L(i)eben zu dritt

Als ich die Rubrik Gastbeiträge begann, wünschte ich mir viele verschiedene Geschichten und Perspektiven. Diesen Monat schreibt meine fabelhafte Gastautorin darüber, wie es ist mehr als nur einen Menschen zu lieben. Anonym, weil sie nicht sicher sein kann wie ihr Umfeld, insbesondere ihr berufliches, reagieren würde. Ich danke ihr für diesen offenen Text und dafür, dass sie sich das makellosmag als Ort ausgesucht hat. Und wünsche mir, dass wir alle irgendwann keine Angst mehr haben müssen zuzugeben, dass wir lieben – egal wen, egal in welcher Form. 

Ich lebe mit zwei Männern zusammen, meinen Männern. Nennen wir sie Michael und Paul. Mit Michael bin ich schon seit einigen Jahren verheiratet, auch ganz offiziell, standesamtlich. Mit Paul erst seit etwa einem Jahr, in einer privaten Zeremonie mit Freunden, in der wir uns zu dritt noch einmal das Ja-Wort gegeben haben. Nicht offiziell, ohne Standesamt. Wir sind eine glückliche kleine, wenn auch ungewöhnliche, Familie.

Wie es dazu kam?

Michael und ich hatten eine glückliche Ehe zu zweit, die auf Vertrauen und Liebe aufgebaut war. Als ich merkte, dass da plötzlich auch Gefühle für jemand anderen aufkeimten, entschied ich mich für die Wahrheit. Michael hatte die Wahrheit verdient, auch wenn ich damit riskierte, ihn zu verlieren. Ich erzählte ihm von meinen Gefühlen für den anderen, die – so merkwürdig sich das auch anhören mag – nichts an meinen Gefühlen für Michael verändert hatten. Ich war selber verwirrt und hatte unheimliche Angst, dass Michael mich verlassen würde, auch wenn ich ihn niemals betrügen würde und den anderen notfalls aus meinem Leben verbannt hätte.

Die Tage nach meinem Geständnis redeten wir viel. Und wir weinten, beide zusammen, aber wohl auch jeder für sich. Es war eine unheimlich harte Zeit, aus der wir zum Glück als Paar gestärkt hervorgegangen sind. Und wir beschlossen: Wir versuchen eine offene Beziehung und testen aus, wie wir uns damit fühlen. Wir redeten auch während meiner Affäre mit dem anderen viel und regelmäßig darüber, und über unsere Gefühle. Eifersucht war am Anfang ein Thema, allerdings viel schwächer als befürchtet. Und mit der Zeit merkte Michael, dass auch er sich vorstellen könnte, noch jemand anderen neben mir zu lieben.

Monate später lernte ich Paul kennen. Er war jünger als ich und am Anfang einfach nur ein neuer Bekannter, den ich über eine Freundesgruppe kennenlernte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass es bei mir gefunkt hatte – und zwar richtig. Die Affäre war von Anfang an recht ungleich gewesen, für den Anderen eher Friends with Benefits, so dass ich sie ohne schlechtes Gewissen beenden konnte. Aber Paul, mit Paul war es anders. Michael und ich redeten lange, ob und wie es funktionieren könnte, eine dritte Person so richtig in unsere Familie aufzunehmen, bevor ich Paul meine Gefühle gestand – mit Erlaubnis und einem „Viel Glück“ von Michael.

Mein Geständnis wirkte auf Paul wie ein Zug, der ihn überfahren hat, wie er es hinterher ausdrückte. Ich, eine verheiratete Frau, hatte mich in ihn verliebt und erklärte ihm im selben Atemzug, dass mein Mann Bescheid weiß und wir eine offene Beziehung führen. Unser erstes Date nach meinem Geständnis kam uns vor wie aus einem schlechten amerikanischen High-School-Film. Zwei Teenager sitzen sich schweigend oder peinlich lachend beim Essen gegenüber und wissen nicht, was sie sagen sollen. Nur dass wir keine Teenager mehr waren. Ich war unheimlich nervös, weil ich Angst hatte, ihn völlig zu verschrecken, und bei ihm kämpften Herz (da ist doch was für sie) und Verstand (sie ist verheiratet, wie soll das funktionieren) gegeneinander. Am Ende gewann sein Herz. Er sagte: „Ja, lass es uns versuchen.“

Die Anfänge

Die ersten Wochen kam noch hin und wieder Eifersucht bei Michael und Paul auf. Wir haben von Anfang an alle drei offen und ehrlich miteinander geredet, über Gefühle, Ängste, auch über die Eifersucht und wie das alles funktionieren soll.

Mit der Zeit wurde unser Miteinander entspannter, normaler. Es wurde Alltag. Paul verbrachte schon bald die meiste Zeit bei uns, wir suchten zu dritt nach einer neuen Wohnung. Michael und Paul wurden enge Freunde (gleiche Interessen haben mit Sicherheit geholfen). Und irgendwann kam die Frage auf, ob er mich heiraten würde – inoffiziell zwar, aber für uns nicht minder echt.

Die Reaktionen unserer Freunde und Familie

Unser Freundeskreis hat durch die Bank weg sehr positiv reagiert und uns von Anfang an so akzeptiert und uns beglückwünscht. Pauls Familie war ähnlich gelassen, auch wenn ich die Warnung bekam, ihm nicht wehzutun. Meine Eltern hingegen hatten größere Probleme, unsere Entscheidung zu akzeptieren. Es hat eine Weile gedauert, doch inzwischen haben sie sich damit abgefunden (und die befürchtete Scheidung zwischen mir und Michael ist nicht eingetroffen). Der Rest meiner Familie (mit Ausnahme meiner streng katholischen Oma, die nach wie vor nichts weiß) hat es entspannt aufgenommen. Beim Familientreffen, auf dem meine beiden Männer sich dann meiner großen Verwandtschaft gegenübersahen, bekam ich zwar den ein oder anderen scherzhaft stichelnden Kommentar („Unsereiner kriegt gar keinen Mann ab, und die hat gleich zwei!“), aber ich glaube, sie freuen sich einfach für uns. Michaels Familie weiß es nur teilweise, da sie weit entfernt wohnen und teilweise sehr konservativ sind und er Angst hat, wie sie reagieren würden. Der Teil, der es weiß, hat aber ebenfalls entspannt und positiv reagiert.

Alltag

Wir leben zusammen und teilen die Hausarbeit untereinander auf. Und ja, wir schlafen auch zu dritt in einem Bett, mit mir in der Mitte. Im Winter ist es wunderbar, gleich zwei Heizungen neben sich zu haben, aber im Sommer … sagen wir mal, im Sommer ist es eine ziemlich heiße Kiste.

Eifersucht ist kein Thema mehr zwischen den beiden. Michael erzählt öfter mal von Flirts auf dem Weg zur Arbeit, auch wenn er derzeit niemanden ernsthaft im Blick hat. Er ist eher schüchtern. Paul hingegen könnte sich nicht vorstellen, noch jemand anderen zu lieben. Und ich? Ich bin einfach nur unheimlich glücklich mit den beiden.

Foto: flickr – Nicolas Visier – CC by 2.0