Schnipsel vom Elternsein – Spiel doch mal was

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mir im Babyalter kaum etwas sehnlicher wünschte – neben Schlaf, regelmäßigem Essen & eindreiviertel Minuten Zeit allein im Bad -, als dass das Kind anfangen würde zu spielen. Ich hatte in meiner doch recht diffusen Vorstellung des Kinderhabens eine besonders eindringliche Idee davon, dass Kinder sehr viel spielen. Also gut erzogene Kinder, deren Fantasie nicht durch übermäßigen Fernsehkonsum (also alles vor dem 18. Lebensjahr) zerstört sein würde. Was meine unweigerlich sein würden. Ein weiterer Post zu Anspruch & Wirklichkeit drängt sich auf, soll heute aber nicht Thema sein.

Da das Baby von sich aus nicht spielte & die diversen plüschig (Bio-Baumwolle) – bunten (aber dezent, um die Sinne nicht zu überfordern) Stimuli gekonnt ignorierte, wenn man selbst sie bespielte, hatte ich eine Phase, in der ich sehr viel Spielzeug kaufte. Ich war der Vorstellung aufgesessen, dass ich nur das eine magische Ding finden müsste, den heiligen Gral der Faszination, welcher das Kind anknipsen würde wie eine Glühbirne. Über kurz  oder lang landete ich bei den blinkenden Batteriemonstern, die sich anhören wie 90er Jahre Techno, der aus einem sehr kaputten Autoradio dröhnt. Damit hatte ich nach gefühlten sechs Monaten bereits die ersten Grundprinzipien meiner modernen Elternschaft über Bord geworfen. Auch dazu vielleicht einmal mehr.

Nun sind wir in dem glorreichen Alter angekommen, indem das Kind durchaus & gerne spielt. Der mittlerweile beträchtliche Spielzeugfundus wird immer noch kaum einbezogen, was mich verstört & ein klein wenig ärgert. Denn ich bin dazu übergegangen, Dinge zu kaufen, die mir Spaß machen könnten & möchte diese dann auch bespielen. Vorzugsweise mit dem Kind, weil die Zeiten des ganz-allein-spielens immer noch kurz sind & man nie effizient genug mit der eigenen Zeit umgehen kann. Wenn das Kind im Bett ist, kann ich nämlich nicht mehr spielen, sondern muss als Erwachsener performen, also Tatort & Tagesschau gucken oder eben bloggen.

Meine Spielsachen werden aber nur selten mit ein bezogen. Das Kind denkt sich eigene Spiele aus. Diese weisen eine Langeweile auf, wie ich sie aufgrund der Erzählungen anderer Eltern bisher nur im Witzeerzählalter vermutete. Die Spiele des Kindes haben immer sehr blumige Namen & versprechen Großes, um dann flach zu enden. Meist in einem Rumgefuchtel mit einem Stück Pappe. Außerdem ist das Kind sehr dogmatisch & um klare Regeln bemüht. Es erklärt den erwarteten Spielverlauf ausdauernd & duldet keine Abweichungen. Auch genauestes Zuhören schützt nicht davor, beim Spielen gemaßregelt zu werden, weil man ständig etwas falsch macht. Wäre ich im Alter des Kindes würde ich mit einem verächtlichen „Mit dir macht das keinen Spaß zu spielen.“ aufstehen & gehen. Aber so bin ich Korsett des vernünftigen Erwachsenen gefangen & fruste vor mich hin.

Auch die noch kurzen, sich aber zunehmend verlängernden Phasen des komplett-allein-spielens können mich nicht richtig trösten, denn auch beim beiläufigen Zuhören wird mir klar, wie sich langsam das Böse der Welt meines Kindes bemächtigt. Zunächst scheint es selbst eine Vorliebe dafür entwickelt zu haben, denn es personifiziert mit Vorliebe Hexen & böse Zauberinnen & sympathisiert in Büchern & Filmen gern mit den zwielichtigeren Gestalten. Außerdem sind in letzter Zeit erstaunlich viele Protagonisten des Kindes nicht mehr unter uns. Erst neulich freute sich mein weiches Mutterherz an einer herzallerliebst eingedeckten Teeparty auf dem Wohnzimmerteppich & den sichtlich herausgeputzten Kuscheltier- & Puppengästen, als das Kind zwischen Kuchen verteilen & Kaffee einschenken reklamierte: „Und eure Eltern sind alle tot.“

An diesem betrüblichen Zustand bin ich allerdings ausnahmsweise nicht schuld, habe ich doch lange versucht, das Alles vom Kind fern zu halten. Als ich als frische Mutter erstmals wieder ein Märchenbuch in der Hand hielt & mir die Unhaltbarkeit der Geschichten klar wurde, entschied ich mich blitzschnell für dichterische Freiheit. So hüpfte Rotkäppchen jahrelang mit ihrem Körbchen fröhlich über die Waldwiesen, begegnete keinem Wolf, sondern auf einer Lichtung nur ein paar Rehen & Hasen, die sie zur Großmutter mitnahm, um mit dieser Kuchen zu essen. Dramaturgisch mag das etwas dünn klingen, genügte dem Kind aber völlig. Man kann sich meine Verwunderung vorstellen, als es das erste Mal nach der Version mit Wolf & Bauch aufschneiden verlangte. Der Grund für das Böse im Kinderzimmer, so wurde schnell klar, war die Märchenverseuchung in meiner Umwelt. Es kam von der gefürchteten Fremdbetreuung im Kindergarten. Da haben sie ihm das Original vorgelesen.

Foto: flickr – Hitty Evie – CC by 2.0

Nichts verpassen bei makellosmag? Einfach liken auf Facebook oder folgen auf TwitterInstagram oder Google+.