Erwachsen

Als wir uns trafen, sagtest du: „Mann, was sind wir erwachsen geworden.“ Ich war irritiert, weil mir der Gedanke nicht gekommen war, darüber nachzudenken, ob ich das wäre oder wann ich es sein würde.

Vielleicht weil ich das Erwachsensein nie herbeigesehnt habe. Keine träumerischen Momente im Jugendzimmer, in denen ich mir ausmalte, wie es sein würde, wenn ich die mystische Schwelle überschreite. Was wäre der Bezugspunkt meiner Sehnsüchte gewesen? Alles zu dürfen, allein zu entscheiden, alle Antworten zu kennen?

Das Erwachsensein nicht Kontrolle bedeuten würde, war mir klar. Erwachsensein ist zu verstehen, dass man nicht alle Antworten kennt und trotzdem Pläne zu machen, sich führen zu lassen und selbst zu leiten. Statt Allmacht ist Erwachsensein doch vielmehr zu wissen, dass man vieles nicht beeinflussen kann. Vielleicht ist genau das die Veränderung, die wir „erwachsen werden“ nennen. Die Einsicht, dass man selbst nicht das Wichtigste ist. Die eigenen Wünsche und Entscheidungen nicht das Maß aller Dinge.

Dein Satz hat etwas ausgelöst. „Erwachsen“ ist keine meiner Selbstbezeichnungen, aber meine Freunde werden 40. Ich habe nicht den Eindruck, besonders umsichtig oder organisiert zu sein, aber man sagt mir, dass ich viel bewältige. Ich denke nicht darüber nach, ob ich noch jung bin. Aber wenn ich mit Menschen um die 20 rede, merke ich, dass ich nicht mehr dazugehöre.

Wieso geht mir dein Satz im Kopf herum? Weil Erwachsensein bedeutet, dass das Leben voranschreitet. Dass dir eigentlich noch so viel Zeit bleibt, aber vielleicht auch nur so wenig. Aber ich habe keine Angst vor der Endlichkeit. Ich wälze mich nicht schlaflos hin und her, weil ich überlege, was ich zurücklassen werde: welche Bedeutung, welchen Unterschied, welchen Sinn.

Ich bin glücklich mit diesem Leben, ich trauere nicht um Freiheiten, Chancen oder Spontanität, die gegangen sind. Ich tausche sie gern ein.

Es gibt nichts, was ich am Kindsein, an der Jugend, vermisse. Naivität, Unbedarftheit, die Gewissheit, einfach zusammenbrechen zu können und getröstet zu werden, wenn die Welt einstürzt, haben ihre Zeit. Auch Kindsein war manchmal beängstigend. Heute weiß ich, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn er dich nicht zurück liebt oder sie dich meidet. Ich schaue auf die Jahre und möchte sie nicht wiederhaben. Ich freue mich an meiner heutigen Stärke.

Ich denke über deinen Satz nach, weil du recht hast. Wir sind erwachsen und schon ein bisschen alt. Ich erinnere mich häufig an die Welt, wie sie war. Nicht mehr nur daran, wie sie ist. Ich war irritiert, weil ich dachte, es wäre negativ. Weil es klang, als hätte ich etwas verloren, ohne es bemerkt zu haben. Als hätte die Zeit mich ohne meine Einwilligung neu geformt. Aber ich glaube, was du sagen wolltest, ist, dass wir uns verändert haben. Und dass wir stolz auf das sein können, was wir geworden sind.

Foto: flickr – -Ant – CC by 2.0