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Die Person, die den Nachtisch teilen will… – Warum Erwachsene beim Essen mindestens genauso nerven können wie Kinder.

Wenn man täglich mit Kind seine Nahrung zu sich nimmt, ist man manchmal ziemlich froh, dass keiner zuschaut. In der Öffentlichkeit habe ich auch viel zu oft das Gefühl, Dinge rechtfertigen  zu müssen. Leider ist man als Eltern nicht mehr so viel ohne Kind unterwegs, so dass einem ein wichtiges Detail fast gar nicht mehr auffällt: ungewöhnliches Benehmen beim Essen ist keine Kindereigenschaft. Diverse Weihnachtsfeiern & weitere jahreszeitbedingte Essenseinladungen haben es in den letzten Tagen ans Licht gebracht: um sich an öffentlichen Tischen komisch zu verhalten, muss man keine 5 Jahre alt sein. Als Erwachsener hat man aber das Privileg, dass es sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung mehr um persönliche Spleens handelt als um schlechte Erziehung. Über die irgendwie hinweggesehen wird. Außer bei mir im Blog. Hier geht es jetzt nämlich zur Sache. Vorhang auf für die nervigsten Szenen beim Essen mit Erwachsenen.

Vorspeise: Auftritt der Nichtentscheider & Allesentscheider

Bereits im Vorfeld des Restaurantbesuchs zeichnet sich der Nichtentscheider dadurch aus, dass ihm alles egal ist. Wo man hingeht zum Beispiel. Gerade in urbanen Kontexten versucht er hiermit eine gewisse Lässigkeit zu demonstrieren, welche der Nichtentscheider nie besessen hat – auch nicht in seinen jüngeren Lebensjahrzehnten, die er jetzt durch Pseudolockerheit zurückholen will. Das Nervige am Nichtentscheider ist, dass er natürlich trotzdem eine Meinung hat. Nachdem die Wahl auf den guten alten Italiener fiel, wird er dir den Hinweg mit einer Lobeshymne auf den neuen Koreaner um die Ecke & die Gefährlichkeit des gemeinen Kohlenhydrates verderben.

Der Antagonist des Nichtentscheiders ist der Allesentscheider, welcher sich spätestens bei der Vorspeisenwahl offenbart. Während sich die Anwesenden in die Karte vertiefen & überlegen, was ihnen schmecken könnte – denn sie sind über 18 & wollen, können & dürfen das selbst entscheiden – hat der Allesentscheider bereits eine Auswahl an Vorspeisen zusammengestellt, die man doch ganz gemütlich für die Gruppe bestellen könnte. Der Allesentscheider will hiermit auf seine intime Kenntnis der Lokalität hinweisen. Daher bestellt er auch gern Dinge, die nicht auf der Karte stehen oder lässt Vorspeisen mit diversen Gimmicks servieren: „Können wir noch Guacamole, Sour Cream & gebratene Vogelbabyherzen dazu bekommen? Das MÜSST ihr probieren.“

Zwischengang: Die Person, die den Kellner ärgert

Die Liste an Typen, die Kellner ärgern, ist so lang, dass ich mittlerweile beim Betreten eines Restaurants routinemäßig den Impuls habe, mich im Vorfeld zu entschuldigen. Der Allesentscheider, für dessen Nebenwünsche ganze Blöcke vollgeschrieben werden müssen & der sich am Ende der Bestellung nochmal alles vorlesen lässt, ist bereits der Erste. Gefolgt von der Person, die eigentlich nie, nie, nie auswärts essen sollte, weil sie als Kind zuviel Prinzessin auf der Erbse gelesen hat. Gefolgt von zu vielen Episoden des großen Verbraucherchecks in der ARD. Wenn endlich geklärt ist, wer den Parmesan liefert, ob das Rindfleisch aus der Region stammt & eventuell der Name des Hofes erfragt werden könnte, was vegane Bolognese denn nun im Detail bedeutet (detaillierte Beschreibung des Herstellungsprozesses) & wann die letzte Kontrolle des Gesundheitsamtes war (inklusive Einsicht in den Prüfbericht) oder ob man zumindest einen Blick in die Küche werfen könnte – tja…wenn das alles geklärt ist, ist die Sperrstunde leider auch schon ran.

Sollte der arme Kellner diesen beiden Typen nicht mit zenartiger Gelassenheit entgegen treten gibt es in der Gruppe garantiert einen „So schwer kann das doch nicht sein.“ – Mitesser. Der wollte eigentlich bei der Bundeswehr Leute zusammenscheißen, merkte dann aber, dass er sich dort erstmal hochdienen müsste. Jetzt geht er halt gern essen & lässt dort die Leute stramm stehen.

All diesen Kellneralbträumen habe ich nur eine Sache zu sagen. Der Kellner ist IMMER näher dran an eurem Essen. Genau genommen ist er gaaanz nah dran am Essen von ätzenden Gästen wie euch. Denkt mal drüber nach.

