Wo ich herkomme

Ich komme ungefähr aus der Mitte von Sachsen-Anhalt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe die ersten Jahre in Magdeburg studiert. Meine Eltern wohnen dort und große Teile meiner Familie. Ich mag meine Familie sehr gern, ich bin immer viel dort gewesen. Seit meine Töchter auf der Welt sind noch häufiger, denn sie lieben ihre Großeltern, sie lieben die weite Landschaft der Elbauen, die auch mich immer durchatmen lässt und sie lieben die Leute dort. Sie kennen ihre Namen, die Namen ihrer Hunde, sie wissen, wo sie in Gärten laufen können und freudig begrüßt werden.

Ich selbst bin in den letzten Wochen oft zusammengezuckt, wenn ich durch die Straßen fuhr, um sie abzuholen, denn Plakate, die ich in Berlin in meinem Bezirk gar nicht kannte, hingen dort sehr viele und sehr tief. Ich könnte noch ein paar andere Geschichten erzählen, aber genau das will ich heute nicht. Denn seit gestern, seit ich ein paar Tweets gelesen habe, zu Unverständnis, zu „denen“, zu Mauern, die wir wieder bauen sollten (von der anderen Seite und jaja, alles nur lustig gemeint), gehen mir einige Sätze nicht mehr aus dem Kopf, die oft zu mir gesagt werden, wenn man mich in meinem Heimatdorf begrüßt. „Na, wieder da aus der großen Stadt? Zuhause ist es doch am Schönsten, oder? Ach, Corinne, es ist doch eigentlich ganz schön hier, oder? Man kann es hier schon ein paar Tage aushalten.“

Diese Sätze habe ich bisher kaum wahrgenommen, heute machen sie mich traurig. Sie werden von Menschen gesagt, die ihre Straßen und ihre Heimat lieben, die so alt sind wie ich und dort geblieben sind, die versuchen, ein Theater und sein Orchester zu retten, die Kulturfestivals organisieren, Lesungen, die ihr Leben gestalten. Die aufstehen und gegenhalten, die oft eigentlich so sind wie ich, nur an einem anderen Ort. Und sie werden zu mir von Menschen gesagt, die zurückgeblieben sind, weil ihre Kinder auch weg gegangen sind, nicht in die große Stadt Berlin, aus der man schnell in meine Heimat kommen kann, sondern ganz nach „drüben“, mit 16 oft schon für eine Ausbildung und dort in Dörfern leben, die meinem gar nicht unähnlich sind bis auf die Tatsache, dass sie nun 7 Stunden Autobahn trennen und man sich nur noch an Geburtstagen und Weihnachten sieht.

Diese Sätze, sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Sie sind so defensiv, sie tragen so viel in sich. Sie fragen nur nach ein wenig Anerkennung für ein Leben, ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig Würde, ein wenig Liebe für dieses Stück Erde auf das so viele andere abfällig schauen. Manchmal schwingt in ihnen sogar schon die Verachtung mit, die andere äußern. Wie wenn es weniger weh tut, wenn man sich selbst verletzt. Ich musste das heute aufschreiben, auch mich machen Wahlergebnisse fassungslos. Aber auch ich bin nicht dort. Ich komme nur angefahren und gehe wieder weg. Auch ich bin gegangen, erst in ein anderes Land, dann in die Stadt. Wenn ich das nächste Mal wieder da bin, will ich mehr als Antwort sagen. Vielleicht so etwas wie: „Ja, richtig schön habt ihr es hier. Toll, was ihr auf die Beine gestellt habt. Wie lief eigentlich das Open Air Filmfestival? Nächstes Jahr sind wir dabei.“ Und dann vielleicht noch: „Mensch, komische Sache mit der Wahl, oder?“

