Coole Frauen, Job & Vereinbarkeit
Kommentare 13

Vorgefertigte Muster brechen ist klasse. – Miss Booleana ist Softwareentwicklerin

Marissa Mayer, erste weibliche Informatikerin bei Google und heutige Vorstandsvorsitzende von Yahoo, erzählt in einem Interview eine Anekdote. In ihrem Kurs an der Standford University war sie die einzige Frau und las in der Unizeitung über „Campustypen“. Der Artikel sprach von der „blonden Frau im Informatikmaster“ und die blonde Mayer überlegte: „Mhm, die müsste ich doch kennen.“ Sie selbst war gemeint. Mayer erzählt die Geschichte, um zu illustrieren, dass sie ihre Sonderstellung nie groß reflektiert hat.

Auch Stefanie, die auch auf Miss Booleana bloggt, war in ihrem Jahrgang die einzige Frau in „Angewandte Informatik“. Im Gegensatz zu Marissa Mayer hat mir die heutige Softwareentwicklerin aber ein tolles und sehr reflektiertes Interview über eine Sonderposition gegeben, die eigentlich keine sein sollte. 

Ihr Start in die Computertechnik war zunächst holprig, wie sie selbst sagt. Als Teenager war sie fast die Letzte ohne Computer und musste eine ganze Weile darauf sparen. Irgendwann war das Geld da und als das erste Programm lief, fühlte sie sich „als wäre ein Licht angegangen.“ Und wusste: „Das will ich machen.“

Nicht jede, die einen Computer hat, setzt sich aber zum Programmieren daran. Den Grundstein hatte die Schule gelegt. Deshalb ist Stefanie auch heute davon überzeugt, dass Informatik möglichst früh in den Stundenplan gehört – damit Jungen wie Mädchen die Chance bekommen zu merken: „Das wäre etwas für mich.“ Insbesondere Mädchen brauchen aber viel früher auch die Botschaft, „dass sie auch Naturwissenschaft und Technik können“. Stefanie ist überzeugt, MINT-Initiativen sind da nur ein Baustein, denn:

„Wenn das verpasst wurde und Mädchen drauf gedrillt werden, etwas anderes zu machen, dann erreicht sie wahrscheinlich auch kein Girls Day. Dann fahren die Eltern sie dort gar nicht erst hin und die Chance bleibt ungenutzt. Und, wer Frauen in dem einen Bereich fördert, muss auch Männer in den anderen Bereichen fördern, beispielsweise im sozialen Sektor.“

An die ersten Programmierversuche schloss sich bald das Studium an. Wie man sich fühlt, beinahe allein unter Männern zu sein und welche Klischees über Frauen in der Informatik ihr begegnet sind, habe ich auch gefragt.

Sind dir Vorurteile begegnet und welche haben dich besonders geärgert? 

„An der Uni habe ich Vorurteile gegenüber Frauen öfter zu spüren bekommen, zumindest von Kommilitonen. Gleich am ersten Tag haben ältere Studierende gesagt: „Mal sehen, wie lange du dabei bist“. Deren Erfahrung war, dass Frauen es nicht geschafft haben und früher oder später wegen irgendwelcher Matheprüfungen rausgeflogen sind. Das hört man natürlich am ersten Tag gern. Auch ich war nicht so super gut in jeder mathematischen Disziplin und bin ein Mal durch eine Matheprüfung gefallen. Aber in Programmierung hatte ich fast immer meine Eins vor dem Komma. Irgendwann haben die Kommilitonen es dann begriffen, dass ich klarkomme und die Sprüche und Vorbehalte hatten ein Ende. Es ist ein verdammt gutes Gefühl, wenn dir mancher männliche Kommilitone eine kurze Laufbahn an der Uni vorhersagt, weil du ein Mal durch Mathe durchgefallen bist und dann hast du als Erste deine Bachelorarbeit verteidigt. Natürlich hatte ich aber auch gute Freunde während des Studiums, die mich auch von Anfang an normal behandelt haben und mir das Gefühl gegeben haben, dazuzugehören. Ich denke, dass diese Begegnungen im Studium auch Männer wachsen lässt. Als Sonderling habe ich mich aber oft gefühlt. Manchmal auf eine gute Art, wenn die Professoren die Vorlesung eröffnet haben mit „Sehr geehrte Herren und sehr geehrte Dame“.“

Wie ging es dir mit der Sonderrolle als Frau? 

