsicherheit bei obigen Liedern erlernte. Ich habe vermutlich nie gut gesungen. Aber das wusste ich nicht. Ich glaubte, ich singe mindestens ganz passabel, wenn nicht sogar sehr hübsch anzuhören für das menschliche Ohr. Das lag nicht an meinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, sondern daran, dass man die eigene Stimme ja immer anders hört als die Umgebung. Und pubertäre Gehörverzerrung sich zu Höchstleistungen aufschwingt, wenn man sich gerade die Haare toupiert hat, noch ein pinkes Unterhemd findet und es mit dessen Hilfe sehr nachvollziehbar erscheint, dass man gerade eine äußerst gelungene Interpretation von I Wanna Dance With Somebody aufführt. Unterstützt wurde ich von meiner Selbstwahrnehmung bis zum Abitur von meiner Musiklehrerin, die mir für meine Gesangvorträge immer Einsen (und später 15 Punkte) eintrug. Dass dies eher an meiner eigenen Klavierbegleitung lag als an meiner Stimme, darauf kam ich damals nicht. Heute weiß ich natürlich, dass das geschundene Herz der armen Musiklehrerin einfach dadurch erfreut wurde, dass Jugendliche auch über das 12.Lebensjahr hinaus noch Instrumente spielten. Und wer immer sich selbst begleitete, also die Höchstpunktzahl sicher hatte.

So trällerte ich mich durchs Leben bis zu jenem düsteren Tag, an dem meine Mitbewohnerin in meiner ersten WG am Frühstückstisch anmerkte, dass sie mein ständiges Gejaule nicht mehr ertragen würde. Woraufhin ihr die weiteren Bewohner zustimmten und sogleich im Nutellarausch Metaphern für mein liebstes Hobby erfanden. Ich klang demnach nicht wie Whitney, sondern wie „ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten hat“ oder „wie zankende Eichhörnchen im Park – braune Eichhörnchen, also die bösen, die sowieso niemand mochte.“

Ich lachte ihre Bemerkungen weg. Und hörte auf zu singen. Von nun an sang ich nur noch im Auto und an anderen Orten der Einsamkeit (mit Ausnahme des weihnachtlichen Kirchgangs). Erst langsam tastete ich mich in den letzten Jahren mithilfe von Kinderliedern wieder an öffentliche Darbietungen heran.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben einen: diesen kleinen, fiesen Moment, in dem jemand etwas beiläufig sagte, das ihnen seitdem die Seele schwer macht. Da ist die Freundin, der man einmal attestierte, sie würde wahnsinnig unelegant auf dem Büroflur herum schlurfen und die nun in regelmäßigen Abständen ihren Gang korrigiert. Immer wenn ihr der Kommentar wieder in den Kopf kommt. Nicht jeden Tag, aber oft genug. Oder die Bekannte, der ihr eigentlich sehr zufriedener Blick in den Spiegel von einer bösartigen Stilberaterin versaut wurde. Sie zeigte ihr, wie sie ihr hängendes Augenlid („Sehen Sie doch hier, ein bisschen wie Karl Dall.“) verstecken könnte.

Nun ist heute schon der dritte Tag des Jahres und ich habe seit dem Jahreswechsel überlegt, ob ich etwas zu Vorsätzen bloggen sollte. Und es hiermit getan. Inklusive ordentlichem Pathos, wie man ihn eben von jemanden erwartet, die den ganzen Tag 90er-Jahre-Schnulzen inhaliert hat, verkünde ich also: Ich werde 2017 wieder ohne schlechtes Gewissen Menschen (aber am Meisten mich selbst) mit Dissonanzen erfreuen. Wir alle sollten uns das Singen nicht verbieten lassen. Ganz gleich, was unser Singen ist.

Foto: flickr – 8 Kome – CC by 2.0