Bild: flickr – Dancing Storm – CC by 2.0

#9 Das Buch ist da – Unbeschrieben-Podcast

Heute erscheint mein Buch, so richtig in gedruckt und mit meinen Worten drin. Es heißt „Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne“. Ihr könnt in dieser Podcastfolge hineinhören, denn ich lese euch zum ersten Mal daraus vor. Es ist schon etwas Besonderes, gleich auf „veröffentlichen“ zu drücken, ein Jahr Reise geht zu Ende. Schön, dass ihr dabei wart!  Weiterlesen

Gastbeitrag: Nicht jeder sieht man ihre Krankheit an

Ich habe Theresa schon einmal getroffen. Wir haben nicht besonders viel geredet, aber sie war jemand, deren Augen lächeln. Ihr kennt sicher diese Menschen, die einfach positiv sind. Als ihr Gastbeitrag bei mir eintrudelte, hat mich das ziemlich mitgenommen. Aber Theresa schrieb, dass sie findet, dass auch diese Themen eine Öffentlichkeit brauchen. Und da hat sie absolut recht. Hier kommt ihr Text: 

Ich bin 29. Ich habe mehrere Kinderbücher auf Deutsch und Englisch (und eins sogar in chinesischer Übersetzung) veröffentlicht, bin an der Uni eingeschrieben, habe zwei Ausbildungs- und einen Weiterbildungsabschluss und viele Jahre Berufserfahrung als freiberufliche Englischdozentin und Nachhilfelehrerin. Alles ganz normal also, eine junge Frau mit Träumen und Zielen.

Nur wer genauer hinschaut, erkennt die Anspannung. Die dunklen Ringe unter den Augen. Die blasse Gesichtsfarbe. Den kurzen Moment des Innehaltens und Durchatmens. Die verstohlene Einnahme einer Tablette mitten im Unterricht. Die ständigen kleinen Positionswechsel während der Vorlesung. Die Erleichterung, wenn ich in der Bahn oder im Bus einen Sitzplatz bekomme. Die Traurigkeit in meinen Augen, wenn ich Lehrmaterialien sehe. Oder kleine Kinder. Was von außen nicht sichtbar ist, spricht eine viel deutlichere Sprache. Schlaflose Nächte. Müdigkeit. Chronische Verspannungen. Und Schmerzen, immer, Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Tränen, so viele Tränen, weil ich meinen Traumberuf als Englischdozentin im Januar an den Nagel hängen musste. Frust, weil mein Gehirn tageweise nicht in der Lage ist, neue Dinge vernünftig aufzunehmen und zu verarbeiten. Die vielen Arzttermine. Ich habe Panik vor Blutabnahmen und Nadeln in meinen Adern. In diesem Jahr sind es bisher neun Nadeln gewesen; nächsten Monat muss ich erneut zur Blutabnahme. Wir haben August. Ich nehme inzwischen zwei Medikamente regelmäßig sowie bei Bedarf weitere, teilweise gegen die Nebenwirkungen meiner Medikamente.

Theresa lebt und studiert in Berlin. Sie hat schon früh ihre Leidenschaft für Sprachen und das geschriebene Wort entdeckt und schreibt auf Deutsch und Englisch. Ihr Blog bietet einen bunten Mix aus Themen aus ihrem Leben, ihre Bücher drehen sich vor allem um das Thema Freundschaft. Als Theresa Berg kann man sie auf Deutsch lesen (meine Tochter mochte Miro sofort), als Saoirse O’Mara auf Englisch. Theresa sagt, dass sie neben ihrer Liebe zu Sprachen vor allem diese Eigenschaft auszeichnet: ihre Sturheit. Früher war sie ein dickköpfiges Kind, das öfter mal mit dem Kopf durch die Wand wollte. Heute ist sie eine Kämpferin, die sich schlicht weigert aufzugeben.