„Man wird wahrgenommen und spürt das auch, das kann sehr cool sein. Anfangs war es auch schön, wenn Leute mich gelobt oder ermutigt haben, Informatik zu studieren.

Dann gibt es aber auch andere Situationen, wenn die Leute einem das Gefühl geben, dass man etwas macht, für das man nicht geschaffen ist: „Das finde ich ja super, dass du das machst. Gerade du als Frau.“ Das klingt nur in der ersten Sekunde wie ein Lob, hinterlässt dann aber einen faden Beigeschmack. Es lässt das Thema „Frau in der IT“ so klingen, als ob man eine Behinderung hätte, die es einem unmöglich macht, zu programmieren. Viele Leute merken nicht mal, was für eine Botschaft da mitschwingt und meinen es vermutlich auch nicht böse.

Für Männer ergeben sich auch einige seltsame Erscheinungen aus dieser Sonderrolle der Frau. Niemand klopft den IT-Männern auf die Schulter und sagt „Finde ich klasse, dass du das machst.“ Bekommen die Frauen zuviel Aufmerksamkeit oder werden zu vehement gefördert, ist es nur natürlich, dass sich die Männer fragen: „Und was ist mit mir?“.“


Inzwischen arbeitet Stefanie als Java-Entwicklerin. Wenn man sie fragt, was sie macht, merkt man sofort ihre große Leidenschaft. Auch wenn mir manche Begriffe nicht viel sagen, spannend klingt ihr Job auf jeden Fall. Wie es mit der Geschlechterverteilung in der Branche bestellt ist und wie sie die Wichtigkeit weiblicher Vorbilder einschätzt, lest ihr hier.

Wie siehst es bei deinem jetzigen Job aus?

„Im Berufsleben habe ich bisher keine Kollegen oder Kunden getroffen, die mich diskriminiert hätten oder die noch mit solchen kindischen Vorurteilen um die Ecke kommen. Die Zahlen, die man in den Statistiken liest und von den Medien eingetrichtert bekommt, hauen aber in etwa hin. Traurigerweise. Betrachte ich die Firma, in der ich arbeite, so sind vielleicht ein Fünftel der Kollegen Frauen. Und das schließt die Frauen ein, die im Personalbüro arbeiten. Ich habe mich oft gefragt, wie das zustande kommt und kann mir nur erklären, dass es an der Gesellschaft liegt und dem Frauenbild, das vermittelt wird. Frauen werden nicht vorrangig mit technischen Berufen verbunden. Es scheint außerdem nicht attraktiv genug zu sein, Informatikerin zu werden. Das typische Nerd-Klischee hilft dabei auch nicht unbedingt.“

Gibt es eine besondere Solidarität unter Frauen in der Techbranche?

„Die Solidarität ist da und auch wichtig. Solange Frauen in der Minderheit in dem Feld sind, braucht man manchmal jemanden, mit dem man sich austauschen kann. Insbesondere, wenn man tatsächlich mal seltsam behandelt wurde. Der andere denkt sich vielleicht nicht mal was dabei, die Betroffene ist aber meist aufgewühlt. Jeder braucht mal jemanden zum reden. Und manchmal braucht man eben jemandem zum reden, der schon mal in der Situation war.

Wir Frauen aus der Firma veranstalten ab und zu Frauenabende. Nicht mal unbedingt aus tiefschürfenden Gründen, sondern einfach weil wir es können. Wir passen zahlenmäßig in eine Kneipe oder Cocktailbar. Würden sich alle unsere männlichen Kollegen treffen, müsste man ein Audimax mieten.

Weibliche Vorbilder fehlen auch. Ab und zu wird über Ada Lovelace geredet. Während meines Studiums habe ich von Hedy Lamarr gehört. Aber was ist mit Pionierinnen wie der großartigen Grace Hopper? Ich weiß nicht warum und es kann sein, dass ich mich täusche und übertreibe, aber ich habe wirklich den Eindruck gewonnen, dass die Leistungen der Frauen auf dem Gebiet in der Geschichte klein gehalten wurden und auch heute nicht viel Aufmerksamkeit bekommen.“

Ich habe viel Neues erfahren und sage: „Danke, liebe Stefanie!“ Herzlich willkommen in der Kategorie coole Frauen.

