Gastbeitrag: Seid nett zu Kellnerinnen

Sommer: Draußensitz- und Biergartenwetter. Passend dazu ein Gastbeitrag von Juliane. Ich freue mich, er ist toll.

Ich habe in meinem bisherigen Arbeitsleben sehr viele Restaurants gesehen. Manchmal muss ich innehalten und mir sagen, ist schon ok, weil ich kurz denke, dass ich mir etwas anderes suchen sollte. Es passiert auch, dass meine Eltern, Bekannte oder Freunde mir sagen, ich könnte doch etwas anderes machen, mit meinem Potential.

Ich beruhige mich damit, dass ich eben studiere, das Geld brauche und das Ganze bald vorbei sein wird. Wenn ich dann endlich einen richtigen Job habe. Im Grunde genommen, bin ich also Teil des Problems. Ich sehe diese Arbeit als eine Vorstufe zum richtigen Job, als eine niedrigere Vorstufe. Bei meiner ersten Kellnererfahrung sagte mir meine Kollegin, bei der ich mich bewarb: „Bist du sicher? Kellnern ist hart.“ Sie meinte nicht nur die körperlich wirklich anstrengende Arbeit. Zwischen Servicepersonal und Gästen gibt es eine klare Hierarchie. Für Frauen und Mädchen ist der Wertschätzungsgraben noch einmal um Einiges tiefer. Manchmal ist es sehr dunkel da unten. Als Frau bist du hier am Besten charismatisch, schlagfertig und kompetent, aber natürlich auch möglichst gutaussehend und ein bisschen frech-flirty, wenn du noch das angemessene Alter hast. Um dann doch zurückgeworfen zu werden auf die da, die Sachen bringt. Ich habe bei der Berlinale Gäste bedient und in einem Brandenburger Landgasthof. Es gibt keinen Unterschied zu den Grundanforderungen und der teilweisen Behandlung.

Ich mag es, im Service zu arbeiten. Vermutlich auch, weil ich es mir aussuchen kann. Es gibt mir ein gutes Gefühl, zwölf Teller tragen zu können. Ich bin schon oft völlig erschöpft nach Hause gekommen, die Haare stinkend von dieser Mischung aus Essen, Alkohol und schlechter Luft und die Füße schmerzend. Und fand trotzdem, dass es ein guter Abend war. Aber es gibt diesen ganz bestimmten Menschenschlag, der nicht versteht, dass die Tatsache, dass du kellnerst nichts über deinen Bildungsgrad oder Persönlichkeit aussagt. Man sagt nicht umsonst, in der Dienstleistungsbranche sind Manieren so rar wie Gold. Man möchte meinen in Restaurants müsste es ein gewisses Maß an Respekt geben, mit dem dir begegnet wird. Immerhin habe ich ersten Zugriff auf dein Essen und deine Getränke. Schaut denn niemand diese Youtubevideos aus den Küchen von Burgerbratereien?

Am Schlimmsten sind die, die Freundlichkeit nicht einschätzen können. Ich lächele, weil es dazu gehört. In Restaurants geht es um Gastfreundschaft, ich will, dass du dich wohl fühlst. Weil niemand gern irgendwo isst und trinkt, wo die Leute eine Scheißlaune haben. Meine Freundlichkeit ist keine Einladung den mitteleuropäisch-üblichen Gesprächsabstand zu verkleinern oder mich anzufassen. Dass ihr Alkohol getrunken habt, ist übrigens die billigste und dümmste Ausrede. Den Abstand zu mir sollte ein Gast auch sonst aufrecht erhalten. Ich bin freundlich, aber ich möchte nicht darüber reden, wo ich wohne. Was ich nachher noch mache. Ich habe auch gar keine Zeit, denn ich arbeite. Du solltest auch nicht mit dem Finger nach mir schnippen, als wäre ich ein Hund. Genau so wenig ist deine Einschätzung, dass ich „Doch etwas ganz anderes machen könnte mit meinem Gesicht/Beinen/Was-auch-immer“ nett gemeint. Du degradierst mich damit nur und versuchst die Basis für einen plumpen Annäherungsversuch zu schaffen, der nicht auf Augenhöhe startet. Das funktioniert nicht.

Und du wertest damit meine Kollegen ab. Die Arbeit im Service hat mich Achtung vor deren Arbeit gelehrt. Sie arbeiten lange Stunden und bekommen oft nicht frei für lustige Aktivitäten wie Wochenende oder Feiertage. Um andauernd gastfreundlich zu sein, musst du dich ganz schön im Griff haben und zäh sein. Ich habe hier einige der ausgeglichensten und nettesten Menschen kennen gelernt, die mir bisher begegnet sind. Außerdem gibt es hier eine erstaunliche Gleichheit zwischen den Geschlechtern, soweit ich es kennen gelernt habe. Die gleiche Arbeit, gleiche Aufstiegschancen und wenn jemand sich auf der Toilette übergeben hat, müssen Männer wie Frauen sauber machen.

In den Jahren habe ich etwas gelernt: Die Grundlagen der freundlich-menschlichen Interaktion – Man kann es Manieren nennen, genau, das wovon deine Mutter immer geredet hat. – sind nicht weit verbreitet aber helfen eine Menge. Dir selbst und anderen.

Wenn ihr also das nächste Mal irgendwo esst, seid nett zu Kellnerinnen. Und Kellnern natürlich auch. Selbst wenn euer Steak kalt ist. Es geht, man muss es nur wollen.

Foto: flickr – Flapitou – CC by 2.0