Im Zimmer nebenan steht ein Rollstuhl, mein Rollstuhl. Privat gekauft, da die Krankenkasse ihn bei meiner Diagnose nicht zahlt. Nächste Woche werden wir ihn bei einem Museumsbesuch benutzen. Bei meinem letzten Museumsbesuch, im April, saß ich das erste Mal im Rollstuhl. Die Schmerzen waren zu stark, ich konnte weder stehen noch gehen. Wir waren erst im vierten Raum. An jenem Tag stand ich im Bus das erste Mal nicht für eine ältere Frau mit Krücken auf. Ich brauchte den Sitzplatz ebenso, auch wenn man es mir nicht ansah. Die Tränen kamen abends, als ich allein war. Wieder ein Stück meiner Freiheit verloren.

An manchen Tagen reicht meine Energie gerade mal dazu aus, vor dem Laptop zu sitzen und im Internet zu surfen. An manchen Tagen sind die Schmerzen so stark, dass ich versuche, mich mit Computerspielen abzulenken. Aufs Lesen könnte ich mich nicht konzentrieren. Ich weiß nicht, wie das nächste Uni-Semester wird. Ich weiß nur, dass ich seit Anfang des Jahres so viel verpasst habe, dass ich ein komplettes Modul wiederholen muss. Und ich weiß jetzt schon, dass ich es nicht vier Mal die Woche regelmäßig um acht Uhr morgens in die Uni schaffen werde. Ich werde es versuchen. Ich will studieren. Ich will eigentlich auch wieder unterrichten. Aber das ist im Moment nicht möglich. Das ist vielleicht nie wieder möglich.

Ich bin 29, und ich bin chronisch krank. Mein Teufel heißt Fibromyalgiesyndrom (FMS) und gilt aktuell als nicht heilbar. Diagnostiziert wurde ich im März; die Beschwerden habe ich bereits seit meiner Kindheit, und sie sind stetig stärker geworden. Er ist nicht alleine gekommen. Er hat noch seine Geschwister allergisches Asthma und Endometriose mitgebracht. Weitere chronische Erkrankungen sind nichts Ungewöhnliches für FMS-Patienten. Ich werde niemals eigene Kinder haben. Ich habe meinen Traumberuf verloren. Meine Bücher verkaufen sich so gut wie gar nicht, weil mir Geld und Energie für Marketing fehlen. Ohne meinen Mann wäre ich mittellos, ohne Anspruch auf Krankengeld, Arbeitslosengeld oder Rente. Meine Träume und Ziele sind eingestürzt wie ein Kartenhaus, und neue aufzubauen kostet Kraft. Wirklich stabil sind sie auch nicht, aber ich versuche es immer und immer wieder neu, jedes Mal ein bisschen anders. Jedes Mal ein bisschen weniger.

Aber ich bin zu stur, um aufzugeben.

Foto: flickr – Loren Kerns – CC by 2.0

Daddy’s Girl

In den letzten Tagen ging es medial viel um Väter. Um Väter von Töchtern. Um Väter, die bessere Menschen durch ihre Töchter werden. Diese Töchter machen Männer zu Feministen und setzten vermeintliche Frauenthemen wie den Gender Pay Gap auf politische Agenden. Sie machen empathischer, verständisvoller, liebender, ausgeglichener und verhelfen zu einem klareren Blick auf das Leben und gesellschaftliche Missstände.

Mich irritert das – übrigens auch, wenn die Erzählung nur beinhaltet, dass Kinder im Allgemeinen einen Mann erst zu einem gefühlsbetonten Wesen machen. Und es zum Beispiel deshalb wahnsinnig bereichernd ist, Elternzeit zu nehmen. Wenn frischvervaterte Männer verkünden, wie sehr ihnen nun der Sinn des Lebens in aller seiner Klarheit vor Augen liegt – der da bedeutet, dass Zeit mit geliebten Menschen doch das Wichtigste sei. Ich frage mich dann immer, warum Freundinnen und Partnerinnen vor dem Kind nicht für diese Erkenntnis gereicht haben, aber das ist vielleicht ein anderes Thema.