Hauptgericht: Zwangsbeglücker & die Person, die „nur mal kosten will“

Spätestens mit dem Hauptgang setzt die kritische Phase des Essens ein. Ich habe mich mittlerweile zu Tode geschämt & bin hungriger als vorher wegen der geteilten Vorspeisenplatte. Aber das Grauen setzt sich beim Hauptgang mit der Person, die nur mal kosten will fort. Was mit einem unschuldigen „Ich mopse dir hier mal ein Pommes.“ beginnt (eigene Bestellung: Quinoabratlinge), endet mit waschechtem Mundraub. Eigentlich müsste sich mein knurrender Magen nun über die Resteverwerter & Zwangsbeglücker freuen. Die Resteverwerter haben in den 80ern zu oft gesagt bekommen, dass sie den Teller leer essen müssen, weil die Kinder in Afrika sterben. Dieses Trauma führt dazu, dass sie nichts überlassen können. Alle Bestandteile ihres Tellers müssen verteilt werden: „Willst du meinen Ruccola? Sicher nicht? Will wirklich keiner meinen Ruccola?“

Die Zwangsbeglücker („Hier, koste doch mal!“) haben kein tiefliegendes Trauma, verteilen aber trotzdem gern & ungefragt. Du siehst die Gabel mit dem Oregano-Hühnchen noch kommen…kannst die Katastrophe aber nicht mehr verhindern. Das in Soße getränkte Fleisch landet mitten auf deinem asiatischen Gemüse. Mag sein, dass eine solche Fusion – Geschmackskombi anderswo viel Geld kostet. Hier wurde dir einfach nur gerade dein Essen ruiniert.

Dessert: Die Person, die den Nachtisch teilen will 

Wer es bis hierher geschafft hat, dessen Menschenliebe wird beim Dessert ein letztes Mal auf die Probe gestellt. Eigentlich sind alle ja immer schon viel zu vollgegessen…bis sich endlich jemand erbarmt zuzugeben, dass er noch Nachtisch möchte, so dass endlich die Dessertkarte den Weg an den Tisch findet. Dann greifen sie an, die Nachspeisengeier. Über zwei Dinge kann man nicht streiten: 1. Süßes geht immer. & 2. Schon Loriot wusste, dass die genau gleich-große Hälfte des Kosakenzipfels nicht existiert. (Und man auf Campingplätzen keine Bekanntschaften machen sollte.)

Also, nein, ich möchte mir kein Dessert teilen! Ein Dessert ist nicht fair teilbar, insbesondere dann nicht, wenn du nur einen Salat als Hauptgang hattest. Bestell dir deinen eigenen Nachtisch. Zur Not findet der Resteverwerter mit dem Kindheitstrauma einen Abnehmer für deine Überbleibsel.

Rechnung: Die Buchhalter & die Person, die immer „beim nächsten Mal zahlt“

Man möchte meinen, wenn man es bis hierher geschafft hat, will man nur noch nach Hause & ist bereit jede Summe zu zahlen, um sich freizukaufen. Nicht so der Buchhalter, der schon den ganzen Abend auf seinen Einsatz wartet. Es gab keine offizielle Wahl zum Chief Financial Officer des Tisches. Niemand hat diese Person beauftragt, aber jetzt wird trotzdem genau ausgerechnet, was jeder konsumiert hat: „Von dem Viertel Rotwein haben du & du getrunken, richtig? Und die zweite Flasche stilles Wasser, wer hatte da was von?“ Nur die gestohlenen Pommes, die verrechnet er komischerweise nie. Außerdem gilt: Wo ein Buchhalter, da auch ein Nachrechner.

Der Nachrechner ist weitläufig verwandt mit der Gattung des gemeinen Nichtzahlers. Diesen gibt es als ehrlichen Lügner („Ich zahle dann beim nächsten Mal.“) über den schusseligen Geizkragen („Ich habe meine Brieftasche vergessen.“) bis zum modernen Rausschleicher („Du könntest alles mit Karte zahlen, ist einfacher. Ich gebe es dir beim nächsten Mal in bar zurück.“). Eine Unterart des Nichtzahlers ist übrigens der Nichttrinkgeldgeber, der mich jedes Mal dazu bringt, dass ich heimlich Geld dazu schmuggle, um nicht vor Scham komplett im Boden zu versinken.

***

Und so verlässt man das Restaurant auf der Suche nach einem Dönerladen mit dem warmen vorweihnachtlichen Gefühl im Bauch, dass Zusammenkünfte unter Erwachsenen komplett überschätzt werden & man morgen endlich wieder in Ruhe mit den Normalen (aka seinen Kindern) essen kann.

Foto: flickr – Takashi Hososhima – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Julia sagt

    Sehr lustig wieder. Ich habe mich ertappt gefühlt, wer mit mir essen geht muss alles teilen. Ich denke immer wieso nicht die doppelte Anzahl Gerichte kosten, wenn man die Chance dazu hat.

  2. Hihi so cool geschrieben und so ist es wirklich, ich kenne auch mehrere dieser verschiedenen Typen. Du hast mich zum schmunzeln gebracht, dankeschön.
    Lg und ein schönes We

  3. Auf den Punkt gebracht und mal wieder sehr amüsant geschrieben 😀 Da steckt (leider?) sehr viel Wahrheit drin. Ich probiere übrigens auch gerne, allerdings nur bei meinem Freund, bei anderen frage ich nicht danach, aber ich gebe ungerne was ab 😀 Erst recht nicht vom Nachtisch!!! 😀

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