***

2016-03-18_small00Neues Futter für eure Blogleseliste: seit fünf Jahren gibt es Miss Booleana und es ist eine Menge Lesenswertes zusammengekommen. Stefanie schreibt über Filme und Literatur, Internet und Alltag. Sie sagt, sie hat ein Herz für Underdogs und das merkt man ihrem sehr klaren Blick an, der nicht davor zurückschreckt, Diskriminierungen zu benennen. Die Sache mit den fehlenden Frauen in der Informatikgeschichte nimmt sie auch selbst in die Hand und stellt in einer Serie einige von ihnen vor. Ach, und Stefanies Manga und Japanleidenschaft findet auch ihren Platz. Ihr müsst jetzt einfach selbst vorbeischauen, denn ich habe bestimmt die Hälfte vergessen.

Foto: flickr – Felix Nine – CC by 2.0

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

13 Kommentare

  1. Ein tolles Interview 🙂 Ich lese Stefanies Blog ja eh schon eine Weile, deswegen habe ich (gerade über ihre Reihe über Frauen in der Informatik) da auch schon ein paar Einblicke bekommen, wie es in der Informatik für Frauen ist. Aber ich finde Stefanies Einstellung dazu super. Und ihren Blog eh 🙂

  2. Kathrin sagt

    Das Interview habe ich sehr gern gelesen, Hut ab vor Stefanie. Es gehört viel dazu, sich durchzubeißen und schön, dass es jetzt ein Vorbild mehr für die Mädchen gibt, die noch kommen. 🙂

  3. Ein wirklich schönes Interview. Toll! 🙂

    In meinem Unternehmen (auch IT und Softwareentwicklung) sind wir ca. bei 50/50, wobei wir auch eine große Marketing- und Sales-Abteilung haben. Dafür sind bei uns auch mindestens 50% der Führungskräfte Frauen und auch einige Männer (z.B. ich) im Marketing bzw. der Kommunikation tätig. Sollte man nicht extra erwähnen müssen, aber passt hier so schön… 🙂

  4. So im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass mich einfach niemand ordentlich beraten hat, damals nach dem Abi. Ich hatte ja auch Mathe-LK und ganz gute Noten und habe auch bis zur 11 Informatik gemacht (okay, beim Programmieren bin ich dann ausgestiegen). Anfangs habe ich mit dem Gedanken gespielt, als Nebenfach (neben Literaturwissenschaft) Mathe zu studieren. Dann dachte ich aber, dass das keinen Sinn macht und bin auf Geschichte umgestiegen (was mir Spaß gemacht hat, aber dennoch …). Im Nachhinein denke ich, dass die Kombi Literatur-Mathe schon eigentlich ziemlich geil gewesen wäre. Vor allem, seitdem ich letztes Jahr den Webdesign-Kurs gemacht habe und wieder gemerkt habe, wie viel Spaß es mir macht, Kreatives mit Technik zu verbinden. Ich wünschte, ich hätte das studiert.
    Ich habe aber übrigens auch mal eine Weile mit MINT kooperiert und war irgendwann ziemlich enttäuscht, dass ich immer nur richtig „männliche“, trockene Berufe vorstellen sollte (sprich: immer nur Maschinenbau). Ich denke, dass es im MINT-Bereich ja auch viele Berufe gibt, die „traditionellen“ weiblichen Interessen entgegenkommen. Kreatives wie Web-Design oder Spieleentwickler oder vielleicht auch Chemiker in der Kosmetik-Industrie. Daran denken Mädchen vielleicht erstmal gar nicht.

    • Ging mir genauso … der Gedanke Informatik zu studieren kam von mir selber, weil ich einen tollen und interessanten Informatikunterricht hatte. Aber außer dem Informatiklehrer hat den Gedanken niemand gefördert oder was dazu gesagt. Alle waren nur so „Informatik? Wirklich? Ist das nicht was für Jungs | langweilig | … ?“ Ich hoffe ehrlich, dass das heute mehr gefördert wird. Sogar Lehrer haben total verwundert reagiert. Menschen, von denen man denken sollte, dass sie es besser wissen.