Ich überlege also und bin irritiert. Ganz besonders eben, wenn es die Töchter sind, die gesellschaftliches Engagement aus den XY-Chromosomen herauskitzeln. Dass Frauen mit ihrem guten Wesen Männer empathischer machen, dass sie sie weicher werden lassen und damit einen Gegenpol zur rauen Außenwelt bilden, in der der Mann tagtäglich seinen – äh, Mann eben – zu stehen hat, ist nämlich genau die Vorstellung von den Tugenden eines bürgerlichen Paares wie sie sich das 19. Jahrhundert einmal ausgedacht hat. Die Domäne des Mannes, die raue Außenwelt, lässt keine Gefühle zu oder alle in ihm erkalten, wenn sie überhaupt jemals da waren. Nur im heimischen Refugium der Familie, mit Frau und Kindern/Töchtern, kann er ein wenig die harte Schale aufweichen. Hauptaufgabe der Frau in dieser Idealvorstellung war übrigens die Schaffung eines moralischen Fundaments im Haus. Das ist gar nicht so weit weg von gesellschaftlichem Engagement, was die Töchter heute angeblich auslösen, oder? Auf dieser Vorstellung der Natur von Mann und Frau fußen eben auch heute noch unsere manchmal ziemlich starren Rollenbilder.

Männer, die erklären, wie sehr ihre Töchter sie zu empathischeren Menschen gemacht haben, tun ihren Töchtern deshalb keinen besonders großen Gefallen. Denn sie bestätigen eigentlich nur die Klischees, die ihren Töchtern unter Umständen einmal das Leben schwer machen werden. Und vielleicht noch wichtiger: Sie bestätigen Klischees vom Mannsein, die auch sie selbst treffen.

Ich freue mich über jeden, der seine Tochter liebt und diese Liebe mit der Welt teilt. Die Welt braucht definitiv mehr Liebe. Aber warum nicht einfach so lieben, einfach so aus männlicher Emotionalität heraus? Und sich einfach so verändern, die Welt neu sehen ganz ohne eingeflochtene Rechtfertigung? Es braucht doch keine Tochter für ein bisschen Empathie gegenüber anderen. Eure Töchter hätten auch lieber eine Welt, in der sich Männer ganz selbstverständlich auch für andere (vielleicht sogar für Frauen!) interessieren und sie sie nicht erst dazu erziehen müssen. Das ist nämlich auch eine ziemlich Hypothek, eine ziemliche Aufgabe, die sie hier unterschwellig mitbekommen. Und wie das so ist mit der Erziehung, klappt diese nicht immer. Der Prototyp der mäßigenden Tochter war nämlich Ivanka Trump. Wie viele Texte hofften darauf, dass sie als symbolisches Korrektiv wirken würde? Wie gut das geklappt hat, wissen wir alle. Und die Empörung, als Ivanka sich Rollen, Ämter und Einflussgebiete einfach nahm – einfach so, weil sie greifbar vor ihrer Nase lagen – und ihre Macht nicht dafür benutzte, um Papa ein wenig freundlicher zu stimmen, haben wir auch beobachtet. Ivanka Trump spielt die Rolle des Daddy’s Girl perfekt und vermutlich sogar selbstgewählt. Aber wer will das schon für seine Tochter?

Foto: flickr – oklanica – CC by 2.0

#8 Heute in vier Wochen – Unbeschrieben-Podcast

Vor fast einem Jahr ging alles los – mit dem Buch und diesem Podcast. In vier Wochen wird es nun erscheinen und das ist alles immer noch ziemlich aufregend. Was in der Zeit zwischen Manuskriptabgabe und heute noch passiert ist und warum ich mit Eigenwerbung nicht ganz warm werde, erfahrt ihr in der achten Folge des Unbeschrieben-Podcast.

Viel Spaß beim Hören! Das Buch könnt ihr z.B. hier vorbestellen (Link zu Amazon). Ich freue mich über Sterne und Rezensionen auf iTunes.

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Foto: flickr – Kimberly – CC by 2.0