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Gestern

Gestern bin ich geflogen. Es ging nach Düsseldorf. Mit germanwings, morgens hin & abends zurück. Ich fliege nicht oft. Wenn, dann mehr beruflich als privat. Ich freue mich meistens darauf, es ist eine schöne Abwechslung zum Büroalltag: eine Tagung, Konferenz oder ein Arbeitstreffen wie dieses Mal.

Für mich hat innerdeutsch an einem Tag hin- & zurückfliegen, mit Laptop & Handtasche bewaffnet, immer etwas von einem kleinen Abenteuer. Ich reihe mich ein, in die Armee der gehetzten Vielflieger, der Berater & anderen Anzugträger. Der Flug am Morgen hatte leichte Verspätung wegen technischer Schwierigkeiten. Es war ein unbedeutendes Detail. Ich habe mich kurz geärgert, mir das Schauspiel im Wartebereich angesehen, den Telefonaten am Smartphone gelauscht. („Jetzt habe ich hier die Exceltabelle mit rot, gelb, grün bekommen. Was willst du mir damit sagen?“)

Ich habe keine Angst vorm Fliegen. Im Grunde genommen, ist es für mich wie Bus fahren, das mache ich auch relativ selten. Mein größtes Problem auf dem Hinflug war der Druckausgleich & meine völlig verstopfte Nase.

Ich bin um 10:50 gelandet. In dem Büroturm gab es wenig Empfang. In der Mittagspause erzählte jemand von dem Absturz. „Fliegen Sie nicht nachher auch mit germanwings?“ „Ja, warum?“ „Eine Maschine ist abgestürzt.“ Ich habe keine Datenflat, ich habe nicht angefangen zu googeln. Der Ton bei dem Treffen war locker. Irgendjemand ist auf solchen Terminen immer, der die kleine, Mitte 30-jährige mit dem Doktortitel auf dem Namensschild aus der Reserve locken will. Ich scherzte bei einer Verhandlung: „Ich fliege heute noch mit germanwings, da können Sie mir an meinem letzten Tag ruhig ein wenig entgegenkommen.“

Der Rückflug war knapp gebucht, ich hetzte zur Sicherheitskontrolle. Sah die Polizei & die Kameras. Im Wartebereich wieder Ansagen. Verspätung. Das Flugzeug muss noch betankt werden, das Flugzeug ist betankt, es geht gleich los. Dann die Ansage „Wir gehen davon aus, dass sie heute noch fliegen, die Crew ist aus Berlin & möchte auch nach Hause.“ Ich lächelte kurz in mich hinein. Ich dachte für einen Moment, was für ein interessanter Grund, seine Arbeit zu machen. Wenn ich das jetzt schreibe, erschrecke ich mich.

Als ich in den Flieger steige, sehe ich die rote Nase der Stewardess. Auch erkältet, denke ich. Aber als ich die anderen sehe, wird es mir zum ersten Mal klar. Heute, einen Tag später, als ich weiß, dass wir wahrscheinlich der einzige Flug waren, der noch gestartet ist, kann ich mir alles vorstellen. Die Diskussionen, die Angst.

Nur einmal friert der Stewardess das Gesicht ein. Im Smart-Tarif bekommt man bei germanwings einen Snack. Der Anzugträger neben mir möchte Mortadella, es gibt nur noch Käse. Er ist ein bisschen sauer. Sie wirft ihm das Käsesandwich hin & sagt: „Das ist mir heute scheißegal.“ Er schaut irritiert. Ihm geht es ähnlich wie mir, denke ich. Er ist durch den Tag gehetzt, er hatte keinen Blick für Anderes. Mir ist es nur einen Moment früher aufgefallen. Das heute ein Tag ist, an dem die Dinge anders sind, die Dinge still stehen.

Vielleicht fällt es ihm auf, als er aussteigt. Und der verabschiedende Steward sich die Träne aus dem Auge wischt. Jetzt, heute, mit einem neuen Blick auf gestern, hätte ich ihn gern in den Arm genommen & ihm gesagt, dass er da nicht stehen muss.

Nur für einen Moment wurde es ganz still auf diesem Flug. Oder es kam mir so vor, weil er kurz nach meinem Moment der Erkenntnis lag. Wir flogen die ganze Zeit über den Wolken im Sonnenschein. Mit dem Landeanflug auf Berlin durchquerten wir ein paar dunkle Wolken. Das Flugzeug bewegte sich ein wenig mehr, die Lichter gingen kurz aus. Ganz normal. Aber kurz wurde alles von völliger Stille umfangen.

Dann tauchte Berlin unter uns auf. In Tegel stand bereits die Mahnwache. Mir wird die ganze Tragik erst bewusst, als ich zu Hause nachlese. Als ich von den Babys lese & der Schulklasse. Und an mein Kind denke. Gestern fragte jemand auf Twitter, ob man die Nationalität der Opfer wissen müsse für die Tiefe der Trauer. Ob das nicht ein moralisches Problem sei.

Sie wollten nach Hause. Als ich dort ankomme, erfahre ich, wie meinen Lieben kurz das Herz stehen blieb, als sie die Headline lasen „Germanwings-Flug auf dem Weg nach Düsseldorf abgestürzt“. Nur ganz kurz, nur ein paar Sekunden lang. Dann aufatmen, als der Startort Barcelona war. Ich bin gut gelandet. 150 andere sind es nicht. Meine Gedanken sind heute bei denen, die auf sie gewartet haben. Ich hätte ihnen so sehr gewünscht, dass sie gestern auch hätten aufatmen können.

Foto: flickr – Francesco Ungaro – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Schöner Beitrag zu dem Thema.
    Ich hab gestern recht zeitnah davon auf twitter erfahren. Dort gingen mir aber schnell die Beileidsbekundungen auf die nerven. Nicht weil ich nicht mit den Angehörigen der Opfer mitfühlen würde sonder, weil es mir bei solchen Unglücken einen Wettkampf zu geben scheint, wer am mitfühlensten ist und am meisten und ausgibigsten sein Beileid bekundet.

    Sein Beitrag ist aber trotz der Länge schön zu lesen und zeigt, dass es menschlich ist nicht immer gleich über jedes Unglück bescheid zu wissen und gleich über all rumzuposaunen wie schrecklich man das doch findet.

    • Dankeschön! Ich verstehe, was du meinst. Mir sind die Beileidsbekundungen aber oft lieber als die zynischen Kommentare, von denen ich auch viele gelesen habe (Wieso so viel Aufmerksamkeit usw.?). Da habe ich auch oft den Eindruck, dass Medienkritik & Empathie nicht zusammengeht, was schade ist. Den „Wahrheits- & Ehrlichkeitsgehalt“ der Gefühle anderer kann man sowieso nicht beurteilen.

  2. mir wird auch heute noch beim Lesen flau im Magen. Der Gedanke vor allem an die Eltern, die auf ihre Kinder gewartet haben und sie nie mehr werden in die Arme schließen können. Per Los wurde ausgewählt, wer nach Barcelona fliegen durfte…
    Ich bin so betroffen, dass mir die Worte fehlen. Du hast es in deinem Beitrag gut auf den Punkt gebracht.

  3. Pingback: “Ausnahmejournalismus” und Trauer im Netz | juna im netz

  4. Pingback: 2015 – in Euren Worten | juna im netz

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