  5. Donald Duck sagt

    Interessanter Artikel, die letzte Behauptung kann ich allerdings nicht nachvollziehen:
    „…, aber ich habe wirklich den Eindruck gewonnen, dass die Leistungen der Frauen auf dem Gebiet in der Geschichte klein gehalten wurden und auch heute nicht viel Aufmerksamkeit bekommen.“

    Gerade solche Artikel hier sind ja das beste Gegenbeispiel…
    An meiner Hochschule (Technischer Studiengang, Frauenquote 5%) wurde z.B. schon bei der Infoveranstaltung auf die Leistungen von Informatikerinnen hingewiesen. Auch sind im ganzen Hochschulgebäude Plakate über IT-Frauen verteilt…
    Dagegen gibt es ja etliche männliche Informatiker die heute halt keine Sau mehr kennt…

    • Das ist toll, aber leider eine löbliche Ausnahme. Es gibt eine ganze Liste an Frauen, deren Beitrag erst nach und nach anerkannt wird. Gerade in der Wissenschaft und bei bedeutenden Entdeckungen des 19. und 20. Jahrhunderts waren oft Frauen in den Teams, deren Erkenntnisse nicht selten zum Durchbruch führten. Sie wurden aber offiziell nicht oder nur als Hilfen aufgeführt oder waren Ehefrauen der Forscher. Spontan fällt mir da ein: Lise Meitner (Physik) – Otto Hahn bekam 1944 allein den Nobelpreis, Rosalind Franklin (deren Mitforscher später den Nobelpreis für die Entdeckung der DNA bekamen), Nettie Stevens (ups, wieder der Mitforscher, der den Nobelpreis bekam)…Es wird noch eine Weile dauern, bis wir uns Sorgen darüber machen müssen, dass jetzt die Männer vergessen werden.

      • Donald Duck sagt

        Dass die Vergabe der Nobelpreise nicht ganz fair war kann u. U. sein – allerdings kann ich (aufgrund meines Alters) über die Zeit vor 2000 nicht viel sagen…

        Und nein, ich mach keine Sorgen darüber, dass jemand vergessen wird, da ich generell Vorbilder für nicht besonders wichtig halte. Ich selbst hab mich für Technik interessiert bevor ich überhaupt etwas von Steve Jobs etc. gehört hab…

        Trotz allem – dass es eine Ausnahme sein soll, dass Frauen zumindest heutzutage gerne hervorgehoben werden, trifft denke ich nicht zu…

        • Jetzt musste ich kurz schmunzeln: kleine Enthüllung, ich bin auch nicht über 100 :-), kann mich aber trotzdem über die Zeit davor schlau machen. Bei den Nobelpreisen geht es darum, dass die Leistung nicht anerkannt wurde, weil sie von Frauen kam. Vorbilder sind übrigens sehr wichtig, hier gilt „If you can’t see it, you can’t be it.“ Dass muss nicht Steve Jobs sein, es reicht eine Selbstverständlichkeit von Männern in deiner Umgebung, die z.B. Technik mochten. Aber ich glaube, worum es dir geht ist etwas, was Stefanie ja auch anspricht. Um das Ungleichgewicht auszugleichen, wird versucht, insbesondere Frauen die MINT-Bereiche näher zu bringen. Dadurch liegt hier manchmal ein Fokus und das kann für manche befremdlich wirken. Ich halte es aber für wichtig.

  6. Schöner Beitrag. Danke, dass du dich dem Thema „Muster brechen“ verschrieben hast.
    Ich habe von Stefanie schon öfter Geschichten aus dem Informatikstudium gehört/gelesen und war immer sehr überrascht. In meinem Studiengang hatte ich das Grundstudium mit den Informatikern zusammen und wurde immer respektvoll behandelt. Aber vielleicht war man den Männern auch präsenter, weil mein Studiengang „Frauen ehr anzog“. Man wurde ab und zu gehänselt und „Tussen-Informatiker“ genannt, aber das traf meine männlichen Kollegen mehr als mich. 😉 Wer eben mehr mit Computergrafik, Bildverarbeitung und Modellierung zu tun haben wollte, musste zu uns. ^^
    Vielleicht kann man diese Stimmung beim Studium an dem berühmten „Tellerrand“ festmachen. Die MINT-Fächer werden ja oft an technischen Hochschulen angeboten und bleiben unter sich. Auch die Nebenfächer sind dann selten geisteswissenschaftlicher, kultureller oder künstlerischer Natur. So können die Männer nicht in neue, vielleicht ungewohnt Bereiche reinschnuppern und die Universität wird für manche Frauen uninteressanter.
    Schauen wir mal was die Zukunft bringt, die Informatik ist ein sehr junger Bereich. Vielleicht setzt sie sich bald als Schulfach in unserer digitalen Welt durch. 😉

    P.S.: Übrigens ist „die Informatik“ auch feminin. ;-P

  7. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Juni 2016 | Phantásienreisen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.